Gute und schlechte Avantgarden?

Rainer Thomann

aus Debatte Nr. 30 – Herbst 2014

Seit dem letzten Diskussionsbeitrag «Zur Avantgarde-Frage» von Hanspeter Gysin in der Debatte Nr. 26 ist ein Jahr vergangen, das Thema bleibt aktuell. Bisher als Einziger hat er sich kritisch zu meinem Text «Abschied von den Avantgarden» geäussert. Das ist erfreulich, denn alle andern, die meine Ansichten vermutlich keineswegs teilten, zogen es vor zu schweigen. [Sämtliche Beiträge der Avantgarde-Diskussion sind jetzt auf www.debatte.ch aufgeschaltet. Red.]

Mit vielen Ausführungen von Hanspeter Gysin stimme ich überein. Insbesondere mit seinen Schlussfolgerungen, dass jede und jeder seinen Fähigkeiten entsprechend etwas zur gemeinsamen Sache beitragen kann, dass jede Bewegung nicht nur «Wortführer (Alphatiere) und Intellektuelle (Mehrwisser)» benötigt, sondern genauso ganz viele «Talente anderer Art (Opferbereitschaft, Fantasie, handwerkliches Geschick, Verankerung in bestimmten Milieus etc.)» und dass «jede Delegation Gefahren in sich birgt». Im Widerspruch dazu steht für mich das von ihm offenbar als unabänderliche Tatsache hingenommene «Faktum Macht, die nicht zu eliminieren ist»: «Entweder ist es also die eine Person oder Gruppe, die voranschreitend Einfluss nimmt, Macht ausübt oder es ist eben eine andere.»

Einfluss und Macht sind keine unabänderlichen Tatsachen

Wenn Einfluss und Macht – im Sinne von Herrschaft einzelner Menschen über andere Menschen – als gewissermassen dem Menschen angeborene Eigenschaft betrachtet werden und nicht als von den Menschen selbst geschaffene Verhältnisse, die auch wieder beseitigt und durch Beziehungen anderer, gleichberechtigter und solidarischer Art ersetzt werden können, dann bleiben gesellschaftliche Veränderungen zwangsläufig auf blosse Machtwechsel beschränkt. Dann geht es nur darum, eine Regierung, Führung oder «Avantgarde», kurzum eine Herrschaft durch eine andere zu ersetzen. Eine Elite wird von einer andern abgelöst, während das «Volk», die «Basis», die «Massen» weitgehend passiv bleiben und ihre Rolle darauf beschränken, den neuen Machthabern zum Durchbruch zu verhelfen. Dass sich die gesellschaftlichen Veränderungen, die er sich erhofft, davon wesentlich unterscheiden, das zeigen nicht zuletzt seine abschliessenden Ausführungen.
Mit einem leicht polemischen Unterton behauptet er, ich würde alles, was ich im Verdacht sähe eine «Avantgarde» zu sein, kategorisch ablehnen. Demgegenüber stellt er die «Avantgarde mit ihrer Funktion» als «eine simple, offensichtliche Realität» hin, die man weder verhindern noch verbieten könne. Gleichwohl ist für ihn «der grosse Schritt zur Revolution» nicht der Wechsel an der Staatsspitze, sondern «die Erfahrung der Massen, dass sich etwas bewegen lässt». Aus diesem Grund stellt er auch die entscheidende Frage, «wie verhindert werden kann, dass sich massenweise revoltierende Leute von einer (selbsternannten) Avantgarde dominieren und in die Irre führen lassen».

