Thesen zur Kader-Klasse

Alain Bihr

aus Debatte Nr. 22 – Herbst 2012

Im Frühjahr 2011 haben wir diese Reihe über den Begriff der Avantgarde mit Alain Bihr eröffnet. In dieser Nummer drucken wir einen weiteren Text von ihm ab, der bestens aufzeigt, dass das Avantgarde-Problem nicht allein eine Frage politischer Einstellung ist, sondern auch der gesellschaftlichen Stellung der «Avantgardisten» und der mit dieser Position verbundenen spezifischen Klasseninteressen. (Red.)*

Bei der Betrachtung der Klassenverhältnisse und der Stellung der verschiedenen Klassen in der kapitalistischen Gesellschaft der Industrieländer reicht es nicht, alleine die Produktionsverhältnisse zu analysieren, wie es der klassische Marxismus tat. Vielmehr muss der gesamte Prozess der Reproduktion des Kapitals untersucht werden.1

Produktion und Reproduktion

Mit dem Begriff der Reproduktion des Kapitals meine ich die umfassende und vielschichtige Bewegung, durch die das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis sich selbst reproduziert. Hierbei spielen zahlreiche Vermittlungsformen eine Rolle, und es sind verschiedene Ebenen der Analyse zu unterscheiden. Dieser Prozess bildet, prägt und verändert zugleich gesellschaftliche Verhältnisse, gesellschaftliche Praktiken, Institutionen und Vorstellungen wie auch soziale Bewegungen usw. Auf diese Weise wird jene besondere Art der (Re-)Produktion der Gesellschaft erzeugt, die das Wesen des Kapitalismus ausmacht.
Dieser Prozess umfasst sowohl die Produktion als auch die Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen. Damit ist sowohl der Arbeitsprozess gemeint, durch den sich das Kapital selber verwertet, als auch der transnationale gesellschaftliche Raum, der durch die weltweite Zirkulation des Kapitals entsteht. Weiter umschliesst dieser Prozess auch staatliche, politische oder gewerkschaftliche Strukturen usw. Die Verhältnisse zwischen verschiedenen sozialen Klassen sind in Bezug auf all die genannten Herrschaftsverhältnisse zu bestimmen. In der hier vorgeschlagenen Herangehensweise verschiebt sich also der Schwerpunkt der Analyse: Statt der Klassenstruktur der Ausbeutungsverhältnisse geraten vermehrt die Herrschaftsverhältnisse ins Blickfeld, welche die Produktion und Reproduktion der Klassenstruktur erst ermöglichen.

Die Kaderfunktion

Vor diesem Hintergrund spielt die «lohnabhängige Mittelschicht» die Rolle eines untergeordneten Akteurs der Reproduktion des Kapitals, oder anders gesagt die Rolle eines beherrschten Akteurs der herrschenden kapitalistischen Klasse.
Innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung übernehmen die Mittelschichten also Kaderfunktionen: Die zur Reproduktion des Kapitals nötigen Herrschaftsverhältnisse werden von diesen Schichten erarbeitet, kontrolliert, weitergegeben und legitimiert. Dies gilt sowohl für den Staatsapparat als auch für die sogenannte Zivilgesellschaft und die Unternehmenswelt. Daher bezeichne ich diese Schichten als «Kader-Klasse».2 Die Kaderfunktion bedingt eine Reihe von Instrumenten: Zunächst einmal ein bestimmtes Wissen und Know-how, das mit intellektueller Arbeit in Abgrenzung zu manueller Arbeit zu tun hat. Weiter ist damit eine (schulische oder akademische) theoretische Ausbildung verbunden, die der ideologischen Legitimation der Kaderfunktion dient, die aber auch die Aneignung der genannten Fertigkeiten bewerkstelligt. Drittens beinhaltet diese gesellschaftliche Kaderfunktion ein bestimmtes Mass an Entscheidungsmacht und Autonomie in der Erledigung der konkreten Aufgaben.
Innerhalb der Herrschaftsverhältnisse, welche die Reproduktion des Kapitals ermöglichen, unterscheidet sich die Kaderfunktion deutlich von anderen Funktionen.
Einmal ist die Kaderfunktion nicht deckungsgleich mit jener der kapitalistischen Klasse, der Klasse der Besitzenden und der Verwalter des gesellschaftlichen Kapitals, welche den globalen Prozess der Reproduktion des Kapitals (mit mehr oder weniger Erfolg oder Können) steuert. Die Kader-Klasse ist also den herrschenden Klassen (den Eigentümern und hohen Kadern privater und öffentlicher Unternehmen, den Spitzen von Politik, Verwaltung und Militär) nach wie vor unterworfen. Die Kader-Klasse unterscheidet sich aber auch vom Proletariat, das alle Lohnabhängigen in ausführender Funktion innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung umfasst, das grundsätzlich einfache Arbeit verrichtet und dessen Arbeitskraft als Ware gänzlich dem Wertgesetz untergeordnet ist (was für die Arbeit der Kader-Klasse so nicht gilt).
Daher wird diese Klasse hier ganz bewusst nicht «Arbeiterklasse», sondern Proletariat genannt. Denn Arbeiter bilden zwar den «harten Kern» des Proletariats, doch umfasst dieses nicht nur sie. Faktisch sind auch die Angestellten weitgehend proletarisiert, wenn man die genannten Kriterien berücksichtigt (Stellung innerhalb der Arbeitsteilung, Unterwerfung unter das Wertgesetz im Lohnarbeitsverhältnis).

