«Leihmutterschaft» – die neue Bioökonomie

Kevin Floyd

aus Debatte Nr. 30 – Herbst 2014

Ist die Produktion von Eizellen oder Körpergewebe durch den Organismus im Rahmen der neoliberalen Globalisierung zu einer Arbeit geworden? Kevin Floyd vergleicht die biologische Reproduktion mit der Gratis-Arbeit, die Frauen in der häuslichen Sphäre verrichten, oder mit der Sex- und Care-Arbeit und schlägt vor, den biomedizinischen Reproduktionsmodus als eine Enteignung von biologisch weiblichem Material zu fassen. (Red).*

Plastik von Achiam, Foto Odile Shoshany.

Plastik von Achiam, Foto Odile Shoshany.

Universitäre und insbesondere marxistische Feministinnen beziehen sich öfters darauf, dass die kapitalistische Welt heute nicht nur eine Krise der Produktion, sondern auch der Reproduktion erlebe. Die Debatten über reproduktive Arbeit in den 1970er und 1980er Jahren fokussierten stark auf das Modell des Ernährerlohns. Bei diesem Modell – einer Begleiterscheinung des keynesianischen Wohlfahrtsstaat – waren Aufgaben wie Fortpflanzung, Kinderbetreuung und Hausarbeit nicht entlöhnt und wurden entsprechend auch nicht als Arbeit anerkannt, obwohl sie für die Reproduktion der Arbeitskraft und somit auch zur Mehrwertschaffung notwendig sind. Während der Sozialstaat seinen langsamen Niedergang fortsetzt, werden die in der Regel mit ihm verbundenen Funktionen der gesellschaftlichen Reproduktion – staatliche Einrichtungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Erwerbslosenunterstützung, aber auch vergeschlechtlichte Arbeit zur Reproduktion der Arbeitskraft – unmittelbarer und direkter dem Markt unterworfen. Damit verliert die unbezahlte Hausarbeit teils ihre zentrale Stellung und wird in prekäre Formen von extrem ausgebeuteten Dienstleistungen ausgelagert: Es findet ein massive Verlagerung von Kinderbetreuerinnen, Hausarbeiterinnen und Sexarbeiterinnen aus dem globalen Süden in den Norden statt. Während den Familieneinheiten ein steigender Bedarf an gesellschaftlicher Reproduktion auferlegt wird und ihre Fähigkeit, diese Bedürfnisse zu befriedigen, gleichzeitig gesenkt wurde (Bakker 2003), ist eine Art Aneignung oder Enteignung von reproduktiver Arbeit des Südens durch den Norden zu beobachten.
In diesem Zusammenhang möchte ich einige neuere Forschungsbeiträge darstellen, die diesen Analyserahmen erweitern. Sie postulieren, dass die Enteignung des Südens durch den Norden nicht nur im Hinblick auf gesellschaftliche Reproduktion, sondern auch in Bezug auf die biologische Reproduktionsarbeit zu beschreiben sei. Was ich hier kritisch beleuchten möchte ist die Hypothese, dass spezifische Formen der biologischen Reproduktion als Arbeit aufgefasst werden können. Die Rede ist hier von biologischer Fortpflanzung, die durch die Biotechnologie unterstützt wird, eine der intensivsten Industrien weltweit. Manche Anthropologinnen wie Catherine Waldby, Melinda Cooper und Kalindi Vora, deren Arbeiten ich kurz darstellen möchte, konzentrieren sich auf die Art und Weise, wie das «weibliche biologische Material» für die Unterstützung der Biotechnologie genutzt wird und konzeptualisieren gar einen neuen, internationalisierten «biomedizinischen Fortpflanzungsmodus». Dieser beinhalte sowohl die Leihmutterschaft durch den Süden für reiche unfruchtbare Konsumenten aus dem Norden als auch die Zirkulation von reproduktivem Gewebe (Eizellen, fötales Gewebe, Nabelschnurblut) in Richtung der Stammzellenindustrie im Norden.

Die Stammzellenindustrie benötigt beispielsweise grosse Mengen dieser lebenden und regenerierenden Substanzen. Heutzutage wird dieses vermarktete und vertriebene biologische Material in den meisten Fällen von armen Frauen bereitgestellt, insbesondere durch Menschen aus dem Globalen Süden (wo es immer weniger Möglichkeiten gibt, einer formellen, entlohnten Arbeit nachzugehen). Die Bereitstellung des biologischen Materials geschieht über Praktiken, die für den Körper mit erheblichen Eingriffen verbunden sind, beispielsweise durch die Injektion von Medikamenten zur Auslösung des Eisprungs.

