Editorial aus Debatte Nr. 19 – Winter 2011

England war für Marx die konkrete historische Gesellschaftsformation, an der er den Kapitalismus untersuchte. De te fabula narratur! Diese Worte richtete er an die deutsche Leserschaft: In England wird eure Geschichte geschrieben. Da seht ihr, welche Zukunft euch erwartet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts dachte Engels, nur in England könnte der Kapitalismus auf friedlichem Weg überwunden werden. Als Hilferding, Lenin und Luxemburg die marxistische Imperialismustheorie entwickelten, hatten auch sie das britische Empire als führende Kraft vor Augen.

Der Gegensatz zu heute ist augenfällig: Auf dem europäischen Kontinent interessiert sich die Linke kaum noch dafür, was jenseits des Ärmelkanals geschieht. Doch Grossbritannien ist im globalen Kapitalismus keineswegs bedeutungslos geworden. Denken wir nur an die Londoner City oder die britische Sonderrolle als Junior Partner der amerikanischen Streitkräfte. Und vielleicht gilt in gewisser Hinsicht erneut: De te fabula narratur! Steht Grossbritannien heute nicht beispielhaft für die Krisendynamik eines Kapitalismus, der die Wohlstandsversprechen der Nachkriegszeit aufkündet?

Die Londoner Jungendunruhen haben Anfang August vorübergehend die internationale Medienaufmerksamkeit angezogen. Wer länger und genauer hinschaut, sieht ein Land, in dem seit 2010 verschiedene Protestbewegungen vor dem Hintergrund der tiefsten sozialen Krise seit Jahrzehnten ausbrechen.

Die Redaktion

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