Widerständiges Filmschaffen

Avji Sirmoglu

aus Debatte Nr. 23 – Winter 2012

Katerina Kitidi und Aris Hatzistefanou produzierten zwei Dokumentarfilme: Debtocracy1 2011 und Catastroika2 2012. Beim ersten Film wirkte zusätzlich Leonidas Vatikiotis3 mit. Ziel war, die Auswüchse des Neoliberalismus in Griechenland und anderswo sowie den Zerfall von Demokratien zu dokumentieren. Ein dritter Film dokumentiert den Widerstand indigener Bäuer_innen in Argentinien.

Sowohl Debtocracy als auch Catastroika sind Creative-Commons-Lizenz-Filme. Um Abhängigkeiten zu vermeiden, wurden die Filmproduktionen mit geringem Eigenkapital gestartet. Darüber hinaus sind sie ein Beispiel für eine neue Art des Journalismus, bei dem das Publikum durch «Crowdsourcing» nicht nur an der Finanzierung, sondern auch direkt an der Entstehung des Films beteiligt ist. Die Zuschauer_innen wurden um Hilfe gebeten. Zuerst wandten sich die Filmemacher_innen an Gewerkschaften und an Arbeiter_innen bzw. Arbeitnehmerverbände. Die Filme gehören nach Mitteilung der Filmeschaffenden den Koproduzent_innen, die übers Internet spendeten.
Solche Filmproduktionen sind auch für Griechenland neu, sie leiten eine neue Phase des freien Filmschaffens und der Solidarität ein. So wurde dank der Spenden auch der zweite Film, Catastroika, ermöglicht. Der Erfolg stellte sich rasch ein. Ein Millionenpublikum sah die beiden Filme. Wenn man bedenkt, wie wenige Werbemöglichkeiten in den gängigen Main-Stream-Kanälen dafür vorhanden waren, ist das schon sehr viel. Die Verantwortlichen wurden an vielen Orten eingeladen, sie waren andauernd und weltweit unterwegs. In sechs Sprachen sind die Filme weiterverbreitet worden. Katerina Katidi4 und Aris Hatzistefanou5 arbeiten weiterhin hauptsächlich als Journalist_innen.

Debtocracy

Der Name Debtocracy leitet sich von der griechischen Sprache ab. Debtocray, griechisch Chreokratia, bedeutet Herrschaft der Schulden. Griechenland ist in den Schulden gefangen. Die Verfassungsprinzipien und die Demokratie sind ausser Kraft gesetzt. Am 6. April 2011 konnte Debtocracy veröffentlicht und zugleich auf debtocracy.gr. kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Der Film behandelt neben der griechischen Schuldenproblematiken auch frühere Fälle wie Argentinien und Ecuador.
Er ist zugleich auch ein politischer Akt, denn die 200 Teilnehmenden stellten einen unterzeichneten Antrag: Sie verlangen die Einrichtung eines internationalen Prüfungsausschusses. Dieser soll die Gründe für die Staatsverschuldung Griechenlands sichtbar machen und die Schuldigen verurteilen. In diesem Fall sollte Griechenland das Recht haben, die Rückzahlung der ungerechtfertigten Schulden zu verweigern, also der Schulden, die durch Korruption gegen die Interessen der Gesellschaft entstanden sind.
Warum sollen Bürger_innen Schulden bezahlen, die sie nicht verursachten? In der Vergangenheit lehnten Dutzende von Ländern eine solche Schuldenanerkennung ab. Dies im Einklang mit dem Völkerrecht. Es wird Bezug auf das «Konzept der illegitimen Schulden» von Alexander Sack6 genommen. Das Konzept diente damals der aufstrebenden Macht USA sehr, in der Folge des Krieges von 1898 gegen die spanische Kolonialherrschaft. Die meisten Beispiele spielten sich im 19. und 20. Jh. in Lateinamerika ab. Aber es waren die USA, die das Konzept in das 21. Jh. überführten. Ein Skandal ist die Vorgehensweise im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg 2003. Geschickt propagierten die USA, dass die irakische Bevölkerung die Schulden des Diktators nicht bezahlen müsse. Die anderen Länder reagierten darauf: 80% der Schulden wurden durch den Pariser Club gestrichen. Aber das «Konzept der illegitimen Schulden» sollte kein offizielles sein, weil dann auch andere Länder sich darauf berufen könnten. Ecuador jedoch gelang es zu beweisen, dass seine Schulden illegitim seien, ein Erfolg für dieses Land. Nur vergisst man hier, dass Ecuador einen Trumpf hatte: sein Erdöl. Es wehrte sich mit Rafael Vicente Correa erfolgreich gegen die Schuldenlast. Sollte Griechenland Schuldenerlass einfordern, dann müsste in der griechischen Regierung auch eine mehrheitliche Basis dafür vorhanden sein, was im Augenblick weiterhin nicht der Fall ist.
Der Film Debtocracy lässt Intellektuelle, Politiker_innen und Publizist_innen aus aller Welt zu Wort kommen: David Harvey, Samir Amin, Costas Lapavitsas, Alain Badiou, Sahra Wagenknecht u. a. Sahra Wagenknecht7 spricht über die Rahmenbedingungen der Wettbewerbsfähigkeit, über die Vorteile, die Deutschland hat. Da werden andere Länder auf dem Markt verdrängt. Der Mechanismus des Euros, der zu dieser Situation führen musste, ist offensichtlich. Costas Lapavitsas, Wirtschaftsprofessor, spricht über den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit, was sich in der Krise in zweifacher Weise äussert. Es kommt zu grossen Defiziten in den laufenden Transaktionen. Griechenland hatte das grösste Defizit, konnte nicht mithalten. Zudem sei es über Jahrzehnte hin unfähig gewesen, ein faires Steuersystem zu entwickeln und besitzt da keine gesunde Basis. Die Dokumentarfilmer_innen gehen auf die Zerstörung des «Immunsystems» der peripheren Länder der Euro-Zone ein, welche dann in der globalen Krise sich selber überlassen werden. Defizite und Schulden führen zu Verletzlichkeit und Erpressbarkeit. Manolis Glezos8, ein vom Volk geliebter ehemaliger Widerstandskämpfer, spricht darüber, dass Griechenland zwar ein freies Land, aber zum Vasall reduziert worden sei, zu einem Unselbständigen. Eine fragwürdige Freiheit, ein Widerspruch in sich.

