Zur Avantgarde-Frage

Hanspeter Gysin

aus Debatte Nr. 26 – Herbst 2013

In «Debatte» Nummer 16 vom Frühling 2011 haben wir mit einem Text von Alain Bihr eine Diskussion um den Begriff Avantgarde sowie ihren Sinn und Zweck angestossen. In jeder folgenden Nummer sind zu diesem Themenkreis Texte erschienen. Der aktuelle Beitrag nimmt Stellung zu diversen Ausführungen zum Thema. (Red.)

Alain Bihr hat sich in seinem ersten Beitrag (Debatte Nr. 16 und 17) ausdrücklich mit dem «Begriff» (!) Avantgarde (bezogen auf die genannten Avantgarden linksrevolutionärer Statur) befasst und skizziert, wie eine solche beschaffen sein müsste, um diesen Namen in einem positiven Sinn zu verdienen. Eine solche sollte, meinte er, der «suchenden Kopf» einer Bewegung und eben nicht deren «Generalstab» sein. In unserer Diskussion, die bisher nur begrenzt eine war, weil wenig auf Alains Bihrs Text eingegangen wurde, hat Peter Streckeisen dann zurecht kritisch auf die Unsitte, «Marxismus» als eine Art Glaubensersatz zu praktizieren, hingewiesen (Nr. 18). David S. verteidigte die Notwendigkeit einer Avantgardefunktion und machte darauf aufmerksam, dass revolutionäre Prozesse nicht vollautomatisiert oder von Geisterhand gesteuert vor sich gehen (Nr. 19). Peter Haumer problematisierte das «leidige Verhältnis Führung-Masse», welches die Gefahr von Missbrauch in sich trägt (Nr. 20). Auf einen Vorschlag hin wurde dann ein Text von Christian Frings aufgenommen, der Avantgarden generell als unnütz oder gar schädlich bezeichnete und meinte, die Massen würden schon wissen wohin der Weg zum besseren Leben führe (Nr. 21). Noch einmal wurde dann Alain Bihr ein Platz eingeräumt, indem er sich (etwas am Rande des Themas) mit der Rolle der, wie er sie nannte «Kaderklasse» befasste, mit den lohnabhängigen Mittelschichten, die sich in den Dienst des Kapitals stellen, solange dieses ihre (v.a. materiellen) Ansprüche einigermassen erfüllt und die, dank höherer Bildung und zahlreichen Privilegien, gerne Führungsfunktionen zu übernehmen bereit sind (Nr. 22). Schlussendlich wurde in Debatte Nummern 23 und 24 ein umfassender Text von Rainer Thomann übernommen, der zwar auch nicht auf das Vorhergehende einging, aber in eindrücklicher Weise die Geschichte der gescheiterten linken Avantgardekonzepte darlegte. Im dritten Teil des Beitrags in Nummer 25 griff Rainer Thomann dann die Thesen von Alain Bihr frontal an, bezeichnete sie als Wunschdenken und lehnt alles was er im Verdacht sieht, eine «Avantgarde» zu sein, kategorisch ab.
Nun, wenn alle der selben Meinung sind, ergibt sich weder Diskussion (Dialog) noch Debatte (Streitgespräch), deshalb mische auch ich mich ein. Was mir in dieser für eine kritische Linke wichtigen Auseinandersetzung fehlte, sind gedankliche Lösungsansätze. Bis zum letzten Beitrag wurde jeweils in erster Linie eine Eigensicht zum Thema vorgetragen. Ich versuche vor allem auf die Argumente von Rainer Thomann einzugehen.
Eine Avantgarde ist sprachgeschichtlich gesehen, zunächst ganz einfach eine Gruppe Vorausgehender. Im Bereich des Kulturschaffens sind es die Träger_innen neuer Ideen, in der Wissenschaft die Erfinder_innen, in der Politik die kreativen Köpfe, die Tatendurstigen, welche taktische und strategische Vorschläge machen.
In meinem Verständnis handelt es sich bei Avantgarden im politischen Sinn um Personen oder Personengruppen, die beispielsweise das Wort ergreifen, Ideen lancieren, Konzepte erarbeiten, Konfrontationen, oft auch überdurchschnittliche Risiken eingehen und so die Legitimation erlangen, Führungsaufgaben zu bekleiden. Vorangehende/r zu sein bedeutet also, die (Teil-) Verantwortung für einen Plan, die Entscheidungen die man prägt und die mitwirkenden Personen sowie die Umsetzung der Idee zu tragen.