Sehr zu Recht warnt Hanspeter Gysin vor «informellen Agenten im Hintergrund von Bewegungen», die er für «die gefährlichste Form von ‚Avantgarden’» hält, wenn sie ihren Wissensvorsprung und ihre Erfahrung dazu missbrauchen, «Bewegungen zu instrumentalisieren, andere ungefragt in Situationen hinein zu manövrieren, die sie nicht gewählt haben etc.». Daher scheint er sich gewissermassen mit dem kleineren Übel abzufinden: «Erklärt sich eine anführende Gruppe oder Partei zur Avantgarde, ist dies immerhin eine transparente Erklärung.» Das führt ihn dann zum Fazit, «dass ohne Avantgarde (…) sich (soziale) Bewegungen nicht entwickeln können.» Aus diesem Grund hält er es «für zielführender, die jeweiligen Avantgarden nach ihrer Qualität zu beurteilen». Das läuft dann unweigerlich auf die Unterscheidung von «guten» und «schlechten» Avantgarden hinaus. Demgegenüber ziehe ich es vor, mich vom Begriff der «Avantgarde» zu verabschieden und gegebenenfalls nach neuen Begriffen zu suchen – was alles andere als einfach ist, da es sie (noch) nicht gibt und man nicht in den Fehler verfallen soll, die gleichen Verhältnisse, Strukturen und Dynamiken einfach anders zu benennen.

Verschleierung als Merkmal von Machtverhältnissen

Sehr treffend schreibt er dazu: «Die Tendenz, anstelle von Organisation den Begriff ‚Netzwerk’ zu benutzen, eine in Tat und Wahrheit beschlussfassende Konferenz als ‚Koordination’ zu bezeichnen oder anstelle von Leitung mit dem Begriff ‚Coaching’ oder ‚Beratung’ zu operieren, birgt auch die Gefahr der Verschleierung in sich.» Der Zwang zur Mystifizierung ist ein Merkmal jeder Religion oder Ideologie. Statt die Machtverhältnisse beim Namen zu nennen, werden sie verschleiert. Der wohl am meisten missbrauchte Begriff der bürgerlichen Geschichtsepoche ist die «Demokratie»: von den «demokratischen Wahlen» von Präsidenten, Parlamenten und Regierungen, über den «demokratischen Zentralismus», bis hin zur «Basisdemokratie» im Gefolge der Revolte von 1968. Mögen die Herrschaftsverhältnisse noch so ungerecht, unsolidarisch und autoritär sein, Hauptsache, sie sind «demokratisch» oder sogar «basisdemokratisch» legitimiert. Dass selbst sog. «Rätestrukturen» keine Gewähr bieten und je nach den Umständen als Machtinstrument einer herrschenden Elite missbraucht werden können, hat namentlich die Oktoberrevolution in Russland gezeigt.

Man hüte sich daher vor Verschleierung und Etikettenschwindel! Nicht überall wo «Netzwerk», «Koordination» oder «Vollversammlung» draufsteht, handelt es sich um herrschaftsfreie, gleichberechtigte und solidarische Zusammenschlüsse. Genauso falsch wäre es allerdings, solchen Initiativen zum Vornherein eine täuschende Absicht zu unterstellen. Bei allem berechtigten Misstrauen wird man nicht darum herumkommen, in jedem einzelnen Fall genauer hinzuschauen. Beim Netzwerk beispielsweise, in welchem ich aktiv bin (Netzwerk Arbeitskämpfe), handelt es sich nicht etwa um eine politische Ersatz- oder gar Tarnorganisation: Auch wenn einzelne Aktivistinnen und Aktivisten (unterschiedlichen) politischen Organisationen oder Gruppen angehören können, engagieren sie sich als Einzelpersonen und nicht als Vertreter ihrer Organisation. Eine solche Struktur birgt theoretisch zwar immer die Möglichkeit einer gezielten Beeinflussung durch eine politische Organisation, die nicht offen in Erscheinung tritt. In der Praxis allerdings ist diese Gefahr, vor allem angesichts der relativen Bedeutungslosigkeit dieses Netzwerks, sehr gering.