Reproduktives biologisches Material wird heute mehr und mehr zu Preisen erworben, die als extrem tief zu bezeichnen sind, bei erwerbslosen Frauen aus Regionen wie China, Indien oder Osteuropa. Cooper und Waldby bezeichnen die traditionelle Ethik, nach der solche Formen von Leben eher verschenkt und nicht verkauft wurden, als «traditionelle Ökonomie des Gebens», also als einen weiteren jener zahlreichen Bereiche, in denen die reproduktive Arbeit der Frauen historisch nicht als Arbeit anerkannt wurde. Die Autorinnen fügen hinzu, dass diese Form der biotechnologischen Reproduktion nun aber immer expliziter und deutlicher dem Markt unterworfen wird: «Die Verfügbarkeit von Bevölkerungsschichten armer Frauen hat die Bereitstellung grosser Volumen an Reproduktionsmaterial zu tiefen Preisen ermöglicht… In diesem Zusammenhang ist der Verkauf von Eizellen zu einer rentablen Einkommensquelle geworden für Frauen, die an den ökonomischen Rändern in Osteuropa oder in anderen Transitionsökonomien leben. Viele dieser Frauen sind zudem in konventionelleren Formen weiblicher Dienstleistungsarbeit wie etwa Hausarbeit oder Prostitution tätig.» (Waldby/Cooper 2010, S. 5 und 13)

Weiter betont Waldby , dass es in der Europäischen Union zu einer eigentlichen Zirkulation von Fruchtbarkeit als solche, in der spezifischen Form des Eizellenmarktes gekommen ist, «entlang der Kaufkraft der Bevölkerung, von den Armen zu den Reichen und von Ost nach West». Diese Eizellenmärkte funktionieren wie «Fertilitätsketten» (entsprechend den globalen Warenketten) als Kreisläufe, die «nicht nur die Fertilität zwischen individuellen Käufern und Verkäufern in Verkehr bringen, sondern auch die Fertilität einer Klasse und eines geografischen Ortes in andere Klassen und an andere Orte verlagern, und somit eine neue Landkarte von Reproduktionsüberschüssen und –defiziten schaffen» (Waldby 2012, S. 284-85).

Waldby führt im Weiteren aus: «Wie in grossen Teilen Osteuropas liegt die Geburtenrate in der Tschechischen Republik deutlich unter der Reproduktionsrate und ist auch erheblich tiefer als in Nordeuropa. Jedoch sind unfruchtbare tschechische Paare und junge Frauen vom Handel mit ihrer eigenen Reproduktion ausgeschlossen, aufgrund eines Systems von Privatkliniken, welche die Fertilität reicheren Kunden vorbehalten und somit in anderen geografischen Regionen das Fortbestehen einer Familie vereinfachen.» (ebd.)

Enteignung der biologischen Reproduktion

Die Stammzellenindustrie und die globalisierte Biotechnologie organisieren die Umleitung lebendigen Materials – das im Prinzip zur Unterstützung der lokalen Bevölkerung genutzt werden könnte – hin zur Bevölkerung reicher Länder und Regionen. Es handelt sich um eine Enteignung der biologischen Reproduktion und des generativen Lebens auf internationalem Niveau.

