Für eine neue Avantgarde

David S.

aus Debatte Nr. 19 – Winter 2011

Im Frühling dieses Jahres haben wir eine Diskussion zum Begriff der Avantgarde eröffnet. Auf  Alain Bihrs Artikel «Zum Begriff der Avantgarde», der in der Debatte Nr. 16 und 17 erschienen ist, folgte Peter Streckeisens Beitrag «Avantgarde und Wissenschaft» (Debatte Nr. 18). Der folgende Artikel versucht, die Notwendigkeit einer Avantgarde am Beispiel Griechenlands zu verdeutlichen. (Red.)

Alain Bihr grenzt seine Vorstellung der Avantgarde strikt von derjenigen eines allwissenden Machtgremiums ab, das über die Geschicke einer Partei, einer Bevölkerungsgruppe oder gar eines Landes waltet. Er versteht die Avantgarde als «vorderste Spitze einer sozialen Bewegung«, als «ihren suchenden Kopf», die den theoretischen und praktischen Horizont der Bewegung erforscht. Ihre Erkenntnisse und Einschätzungen muss sie der Gesamtheit des Kollektivs unterbreiten und zur Diskussion stellen. Ein Führungsanspruch besteht nicht, ein alleiniger schon gar nicht. Weiter betont er, dass es zwangsläufig eine Pluralität von Personengruppen, Netzwerken, Organisation usw. gibt, die – jeweils in einem Bereich und zu einer Zeit – den Status einer Avantgarde erreichen können. Dass Bihrs Vorstellungen der «idealen» Avantgarde nichts mit derjenigen einer sich selbst zur Avantgarde erklärenden, herrschsüchtigen und autoritären Machtclique zu tun hat, legt er unmissverständlich dar. Und Alain Bihr ist mit seiner Definition gewiss nicht alleine. Den Verfechter_innen des Avantgardekonzepts daher grundsätzlich Herrschsüchtigkeit, Arroganz oder Besserwisserei vorzuwerfen, schiesst am Ziel vorbei. Wohl aber stehen wir als politische Aktivist_innen und Vertreter_innen eines revolutionären und sozialistischen Projektes in der Pflicht, zu fragen, unter welchen Bedingungen heute eine positiv definierte Avantgarde entstehen kann – und was wir, als Einzelpersonen und als Kollektiv, dazu beitragen können.

Dazu gehört natürlich auch, das Aufkommen künftiger oder gegenwertiger «Machtcliquen» sowie alle Tendenzen unserer eigenen politischen Praxis und innerhalb unseres Umfeldes, die in diese Richtung gehen, als Negation der Avantgarde konsequent zu bekämpfen. Wie schon erwähnt, kann sich eine Avantgarde nicht selbst ernennen oder bestimmen, aber wir können als Kollektiv darauf hinarbeiten, das zumindest die Grundvoraussetzungen wieder gegeben sind: Aufbau demokratischer und transparenter Strukturen, Entscheidungsfindung von unten nach oben, die von allen respektiert wird, Bereitschaft zur Kritik und Kritikfähigkeit in allen Bereichen, Aufbau einer demokratischen und ehrlichen Diskussionskultur, Überwindung des sektiererischen und arroganten Denkens.

«Real existierende Avantgarden»