Bei Arbeitskämpfen verstehen sich die Aktivist_innen unseres Netzwerks als Unterstützende kämpfender Belegschaften, mit dem Ziel, diesen den Rücken zu stärken, so dass sie möglichst die Protagonisten ihres Kampfes bleiben können. Ausserdem sehen wir unsere Aufgabe darin, betriebliche Aktivistinnen und Aktivisten verschiedener Arbeitskämpfe miteinander zu vernetzen und so einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen, der sonst nicht so leicht zustande käme. Keinesfalls kann es hingegen darum gehen, Widerstand leistende Belegschaften zur Anwendung bestimmter Kampfformen (Streik, Betriebsbesetzung, Boykott, Sabotage usw.) zu veranlassen. Auch wenn diese Möglichkeiten grundsätzlich immer zur Verfügung stehen, hängt es stets von den jeweiligen Verhältnissen und vor allem vom Entscheid der Betroffenen ab, welche Waffen sinnvollerweise zum Einsatz kommen. Da es in der konkreten Dynamik eines Arbeitskampfes von der blossen Unterstützung zur unzulässigen Einmischung oft nur ein kleiner Schritt ist, hat das grundsätzliche Selbstverständnis als Unterstützende von Arbeitskämpfen eine umso grössere Bedeutung und schützt zumindest vor allzu groben Fehlern. Ganz und gar nicht verstehen wir uns übrigens als «Avantgarde» von Arbeitskämpfen. Wenn schon, falls man den Begriff unbedingt verwenden möchte, wären dies die betrieblichen Aktivistinnen und Aktivisten.

Aktivist_innen als Dienende der Bewegung

Daher ist es naheliegend und verständlich, dass Hanspeter Gysin das Streikkomitee der Officina Bellinzona als eine «Avantgarde, ganz Sinne von Alain Bihr» sieht. Mit andern Worten eine «gute» Avantgarde – im Gegensatz zu «Avantgardisten», die versuchen, die Bewegung zu instrumentalisieren. Allerdings frage ich mich, wie sinnvoll die Weiterverwendung eines Begriffes ist, wenn man dauernd gezwungen ist, zwischen guten und schlechten Avantgarden zu unterscheiden. Lassen wir uns nicht auf Wortklaubereien ein, die zu nichts führen! Worum es wirklich geht, das ist das Verhältnis zwischen einer aktiven Minderheit und dem Rest der Bewegung. Genauer um die Frage, ob es sich um ein (legitimiertes oder verschleiertes) Herrschaftsverhältnis zwischen «Führung» und «Basis» handelt oder ob die Minderheit von Aktivist_innen sich als Dienende der Mehrheit versteht.

In seinem Aufsatz «Der globale Aufstand» schreibt Dario Azzelini: «Ein wesentliches gemeinsames Merkmal der ‚neuen’ Bewegungen ist, dass die Proteste nicht von ‚traditionellen’ Parteien, Organisationen oder Gewerkschaften initiiert wurden. Wenn überhaupt, haben sich neue Bewegungen erst im Verlaufe der Proteste diesen angeschlossen. Auffällig allerorts ist die hohe Beteiligung von zuvor politisch nicht aktiven Menschen an den Bewegungen und Protesten. Dennoch sollte diese Erkenntnis nicht dazu führen, die Rolle von Vorläuferbewegungen und erfahrenen Aktivistinnen zu unterschätzen. (…) Erfolgreich waren Bewegungen allerdings nur, wenn Aktivistinnen nicht versuchten, den aufkeimenden Bewegungen ihre althergebrachten Praktiken und Identitäten überzustülpen, sondern ihre Erfahrung in einer neuen Situation der Offenheit zur Verfügung stellten, um ‚das Neue’ mit allen gemeinsam zu entwickeln.»1

Gemeinsam das Neue entwickeln

In diesen Formulierungen tritt die alte Problematik, die wir auch in den beginnenden globalen Protestbewegungen wieder antreffen, in einer beeindruckend klaren Weise zutage: Nicht zu versuchen, althergebrachte Praktiken und Identitäten den Bewegungen überzustülpen, sondern Erfahrungen zur Verfügung stellen, «um ‚das Neue’ mit allen gemeinsam zu entwickeln». Ob in einer solchen Sichtweise der Begriff der «Avantgarde» noch Platz hat, wage ich zu bezweifeln. Azzelini ist ausserdem der Überzeugung, «dass wir vor einem Bruch stehen, der weitreichender sein wird als 1968».2 Denn «Partizipation, Selbstorganisation und Demokratie» seien zum Prinzip geworden. Dem möchte man hinzufügen, dass 1968 entscheidend war, um kulturell den Boden für den bevorstehenden Bruch vorzubereiten. Ein Dammbruch, dessen Schäden der Kapitalismus in Grenzen zu halten verstand, da (wie Azzelini zu Recht feststellt) in den 1960er- und 1970er-Jahren noch genügend Spielräume zu Zugeständnissen vorhanden waren, um die Protestbewegungen zu befrieden.

