Kurze Geschichte der Londoner Unruhen

Lindsey German und John Rees*

aus Debatte Nr. 19 – Winter 2011

Im letzten August erschoss die britische Polizei bei einer Verhaftung einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe, worauf Grossbritannien eine Welle der Jugendunruhen erlebte. Sind es nun Chaoten und Kleinkriminelle, oder doch politische Subjekte, die sich so artikulierten? Der Beitrag rollt die Frage von ihrem geschichtlichen Hintergrund her auf.  (Red.)

Poliker_innen und Journalist_innen haben sich beeilt, die Unruhen als «reine Kriminalität » zu denunzieren. Über die Jahrhunderte hinweg ertönte von Seiten jener, die die herrschende Ordnung verteidigen, stets der gleiche Aufschrei gegen jegliche Unruhen in London.

Der «Londoner Mob» war fast seit der Gründung der Stadt ein Gegenstand der Angst für die Londoner Reichen. Die Grösse und Eigenschaften von London öffneten die Stadt immer wieder für Prozesse der Radikalisierung. Grosse Gruppen von Menschen lebten und arbeiteten zusammen und entwickelten Ideen gegen Autoritäten, wie es auf diese Weise in ländlichen Gebieten oder kleineren Städten viel weniger gut möglich gewesen wäre. Als Regierungssitz war London das natürliche Zentrum für Proteste gegen die Monarchie und später gegen das Parlament. Der Bauernaufstand von 1381 endete in London, als die Bürger_innen die Stadttore öffneten und den Zehntausenden Bäuerinnen und Bauern unter Führung von John Ball und Wat Tyler Einlass gewährten (und die Plünderung der Stadt ermöglichten). Die Aufständischen brannten den Palast von John of Gaunt (Johann von Gent, Sohn König Eduards III.) am Savoy-Platz nieder. Im Kampf gegen die Erhebung der Sondersteuern zur Finanzierung des Hundertjährigen Krieges exekutierten sie den Schatzkanzler von England, Robert Hales. Sie brachen die Tore der wichtigsten Gefängnisse der Stadt auf. Wie heute wurden auch damals einige Unbeteiligte Opfer der Unruhen (damals waren es flämische Kleiderhändler_innen, die als Handelsrivalen wahrgenommen wurden). Die Bäuerinnen und Bauern erzwangen vom König freies Geleit, bevor die Anführer der Aufständischen durch Richard II. ausgetrickst und vom Verhandlungsort Smithfield verjagt wurden. Dennoch brannte sich die Revolte in das kollektive Gedächtnis der Aristokratie ein, und die Sondersteuern wurden tatsächlich abgeschafft.

Frauen und junge Handwerker tragen die Revolution

Die neue protestantische Religion breitete sich in jenen Teilen Europas am stärksten aus, in denen die kapitalistische Produktion ihren Aufschwung nahm. In London fasste sie ab dem 16. Jahrhundert Fuss. Prediger, Glaubensschriften und Pamphlete rund um die neue Religion waren in der Londoner Bevölkerung beliebt, während die politische Debatte sich vornehmlich in religiösen Bahnen bewegte und die Handlungen von König und Aristokratie die Sprache der Theologie sprachen. Im Zuge der englischen Revolution von 1641 und danach radikalisierte sich London zunehmend. Treibkraft des revolutionären Fortschritts in dieser Zeit waren untern anderem die Frauen, die im Verlauf der revolutionären Krise das Parlament belagerten. Auch die Londoner Lehrlinge standen an der Spitze der Revolution. Der König wurde durch die Bevölkerung aus London vertrieben. Die Royalisten gewannen in der Hauptstadt ihren Handlungsspielraum nicht mehr zurück und verloren ihren Einfluss auf London für den Rest der revolutionären Zeit. Die Initiative für die Hinrichtung des Königs nach dem Zweiten Bürgerkrieg kam von London und ihren radikalsten Bevölkerungsschichten. Sie bildeten auch zu einem guten Teil die Basis der Partei der Levellers (etwa «Gleichmacher», was ihnen zunächst als Spottnamen angehängt wurde). Diese bildeten mit ihren Anführern John Lilburne und Richard Overton den wichtigsten Bestandteil der Linken in der Revolution. Lilburne selber war ein ehemaliger Lehrling und richtete das Wort oft an die «apron youth» (die Jugend mit der Handwerkerschürze) von London. Das waren jene jungen Menschen ohne feste Anstellung, welche den kämpferischsten Teil der Masse bildeten.