Peter Streckeisen weist in seinem Beitrag darauf hin, dass die bisherigen «real existierenden Avantgarden» Bihrs Idealtypus nicht entsprochen haben und fragt, ob wir in diesem Fall überhaupt von Avantgarden sprechen sollten. Ich denke, das sollten wir nicht. Aber wir sollten uns um eine positive Neubestimmung des Begriffes bemühen. Genauso, wie wir damit zu kämpfen haben, dass der «real existierende Sozialismus» die Idee des Sozialismus als Projekt der Selbstbefreiung der Arbeiter_innenklasse diskreditiert und verunglimpft hat, haben wir heute verständlicherweise auch Mühe, für den Begriff der Avantgarde einzustehen, ohne in den Verdacht des Autoritarismus, der Besserwisserei oder des Stalinismus zu geraten. Auch dass wir – als Produkt dieser Geschichte – immer wieder Gefahr laufen, dieselben oder ähnliche Fehler zu begehen, ist insofern erklärbar (wenn auch nicht entschuldbar). Wer aber heute zum Schluss kommt, trotz der historischen Erfahrungen weiterhin für das Projekt des Sozialismus zu kämpfen, hat keinen Grund, vom Begriff der Avantgarde abzusehen. Genauso, wie die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts – trotz oder auf Grund aller Fehlschläge – wichtige Erkenntnisse für eine künftige demokratische und sozialistische Linke liefert, liefert sie auch Erkenntnisse darüber, wie diese Linke in Zukunft ihre Funktion als Teil einer revolutionären und antikapitalistischen Avantgarde wahrnehmen könnte. Genau darin sehe ich auch ihre Aufgabe.

Das Beispiel Griechenland

Jede soziale Bewegung ist durch eine mehr oder weniger heterogene Zusammensetzung geprägt. In jeder Bewegung entstehen gewisse Formen von Arbeitsteilung und unterschiedliche Herangehensweisen. Daraus geht aber nicht zwangsläufig eine Avantgarde im positiven Sinne hervor. Dass aber ein «Pol von Avantgarden» (Bihr) vor allem in Zeiten gesellschaftlichen Umbruches dringend notwendig ist, kann an Hand der Situation Griechenlands verdeutlicht werden.

Aris Leonas fasst in seinem Artikel «Regierung ohne Volk»1 die jüngsten Mobilisierungen wie folgt zusammen: «Breite Studentenmobilisierungen und Aufstände 2006 (…); wochenlange Aufstände von Jugendlichen im Dezember 2008 nach dem Mord an einem Teenager durch die Polizei; Massendemonstrationen; 13 Generalstreiks; die Bewegung der Indignados nach dem Vorbild aus Spanien; Besetzung öffentlicher Plätze und Streiks in Schlüsselindustrien…» Diese knappe Aufzählung ist zwar unvollständig, deutet aber darauf hin, dass die griechische Gesellschaft zu den am meisten politisierten in Europa gehört. Trotz all dieser Bemühungen konnten die tiefgreifenden Angriffe der Troika (EU, EZB, IWF) sowie der griechischen Regierung nicht gestoppt werden. Die Kaufkraft einiger Bevölkerungsschichten ist um bis zu 50 Prozent gesunken, die Arbeitslosigkeit nimmt rapide zu, Geschäfte, Betriebe und Restaurants gehen zu Tausenden Pleite. Leonas dazu: «Die Menschen äussern (…) ein tiefes Gefühl von Verzweiflung. Ihnen fehlt eine klare Vorstellung von möglichen Alternativen. Panik und ein allgemeines Gefühl des ökonomischen, politischen und vor allem sozialen Zusammenbruchs sind weit verbreitet.»

Keine Avantgarde in Sicht

Trotz bevorstehender Rezession, ständiger Angriffe auf die sozialen Rechte der Bevölkerung Griechenlands, dem drohenden Staatsbankrott und der hohen, vielfältigen und auch mutigen Widerstandsbereitschaft der Menschen, fehlt es an Alternativen.

Die stark zersplitterte und fragmentierte Linke Griechenlands2 indessen schafft es nicht, ihre internen Differenzen für den Moment zurückzustellen und den Widerstand glaubwürdig und mit guten Vorschlägen zu unterstützen. Es wäre genau die Aufgabe der zahlreichen antikapitalistischen Organisationen und Bündnisse, zu versuchen, die Rolle einer Avantgarde einzunehmen: Zum einen gemeinsam die Ursachen und Bedingungen der Probleme Griechenlands zu analysieren und zu kritisieren, zum anderen die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Anliegen und Bedürfnisse innerhalb des Widerstandes (von den Staatsangestellten über die Taxifahrer und die Privatbeschäftigen, bis hin zu den Studierenden, Arbeitslosen und Mirant_innen) aufzuzeigen und zu synthetisieren. Schliesslich müsste sie daraus auch gemeinsame politische Forderungen ableiten, die klar verständlich sind und hinter denen ein Grossteil der Bevölkerung stehen kann. Auf praktischer Ebene stünde sie in der Pflicht, zur Verständigung und zur Zusammenarbeit der verschiedenen Widerstandsformen beizutragen, ohne diese zu vereinnahmen und zu unterdrücken.