Diese Forschenden betonen auch, inwiefern das globalisierte Kapital zunehmenden Druck ausübt auf die Problematisierung dieser Fragen im Bereich der Bioethik. Die traditionelle «Ethik des Gebens» im Bereich der biologischen Reproduktion gründete denn auch auf der Absage an eine Unterwerfung der Zirkulation reproduktiven Gewebes unter die Logik des kommerziellen Tausches (Waldby und Mitchell 2006; Waldby und Cooper 2010). Waldby (2012, S. 277) hält fest, dass die Höhe der für biologisches reproduktives Material rückerstatteten Spesen «in der Regel als ‚ethischer Schwellenwert’ festgelegt wird, also genug hoch, damit der Austausch keine Form von Ausbeutung ist, jedoch auch noch genügend tief, damit der Beitrag nicht in eine kommerzielle Transaktion verwandelt wird». Jedoch gilt beispielsweise für den Eizellenmarkt in der Europäischen Union: «Die Ausgleichszahlungen richten sich üblicherweise eher nach dem Gleichgewicht des Marktes als nach einem ethischen Gleichgewicht, da die starke Nachfrage nach Eizellen seitens der Patienten und Kliniken [für medizinisch unterstützte Fortpflanzung] einen hohen Druck erzeugt. Während das Verbot der Kommerzialisierung von Körpergewebe historisch als Schutz der Spender vor ausbeuterischen Handelsvorgängen konzipiert war, werden Bestrebungen im Hinblick auf Regelwerke [für den Bereich der unterstützen Reproduktionstechnologie] generell in den Patientenschutz verschoben… Das Bestehen eines inner-europäischen Marktes schmälert kontinuierlich die Handlungsfähigkeit von bioethischen Beratungen, die Ausgleichszahlungen auf einem Niveau zu halten, das noch keinen Anreiz darstellt, während der Druck zur Förderung des Angebots an Eizellen steigt.» (ebd.)

Was Cooper und Waldby beschreiben, beschränkt sich natürlich nicht auf internationale Dispositive, sondern umfasst auch rassifizierte Dimensionen: Fertilitätskliniken rekrutieren «in der Regel Spender, die aus phänotypisch ähnlichen Bevölkerungen stammen wie die Käufer, damit das aus der Transaktion entstehende Kind die Merkmale des nachfragenden Paares teilt – insbesondere die Hautfarbe». Beispielsweise können «deutsche Fertilitätstouristen, die in ihrem Heimatland keinen Zugang zu Eizellen haben, einige Stunden Autofahrt nach Prag in die Tschechische Republik auf sich nehmen, wo Fertilitätskliniken sich klar auf internationale Kundschaft ausrichten.» (S. 271).

Kalindi Vora präsentiert eine faszinierende Reflexion über marxistische Definitionen von Arbeit, bei der auch Prozesse der Rassifizierung einbezogen werden, insbesondere bezüglich der Leihmutterschaft in Indien. Auch im Fall Indien wird Leihmutterschaft von Frauen ausgeführt, die nur wenige andere Einkommensmöglichkeiten haben. Die Forscherin fragt nach der möglichen Ausweitung des Konzepts der vergeschlechtlichten Arbeit als wertschöpfende Arbeit auch auf Leihmutterschaft. In diesem Zusammenhang präsentiert der Diskurs über die Leihmutterschaft «die Eltern, die den Embryo produzieren, als Besitzer des Kindes, und die Wissenschaftler, Ärzte und Techniker als jene, die die technische Arbeit mit hoher Wertschöpfung ausführen»; «die Leihmutter» wird gleichzeitig als «rein passives Behältnis» bezeichnet. Nach der bemerkenswerten Formulierung von Kalindi Vora bewirkt dieser Diskurs in gewisser Weise die «Ausradierung der Körper aus der biologischen Reproduktion» (Vora 2012, S. 695). Überzeugend hält sie fest, dass der Industriearbeiter, der für Marx das Modell des Arbeiters «als solcher» war, «auf zahlreichen Formen von Lebensenergie» gründet, die nicht als Arbeit anerkannt sind, insbesondere auf die vergeschlechtlichte Reproduktionsarbeit, aber auch auf Sklavenarbeit und auf der Arbeit in den Kolonien der Industriezentren des 19._Jahrhunderts. Historisch gesehen haben Prozesse der Rassifizierung bestimmte Körper tendenziell «ökonomisch wertvoller» dargestellt «als biologische Entitäten denn als Subjekte der Arbeitskraft» (ebd.).

Bioökonomie als wertschöpfende Arbeit?

