Zäher Kampf um Anerkennung

Sarah Schilliger

aus Debatte Nr. 29 – Sommer 2014

In der Öffentlichkeit war von Jenischen in den letzten Jahren wenig die Rede. Die Auseinandersetzungen um das Vorgehen von Pro Juventute, das wir im zweiten Teil des Schwerpunkts behandeln, waren verebbt. Dies änderte sich im April 2014, als die «Bewegung der Schweizer Reisenden» mit Protestaktionen die mediale Aufmerksamkeit auf sich zog und eine seit langem nicht mehr gekannte Öffentlichkeit für die politischen Anliegen insbesondere von fahrenden Jenischen schaffen konnte.

«Wir alle haben genug von den Schikanen, die im alltäglichen fahrenden Leben eingebaut werden von Seiten der Behörden. Wir sehen dies als perfide Ausdrucksform, unsere Kultur, unseren Lebensstil verschwinden zu lassen, indem eine langsame Assimilation stattfindet», schreibt der im Herbst 2013 gegründete Verein «Bewegung Schweizer Reisende» (www.bewegung-mouvement.ch).
Früher konnten Fahrende ohne zonenrechtliche Konformität ihre Wohnwagen auf Plätzen abstellen. Es brauchte keine offiziellen Standplätze, weil der Raum weniger reglementiert war – meist konnte der Aufenthalt per Handschlag mit dem Bauern oder dem Gemeindepräsidenten geregelt werden. Durch die Modernisierung der Landwirtschaft und die Zersiedelung und «Verbetonierung» wurde der Lebensraum für Fahrende immer enger.
Die Aktivist_innen der «Bewegung Schweizer Reisende» wehren sich gegen diese Verdrängung – und gegen leere Versprechen: Denn seit einem Bundesgerichtsentscheid vom März 2003 wären die Behörden eigentlich verpflichtet, die Bedürfnisse der Fahrenden in ihrer Raumplanung zu berücksichtigen. Umgesetzt wurde dieser Entscheid jedoch nicht: Gut zehn Jahre später bleiben Plätze rar. Und häufig weisen die bestehenden offiziellen Plätze den Charakter von Ghettos auf: Einige stehen neben Deponien, Kläranlagen, in unmittelbarer Nähe von Autobahnen oder in anderen unwohnlichen Zonen.

Schikanen und tägliche Kontrollen

Doch sind es nicht einfach nur ein paar weitere oder besser gelegene Stand- und Durchgangsplätze, die die «Bewegung der Schweizer Reisenden» einfordert. Nach Claude Gerzner, der die Bewegung mitinitiiert hat, war ein Auslöser der jüngsten Protestaktionen die Überwachung auf dem Platz in Winterthur. Die von den Behörden installierten Videokameras brachten das Fass zum Überlaufen: «Ich wurde gefilmt, wenn ich aufs WC ging, wenn ich fortfuhr, wenn ich zurück kam – einfach immer. Wo bleibt da die Privatsphäre?»
Die Kameras stehen für die verstärkte Kontrolle der Menschen auf Reise. Die Fahrenden werden in die Schranken gewiesen, alles ist durchreglementiert, die Plätze sind parzelliert, das Anmeldeverfahren ist mühsam. Wenn eine Familie zwei Wohnwagen hat, müssen doppelt so hohe Platzmieten bezahlt werden. Die Jenischen verurteilen dieses «Parkplatzkonzept» und die täglichen Schikanen durch die Behörden. Und sie kritisieren, dass die Radgenossenschaft als staatlich subventionierte Interessensorganisation der Fahrenden diese Praktiken in den letzten Jahren mehr oder weniger widerspruchlos geschluckt hat. Nun sei es laut Gerzner an der Zeit, «aufzustehen und für unsere Rechte zu kämpfen».

Eine neue, selbstbewusste Generation

Der 46-jährige Claude Gerzner ist eines der letzten Opfer der Aktion Kinder der Landstrasse (siehe weiteren Artikel in diesem Schwerpunkt) und lebte noch bis 1988 im Heim. Er ist Teil einer jüngeren, selbstbewussten Generation von Jenischen, die auf der Reise zuhause ist. Deren Vertreter_innen wollen nicht mehr als Bittsteller auftreten, sondern aktiv für die fahrende Lebensweise einstehen.
Über Monate haben Gerzner und seine Mitstreiter_innen auf die Aktion im April 2014 hingearbeitet. Facebook und Internet halfen bei der Vernetzung. Ein Papier zu gewaltlosem Widerstand wurde verfasst. Mit einem Medientraining bereitete man sich auf Anfragen von Journalist_innen vor. «Früher haben wir mehr abgeblockt, wenn die Medien kamen. Heute finden wir, dass die Öffentlichkeit wissen muss, was abgeht. Wir wollen uns nicht mehr verstecken», sagt Claude Gerzner, der zum Pressesprecher der Bewegung ernannt wurde.
Am 22. April ist es so weit: 120 Familien aus der ganzen Schweiz ziehen mit Wohnwagen los in die Hauptstadt, um für ihre politischen Anliegen zu demonstrieren. Ziel war eigentlich das Marzili in der Stadt Bern. Doch wird der Konvoi bei der Autobahnausfahrt mit einem massiven Polizeiaufgebot abgefangen. Die Protestierenden nehmen mit der «Kleinen Allmend» am Stadtrand Vorlieb.