Spielräume, die es angesichts der tiefen globalen Krise heute immer weniger gibt. Zumal wir bezüglich Automatisierung, welche die Lohnarbeit zunehmend überflüssig macht, eher am Anfang als am Ende der Entwicklung stehen. Und ohne «lebendige Arbeit», welche von der «toten Arbeit» – dem Kapital – vampirmässig ausgesaugt _werden kann (Marx), wird auch Letzteres immer mehr zur Fiktion. «Fiktives Kapital», für das kein Gegenwert vorhanden ist ausser astronomischen Zahlen von «Schulden», die niemals getilgt werden können, das ist das Material, aus dem das Kreditkartenhaus besteht, das die Mächtigen und ihre Regierungen verzweifelt vor dem Einsturz zu bewahren versuchen.

«Sozialismus oder Barbarei» hiess angesichts des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren die Alternative. Seither ist die Barbarei längst Wirklichkeit geworden, auch wenn die Kriege heute von «Friedenstruppen» im Namen der «Demokratie» und der «Menschenrechte» geführt werden, während weltweit immer mehr Menschen die Lebensgrundlage entzogen wird und die Zerstörung der Natur ungehindert weitergeht. Und je mehr die Arbeitslosigkeit sich ausbreitet, desto erpressbarer werden die Lohnsklaven, sei es aus Angst vor dem sozialen Abstieg, sei es, weil sie froh sind, überhaupt wieder eine Beschäftigung zu finden. Falls es nicht gelingt, dieser Barbarei mit dem «globalen Aufstand» Einhalt zu gebieten, so ist zu befürchten, dass die Geschichte der Menschheit als Geschichte von Klassenkämpfen eher mit dem «gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen» als mit dem Sieg der einen über die die andere Klasse enden wird. Noch besteht genügend Grund zur Hoffnung: Solange jene Kräfte anwachsen und erstarken, die versuchen‚ «das ‚Neue’ mit allen gemeinsam zu entwickeln», kann die Utopie Wirklichkeit werden. Dazu ist es aber unerlässlich, dass wir uns von überlieferten Wertvorstellungen trennen.

Die Macht nicht neu verteilen, sondern zerstören!

Letztes Jahr, an einem Diskussionswochenende in Kreisen der radikalen Linken, stellte jemand vorwurfsvoll fest, es sei wieder einmal typisch, dass die Diskussion von einem Mann geleitet werde, während eine Frau das Protokoll schreibe. Darauf entgegnete die angesprochene Genossin, dass diese Arbeit, die genauso notwendig und wichtig sei, ihr persönlich besser liege als die Leitung der Diskussion. Nicht, wer die eine oder andere Tätigkeit ausübe, sei das Problem als vielmehr die Wertvorstellungen, die damit verbunden seien. «Warum», so fragte sie messerscharf, «soll das Verfassen des Protokolls weniger wert sein als die Leitung der Diskussion?» Treffender kann man das Thema gar nicht auf den Punkt bringen. Im selbstbewussten Auftreten der Genossin hat sich für mich «das Neue» manifestiert, das wir alle gemeinsam entwickeln müssen – während die bürgerliche Gesellschaft weiter über «Quotenregelungen» streitet… Es geht nicht darum, die Macht neu zu verteilen, sondern sie zu zerstören. Es gilt, alle Verhältnisse, die Herrschaft von Menschen über andere Menschen erfordern, zu beseitigen, und zwar unabhängig davon, ob diese Herrschaft «demokratisch» legitimiert ist oder bloss informell besteht. Und das wird dann möglich sein, wenn es uns gelingt, die Wertvorstellungen loszuwerden, die solche Herrschaftsverhältnisse als notwendig erachten.

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1 Dario Azzelini. Der globale Aufstand. In: Soziale Kämpfe in Ex-Jugoslawien, hg. von Michael G. Kraft, Wien, 2013, S. 32 f.
2 A.a.O. S. 44.

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