Eine Klasse für sich

In funktionaler Hinsicht – also bezüglich ihrer funktionalen Identität in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und im umfassenden Prozess der Reproduktion des Kapitals – haben die «lohnabhängigen Mittelschichten» gewisse politische Interessen gemeinsam, die sich theoretisch in einem eigenständigen politischen Projekt ausdrücken können. Ein politisches Projekt, das diesen Schichten eine selbständige Intervention im Klassenkampf ermöglicht, würde bedeuten, dass diese Schichten nicht nur als Klasse an sich, sondern auch als Klasse für sich3 bestehen können. Worin aber bestehen die Klasseninteressen der Kader-Klasse?
Erstens geht es um die «Modernisierung» der Gesellschaft, also um die Beseitigung aller Hindernisse, die der kapitalistischen Entwicklung im Wege stehen können, denn eine solche Entwicklung sichert die Stärkung und die Konzentration der Kader-Klasse, was wiederum deren Klassenmacht stärkt.
Zweitens liegen die Klasseninteressen der Kader-Klasse in der «Rationalisierung» der kapitalistischen Entwicklung. Als beherrschte Klasse unterliegt die Mittelschicht sämtlichen Widersprüchen der kapitalistischen Entwicklung (Krisen u.a.). Somit hat die Kader-Klasse ein Interesse daran, dass Widersprüche und Krisen gelöst werden. Als Akteurin der kapitalistischen Entwicklung verfügt diese Gesellschaftsschicht jedoch auch über je eigene Interessen und Privilegien, die der Kapitalismus ihr gewährt. Daher ist es für die Kader-Klasse nicht denkbar, die kapitalistischen Verhältnisse zu überwinden. Die Lösung liegt in dieser Situation eben in der Rationalisierung der kapitalistischen Entwicklung im zweifachen, sowohl technischen als moralischen Sinn (das heisst nach Max Weber4 im Sinne von Zweckrationalität und Wertrationalität). Dadurch soll die kapitalistische Entwicklung sowohl besser funktionieren als auch moralischer werden, anders gesagt: gleichzeitig effizienter und auch ethischer.
Drittens sind die Interessen der Kader-Klasse in der «Demokratisierung» der Gesellschaft angesiedelt. Auch dies hat mit der Zwischenstellung dieser Klasse zu tun, die einerseits einen sozialen Aufstieg anstrebt (insbesondere über Bildung, die entscheidend zur Reproduktion der Klasse beiträgt), anderseits aber auch die drohende Proletarisierung fürchtet. Somit herrscht in dieser Klasse der Wunsch nach einer gewissen Demokratisierung der gesellschaftlichen und vor allem auch der institutionellen kapitalistischen Strukturen, wobei die Demokratisierung jedoch nicht zu weit über das für die eigene Klasse notwendige Mass hinaus getrieben werden soll.
Welches politische Projekt kann nun diese verschiedenen Interessen bündeln? Die Antwort liegt in der Verstaatlichung des Kapitalismus. Damit ist eine staatliche Steuerung der kapitalistischen Entwicklung gemeint. Es handelt sich also um eine staatliche Lösung der systemischen Widersprüche, in anderen Worten um eine Beschränkung der Macht der herrschenden Klasse durch den Staat.
Die Verstaatlichung des Kapitalismus ist beileibe keine Erfindung oder politische Innovation der Kader-Klasse. In gewisser Hinsicht ist die Tendenz zur Verstaatlichung bereits im Reproduktionsprozess des Kapitals aufgrund seiner Schranken und Schwächen angelegt. Die Kader-Klasse ist an dieser Tendenz interessiert und beteiligt, wenn sie diese nicht gar selber bewerkstelligt (über ihre stellvertretenden Organisationen).
Natürlich sehen Form und Inhalt dieses Projekts der Verstaatlichung je nach geschichtlichem Kontext verschieden aus (wie auch der Klassenkampf nach Form und Inhalt im Verlauf der Geschichte variiert). Prägende Variablen sind dabei unter anderem die jeweilige Entwicklungsphase des Kapitalismus, die jeweilige nationale Gesellschaftsformation (und die Stellung derselben im internationalen Rahmen), das jeweilige soziale Gefüge, das die Kader-Klasse oder ihre Unterfraktionen zusammen bilden, und der Einsatz weiterer Klassen im Klassenkampf.