Panos Petrou, selbst Mitglied der Internationalen Arbeiterlinken (DEA), beschreibt in seinem Artikel «Ruining the lives of Greek workers»3 das Problem der Linken wie folgt: «Die Tatsache, dass die bisherigen Auseinandersetzungen mit der Regierung (…) keinen Erfolg brachten, ist ein weiterer Faktor der Demoralisierung (der Bevölkerung). (…) Alle Parteien und Organisationen der Linken unterstützen die neue Bewegung, allerdings ist der Mangel an gemeinsamer Aktion ein ernsthaftes Hindernis.»

Auch wenn die Stärke des griechischen Widerstandes – angesichts der immer härter werdenden Repression und des hohen Tempos, mit dem sich ihre Lebensbedingungen verschlechtern – beeindruckend ist, so ist die Entstehung einer Avantgarde, eines «suchenden Kopfs der Bewegung», der den «theoretischen und praktischen Horizont» auskundschaftet, bisher ausgeblieben.

Besserwissenschaft

Peter Streckeisen verweist in seinem Beitrag darauf, dass sich der historisch mit der Selbstproklamation zur Avantgarde verknüpfte Wahrheitsanspruch oft der Idee des «Marxismus als Wissenschaft» bemächtigt hat, um politisch Andersdenkende zu denunzieren. In der Tat beschuldigen sich auch die verschiedenen griechischen Organisationen (und ihre intellektuellen Exponenten) gegenseitig der falschen Analyse und sehen deswegen von einer ernsthaften Kooperation ab. Die vermeintliche Gewissheit, die einzig richtige Strategie für den Klassenkampf bereit zu haben, trägt hier zur Unfähigkeit der Zusammenarbeit bei und ist somit nicht Ausdruck einer Avantgarde, sondern eher ihrer Abwesenheit.

Allerdings wäre es der falsche Weg, wenn wir deswegen die Idee einer der bürgerlichen Wissenschaft überlegenen marxistischen Wissenschaft grundsätzlich in Frage stellten. Um bei Griechenland zu bleiben: Die ökonomischen, politischen und sozialen Probleme in Griechenlands lassen sich besser mit dem Verweis auf die soziale Ungleichheit, das Nord-Südgefälle innerhalb Europas und der fallenden Profitrate erklären (marxistischer Ansatz), als mit der «Faulheit» und «Korruption» des griechischen Volkes oder dem «aufgeblähten» Staatsapparat (bürgerlicher Ansatz). Den unterschiedlichen Position und Theorieansätzen ihre unterschiedliche Qualität abzusprechen, würde zu Beliebigkeit führen und auch sämtliche Theorien mit ihren unterschiedlichen Ansprüchen nicht ernst nehmen. Ich plädiere also dafür, daran zu arbeiten, die «Besserwissenschaft» durch Kritikfähigkeit und eine gesunde Skepsis gegenüber der eigenen Praxis zu überwinden, die Vorstellung von Wissenschaftlichkeit (und Objektivität) aber aufrechtzuerhalten. Dies wird eine der zahlreichen Herausforderungen sein, der sich eine künftige Avantgarde stellen muss.

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1 Erschienen in der Sozialistischen Zeitung (SOZ) im November 2011.

2 Ein kleines Partei– und Organisationsverzeichnis Griechenlands findet sich auf www.links-netz.de/K_texte/K_triandafilidou_griechenland.html.

3 Siehe http://socialistworker.org, Ruining-the-lives-ofgreek-workers.

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