Aus «Wo soll das alles enden?», Gerhard Seyfried, 1979.

Aus «Wo soll das alles enden?», Gerhard Seyfried, 1979.

Avantgarde als Realität

Avantgarde mit ihrer Funktion ist nicht eine Erfindung (auch nicht die von Lenin) die man verhindern, gegebenenfalls verbieten könnte, sondern eine simple, offensichtliche Realität. Vergleichbar mit dem Faktum Macht, die nicht zu eliminieren ist. Avantgardefunktionen oder Macht sind bestenfalls übertragbar, beispielsweise von einer Person oder Gruppe auf eine andere. Entweder ist es also die eine Person oder Gruppe, die voranschreitend Einfluss nimmt, Macht ausübt oder es ist eben eine andere. Konkret: Eine andere Gesellschaftsordnung zu etablieren, bedeutet in letzter Konsequenz, die Übernahme der Macht durch andere Kräfte.
In jeder Gemeinschaft, vom Verein bis hin zum Staatsgebilde oder dem Weltkonzern gibt es diese voranschreitenden Personen oder Gruppierungen. Die Gruppen werden in aller Regel, man mag das bedauern oder begrüssen, von Einzelpersonen – Präsidenten, Vorsitzenden etc. – angeführt. Die Legitimation für solche hierarchischen Strukturen fussen auf manchmal mehr, manchmal weniger demokratischem Prozedere. Die optimale Form der Entscheidungsfindung zu ergründen: Da würde ich innerhalb der Linken den prioritären Diskussionsbedarf sehen, weil demokratische Meinungsfindungsprozesse im Vorfeld formaler Akte wie Wahl und Abstimmung wesentlich von Bedingungen abhängig sind; von Informationen über die politischen Absichten, über hintergründige Vereinbarungen mit anderen Akteuren, über die finanziellen Quellen und von einer Kommunikation, die nicht selektiv ist.
Meiner Erfahrung nach ist also die Verantwortung für das Missfunktionieren einer Gruppierung nicht ausschliesslich den Führungsfiguren anzulasten. Es gibt, mindestens so lange die Machtverhältnisse nicht durch Repressionen und Manipulation aufrecht erhalten werden (können), eine Interaktion zwischen der Basis und deren Leitung, zwischen engagierter Risikobereitschaft und wohlmeinendem Opportunismus, um nur einen Aspekt zu erwähnen. Alain Bihrs Ausführungen habe ich in ihrem Kern die Aufforderung an die jeweilige Basis entnommen, nicht jede (selbsternannte) Avantgarde unhinterfragt zu akzeptieren. In der Regel hat man ja die Wahl, einer Leitung entweder zu folgen oder einen anderen Weg einzuschlagen. Da wäre meiner Meinung nach der emanzipatorische Ansatzpunkt, mit dem wir uns auseinandersetzen müssten. Ein wesentliches Element von Emanzipation ist zweifellos die Selbstermächtigung und diese bedeutet auch, dass die Basis einer (revolutionären) Bewegung lernt, ihren führenden Figuren kritisch gegenüber zu treten und allfälligem Machtmissbrauch Schranken zu setzen. Solcher Missbrauch muss, nebenbei bemerkt, nicht in jedem Fall auf kaltblütigem Machthunger beruhen sondern kann durchaus auch Ergebnis überschwänglichen (revolutionären) Tatendrangs sein.
Auch ich wünsche mir selbstverständlich, dass die ganze kriminellen Katastrophen, die im Namen der Idee einer sozialistischen (freien, egalitären, solidarischen) klassenlosen Gesellschaft im zwanzigsten Jahrhundert angerichtet worden sind, sich nicht wiederholen. Aber ich denke, dass wer vom «Abschied von den Avantgarden» schreibt, sich auch überlegen muss, was es bedeuten kann, wenn mehrere (revolutionäre?) real existierende Avantgarden die Situation prägen. Im erfolglosen revolutionären Widerstand gegen Francos Faschismus in den 1930-er Jahren, hatte da nicht jede Fraktion ihre eigene Avantgarde? Oder nehmen wir Syrien, sind da nicht zahlreiche Avantgarden am Werk?