Die Troika blutet Griechenland aus

Die Ministerpräsidenten Griechenlands, die sich alle vier Jahre abwechseln, stammen aus den bis dahin zwei stärksten Parteien: Pasok9 und Nea Demokratia10. Sie führten den Wohlfahrtsstaat ein und setzten gleichzeitig die Gehalts- und Unternehmenssteuern runter. Es gab eine Welle der Verstaatlichung privater Unternehmen mit Defiziten. Das rettete Arbeitsplätze, aber hauptsächlich rettete es die Unternehmer. Zugleich legte der Vertrag von Maastricht den Weltmarkt als einzigen Kontrollmechanismus des Defizits fest und verbietet andere Geldschöpfung, ein wesentliches Element der aktuellen Krise. Kostantinos Simitis, einer der Ministerpräsidenten, verheimlichte die Tragik der Verschuldung dank der im Film ironisch zitierten «kreativen» Buchführung. Sein Nachfolger senkte die Kapitalsteuern um 10%. Zuguterletzt kam der vollkommene Niedergang, als Georgios Papandreou sein Amt als Ministerpräsident antrat. Am Ende seiner Amtszeit beliefen sich die Schulden auf 167% des Bruttoinlandprodukts. Der Internationale Währungsfonds IWF liess Griechenland einen sehr hohen Preis dafür zahlen, durch die Einforderung von krassen Sparmassnahmen, in einigen Fällen sogar im Voraus. 2,5 Milliarden musste Griechenland gemäss der neuen Verordnung in die Reserve des IWF eingeben. Nun musste Griechenland zwei Herren dienen, nämlich auch der Europäischen Zentralbank EZB. Von Anfang an waren die Massnahmen von IWF, EZB und EU zum Scheitern verurteilt. Mit tragischen Auswirkungen für die Lebensumstände der Menschen. Die Massnahmen schützen die Banken, die Schulden steigen weiter an. 108 Milliarden musste Griechenland in wenigen Monaten den Banken zahlen, fast das gesamte Rettungspaket, das es von IWF und EU erhalten hatte. Die Delegierten von EU, EZB und IWF sind nun Dauergäste in Griechenland geworden. Sie schreiben dem Land ein verfassungswidriges Memorandum vor.
Die griechische Regierung selber wendet sich mit den Geldgebern zusammen gegen das Volk durch die Austeritätspolitik. Armut ist das Resultat, Betriebsschliessungen, Depressionen, hohe Selbstmordraten und Arbeitslosigkeit.
Nikitas Kanakis, Präsident von Médecins du Monde in Griechenland, berichtet, dass das humanitäre Zentrum Athens in einer grossen Krise steckt. Obdachlose, Hungernde überall; viele sind ohne medizinische Versorgung. Die Organisation hilft den Ärmsten der Ärmsten. Daneben gibt es noch Menschen mit sozialen Rechten, deren Einnahmen aber nicht zur Versorgung und Existenzsicherung ausreichen. Die Bürger_innen wehren sich: Versammlungen, Demonstrationen. Die Regierung reagiert mit ungerechtfertigten Verhaftungen und Einsätzen von Tränengas. Für die Akzeptanz des Kapitalismus wird Gewalt eingesetzt.