Auftritt des «Mobs»

Aber erst im 18. Jh. trat die Londoner Bevölkerung wirklich für sich selbst in Aktion. Der «Londoner Mob», eine Bezeichnung für die Massenaufläufe in London bei einer Vielzahl von Gelegenheiten und Anliegen, war fähig das Parlament zu belagern, zu demonstrieren, zu randalieren und die Reichen anzugreifen. Der Mob war auch ein Kommunikationsmedium, über das sich Neuigkeiten und Informationen wie ein Buschfeuer verbreiteten. Der Begriff «Mob» stammt vom Lateinischen «mobile vulgus» («beweglicher Pöbel»), im 18. Jh. geprägt zur Benennung der werktätigen Armen. Nach dem Historiker Peter Linebaugh kann das Wort im Sinn von «Bewegung» übersetzt werden, was den Zusammenhang mit Protest sichtbar macht. Die Kampagne von Mitte des 18. Jh. zur Unterstützung von John Wilkes, der gegen den Willen von König und Parlament in dieses Gremium wiedergewählt werden wollte, war begleitet von wiederholten Mobilisierungen des Mob mit dem Ausruf: «Wilkes and Liberty» (Wilkes und Freiheit). In Zuge einer der zahlreichen Unruhen dieser Zeit schlug der Mob die Fenster von Mansion House, dem Amtssitz des Bürgermeisters, ein. Gleiches geschah mit jedem wohlhabenden Haus, deren Besitzer Wilkes nicht unterstützen wollten. Dabei herrschte eine komplizierte Beziehung zwischen dem Mob und den Ober- und Mittelschichten, die zumindest teilweise die Handlungen der Massen für ihre eigenen politischen Ziele guthiessen und tolerierten: «Die Londoner Bevölkerung, welche Wagen aufhielt und die Fenster der Mächtigen einschlug, wusste, dass ihre Handlungen gebilligt wurden.»

Blutige Niederschlagung der Proteste

Unter den Aktionen des Mob im 18. Jh. sind die Gordon-Unruhen von 1780 die bekanntesten. Auch wenn in diesem Zusammenhang noch immer Einiges kontrovers diskutiert wird, besteht wenig Zweifel daran, dass es sich um die authentische Stimme des Mob handelte. Die Unruhen brachen im Zusammenhang mit der Übergabe einer Petition an das Parlament betreffend die Duldung der Katholiken aus – Ausdruck einer bleibenden Angst der Londoner Protestanten seit den Zeiten der Restauration. Viele unter den Demonstrant_innen waren angesehene Bürger und Mitglieder der religiösen protestantischen Strömung der «Dissenters», welche die offizielle anglikanische Kirche ablehnten und unter der Führung des schottischen Aristokraten Lord George Gordon standen. Die Demonstration ging in einen Aufstand über, als das Unterhaus des Parlaments sich weigerte, die Petition zur Diskussion zu stellen. Teile der aufgelaufenen Menschen – Lehrlinge, Dienstpersonal und Handwerker, also die Ärmsten, zusammen mit einigen Kriminellen und Prostituierten – begannen zu randalieren. Die Niederschlagung der Gordon-Unruhen, in deren Verlauf Hunderte durch die Armee getötet und einige gehängt wurden, war die letzte grosse Äusserung des Mob im 18. Jh., auch wenn dieser nie ganz verschwand. Tatsächlich scheint es sich, trotz alle Unterschiede in Zusammensetzung und politischen Zielen durch die Jahrhunderte, um eine der dauerhaftesten Formen von radikalem Protest der Bevölkerung zu handeln.

