Warum «debattieren»?

Die Kritik am Kapitalismus ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Schon immer haben sich Menschen zusammengetan, um gegen kapitalistische Ausbeutung und Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Heute gibt es nicht weniger Gründe als zur Zeit von Marx, um für andere Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und Produzierens zu kämpfen. In dieser Tradition steht auch unsere kleine Zeitschrift.

Nach den Erfahrungen der so genannten sozialistischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts sind allerdings kritische Selbstreflexion und eine offene Diskussionskultur in den Reihen derer gefragt, die den Kapitalismus überwinden wollen. Wir müssen uns kritisch mit der Geschichte der kapitalismuskritischen Bewegungen auseinandersetzen, um daraus für die Zukunft zu lernen. Mehr denn je wird der Sozialismus nur dann eine Zukunft haben, wenn er vielfältig ist, neue Freiheiten mit sich bringt und die Menschheit mit der Natur versöhnt.

Politische Arbeit umfasst verschiedene Formen und findet an verschiedenen Orten statt. Eine gute Zeitschrift zu machen ist nicht weniger wert als eine Demo zu organisieren oder sich an einem Streik zu beteiligen. Kapitalismuskritik kann und soll überall dort gemacht werden, wo wir leben und arbeiten – nicht nur in der Fabrik oder in der Gewerkschaft. Die Debatte ist ein Medium, in dem sich verschiedene Erfahrungen dieser Art austauschen können. Das Ziel ist zu diskutieren, statt revolutionäre Wahrheiten zu verkünden. Wer heute wirklich revolutionär sein will, tut gut daran, zuerst einmal die revolutionären Illusionen der Vergangenheit und der Gegenwart unter die Lupe zu nehmen.

Peter Streckeisen

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In seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie stellt Marx fest, dass der Mensch kein abstraktes, ausser der Welt hockendes Wesen ist. „Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät“ (MEW 1, 378). Das bedeutet, dass unsere Gesellschaft nicht qua Gott, Natur oder Gesetz gegeben ist, sondern letztlich Produkt von Menschen ist. Wirklichkeit und Wahrheit sind in diesem Sinne weder metaphysisch, noch ahistorisch oder natürlich; sie sind im Gegenteil immer schon kontingent, wandelbar und gestaltbar. So geht Marx von der Kritik der Religion, die die Religion als Produkt von Menschen versteht, über in eine „Kritik der Erde“: Kritik des Rechts, der Theologie, der Politik. Kritik ist somit für Marx keine „Leidenschaft des Kopfs, sie ist der Kopf der Leidenschaft. … Ihr wesentliches Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit die Denunziation“ (ebd., 380). Er geht demnach von erlebter Leidenschaft und Empörung aus, die in Form von Kritik geäussert werden kann. Eine grundlegende kritische Haltung der Resistenz; des Widerstandes scheint somit seinem „kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (ebd., 385) zugrunde zu liegen. So ist eine kritische, vielfältige und offene Debatte über die Verfasstheit der Gesellschaft, Bedingung und zentraler Bestandteil einer gemeinsamen Gestaltung unserer Gesellschaft.

„Freiheit ist immer Freiheit des anders denkenden” meint Rosa Luxemburg und Theodor Adorno plädiert für ein „Miteinander des Verschiedenen“. In diesem Sinne soll dieser Blog, im Zusammenhang mit der Zeitschrift «Debatte», eine Plattform bieten für eine kritische, offene und progressive Debatte, die gerade durch eine grundlegende kritische Haltung, ein weiter denken und gestalten ermöglicht, dass die Grenzen unserer westlichen bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft zu überwinden vermag.