Assessment als soziale Systemstrategie?

Avji Sirmoglu

aus Debatte Nr. 30 – Herbst 2014

Das Assessment der Interinstitutionellen Zusammenarbeit (IIZ) steht seit 2003 für komplexe arbeitsmarktliche Integrationsprozesse zur Verfügung. Für Menschen, die Arbeit suchen, soll Unterstützung gewährleistet sein. Ziel ist die Integration in den (ersten) Arbeitsmarkt. Vertreter_innen der Regionalen Arbeitsvermittlungzentren (RAV), der Invalidenversicherung (IV), der Berufsinformationzentren (BIZ) usw. kommen zusammen, um konkrete Fälle zu behandeln.

Der neue Dokumentarfilm «Assessment»1 ist 49 Minuten lang. Schweizerdeutsch die Sprache, mit Untertiteln in Deutsch. Der Regisseur Mischa Hedinger ist freischaffender Filmemacher und Editor. Er studierte Video an der Hochschule Luzern, Abteilung Design & Kunst, und Film an der ECAL in Lausanne. Er unterrichtet unter anderem an der Schule für Gestaltung Bern-Biel.

Menschen, die aus dem System «herausfallen», sollen um jeden Preis wieder eingegliedert werden. Das interessiert kritisch und dem ging Mischa Hedinger nach. Er war bei einigen Assessments dabei, ohne zu filmen. Der Kanton Zug sagte ihm zu, das Filmprojekt zu unterstützen bzw. das Filmen zu genehmigen. Der Filmemacher fragte verschiedene Klient_innen an, ob sie bei diesem Projekt mitmachen würden. Dazu erklärten sich nach dem Kennenlernen und einer Vertrauensbildung mehrere bereit.
Die Situation, die sich den Zuschauenden anbietet, mutet schon etwas absurd an. Ein Tisch, Mineralwasser, Trinkbecher, Flipcharts, professionelle Kommunikation, Vorabklärungen unter den anwesenden Vertretenden der Institutionen. Wer ist der/die nächste Klient_in? Was liegt vor, wo ist das Problem? Für die Zuschauenden ist stossend, wie schnell schon Urteile gebildet werden, bevor der/die Klient_in anwesend ist. Von einer Person heisst es, dass sie ihre Behinderung als Vorwand benutze, um sich durch das Ganze durchzuschlängeln. Von einer anderen, dass sie keine IV-Rente erhalten könne. Sie müsse etwas tun. Aber die Person würde über Schmerzen klagen und sogar noch die Ehefrau hätte eine volle IV-Rente. Man fragt sich, wenn man das alles hört, wie man denn den kommenden Klient_innen helfen wird.

Der Kostenfaktor Mensch

Ein über 50-jähriger Mann, früher Typograph, hatte einen Motorradunfall. Selbst verschuldet, das wird betont! Die Genesung benötigte ihre Zeit. Der Mann erhielt eine Unfallrente. Nach Jahren lief sie nun aus. Wie weiter im Leben? Er sitzt am Tisch. Zuvor, bevor er reinkam, informierte der IV-Vertreter, dass diesem Mann eine IV-Rente verweigert worden sei. Der Klient führt eine klare Sprache. Er meint, dass er – soweit er das System und das Verfahren hier überblicken könne – ein Kostenfaktor für dieses sei. Genau um das ginge es hier! Er kann gut Gedanken bilden und sie formulieren. Er meint, dass er vor Jahren beim Unfall gestorben sei. Die Zeit danach bis heute sei nicht das Leben. Er würde sich bald unter einer Brücke leben sehen. Er argumentiert vehement, die Assessor_innen schnaufen ein wenig, sitzen steif da. Der Mann geht. Einer der Assessoren sagt, dass er ja unter der Brücke schlafen könne. Das sei zu viel gewesen für ihn, diese heftige Argumentation. Der Klient «wolle ja gar nicht».

Ziel Leistungsfähigkeit

Eine andere Situation stellt einen Mann dar, der mit seiner Frau aus einem Kriegsgebiet in die Schweiz kommen konnte. Er sitzt da und meint, dass so viele Personen nun für ihn hier seien, das wäre ihm nicht recht. Der Mann leidet unter Schmerzen am rechten Arm bis zur Hand. Der Hausarzt attestierte ihm dies und behandelt ihn seit Jahren. Der Mann kann die rechte Hand nicht recht benutzen. Man fragt ihn, ob er Rechtshänder sei. Ja, das sei er, meint dieser. Oh je, könnte man als Zuschauender sagen; wenn er Linkshänder gewesen wäre, dann wäre er noch «integrierbar» für die Assessoren. Man fragt ihn, wie er den Tag so verbringe. Ja, er helfe seiner Frau und begleite diese mehrmals in der Woche zum Arzt. Die Frau müsste immer sehr viele Medikamente schlucken und dann sei sie immer wie tot. Die Frau erhält eine volle IV-Rente. Da kann man sowieso nicht viel machen. Wie er denn seine Zukunft sähe. Ja, gesund sein können und arbeiten, meint der Mann. Da wird von einer Assessorin an den Flipchart geschrieben: Leistungsfähigkeit!
Durch den ganzen Film hindurch fallen viele Fachbegriffe, welchen den Assessor_innen verständlich sind, den Klient_innen aber nur teilweise oder gar nicht. Gedanken, welche die Letzteren aussprechen, gewinnen durch Überstülpung von Fachbegriffen andere Betonungen. Teilweise schauen die Klient_innen recht hilf- und ratlos in die Gegend.
Eine jüngere Frau kommt herein. Nach der operativen Entfernung eines Hirntumors und daneben die Kinderbetreuung hatte sie wenig Chancen und Ressourcen, um eine Arbeitsstelle zu finden. Sie fühle sich jetzt aber sehr in Form, die Kinder seien etwas älter, sie möchte arbeiten. Sie wirkt sehr lebendig und zuversichtlich. Ihr wird Unterstützung angeboten, um bei der Arbeitssuche Erfolg zu haben.