Die Privatisierungswellen stehlen das öffentliche Eigentum.

Die Privatisierungswellen stehlen das öffentliche Eigentum.

Catastroika

2012 folgte die Produktion von Catastroika. Die Filmschaffenden Aris Chatzistefanou und Katerina Kitidi reisten um die Welt, um Informationen über Privatisierungen in Industrieländern zu sammeln. Im Film kommen Beobachter des Geschehens aus aller Welt zu Wort. Naomi Klein begleitet selber einen grösseren Teil des Films. 1989 prägte der französische Akademiker Jacques Rupnik den Ausdruck Catastroika. Es war ein Ausruf, als er gerade einen Bericht über den Stand der letzten Wirtschaftsreformen in der Sowjetunion las. Während der darauf folgenden Regierungszeit von Präsident Jelzin wurde in Russland das schonungsloseste und zugleich erfolgloseste Privatisierungsexperiment in der Geschichte der Menschheit durchgeführt: Die komplette Zerstörung des Landes durch die Marktkräfte. Der Verkauf von Staatseigentum führte zu einer dramatischen Verschlechterung des Lebensstandards der Bürger_innen. Das Mass der Catastroika wurde: Arbeitslosigkeit, soziale Verarmung, Verringerung der Lebenserwartung bei gleichzeitiger Bildung einer neuen Führung von Oligarchen, die die Macht über das Land übernahm. In diesen Jahren führte man einen ähnlichen Versuch massiver Privatisierung von Staatseigentum im wieder vereinigten Deutschland durch, welches nun als Modell für Griechenland präsentiert wird, das aber Millionen von Arbeitslosen und manche der grössten Skandale in der Geschichte Europas brachte. Die Privatisierungswelle rollt von Land zu Land. Der Film widmet sich den Hintergründen der neoliberalen Ideologie und deren Folgen, die unvereinbar sind mit der Demokratie. Der Kampf, der aus dieser Ideologie heraus gegen Gewerkschaften und Arbeiter_innen entstand, erinnert an Margaret Thatcher. Man treibt Länder und Bürger_innen in die Verschuldung, man fordert von ihnen den räuberischen Ausverkauf. Europa nimmt Kurs auf zunehmende Entdemokratisierung und auf die Bedienung der unkontrollierbaren Finanzmärkte. Das Entstehen neuer Diktaturen ist möglich. Auch teilweise noch unbekannte Aspekte der Privatisierungsmechanismen werden aufgerollt. Naomi Klein aber auch Ken Loach und Greg Palast sowie weitere kommen zu Wort.

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Das originale Filmplakat von Sachamanta: Mutige Moderator_innen, die für den Kampf der Campesinos eintreten.