Das Schweigen des Marxismus

Ihre prägnanteste Form fanden das politische Projekt und die Klasseninteressen der Kader-Klasse im Sozialismus. Mit Sozialismus bezeichne ich in diesem Zusammenhang das politische Projekt (mit eigener Strategie, Organisationsform und Ideologie), das in der Arbeiterbewegung seit Ende des 19. Jh. vorherrschte und im letzten Viertel des 20. Jh. in eine Krise geriet. Dieses Projekt lässt sich folgendermassen umschreiben: Befreiung vom Kapitalismus durch den Staat, indem der Staat vom Kapitalismus befreit wird. In anderen Worten ging es darum, die kapitalistischen Ausbeutungs- und Unterdrückungsprozesse zu beenden (oder zumindest in ihren Auswirkungen abzumildern), und zwar durch die Aneignung des Staatsapparats, der der herrschenden Klasse entrissen werden muss.
Das politische Projekt der Kader-Klasse nimmt immer dann eine solche Form an, wenn die Klasse der kapitalistischen Kader zur politischen Radikalisierung gedrängt wird und (nach aussen hin) mit den lohnabhängigen Klassen (vor allem Proletariat und/oder Bauernschaft) gemeinsame Sache macht. Dabei bildet sich ein sozialer Block, der nach einer hegemonialen Position sucht. Diese Art der Radikalisierung geschieht in Zeiten, in denen die kapitalistische Entwicklung aus diversen Gründen die Klasseninteressen und somit die Forderungen und politischen Bestrebungen der Kader-Klasse nicht zu erfüllen vermag.
Die Kader-Klasse ist dann vor die Aufgabe gestellt, die Kämpfe der Bevölkerung anzuführen, anzuleiten und auch im Hinblick auf die eigenen Interessen zu kanalisieren. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung wird so zum Steigbügel für ihre Eroberung der staatlichen Macht. Genau dies ist in der Arbeiterbewegung im Namen des sozialistischen Projekts geschehen, und zwar sowohl in der reformistischen wie auch in der «revolutionären» Variante.
Im Fall des Reformismus ermöglichte es die klassische Sozialdemokratie der Kader-Klasse, eine herrschende Position zu erlangen (denn ihre repräsentativen Organisationen üben die staatliche Macht anstelle der Bourgeoisie aus). Dies im Rahmen eines allgemeinen Kompromisses zwischen Bourgeoisie und Proletariat, der von der Kader-Klasse als Anführerin der Arbeiterbewegung geschmiedet wurde.
Aber auch in der «revolutionären» Variante mit seiner klassischen Form in Gestalt des Leninismus (Bolschewismus) erlangte eine Fraktion der Kader-Klasse die Position einer herrschenden Klasse, nachdem die Bourgeoisie und die grundbesitzende Aristokratie enteignet wurden. Die Kader-Klasse wird somit ein «kapitalistisches Kollektiv» im Rahmen dessen, was (wohl unzutreffend) als «Staatskapitalismus» bezeichnet wird und sich selber «Sozialismus» nennt.
All diese Umstände machen verständlich, warum der klassische Marxismus sich schwer tut und davor zurückschreckt, den wahren Klassencharakter der «lohnabhängigen Mittelschicht» zu anerkennen. Die Blindheit und das Schweigen des Marxismus hierzu waren denn auch Teil der Verschleierung der Rolle der Kader-Klasse bei seiner eigenen, «unfreundlichen Übernahme» der Arbeiterbewegung im Lauf der Geschichte.