Die Gordon-Unruhen von 1780.

Die Gordon-Unruhen von 1780.

Angst vor der französischen Revolution

Die Auswirkungen der Französischen Revolution auf London veränderten die Art der Proteste. Die Infragestellung von Privilegien und Besitz schwappte 1789 über den Ärmelkanal und schockierte die britische herrschende Klasse. Was in den folgenden vier Jahren passierte, brachte sie nur noch mehr in Furcht, als die französische Monarchie und die Aristokraten abgesetzt und exekutiert wurden. Wer die Linke innerhalb der Französischen Revolution, die Jakobiner, unterstützte, fand die politische Atmosphäre in Grossbritannien zunehmend patriotisch und konservativ. Der Hintergrund des von Frankreich unternommenen revolutionären Krieges in Europa führte zu einer Jagd nach Sündenböcken, nach dem «Feind im Innern». Ab 1792 stachelten Amtspersonen und Kirchenvertreter im Namen von «Kirche und König» Gruppen von Randalierern auf, die aber nie wirklich Teil der Vorstellungswelt der Bevölkerung wurden. In London gelang es nicht, ihnen einen nennenswerten Aufschwung zu verleihen. Als die Jakobinischen Gefangenen 1794 freigesprochen wurden, fanden in London öffentliche Feiern der Bevölkerung statt. Edward Thompson schreibt hierzu: «1795 war die Londoner Masse revolutionär gestimmt und entdeckte (durch Vermittlung der London Corresponding Society) neue Formen von Organisation und Führung.»

Der Mob wird diszipliniert

Die von Frankreich geführten Kriege und die damit zusammenhängende politische Repression waren ein Wendepunkt in dieser Entwicklung. Nie mehr später sollte die politische Elite dem Mob erlauben, sich in dieser Art zu benehmen. Zu Beginn des 19. Jh. wurden mit der kapitalistischen Vorherrschaft Grossbritanniens und dem Anschwellen der industriellen Arbeiter_innenklasse die Trennlinien klar gezeichnet. Ratsherren und Politiker wollten keinen Angriff auf Eigentum und Gesetz mehr riskieren. In der ersten Jahrhunderthälfte wurde in London folgerichtig die Polizei aufgebaut. Dennoch verschwand der Mob nicht vollständig. 1866 erschien er wieder auf der Bildfläche anlässlich der Demonstrationen der Erwerbslosen, als die eingeschlagenen Scheiben auf der Einkaufsstrasse Pall Mall als Zeichen des Aufstands der Armen die überaus reiche herrschende Klasse erschreckten. In den Massenstreiks von 1888 und 1889 und dann in den grossen Unruhen von 1910 bis 1914 drückte sich der Mob erneut kraftvoll aus. Diesmal führten die Unruhen zum Erstarken einer kämpferischen Arbeiter_innenbewegung. Als in den 1930er Jahren grosse Demonstrationen von Erwerbslosen von der Polizei angegriffen wurden, schlugen sie wiederum in Unruhen um.

Jugendkrawalle in Brixton 1981.

Jugendkrawalle in Brixton 1981.

Die Jugendunruhen ab 1981

1981 revoltierten die jungen Schwarzen von London (zusammen mit ähnlichen Gruppen in anderen Landesteilen) gegen Rassismus und Unterdrückung. Sie randalierten in Brixton und erhielten Verstärkung durch weisse benachteiligte Jugendliche aus diesem und anderen Arbeitervierteln. Auch 1990 entwickelte sich die Massendemonstration gegen die Poll Tax (Kopfsteuer) zu einer Strassenschlacht durch London. Zusammen mit der massenhaften Zahlungsverweigerung führte dies dann zum Rücktritt von Premierministerin Margaret Thatcher und zur Abschaffung der Poll Tax als solche. London war ein Zentrum des Widerstands gegen die 1990 von konservativen Tories eingeführte Poll Tax. Unruhen fanden vor Rathäusern zahlreicher Arbeiterviertel wie Hackney und Islington statt, denn es war offensichtlich, dass sich die Kopfsteuer direkt gegen die Arbeiter_innenklasse richtete. Im März 1990 marschierten 200’000 Menschen durch das Zentrum von London. Strassenschlachten brachen bei Whitehall und Trafalgar Square aus. Demonstrant_innen wurden brutal von der Polizei angegriffen und durch das Theaterviertel und Soho gejagt.