Behinderung und Phlegma

Eine andere Szene: Besprechung unter den Assessor_innen, welche Klientin nun kommen würde. Ein Assessor sagt schroff, dass diese die Situation nur ausnutzen würde und dabei ihre Behinderung vorschütze. Als er sie zum ersten Mal sah, so schwerfällig und phlegmatisch, da hätte er sogleich gedacht, was das werden solle mit dieser.

Die junge gehörlose Frau, die früher im elterlichen Betrieb arbeitete, ist nun erwerbslos. Die Eltern schlossen altersbedingt den Betrieb. Die junge Frau lebte bis dahin in ihrer eigenen Mietwohnung und meisterte trotz ihrer Behinderung den Alltag und alle Abläufe sehr gut. Nachdem sie erwerbslos wurde, kam sie von der Behörde her unter Druck, was von einer Assessorin offen ausgesprochen wurde. Der Druck sollte Motivation und Bemühungen für die Arbeitssuche bei der Klientin auslösen. Das ging nach einer Weile so weit, dass die junge Frau ihre Wohnung kündigte und zurück zu den Eltern zog. Eine zusätzlich belastete Situation für alle drei entstand dadurch. Wie weiter? Wieder werden verschiedene Fachbegriffe angewendet, welche die junge Frau nicht versteht. Ihre Mutter, die sie begleiten durfte, sowie ein Dolmetscher für Gebärdensprache versuchen zu vermitteln. Der Erfolg ist gering. Diese Art von Denken kann die junge Frau nicht nachvollziehen. Was sie denn wolle? Ein Auto? Eine Reise? Oder so etwas in diese Richtung? Was denn ihre Motivation wäre? Sie sagt dann kleinlaut: Mit meinen Katzen zusammen sein und im Internet mich mit meinen Freund_innen austauschen. Das Internet ermöglicht ihr, soziale Kontakte zu pflegen und ihre Tiere geben ihr Zuversicht. Diese Sprache zählt für das System nicht

Dann kommt ein Hausmann, welcher jahrelang so seine Familie unterstützte. Er war in einem Alter erwerbslos geworden, wo man als Lohnsuchender nicht mehr so beliebt ist – ja, so wurde er halt zum Hausmann. Er klammert sich an jeden Strohhalm, wie er sagt. Meint zu allem ja. Ihm wird vorgeschlagen, eine Staplerprüfung zu machen. Danach erhält man einen von der Suva anerkannten Stapler-Führerausweis. Ja, warum nicht, denkt man als Zuschauender. Aber wenn man weiss, dass hier ein ziemliches Überangebot an Staplerfahrern im Markt herrscht… Der letzte Strohhalm kann zu einer Enttäuschung werden. Aber warum nicht, man kann es versuchen

Alles was bei einem IIZ-Assessment festgehalten wird, ist verbindlich. Die Klient_innen müssen Ziele haben und sie formulieren. Was anderes ist nicht denkbar. Hilflosigkeit wird zwar verstanden, aber nicht gerne geduldet. Alles muss funktionieren. Überblick, Abklärungen, Stichkontrollen, Prüfungen etc. Das (soziale) System besitzt viele Werkzeuge. Man spurt, oder man wird überholt und auf die Seite gedrängt. Genau da greift das System erst recht ein. Der Mensch muss was einbringen – er muss «sich lohnen». Alles soll einen Ertrag einbringen.

Der Dokumentarfilm und die verschlossenen Türen

Wie kann ein Dokumentarfilm all das vermitteln? Es steht viel Unausgesprochenes im Raum, sensible Zwischentöne sind rasch verflogen. Wie beispielweise das Misstrauen gegenüber den Klient_innen, welches ersichtlich gemacht werden soll. Trotzdem ist dies dem Regisseur relativ gut gelungen, dank der langsamen Kameraführung. So wurde ohne Worte sehr deutlich für den Zuschauenden, wie die Verhältnisse sind: Hier die Ängste, die Hoffnungslosigkeit – dort die Machtinstanzen. Wie teuer kommt denn überhaupt das Ganze zu stehen? Das IIZ-Assessment pro Fall? Welche Resultate sind vorlegbar? Gibt es (kritische) Evaluationen darüber? Fragen über Fragen. Diesen müsste man nachgehen. Wer wird es sein, der dies tut?

Der Film macht inzwischen seine Reise, war bei vielen Kulturoasen, alternativen Kinos und unabhängigen Rechtsberatungsstellen zu Gast. Die 37. Duisburger Filmwoche 2013 zeichnete ihn aus mit dem «Carte Blanche»-Nachwuchspreis des Landes NRW, dotiert mit € 5000. Er erreichte auch eine lobende Erwähnung am Dokumentarfestival 2014 Dokka in Karlsruhe. Mischa Hedinger und der Film werden noch manche Einladung erhalten. Es ist mehr als notwendig, dass darüber gesprochen wird. Über das, was hinter verschlossenen Türen nach aussen hin nicht sichtbar, behandelt und verhandelt wird.
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1 http://www.assessment-film.ch.

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