Waldby und Cooper zeichnen auch nach, wie die Arbeit der beteiligten Frauen in «Zusammenarbeit» mit den Käufern von biologischem Material (d.h. den Kliniken) aus dem Bereich der anerkannten Arbeit verschwindet, weil diese Arbeit naturalisiert wird. Es handelt sich um dasselbe Muster, das die marxistischen Feministinnen seit Jahrzehnten aufdecken, nachdem auch die Hausarbeit nicht anerkannt wird. Diese erhellende Analyse soll zeigen, dass die Verkennung der vergeschlechtlichten und biologischen Reproduktionsarbeit die kritisierten Praktiken verstärkt. Diese Herangehensweise schliesst an die Kritik der blinden Flecken im klassischen Marxismus an, welche marxistische Feministinnen zur Entwicklung der Thesen bezüglich reproduktiver Arbeit führten. Hier gehen die Autorinnen jedoch einen Schritt weiter: Mit der Entstehung der von ihnen so bezeichneten «Bioökonomie» und des «Biokapitals» müssten diese Formen vergeschlechtlichter Arbeit gemäss den Forscherinnen als direkt wertschöpfende Arbeit definiert werden. Cooper und Waldby postulieren im Weiteren, dass diese Formen vergeschlechtlichter Arbeit, welche «Biokapital» schaffen, weltweit tendenziell zunehmen (Waldby und Cooper 2008 und 2010).

Diese Berücksichtigung einer neuen, internationalisierten Form der biologischen Reproduktion ist insofern interessant, als sie die Frage der vergeschlechtlichten Arbeit aufwirft und festhält, dass es sich dabei um eine Form von Arbeit handelt, die als Arbeit anerkennungswürdig ist, wobei das eigentliche Wesen der Arbeit angesichts dieser Überlegungen radikal neu gedacht werden muss. Diese Debatten rücken die Kategorie «Leben» wieder ins Zentrum des Konzepts «lebendige Arbeit», während der Begriff der reproduktiven und vergeschlechtlichten Arbeit verstärkt durch eine biologische und vitalistische Auffassung geprägt wird. In ihren Analysen der Stammzellenindustrie als Komponente dessen, was sie als neue «Bioökonomie» bezeichnen, möchten Waldby und Cooper (2010) den Begriff der Reproduktionsarbeit durch «Regenerationsarbeit» ersetzen: Arbeit zur Regeneration nicht nur von Wert, sondern auch zur Regeneration von «Leben an sich». Auch Vora (2012) charakterisiert Leihmütter als jene, welche die «Arbeit der Weitergabe von menschlicher Lebensenergie an den Konsumenten» leisten (S. 682), eine «Weitergabe, welche Körper und biologische Arbeitskraft in Indien verbraucht, um das ‚Leben’ in der Ersten Welt auszuweiten» (S. 684). Sie hält weiter fest, dass marxistisch-feministische Analysen «nicht in der Lage sind zu klären, inwiefern die Ausbeutung der vergeschlechtlichten Arbeit ebenfalls zum herrschenden System gehört durch Reduktion und Ausweitung» des Lebens an sich, des Biologischen als solchen (S. 683). In diesen Überlegungen wird der lebendige Teil der lebendigen Arbeit ganz besonders berücksichtigt. Dabei wird teils explizit angeregt, dass das Verhältnis zwischen Leben und Arbeit grundsätzlich neu gefasst werden muss.

Im zweiten Teil dieses Beitrags soll es um die Problematisierung der neuen Formen lebendiger Arbeit und der neuen Formen von Wertproduktion gehen. Es geht mir insbesondere darum, einen Aspekt zu betonen, der in den dargestellten Analysen kaum erwähnt wird: Die alles entscheidende Schuldenlast in den Regionen der Welt, in denen die Möglichkeiten zur Lohnarbeit schwinden und in denen eine wachsende Anzahl Frauen strukturell gezwungen ist, die lebende Materialität ihres Körpers zu verkaufen.

Struktureller Zwang, lebende Materialität zu verkaufen

Wie seit den 1970er Jahren bekannt, haben enorme Mengen an überschüssigem Kapital auf internationaler Ebene nach neuen produktiven Investitionsmöglichkeiten gesucht, oft ohne Erfolg. Die Krise der letzten Jahrzehnte hat – wie viele Krisen zuvor – die Form von massiven Kapitalüberschüssen und gleichzeitig überschüssiger Arbeit angenommen, wobei die Möglichkeiten zur Zusammenführung beider Komponenten sehr beschränkt waren (siehe z.B. Harvey 2011, S. 1-39). In den Worten von Edward LiPuma und Benjamen Lee (2004, S. 20) «nahm die Nachfrage nach Kapital nur langsam zu, während das Angebot deutlich anstieg». In dieser Situation entstand eine weltweite Ökonomie, welche die Produktion neuen Wertes weitgehend ersetze durch hoch lukrative Tätigkeiten auf der Grundlage der «schnellen Zirkulation von Kapital», insbesondere von Finanzkapital, das Marx fiktives Kapital nannte. Profite aus der Produktion wurden tendenziell durch Profite aus der Zirkulationssphäre ersetzt, was zu den bekannten katastrophalen Folgen weltweit führte, insbesondere zur Enteignung ganzer Bevölkerungen. Dies beispielsweise durch spekulative Angriffe auf Landeswährungen, welche die gesellschaftliche Reproduktionsfähigkeit eines Landes in den Bereichen Gesundheit und Bildung entscheidend schwächen können (vgl. die Fallstudie in LiPuma und Lee 2004, S. 58-59).