Karl Kautsky [1854 - 1938], Deutscher sozialdemokratischer Politiker

Karl J. Kautsky (1854-1938). Die Mutter war Schriftstellerin und Schauspielerin, der Vater Theatermaler. Studium der Philosophie, Geschichte und Volkswirtschaftslehre. 1883-1917 als Redakteur für «Die Neue Zeit» tätig. 1914 politischer Bruch mit der sozialdemokratischen Parteilinken (Luxemburg, Liebknecht) in der Kriegsfrage.

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Wladimir I. Uljanow (1870-1924), besser bekannt unter dem Pseudonym Lenin. Sohn eines Mathematik- und Physiklehrers und einer belesenen Autodidaktin, die drei Fremdsprachen beherrschte. Studierte Jura und arbeitete als Rechtsanwaltsgehilfe, bevor er Berufsrevolutionär und erster Regierungschef der Sowjetunion wurde.

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* Wir veröffentlichen unsere eigene Übersetzung eines Auszugs aus einem längeren Aufsatz von Alain Bihr, der noch nicht publiziert ist. Wir danken dem Autor für die Bereitschaft, uns diesen Text zur Verfügung zu stellen. Titel und Zwischentitel sowie die Fussnoten sind von der Redaktion gesetzt.
1 Alain Bihr hat seine Theorie der Reproduktion des Kapitals in zwei Bänden ausführlich dargestellt, die 2001 im Verlag Editions Page 2 in Lausanne unter dem Titel La Reproduction du Capital. Prolégomènes à une théorie générale du capitalisme erschienen sind.
2 Alain Bihrs Originalbegriff heisst «l’encadrement». Das lässt sich nicht wörtlich ins Deutsche übersetzen.
3 Diese Unterscheidung, die Marx etwa im «18. Brumaire des Louis Bonaparte» verwendet, um die Lage der französischen Parzellenbauern Mitte des 19. Jahrhunderts zu beschreiben, zielt auf den Zusammenhang von ökonomischer Klassenlage und politischem Klassenbewusstsein ab. Eine Gruppe von Menschen, die sich in derselben Klassenlage wieder finden, bildet eine «Klasse an sich». Zur «Klasse für sich» wird sie erst, wenn die gemeinsame Klassenlage ein politisches Bewusstsein erzeugt, das dazu führt, sich gemeinsamer Interessen bewusst zu werden und sich zu organisieren, um für diese Klasseninteressen zu kämpfen.
4 Der deutsche Soziologe Max Weber (1864-1920) unterschied verschiedene Formen rationalen Handelns. Ihm zu Folge zielt Zweckrationalität darauf ab, möglichst wirksam zu handeln, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Wertrationalität dagegen zielt darauf ab, bestimmten Werten in der Gesellschaft Geltung zu verschaffen und/oder solchen Werten nachzuleben.

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