Treibstoff: Odyssee durch Wien

Avji Sirmoglu

aus Debatte Nr. 26 – Herbst 2013

Experimentelle Lebensformen stören. Der Film «Treibstoff» von Birgit Bergmann, Stefanie Franz und Oliver Werani berichtet über die gleichnamige Wagentruppe in Wien. Die Filmschaffenden begleiteten die Truppe ein Jahr lang und durchquerten auf der Suche nach neuen Wagenplätzen die ganze Stadt. Im Mai 2013 kam der Film in die Kinos.

Buntes Leben auf dem Wagenplatz.

Buntes Leben auf dem Wagenplatz.

Für die Ermöglichung anderer Lebensformen braucht es andere Bauordnungen. Der Wagenplatz in Wien besteht mittlerweile seit über vier Jahren. Das Ziel der öffentlichen Verwaltungen und der Stadt Wien ist aber eindeutig: Diese Lebensform soll nicht durch Akzeptanz legalisiert werden. Die Wagentruppe geht ihren Weg des Widerstands gegen die Bodenspekulation.

Die so genannten Nomad_innen

Sie sind mittlerweile sehr bekannt in Wien und im Ausland, auch dank dem Film. Es sind circa zwanzig Menschen, auch mehrere Kinder, die zum Wagenplatz gehören. Die Anzahl variiert. Es handelt sich um Student_innen, Bauarbeitende, Techniker, Fahrer_innen, Medienschaffende und Zirkusleute. Sie gehen daneben ihrer Lohnarbeit nach, zwischendurch sind manche von ihnen erwerbslos.
Viele Wiener_innen nennen sie die Nomad_innen. Die Irrfahrt begann an der Ausstellungsstrasse im März 2010, in der Nähe des «Wurschtelpraters» (Volksprater). Der befristete Mietvertrag von sechs Monaten lief auf Ende Monat aus. Die Truppe suchte nochmals den Dialog für eine Verlängerung, ohne Erfolg. An diesem Ort sollte anscheinend gebaut werden: ein mehrstöckiges, grossflächiges Bürogebäude. Die nächste Wagenstation war im April 2010 Krieau, beim Wiener Trabrennverein, im dahinter liegenden Gelände. Die Gruppe suchte den Dialog. Die Wiener Zeitung schrieb über die rollenden Wagen. Aber der Trabrennverein drohte sogleich mit verschärften Massnahmen, er zeigte kein Interesse an einer Zwischennutzung. Es folgte der Umzug zum Nordbahnhof, in ungenutztes Gelände bei den stillgelegten Geleisen. Wieder wurde eine Einladung an viele Menschen geschickt, für Austausch mit Kaffee und Kuchen. Die Eisenbahngesellschaft des Bundes (ÖBB) drohte mit Konsequenzen für den Fall, dass die Truppe nicht sofort weg ziehe. Im Juni landeten sie dann bei den Mautner Markhof Gründen, auch hier brachliegendes Gelände. Sie organisierten Aktionstage (Essen, Info, Siebdruck, Musik etc.) und durften bis Ende August bleiben.
Die nächste Station war an der Baumgasse, im September 2010. Die Polizei kam morgens um 9 Uhr und verlangte den sofortigen Abzug. Da sich dies nicht realisieren liess, weil ein Teil der Wagentruppe nicht anwesend, sondern bei der Arbeit war, wurden die Wagen kurzerhand abgeschleppt. Das Gelände wurde nach allen Seiten abgeriegelt und durch einen Wachposten im Dienste des Eigentümers kontrolliert. Inzwischen traf eine Busse der ÖBB ein: Verwaltungsstrafe von 3‘000 Euro für einen Monat unerlaubter Benutzung des Geländes.

Die Befreiung der Wagen

In einem Zimmer mit acht Matratzen, ein paar Laptops und einem Regal hausten daraufhin alle vorübergehend zusammen und beschlossen verzweifelt ihre Wagen zu befreien, welche beim Abschleppunternehmen auf dem Gelände standen. Sie nahmen die Wagen kurzerhand mit und mussten ihre Ausweise kopieren lassen. Teilweise waren die Wagen beschädigt: Servolenkungen klemmten und das Getriebe hörte sich nicht gut an. Sie unterschrieben keine Empfangsbestätigung, da sie die Wagen teilweise beschädigt übernommen hatten. Schadensmeldungen werden sicherlich folgen und Rechnungen werden bei ihnen eintreffen. Für das ganze Hin und Her auf dem Rechtsweg rechnen sie mit drei Jahren.

Das Leben in der Wagentruppe

Ein gespendetes Hirschgeweih wird als Wäschetrockner genutzt. Im Wohnwagen herrscht ein kreatives Agieren und Wohnen: sehr grosse Wagenfenster werden verkleinert, Wände isoliert. Das Leben im Wagen sei ein Wohlgefühl und ein Ort des Rückzugs, sagen Angehörige der Truppe. In einer Mietwohnung leben, sei für sie nicht vorstellbar.
Kira und Ronja, die Kleinen, schrauben am Getriebe eines Autos. Selber Reparieren muss sein. In einem Wagen steht ein Umbau an: Einbau eines kleinen Klos, eines Spülbeckens und einer Tischplatte zum Hantieren. Alle Freund_innen kommen stets gerne vorbei; es ist für sie hier wie ein Abenteuerspielplatz. Etwa 7 Kinder spielen, schaukeln auf einem alten Pneu. Abends rasieren sich die Männer alle mit demselben Rasierapparat. Wie steht es mit WC, Strom- und Wasserzufuhr? Je nach Standort wird mit dem Veloanhänger Wasser geholt bei einer öffentlichen Zapfstelle, mehrere Plastikkanister. Anstrengende Knochenarbeit. Strom angeschlossen, Kabinen mit Plumpsklos aufgestellt. Hie und da gibt es abends ein Lagerfeuer. Daneben wird gearbeitet und politisch agitiert.