Abermals leere Versprechen

Die Allmend ist öffentlicher Grund, der von allen genutzt werden darf – könnte man meinen. Doch hat die Stadt Bern die grüne Wiese für das darauffolgende Wochenende an die Gewerbeausstellung BEA vermietet. Parkplätze statt Wagenplätze – so lautet das raumplanerische Konzept der Stadt Bern. Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause zeigt sich im Gespräch mit den Jenischen auf der Kleinen Allmend verständnisvoll, sagt aber, dass er leider nichts tun könne: Die Stadt sei der falsche Ansprechpartner. Er schiebt die Verantwortung an den Kanton Bern weiter. Der Berner Regierungsrat Christoph Neuhaus lässt ausrichten, man sorge für einen Ausweichplatz irgendwo im Kanton Bern.
Doch tags darauf erscheint die Gewerbepolizei mit dem Räumungsantrag, den die Stadt an die Polizei gestellt hat. Am Vormittag des 24. Aprils fahren Räumungsfahrzeuge auf, aufgeboten vom verständnisvollen Sicherheitsdirektor Nause, und laden einige Autos auf. Jenische Mütter und ihre Kinder bilden eine Menschenkette, um sie am Wegtransport zu hindern. Um 15 Uhr 38 dann eine Durchsage der Polizei per Lautsprecher, dass das Gelände mit den Fahrzeugen innert zehn Minuten verlassen werden müsse. Mit einem Massenaufmarsch der Kantonspolizei wird das ganze Gelände umstellt. Die Polizist_innen in Vollmontur und mit Bewaffnung treiben die fahrenden Familien zusammen und kesseln sie ein.
Diese leisten passiven Widerstand. Die Jenischen suchen das Gespräch mit den Polizisten, pochen auf den Dialog mit den politischen Vorgesetzten und unterstreichen erneut, dass sie ohne valables Ersatzangebot den Platz nicht verlassen werden. Ein junger Mann holt seine Gitarre aus dem Wagen, setzt sich vor die Polizisten und singt ein improvisiertes Protestlied. Ein etwa 4-jähriges jenisches Mädchen hält einer Polizistin ein selbstgepflücktes Blumensträusschen entgegen. Als diese den Kopf wegdreht, bleibt das Mädchen hartnäckig, steht auf die Zehenspitzen, bis die Frau ihre schwarzen Handschuhe ausstreckt und die Blumen entgegennimmt.

Abgeführt und nummeriert

Was folgt, ist geschichtsträchtig. Von der gehbehinderten Grossmutter bis zum Baby werden die Jenischen per Polizeitransport abgeführt, in die Turnhalle des polizeilichen Ausbildungszentrums in Ittigen gebracht und dort drei Stunden lang eingesperrt, nummeriert und kontrolliert. Mit dickem schwarzem Filzstift markieren die Polizisten jedem Häftling eine Nummer auf den Arm oder legen mit Kabelbinder ein Nummernschild um das Handgelenk. «Das kennen wir, das haben sie in der Nazizeit auch gemacht mit uns», sagt ein Jenischer später, als er von der Haft entlassen wieder auf den Platz zurückkehrt. Wie eine Nummer behandelt zu werden, lässt traumatische Erinnerungen hochkommen. «Was haben wir verbrochen?» fragt ein Mann, von der Polizei markiert als Nummer 106c. Er erinnert sich an die Methoden von «Doktor Siegfried» (vgl. nächsten Artikel) und sagt: «Das ist der schwärzeste Tag der Schweizer Geschichte seit 40 Jahren» – seit dem Ende der Verfolgung der Jenischen durch Pro Juventute. Einer älteren Frau, einst Opfer der Aktion «Kinder der Landstrasse», steht der Schock ins Gesicht geschrieben. Dass bei der Polizeiaktion auch Familien auseinandergerissen wurden, lässt die Jenischen schmerzlich an die während Jahrzehnten praktizierten Kindswegnahmen erinnern. Auch die sog. Fernhalteverfügung – ein 10-tägiges Rayonverbot für die Stadt Bern, das den Jenischen bei ihrer Verhaftung ausgestellt wird – kennen sie aus vergangenen Zeiten, als Jenische durch Gemeindeverbote ausgegrenzt und vertrieben wurden.