Transparenz statt informelle Agenten

Was ich übrigens für die gefährlichste Form von «Avantgarde» halte, sind die informellen Agenten im Hintergrund von Bewegungen. Personen, deren Namen man nicht oder kaum kennt, die unvermittelt auftauchen und eine sich bietende Gelegenheit, zum Beispiel eine momentane Stimmung oder Zeitdruck ausnutzen, um Vorstösse vorzunehmen, Bewegungen zu instrumentalisieren, andere ungefragt in Situationen hinein zu manövrieren, die sie nicht gewählt haben etc. Das sind in meinen rund 40 Jahren Politengagement die persönlichen Erfahrungen besonders mit Leuten, die selbstverständlich jederzeit geleugnet hätten auch nur im Entferntesten etwas mit Avantgarde am Hut zu haben. Erklärt sich eine anführende Gruppe oder Partei zur Avantgarde, ist dies immerhin eine transparente Erklärung. Die Tendenz, anstelle von Organisation den Begriff «Netzwerk» zu benutzen, eine in Tat und Wahrheit beschlussfassende Konferenz als «Koordination» zu bezeichnen oder anstelle von Leitung mit dem Begriff «Coaching» oder «Beratung» zu operieren, birgt auch die Gefahr der Verschleierung in sich.
Mein Fazit ist, dass ohne Avantgarde, ohne Menschen die Ideen entwickeln und diese umsetzen wollen und im sich bietenden Moment zweckdienliche Vorschläge machen, sich (soziale) Bewegungen nicht entwickeln können. (Genauso wenig aber sind es etwa Avantgarden, die Bewegungen aus dem Nichts entstehen lassen.) Eine spontane Revolte kommt nicht ohne Ziel und Wegleitung aus, wenn sie etwas erreichen will. Revolten benötigen koordinierende Strukturen, Mechanismen für kurzfristige und taktische Entscheide, Talente und Gebildete, die Wissen vermitteln können – Heisssporne und (!) Denkarbeiter_innen. Dass Arbeiten den Talenten gemäss aufgeteilt werden, scheint mir unumgänglich. Eine Arbeitsteilung findet in jedem Verband statt, ob das jemandem ideal erscheint oder nicht. Eine_r ist gut im Organisieren, ein_e andere_r in der Gestaltung, eine_r im Agitieren und wir sind konfrontiert mit Mehrwissenden und weniger Durchblickenden, ob wir das wollen oder nicht. Mir ist entscheidend, dass die vermeintliche Hierarchie, die sich bei diesen Kategorisierungen zeigt, gar kein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis sein muss. Dass nämlich die suchenden Köpfe eben darauf angewiesen sind, dass andere die Ideen, die sie produzieren, in die Tat umsetzen. Für mich liegt der springende Punkt da, wo die Basismitglieder begreifen, dass die Revolution ohne sie nicht stattfinden wird, unabhängig davon, was die «Avantgarde» anstrebt oder nicht. Es ist eben nicht davon auszugehen, dass eine demokratisch legitimierte Avantgarde ausschliesslich aus der eigenen Erkenntnis erwächst, es braucht in gleichem Masse eine Basis, die sich nicht an der Nase herumführen lässt.
Meiner Meinung nach gibt es keinen Automatismus des Aufstandes, was Rainer Thomann etwas sibyllinisch als «Reife» der Zeit bezeichnet, ohne einen Gradmesser für diese «Reife» auch nur anzudeuten. Wenn Rainer Thomann behauptet, bei der Officine sei keine Avantgarde am Werk gewesen, die im entscheidenden Moment (siehe den Film «Giu le Mani») das Heft in die Hand nahm, und er subtil zu unterscheiden versucht zwischen einer Avantgarde und einer «Gruppe betrieblicher Aktivisten», dann ist das in meinen Augen gesucht; oder die berechtigte Frustration über die gescheiterten Avantgarden der Vergangenheit ist da eben Vater des Gedankens. Es ist nun mal schlicht nicht möglich abzustreiten, dass es Gianni Frizzo und ein paar seiner Vertrauensleute waren, die besonderen Mut bewiesen haben, Entscheide fällten, Führungsverantwortung übernahmen und daher bis zum heutigen Tag die unumstrittenen Leitfiguren dieser Streikbewegung sind. Eine Avantgarde, ganz im Sinne von Alain Bihr, zurückhaltend, offen, respektvoll, demokratisch und bewusst darauf bedacht sich nicht von anderen Avantgardisten instrumentalisieren zu lassen. Demnach halte ich es für zielführender, die jeweiligen Avantgarden nach ihrer Qualität zu beurteilen.