Wie Saskia Sassen erläutert, hat diese Hegemonie der finanziellen Zirkulation unter anderem eine neue Form der internationalen Zirkulation hervorgebracht, die ich zu Beginn erwähnt habe, nämlich die Zirkulation überausgebeuteter Frauen in verschiedenen Bereichen der Dienstleistungsarbeit. Die Autorin zeigte beispielsweise, dass der internationale Handel zur sexuellen Sklaverei oft stillschweigend gutgeheissen wird durch hoch verschuldete Regierungen, deren Sozialprodukt mehr und mehr vom Tourismus abhängt. In der Tat werden aktuell asiatische Frauen in viele Regionen der Welt geschickt, um als Hausarbeiterinnen, Kinderbetreuerinnen oder Dienstmädchen zu arbeiten, was man als weltweiten Frauenhandel oder als Menschenexport bezeichnen kann – eine der zahlreichen Konsequenzen von Strukturanpassungsprogrammen, wie Sassen ausführt. Grace Chang merkt diesbezüglich an: «Sparprogramme […] schaffen eigentliche Systeme von Schuldknechtschaft, denn verschuldete Länder müssen ihre Bevölkerung und insbesondere die Frauen als migrantische Arbeiterinnen den Nationen der Ersten Welt überlassen, im verzweifelten Bestreben, die Schulden […] dank den Geldüberweisungen […] weiterhin bedienen zu können.» (Chang 2000, S. 4) Im Fall der Philippinen bedeuten die Rimessen der ausgewanderten Beschäftigten – die Mehrheit unter ihnen Frauen – eine jährliche Geldzufuhr in Milliardenhöhe. Hierbei handelt es sich um Devisen, die letztlich dazu dienen können, die öffentlichen Schulden zu begleichen, sobald die Gelder in Form von Steuern und Gebühren der Regierung zufliessen. Chang zieht die Schlussfolgerung, dass Länder ohne Güterexport stattdessen in bestimmten Fällen Menschen exportieren. (Chang 2000, S. 130-1)

Daher könnte zum Verständnis der Ausgestaltung der vergeschlechtlichten Reproduktionsarbeit der Bezugsrahmen der Finanzialisierung analytisch ergiebiger sein als jener der kapitalistischen Produktion. Jedoch erfasst die Vorstellung einer internationalen «Zirkulation» der reproduktiven Arbeit diese Dynamik noch nicht richtig. Treffend wäre die Aussage, dass die gesellschaftliche, vergeschlechtlichte Arbeitsteilung Gegenstand einer Enteignung des Südens durch den Norden ist, oder der ärmsten durch die reichsten Länder. Der mit dieser Enteignung verbundene Profit entsteht eher in den Zirkulationskanälen als in den Produktionskanälen. Letztlich handelt es sich um eine ähnliche Enteignung wie jene durch Darlehen mit missbräuchlichen Hypothekarzinsen, die in den USA in den letzten Jahren zum Problem wurden. Man könnte die Situation auch als Spiegelbild der Überschuldung der Haushalte im Norden sehen, gelten doch die extrem verschuldeten amerikanischen Haushalte nun international als «Buyer of Last Resort», also als Konsumenten der letzten Zuflucht [in Anlehnung an «Lender of Last Resort» für Kreditgeber letzter Instanz im Finanzwesen].
2005 hat der Internationale Währungsfonds die amerikanischen Haushalte klar als «Schockdämpfer» für die Risiken der finanziellen Integration bezeichnet (Cooper und Mitropolous 2009, S. 364). Die Finanzwirtschaft übersättigt die gesellschaftliche, vergeschlechtlichte Reproduktion im doppelten Sinne: Einerseits durch die Verschuldung der relativ reichsten Haushalte im internationalen Vergleich, und anderseits durch den Ausschluss unzähliger Frauen aus ihrem eigenen Haushalt, welche wegen der Verschuldung anderswo Hausarbeit erledigen müssen.