Und heute?

Die Demonstrationen von Studierenden von 2010 zeigten viele Merkmale des traditionellen Mobs: Viele junge und relativ arme Menschen fanden sich in sehr kurzer Zeit zusammen, neue Kommunikationsmittel erlaubten ein Zusammenspiel zwischen entfernten Vorstädten und der Londoner Innerstadt. Damit wurden Hindernisse überwunden, die mit der weiten Ausdehnung der Stadt zu tun haben. Es kam eine unerbittliche Opposition gegen Regierung und Eliten zum Ausdruck, verhasste Gebäude wurden angegriffen (Hauptquartier der Tories, Finanzministerium). Natürlich wurden die Demonstrant_innen als gewalttätig und kriminell verurteilt, wie alle ihre protestierenden Vorgänger_innen. Dennoch machte die Unterstützung durch viele Bewohner_innen Londons klar, dass die Jungen auch für einen guten Teil der Bevölkerung sprachen.

Ausbrüche von gesellschaftlicher Wut wurden immer mit Repression beantwortet, und das Gesetz wurde wiederholt zur Kontrolle jener eingesetzt, die gegen Autorität rebellierten, meist Jugendliche. In den 1970er und 1980er Jahren wollte man schwarze und asienstämmige junge Menschen mit den rassistischen SUS-Gesetzen (Verhaftung auf Verdacht) niederhalten. Heute ist die Wahrscheinlichkeit, angehalten und durchsucht zu werden, für Menschen mit dunkler Hautfarbe und asiatischem Aussehen 26 Mal grösser als für andere.

Die lange Geschichte der Londoner Unruhen hängt teils mit der Grösse der Stadt zusammen; teils mit dem relativ nahen räumlichen Zusammenleben von Reich und Arm; ein Faktor ist auch der Status der Stadt als Regierungssitz; ein anderer die Konzentration von vielen jungen Menschen (über längere Zeiträume) in relativ kleinen Betrieben. Der Aufschwung der Arbeiter_innenbewegung seit dem Chartismus der ersten Hälfte des 19. Jh. verlieh dem Mob Formen, die mehr Organisation aufweisen: Gewerkschaften, Streiks, politische Parteien, politische Kampagnen. Jedoch umfassten diese Formen nie die ganze Arbeiter_innenklasse, und Unruhen waren oft mit den genannten Widerstandsformen vermengt.

Protest in neuer Form

Heute erreicht die Wut in der Gesellschaft eine neue Dimension, und die traditionelle Arbeiter_innenbewegung hat weniger Einfluss auf Widerstandsformen als in früheren Generationen. Unruhen sind ein Ergebnis der Lage. Sie sind immer eine stumpfe politische Waffe. Manche beteiligen sich bewusst aus politischen Gründen daran. Andere geraten in die Dynamik von Strassenschlachten aufgrund von wirtschaftlichen und politischen Gründen, die ihnen nur halb bewusst sind. Wieder andere machen aus anderen Gründen mit. Aber Unruhen sind nie etwas, das einfach passiert. Sie sind auch nicht das Produkt von plötzlichen und geheimnisvollen Beschlüssen Krimineller, welche einen Massenaufstand organisieren, nur um Läden zu plündern. Unruhen haben immer soziale und wirtschaftliche Wurzeln, und es ist immer ein Protest der Ausgegrenzten und der Armen gegen die Bedingungen, die ihnen aufgezwungen werden durch die Reichen und Mächtigen.

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* Lindsey German und John Rees arbeiten an einem Buch zum Thema: «A People’s History of London», das 2012 bei Verso erscheinen wird.

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