Hotline für Flüchtlinge in Seenot

Aktivist_innen vom Watch the Med-Alarmphone aus Debatte Nr. 31 – Winter 2014-2015

Das Mittelmeer bleibt auch 2014 ein Massengrab für Flüchtlinge und Migrant_innen. Mit dem Rückzug von Mare Nostrum steigt die Zahl der ertrunkenen Flüchtlinge weiter an: Laut einem Bericht des UNHCR vom 17. Oktober 2014 waren es in den ersten neun Monaten des Jahres 2014 3’343 Menschen. Nun haben Aktivist_innen aus verschiedenen Ländern ein Alarmtelefon eingerichtet, das Rettungen von Flüchtlingen in Seenot zum Ziel hat – aber nicht nur.

Im Rahmen der italienischen Militär- und Seenotrettungsoperation «Mare Nostrum» konnten innerhalb eines Jahres mehr als 151’000 Menschen vor dem Ertrinken bewahrt werden. Die Operation wird Ende 2014 allerdings eingestellt und von Triton ersetzt, einer Mission der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Die Boote werden nur noch in Küstennähe eingesetzt, das Budget für Triton beträgt lediglich 2.8 Mio. Euro pro Monat – weniger als ein Drittel dessen, was für Mare Nostrum zur Verfügung stand. Damit ist vorgezeichnet, dass das Massensterben im Mittelmeer noch grössere Dimensionen annehmen wird.

Retten, aber nicht nur

Ein transnationales Netzwerk von MenschenrechtsaktivistInnen will diese Situation nicht länger tatenlos hinnehmen. Aus Tunis und Palermo, aus Strassbourg, Wien, Bern und Berlin testen Aktivist_innen seit Oktober ein gemeinsames Notruftelefon für Flüchtlinge im Mittelmeer. Es ist rund um die Uhr besetzt, mit einem multilingualen Team in Bereitschaft. Das Notruftelefon nimmt Anrufe von den Migrationsrouten im zentralen Mittelmeer, in der Ägäis sowie zwischen Marokko und Spanien entgegen.
Im Aufruf «Für ein Watch the Med Alarm Phone»1 heisst es: «Wir verfügen über kein Rettungsteam, wir bieten keinen direkten Schutz. Wir wissen um unsere begrenzten Möglichkeiten, wir wissen um den provisorischen und prekären Charakter unserer Initiative. Wir wollen jedoch unmittelbar Alarm schlagen, wenn Flüchtlinge und Migrant_innen in Seenot geraten und nicht unverzüglich gerettet werden. Wir wollen in Echtzeit dokumentieren und sofort skandalisieren, wenn Boatpeople zu Opfern von “Push-Backs” oder in Länder wie Libyen zurückgeschoben werden, in denen die Rechte von Migrant_innen permanent verletzt werden. Wir wollen mit politischem Druck und öffentlicher Mobilisierung eingreifen gegen das Unrecht, das sich tagtäglich an den Aussengrenzen der EU abspielt.»

Ein immer weiter gespanntes Netzwerk

Am 10. Oktober 2014 wurde die Nummer freigeschaltet und in wichtigen Transitländern Nordafrikas sowie in der Türkei bei Migrant_innen und Flüchtlingen bekannt gemacht. Derzeit sind etwa 50 Leute aus 10 Ländern diesseits und jenseits des Mittelmeers beteiligt, darunter auch Flüchtlinge, die selber Bootserfahrungen gemacht haben und die Notrufe entgegennehmen oder als Übersetzer_innen tätig sind, insbesondere für Farsi und Arabisch. Auch in der Schweiz ist eine Unterstützungsstruktur im Aufbau. Das Team vom «Watch the Med-Alarmphone» steht dabei in engem Kontakt mit Mussie Zerai, einem eriträischen Priester, der in Erlinsbach bei Aarau lebt.2 Seine Telefonnummer ist seit dem Sommer 2004 so etwas wie die letzte Hoffnung für Bootsflüchtlinge. Sie kursiert unter den Migranten aus Eritrea, Somalia und Äthiopien, steht an Wänden von Flüchtlingslagern in Libyen und an den Decks der Flüchtlingsboote. An manchen Tagen läutet Zerais Mobiltelefon ohne Unterbruch. Über 5000 Flüchtlinge in Seenot konnte der 39-jährige Pfarrer laut der italienischen Küstenwache bisher retten helfen.

Zwei Monate in Betrieb

In den ersten zwei Monaten hat das Alarmphone verschiedene Anrufe erhalten und sich aktiv in 12 Fällen engagiert. Bis jetzt wurden Notrufe aus dem mittleren Mittelmeerraum und der Ägäis sowie von Überlebenden von griechischen Push-Back-Aktionen entgegengenommen. Bei Hilferufen aus dem zentralen Mittelmeer wurden zuerst die italienische und maltesische Küstenwachen alarmiert. Wenn das Alarmphone-Team dabei den Eindruck bekam, dass eine Retttungsaktion nicht unmittelbar ausgelöst wurde, gingen sie das UNHCR und weitere Organisationen an, um den Druck auf die Küstenwache zu erhöhen.

Wichtig ist den Initiant_innen, dass das Alarmphone nicht als eine Lösung, sondern als Notfall-Intervention verstanden wird. Das Projekt sieht sich als Teil der Bewegung gegen ein repressives EU-Grenzregime, wie es im Aufruf heisst: «Wir brauchen ein zivilgesellschaftliches Netzwerk auf beiden Seiten des Mittelmeeres, das politischen Druck entfalten kann für das Leben und die Rechte der Boatpeople, und wir wollen ein Teil davon sein. Ein solches alternatives Alarm-Netzwerk wäre nur ein erster aber dringend notwendiger Schritt auf dem Weg zu einem euro-mediterranen Raum, der nicht von einem tödlichen Grenzregime geprägt ist, sondern von Solidarität und dem Recht auf Schutz und auf Bewegungsfreiheit.»

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Weitere Infos zum Alarmphone
Deutsch: http://ffm-online.org/alarm-phone/
Englisch: http://www.watchthemed.net/
Facebook: https://www.facebook.com/medalphon
Da das Projekt auf ein funktionierendes Netzwerk mitsamt Übersetzenden, Spendenden und Multiplikator_innen angewiesen ist, freut sich das Alarmphone über jegliche Unterstützung.
Kontakt zu Alarmphone-Aktivist_innengruppe in der Schweiz: medalphon@sosf.ch
Spenden an Solidarités sans frontières, PC 30-13574-6, Vermerk «Medalphon»

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1 Der Aufruf ist verfügbar unter: http://www.watchthemed.net/media/uploads/page/12/Alarmphone-Aufruf-deutsch.pdf
2 Eindrückliche Reportage über Priester Zerai im Tagesspiegel vom 27.10.2014: http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/fluechtlinge-im-mittelmeer-stimme-der-hoffnung/10892112.html

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