Der Druck der Finanzialisierung

Unter dem Druck der Finanzialisierung wirken sich die erwähnten gesellschaftlichen, aber auch biologischen Reproduktionsformen in bestimmten Regionen der Welt zu Lasten anderer Regionen aus. Einerseits wiederholt sich damit das jahrhundertealte und brutale Schema der ursprünglichen Enteignung. Anderseits haben die Finanzialisierung und Globalisierung der gesellschaftlichen Reproduktion heutzutage auch Auswirkungen auf das lebendige Substrat der biologischen Reproduktion, auf das «Leben als solches», das nun als abstrakte Grösse quantifiziert und in seine mikroskopischen wissenschaftlichen Bestandteile zerlegt wird. Das Leben wird zur Extraktion der lebendigen Körperlichkeit. Die Finanzwirtschaft spielt hier eine entscheidende Rolle: Zunächst einmal über die brutale Verschuldung der Länder, in denen Frauen gezwungen sind, die lebendige Materialität ihres Körpers zu verkaufen, aber auch über den hochgradig finanzgetriebenen Charakter der biotechnologischen Industrie, die stark von der Aussicht auf medizinische Innovation abhängt und deren Erträge sich nach dem künftig zu erwartenden Börsenwert berechnen (Sunder Rajan 2006; Rose 2007, S. 17-20). Diese Industrie ist daher stark der spekulativen Logik der Aktienwerte ausgesetzt, was gemäss Waldby und Cooper (2010, S. 12) dazu führt, dass «die kommerzielle Dynamik der bioökonomischen Innovation den Druck der Nachfrage nach Körpergewebe immer mehr erhöht».

Wie bei der postautonomen Revision der klassischen Marx’schen Kategorien – beispielsweise im Rahmen der aktuellen Diskurse über «biopolitische Arbeit» – möchten Waldby, Cooper und Vora die Definition von wertschaffender Arbeit erweitern, um der globalen Dynamik der biologischen Reproduktion unter den zunehmend prägenden Bedingungen des Marktes und der Finanzialisierung Rechnung zu tragen. Aber welche Schlüsse sind daraus zu ziehen, wenn man – wie ich selbst – der Meinung ist, dass die steigende Produktion von Mehrwert, unabhängig von ihrem Ausmass, immer schon deutlich durch die Zunahme der überschüssigen Bevölkerung und der Schulden übertroffen wird (Benanav und Clegg 2010; Davis 2007)? Was sind die Schlussfolgerungen, wenn die finanzgetriebene Enteignung des «Lebens» – was Vora «Lebensenergie» nennt – zulasten einiger der ärmsten Regionen der Welt als wertproduzierende Arbeit definiert wird? Die «Anerkennung» als Arbeit und die damit verbundenen ethischen Folgen scheinen mir hier der zentrale Punkt zu sein. Wird jedoch die brutale Vereinnahmung der biologischen Substanz als Arbeit definiert, kommt dies nicht einer Verharmlosung der strukturellen Gewalt gleich, während der Ausschluss aus den Arbeitskreisläufen global gesehen die vollendete Form der Proletarisierung geworden ist? Wird die Situation nicht besser fassbar, wenn man sie als eine Art Akkumulation durch Enteignung lebendigen Materials von Frauen betrachtet, die bereits verzweifelt arm sind? Einerseits führt die Finanzialisierung zu einer weltweit beschleunigten Zirkulation von Geld, Gütern, Dienstleistungen und von Frauen, die oft Opfer von Menschenhandel werden und teils von ihren Heimatländern eigens exportiert werden in der Hoffnung, den Schuldendienst leisten zu können. Anderseits hat das finanzgetriebene Regime die Bedingungen geschaffen, welche Frauen in den am meisten marginalisierten Regionen dazu verurteilen, nicht als lebendige Arbeit sondern als lebender Rohstoff zu dienen. Sie selbst können nicht zirkulieren, die aus ihrem Körper extrahierten biologischen Substanzen hingegen schon.