Was bleibt?

Die demonstrierenden Jenischen haben bei ihrer Aktion in Bern erneut erfahren müssen, dass die Schweiz von einer Anerkennung ihrer Lebensform und ihrer Kultur weit entfernt ist. Immerhin hat die «Bewegung Schweizer Reisender» mit der Demonstration eine Öffentlichkeit geschaffen: Das Aufmerksamkeit der Medien war gross. Die fahrende jenische
Bevölkerung in der Schweiz erkämpfte sich mit ihrer mutigen, aufmüpfigen Demonstration eine Stimme – auch wenn häufig nur die Forderung nach mehr Standplätzen gehört wurde. Lediglich wenige Journalist_innen bemühten sich um Hintergrundberichte, über die Vergangenheit schwiegen sich die allermeisten Medien aus – ein dunkler Fleck der Schweizer Geschichte bleibt damit weiterhin einem grossen Teil der Schweizer Mehrheitsgesellschaft unbekannt.
Ein Kontrast zum grossen Medienaufgebot ist die geringe Präsenz von politischen Vertreter_innen: Die meisten Politiker_innen und Parteien glänzten mit Abwesenheit. Die rot-grüne Stadtregierung Berns liess sich nicht blicken auf der Kleinen Allmend, sondern zog es vor, den Konflikt polizeilich beizulegen.
Die Bilanz punkto politischer Forderungen bleibt somit für die Jenischen eher ernüchternd: Die Bereitschaft der Gemeinden und Kantone, mehr Plätze für Jenische zu schaffen, ist klein, auch wenn immer wieder betont wird, dass man nichts gegen Fahrende habe und ihr Anliegen um Anerkennung ihrer Kultur ernst genommen würden. Eine befriedigende politische Lösung, die die Rechte von Jenischen und den Respekt vor ihrer Lebensweise stärken würde, bleibt ausstehend. Immerhin: Die mediale Aufmerksamkeit kann von der Bewegung der Jenischen nun genutzt werden, um selbstbewusster aufzutreten, sich mehr Gehör zu verschaffen und den immer noch allgegenwärtigen und tief verankerten antiziganistischen Vorurteilen in der Schweiz entgegenzuwirken.

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Jenische und Roma – notwendige Differenzierungen, fragwürdige Abgrenzungen

Die Jenischen sind eine Gruppe von Menschen mit eigener Sprache, Kultur und Geschichte, die hauptsächlich in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Frankreich leben. Seit 1998 sind Jenische in der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt. Jenische werden meist mit der fahrenden Lebensweise in Verbindung gebracht, obwohl in der Schweiz nur schätzungsweise 3’000 bis 5’000 Jenische reisen. Sie ziehen von Frühling bis Herbst von Ort zu Ort und arbeiten im Wander- und Hausierhandel, praktizieren Scheren- und Messerschleiferei oder verdienen ihr Geld als Spengler und Maler. Die rund 30’000 «wohnenden» Schweizer Jenischen haben nur noch zum Teil einen Bezug zur jenischen Kultur, einigen ist ihre Herkunft gar unangenehm oder sie schätzen sie als hinderlich für ihr Leben in der Schweiz ein.

In den Medien wird häufig kaum zwischen (sesshaften und reisenden) Roma, Sinti und Jenischen unterschieden. Der jenischen «Bewegung Schweizer Reisender» ist es wichtig zu betonen, dass sie ein eigenes Volk sind. Einige ihrer Vertreter grenzen sich gegenüber «fremden» Roma ab, lasten ihnen das schlechte Image der Fahrenden an und betonen, dass Jenische saubere, steuerzahlende Schweizer Bürger seien. Venanz Nobel vom Verein «schäft qwant» (www.jenisch.info) meint dazu: «Mit dem offensichtlich politisch gewollten Mangel an Plätzen wird (wie im Wohnungsmarkt, je nach Konjunktur auf dem Arbeitsmarkt, usw.) künstlich eine Konkurrenz-Situation geschaffen, die ‘SVP-Argumenten’ Aufwind gibt. Es mag für Linke manchmal anstrengend erscheinen, die Anliegen einer Minderheit zu unterstützen, die sich so ‘SVP-mässig’ äussert. Aber gerade die vollumfängliche Unterstützung der jenischen Anliegen (Anerkennung als eigenständige Minderheit, Kulturförderung, Plätze für alle) nimmt die Verantwortung der Schweiz für ihre unterdrückte Minderheit ernst und leistet den besten Beitrag gegen ‘fahrenden Rassismus’».

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Herzlichen Dank an Venanz Nobel und Serge Borri vom Verein «schäft qwant» (www.jenisch.info) für vielfältige Einblicke und Hintergrundinformationen.

 

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