Politische Analysen

Noch sind in Wien Plätze vorhanden, die anders genutzt werden könnten. Ansonsten herrscht überall dieselbe Prozedur vor: Abriss, Sanierung und danach steriles Bauen. Das lässt keinen Raum für ein selbst bestimmtes Leben, in dem die Menschen selber überlegen können, was aus der Stadt und ihrem Leben werden kann. Die Wagentruppe fordert die Förderung solcher Lebensformen für ein soziales und kulturelles Zusammenleben. Lieber hier sein, woanders wieder neu Gelände besetzen, anstatt am fernen Stadtrand einen festen Standplatz mieten, wo man prinzipiell lange stehen kann, währenddessen die Stadt immer langweiliger und steriler wird. Es geht um viel mehr, als nur romantischen nomadischen Vorstellungen nachhängen oder diesen nachleben. Der Kapitalismus erlaubt es, dass sich Einzelne der Stadt bemächtigen. Stadtboden wird immer öfters verkauft und Privaten zugeschlagen.
Der Flächenwidmungs- und Bebauungsplan Wien1 wird von der Wagentruppe genau untersucht. Sie tauchen an der Messe Wien auf, am Landesparteitag der Sozialdemokratischen Partei SPÖ. Da stehen die Wagenplätzer_innen am Eingang, verteilen ihre Flyer und sprechen Josef Cap, den Klubobmann der SPÖ, an. Sie gehen in den Eingangsbereich der Messehalle und werden sehr forsch hinausgewiesen: Hier dürfen sie keine Flugblätter verteilen. Sie müssten den offiziellen Weg einhalten, das hier sei nicht offiziell. Mit Mikrofon und lauter Musik fährt die Truppe danach durch Wien, Slogans hängen an den Wagenseiten: Der Wagenplatz bleibt. Die Eingeladenen (Polizei, Stadt Wien, ÖBB) haben wieder einmal kommentarlos den Dialog verweigert: Der Pressetisch bei der Wagentruppe ist leer.
Immer wieder führen sie Aktionen vor dem Rathaus aus: Die Stadt Wien aber versagt auf der ganzen Linie. Die Ignoranz ist gross, brachliegendes Land wird ihnen vorenthalten. Es soll sich endlich mal ein Verantwortlicher zu einem Gespräch bereit erklären. Sie sprechen den Bürgermeister, Michael Häupl (SPÖ), direkt an. Der wundert sich darüber. Die Anliegen der Gruppe werden weiter gereicht und vergessen.
Die Wiener Zeitung schreibt über die rollenden Wagen. Wieder wird klar: Es geht nicht nur um das Wohnen, sondern auch um den kulturellen Standort. Es folgt ein Interview mit einem Freien Radio. Fazit: Eigentlich haben sie keine Lust weiter zu ziehen, weil die Zukunft deswegen meistens nicht planbar ist. Es muss eine politische Lösung gefunden werden für das Wagenleben in Wien. Brachliegende Grundstücke sind falsch gewidmet und nicht zum Wohnen vorgesehen. Die Lösung wäre gar nicht so schwierig: Ein Gelände kann zu Bauwerk erklärt werden. Ein Wohnwagen z.B. mit einem gewissen Gewicht, der mit dem Boden verbunden ist, fest dasteht und bewohnt wird, gilt gemäss Paragraph 60 als Bauwerk. Es gibt auch Zeltplatzwidmungen. Auch das wäre möglich, aber der politische Willen dazu fehlt.
Besuch bei Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. Die Forderung nach Akzeptanz von anderen Konzepten des Zusammenlebens wird an Mediensprecher Hanno Csisinko weiter gereicht. Dieser ist zu einem Gespräch bereit, aber nicht vor laufender Kamera. Er meint, dass es solche Grundstücke gebe, aber sie würden nicht mehr der Stadt gehören. In den Umstrukturierungsprozessen der Stadt Wien sei sehr viel verkauft worden. Tochterfirmen wurden gegründet, es werden nun ganze Stadtteile durch Private gestaltet. Das erklärt Vieles und lässt sich in vielen anderen für den Kapitalismus attraktiven Städten ebenso beobachten.

Rückschau auf ein Jahr Irrfahrt

Alle brachliegenden Gelände, aus welchen die Wagentruppe rasch und forsch vertrieben wurde, stehen weiterhin leer: Nordbahnhof (Eigentümerin die ÖBB), Mautner Markhof Gründe, Krieau (Eigentümer Trabrennverein) etc. Die Wagengruppe landet wieder dort, wo sie vor einem Jahr startete (bei der Ausstellungsstrasse) und darf aufs Neue für ein halbes Jahr bleiben. Der Kreislauf wird sich wiederholen, weil diese Menschen die Grundstückspekulation und den Verkauf von Stadtboden nicht hinnehmen wollen. So lange jede/r von ihnen kann. Nachwuchs ist da.

Vorschriften

Die Stadt liess ihnen erneut ausrichten: Das Dulden des Wagenplatzes sei nur auf Grundlage der behördlichen Anordnungen möglich. Ja, natürlich könnten neue Lebenskonzepte etwas Attraktives sein für die Stadt Wien. Doch bei der Rückfrage, ob Sonderwidmungen für ihr Anliegen möglich seien, war wieder niemand für sie zuständig.

 
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Für weitere Informationen über den Film: www.treibstoffderfilm.at
Die Wagentruppe stellt sich auf folgender Seite vor: http://treibstoff.wagenplatz.at/f-a-q

 

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