Transnationaler Handel mit Körpersubstanzen

Hintergrund der hier beschriebenen Prozesse ist die wachsende internationale Vermarktung von «Leben», nicht nur auf der Ebene der einzelnen Menschen und der lohnabhängigen Bevölkerung, sondern auch im sub-individuellen Bereich. Dies zeigt sich in der zunehmenden Unterwerfung von erwerbslosen Bevölkerungsgruppen unter den transnationalen Handel mit Körpersubstanzen, Körpergewebe und Organen sowie auch in der Teilnahme an klinischen Versuchen, welche die Pharmakonzerne immer häufiger in den Süden auslagern. Es wird in diesem Zusammenhang sogar von «Populationen von Testpersonen» gesprochen: Menschen, die von sich aus an klinischen Versuchen teilnehmen, weil andere Einkommensquellen versiegen (zur Auslagerung klinischer Versuche, siehe Sunder Rajan 2006; eine nützliche generelle Rezension über die anthropologische Erforschung dieser neuen Tendenzen bieten Scheper-Hughes und Wacquant 2002). Da die Anzahl Erwerbsloser weiterhin zunimmt, geschieht in den Worten von Ann Anagnost (2011, S. 226) tendenziell eine Verwandlung der von Marx so benannten industriellen Reservearmee in eine «permanente Reserve biologischer Substanzen». In diesem erweiterten Zusammenhang wird lebendige Arbeit zunehmend auf eine quantifizierbare, vitale Ressource reduziert, im Rahmen einer ungleichen und kombinierten weltweiten Entwicklung. Die Unterscheidung zwischen dem Leben bestimmter Bevölkerungen und dem sub-individuellen Leben, zwischen einen Aggregat von Menschen und einer internationalen Extrahierung von Blut, Gewebe und genetischem Material, wird langsam verwischt. Sicherlich muss der vergeschlechtlichte Charakter bestimmter Formen unsichtbarer Arbeit anerkannt werden, aber nicht weniger wichtig ist eine Analyse der geschlechtsspezifischen Dimension der aktuellen Krise der Mehrwertproduktion, die auch eine Krise der gesellschaftlichen Reproduktion des Verhältnisses Kapital/Arbeit ist. Der «biomedizinische Reproduktionsmodus», der von der Finanzialisierung und der Biotechnologie betrieben wird, kann schärfer gefasst werden als eine geschlechtsspezifische Variation der altbekannten Geschichte der auf Enteignung basierenden Finanzwirtschaft: Hier wie dort geht es um die Reduktion der Körper von Frauen auf biotechnologischen Rohstoff – von Frauen, denen bereits die materielle Lebensgrundlage entrissen wurde, die an den Rand überzähliger Bevölkerungsgruppen gedrängt werden. Dies mit dem Zweck, biologische Substanzen zu entnehmen, die immer schon quantifiziert sind. Werden solche Prozesse als neue Formen vergeschlechtlichter, wertschöpfender Arbeit bezeichnet, so handelt es sich um den Versuch, die Handlungsfähigkeit der Frauen in den Vordergrund zu rücken. Dieser Versuch ist sicherlich verständlich. Jedoch ist das Argument der Notwendigkeit der vergeschlechtlichten Arbeit für die Wertschöpfung viel schwieriger aufrechtzuerhalten, wenn die Produktion neuen Wertes einer globalen Krise unterliegt. In einer solchen Konjunktur wird die ethisch begründete Bestrebung zur Anerkennung der Handlungsfähigkeit der Frauen faktisch zum Hindernis für eine stichhaltige politisch-ökonomische Anerkennung des Gefälles zwischen fiktivem Kapital und überzähligen Menschen – oder für die Anerkennung der Auswirkungen der Reproduktionskrise und der Biotechnologie auf vergeschlechtlichte und strukturelle Formen von Gewalt.

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* Der Beitrag erschien zuerst auf Französisch in der Online-Zeitschrift «Période – Revue en ligne de théorie marxiste»: http://revueperiode.net/meres-porteuses-et-marchandisation-des-tissus-organiques-une-bioeconomie-mondialisee. Übersetzung aus dem Englischen von Morgane Merteuil. Übersetzung ins Deutsche von Karin Vogt.

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