Sachamanta

Der Film Sachamanta wurde durch die Kameradisten11 produziert, eine freie Gemeinschaft für Dokumentarfilm und Dokumentarfotografie mit kritischem Bewusstsein für Politik und Gesellschaft. Die Kameradisten leben und arbeiten in Berlin. Derzeit sind es fünf Personen. Der Kinofilm «Sachamanta», ihre erste gemeinsame Arbeit, lief und läuft in der Bundesrepublik, in Wien und in Basel.
Sachamanta berichtet über den Widerstand der bäuerlichen und indigenen Gemeinschaften in Argentinien. Über Nacht tauchen plötzlich skrupellose Abgesandte des Agrobusiness in Absprache mit der Regierung auf und machen den indigenen Völkern ihr Land streitig. Deshalb beschloss die Bewegung Movimiento Campesino Santiago del Estero auf einem Kongress, eigene Freie Radiostationen aufzubauen und zu betreiben. Denn der Mainstream ignoriert ihre Anliegen. Sie suchten eine freie Form des Austauschs, die keiner Zensur unterliegt. Nun existieren bereits fünf Sender. Sie dienen den Campesinos, Kleinbauern, als Waffe. Über grosse Flächen hinweg können sie sich austauschen. Alles Notwendige haben sich die Menschen selber beigebracht und moderieren mittlerweilen die Sendungen absolut souverän. Die Radios helfen ihnen, sich gemeinschaftlich gegen den Landraub und die Unterdrückung zu wehren, ihre Anliegen zu bekunden.
Viviana Uriona,12 die Filmemacherin, wollte den Campesinos mit Sachamanta Raum und eine Stimme in Europa und weltweit geben. Der Film zeigt, wie sich die Bäuer_innen gegen den Landraub wehren: Sie zerschneiden die Stacheldrahtzäune der Konzerne, formieren sich, bieten Widerstand und halten solidarisch sehr stark zusammen. Jeder weiss über die Mitkämpfenden Bescheid, keiner wird vergessen oder auf die Seite geschoben. Niemand kann plötzlich verschollen sein. Eine sehr starke Kraft des Zusammenhalts ist da aktiv, sehr beeindruckend.
Sachamanta soll und kann in Programmkinos, Schulklassen, Festivals und Kulturzellen gezeigt werden. Es bedarf lediglich einer Kontaktaufnahme mit den Kameradisten. Bereits ist ein Nachfolgefilm geplant: «Espejo», Spiegel, denn die Campesinos baten um Informationen und Rückmeldungen. Sie möchten wissen, was die Menschen in der Bundesrepublik und in Europa empfinden und denken, wenn sie den Film sehen. Es wird eine Crowdfunding-Produktion sein.
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1 Debtocracy, Länge 74 Min., mit Untertiteln in dt. bei Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=NIvY5ctBR0s,
Webseite: http://www.debtocracy.gr/
2 Catastroika, Länge 87 Min., http://www.youtube.com/watch?v=J7V7NZBL1r8, Webseite: http://www.catastroika.com/
3 http://leonidasvatikiotis.wordpress.com/
4 Sie gründete mit Gleichgesinnten auch noch den unabhängigen TV-Sender Tvxs.gr, welcher für freie grenzenlose Nachrichtenvermittlung einsteht. Dort arbeitet sie als Chefredaktorin. Viele Artikel von ihr sind bei New Internationalist (http://www.newint.org/search) zu finden. Ausbildung: King’s College London, University of London, Boaziçi Üniversitesi / Bogazici University, Université Paul Valéry (Montpellier III), Ethnikon kai Kapodistriakon Panepistimion Athinon / University of Athens.
5 Aris Chatzistefanou ist Dokumentarfilmer, Journalist, Radio- und TV-Produzent. Er hat für den BBC World Service in London und Istanbul sowie für Zeitungen und Radiostationen in Griechenland gearbeitet. Chatzistefanou schreibt für den Guardian und ist Buchautor.
6 Alexander Sack, ehemaliger Minister und Jurist im zaristischen Russland. Er lehrte nach der Revolution von 1917 in Europa und in den USA an den Universitäten. Zum Konzept der illegitimen Schulden, siehe: http://www.aktionfinanzplatz.ch/pdf/kampagnen/illegitime/Michalowski_handout_de.pdf
7 Sahra Wagenknecht, Partei Die Linke, Mitglied des Deutschen Bundestags.
8 Manolis Glezos, geb. 9. September 1922, ein linksgerichteter griechischer Politiker und Autor. Bekannt wurde er als Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung.
9 PASOK = Sozialdemokratische Partei Griechenlands.
10 Nea Demokratia = Liberal-konservative Partei Griechenlands, nach rechts tendierend.
11 http://kameradisten.de/
12 http://www.lateinamerika-im-fokus.de/soziale-sicherung/referenten/uriona.htm, http://www.prager-fruehling-magazin.de/article/873, Trailer: http://kameradisten.de/trailer/

 

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