Demokratische Strukturen und Partizipation

Und, etwas Grundsätzliches: Zugeständnisse der Mächtigen sind nicht Resultat des Revoltierens an sich, sondern beruhen auf der Furcht der Herrschenden vor einer revolutionären Dynamik, welche Revolten annehmen können, wenn es nicht gelingt, sie durch Angebote, Manipulation oder Repressalien zu moderieren. Nehmen wir die Revolten im arabischen Raum, die Rainer Thomann mit Begeisterung als frei von Avantgarde bezeichnet. Ja, haben denn die unterschiedlichen und von aller Art Interessen geleiteten Fraktionen dieser breiten Volksbewegung nicht jede ihre Avantgarde, die den Ton angibt (und, wenn es opportun erscheint, die Fronten wechselt)? Bezeichnenderweise ist es in all den Ländern, in welchen massenweise revoltiert wurde, nicht zu einer wirklichen Machtablösung gekommen. Nüchtern betrachtet wurden bisher lediglich die Galionsfiguren ausgewechselt, an der Macht geblieben sind die Oligarchie, die Militärs, der Polizeistaat. Der grosse Schritt zur Revolution ist nicht der Wechsel an der Staatsspitze, sondern die Erfahrung der Massen, die Erfahrung, dass sich etwas bewegen lässt und damit die einmalige Chance, dass die Revolution dereinst eine permanente wird.
Demzufolge halte ich eine Prinzipiendiskussion über «Avantgarde Ja oder Nein» für realitätsfern. Ausserdem ist mir die Vorstellung, dass sich Interessegegensätze unter Menschen unterschiedlicher Sozialisierung und Lebenslage unvermittelt in Luft auflösen sollen und dann keinerlei Regeln der Koexistenz mehr notwendig sind, eine etwas allzu mythologische Kategorie. Was mich interessiert ist, herauszufinden, wie verhindert werden kann, dass sich massenweise revoltierende Leute von einer (selbsternannten) Avantgarde dominieren und in die Irre führen lassen, wie das in der Vergangenheit allzu oft der Fall war. Dazu ist mein Ansatz:
a) Die Förderung und Schulung von Selbstbewusstsein bei der Basis. Jede_r kann den Fähigkeiten gemäss etwas zur Revolution und zu den Schritten dahin beitragen.
b) Die Avantgardisten, Wortführer (Alphatiere) und Intellektuelle (Mehrwisser) etc., sind als das zu nehmen, was sie sind, Leute mit Fähigkeiten, die eine Bewegung benötigt, die aber ebenso Talente anderer Art (Opferbereitschaft, Fantasie, handwerkliches Geschick, Verankerung in bestimmten Milieus etc.) benötigen, um ihre Ziele zu erreichen.
c) Demokratische Strukturen und klare Regeln der Partizipation im vollen Bewusstsein darüber, dass jede Delegation Gefahren in sich birgt, dass Situationen entstehen können, die spontane Entscheide erfordern, die nicht abgestützt werden können, dass klandestines Handeln manchmal unumgänglich ist, dass Avantgardist_innen im Zaume zu halten sind.

Dieser Beitrag wurde unter Avantgarde, Debatte Nr. 26, Neue Linke veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *