Syriens Bevölkerung mobilisiert sich

Ilham Al Issa*

aus Debatte Nr. 22 – Herbst 2012

Die Lage in Syrien ist unübersichtlich. Während sich die Massenmedien vor allem auf militärische und machtstrategische Aspekte des Konfliktes fokussieren, ist die Linke in der Syrienfrage gespalten, verfällt oft in Lagerdenken oder zögert, Stellung zu beziehen. Der hier publizierte Artikel der syrischen Aktivistin Ilham Al Issa legt den Schwerpunkt auf die vielfältigen und ebenso wichtigen Aktivitäten und Widerstandsformen der Bevölkerung selbst. Ein Bericht des zivilen Widerstandes aus dem Alltag. (Red.)

Die militärischen Auseinandersetzungen, die die Titelseiten der internationalen Presse füllen, verschleiern das Ausmass an Mobilisierung der Zivilgesellschaft, die zwar teilweise unabhängig vom bewaffneten Widerstand agiert, ohne die aber der Widerstand gegen die Diktatur unmöglich wäre. Es ist daher wichtig, diese Art des Widerstandes aus erster Hand zu beschreiben und auch ausserhalb Syriens bekannt zu machen.

Ernährung und Sicherheit

Nach eineinhalb Jahren der Revolte gegen die Diktatur des Assad-Clans, hat sich der zivile Widerstand an diverse Repressionsformen und an die sich ständig verändernde Lage anpassen müssen. Im Zuge dessen hat er eine weitgehende und präzise Arbeitsteilung entwickelt, an der sich immer mehr Menschen, Männer und Frauen verschiedenen sozialen und konfessionellen Ursprungs, trotz des hohen Risikos beteiligen.
Im sogenannten humanitären Bereich besteht die derzeit wichtigste Aktivität darin, Familien oder Einzelpersonen in Gefahr zu beherbergen. Die Meisten von ihnen sind vor der Repression oder aus den Kampfzonen geflohen. Es werden Wohnungen gemietet, «Betreuungsfamilien» gesucht, Kleidung und Nahrungsmittel für die Familien und ihre Kinder bereitgestellt.

Die Geheimdienste umgehen

Noch vor einigen Monaten verteilte das Rote Kreuz täglich Lebensmittelkörbe an all diejenigen, die mittels Idenditätskarte beweisen konnten, dass sie aus der Stadt Homs geflohen waren. Mittlerweile jedoch hat das Assad-Regime eigene Institutionen mit dieser Aufgabe betraut, so dass die betroffenen Familien nun Angst haben, sich zu erkennen zu geben. Da die von der Regierung eingesetzten Institutionen unter Verdacht stehen, vom Geheimdienst infiltriert zu sein und deswegen gemieden werden, landen die Lebensmittelkörbe nun in den falschen Händen. Infolge dieser Entwicklung ist ein Parallelnetzwerk der «revolutionären Kräfte» entstanden, das sich nun um die Flüchtlingsfamilien aus Homs kümmert.

Tägliche Demonstrationen trotz Lebensgefahr

Der politische Aktivismus von und an der Basis muss im Geheimen agieren und ist hochgefährlich. Die dadurch entstandenen Geheimgruppen haben eigene Kommunikationswege eingerichtet und informieren sich per Internet über geplante Kundgebungen. Trotz der Repression finden in den Banlieues der grossen Städte täglich Demonstrationen statt. Sie werden streng geheim vorbereitet und finden so meist «spontan» und nur für kurze Dauer statt. Es sind dies Gelegenheiten, zu filmen, Slogans festzuhalten und Botschaften im Quartier oder auf Leinwand weiterzuverbreiten. Immer mit dem Ziel, die zivile Mobilisierung lebendig zu halten.

Publizistische Tätigkeit

Einige erstellen, drucken und verteilen Flugblätter und Zeitungen. Manchmal entstehen so Zeitungen aus persönlicher Initiative. Andere werden durch organisierte Gruppen produziert und erscheinen mehr oder weniger regelmässig. Duzende Zeitungen zirkulieren derzeit in der Region um Damaskus. Sie befassen sich alle ausschliesslich mit der Revolution und der Situation des jeweiligen Quartiers, der Stadt oder der Region. Sie sind oft unabhängig von Parteien oder anderen Organisation und bringen die Bedürfnisse und Forderungen einfacher Bürger_innen zum Ausdruck, nach 40 Jahren der erzwungenen Stille ihre Meinung kundtun zu können.
Je nachdem, wie stark ein Quartier überwacht wird, werden die Zeitungen tagsüber oder nachts verteilt. Dabei sind mittlerweile zahlreiche Strategien entstanden, um möglichst unauffällig zu bleiben. Natürlich spielen die Frauen bei allen Personenbewegungen oder Gütertransporten eine wichtige Rolle, da sie einen grösseren Handlungsspielraum als die Männer haben und sich deswegen eher bewegen können. Mittlerweile existieren eigene Armeeeinrichtungen, die sich ausschliesslich der Festnahme und minutiösen Durchsuchung von Frauen widmen.

Informationen nach aussen tragen

Einige Aktivist_innen haben sich auf journalistische Tätigkeiten spezialisiert. Sie übernehmen Aufgaben, die ausländische oder unabhängige Journalist_innen auf Grund der Repression des Regimes nicht mehr wahrnehmen können. So sind in jedem Quartier einige Basisjournalist_innen aktiv, aber nur sehr wenige decken mehrere Quartiere ab, da es extrem gefährlich ist, sich mit Filmutensilien fortzubewegen. Personen, die unter Verdacht stehen, Informationen nach aussen zu verbreiten, sind die Hauptfeinde von Armee und Sicherheitskräften. Vom einen Quartier ins andere zu wechseln, bringt nicht nur die Filmenden, sondern auch die Gefilmten in Lebensgefahr.
Darüber hinaus befinden sich in jeder Brigade der FSA (Freie Syrische Armee) Einheiten, die für die Kommunikation zuständig sind und nur mit einer Kamera bewaffnet sind.
Mittlerweile ist ein breites Netzwerk an Aktivist_innen sowohl innerhalb wie ausserhalb der FSA entstanden, das für den Transport einfacher Kommunikationsmittel (Kameras, Computer, Telefone etc.) sowie die Übermittlung von Informationen selbst zuständig ist. Die dafür notwendige, in der Regel sehr bescheidene Ausstattung wird in Syrien selbst eingekauft und durch Spenden finanziert. Ein Teil der noch intakten syrischen Wirtschaft funktioniert somit teilweise dank der Revolution und ihren Erfordernissen.

Ziviler und bewaffneter Widerstand

Die Grenzen zwischen bewaffnetem und zivilem Widerstand sind fliessend. In vielen Fällen sind die Einheiten der FSA auch aus den Tansiquiyat, den lokalen Koordinationsgruppen, welche die (zuvor) friedlichen Proteste organisiert hatten, hervorgegangen. So zum Beispiel in Mazzeh, einer Ortschaft im Südwesten von Damaskus, wo die Koordinationsgruppe noch 2011 im Geheimen grosse Demonstrationen organisiert hatte, ohne dass jemand wusste, wie sich diese Gruppe zusammensetzt. Als ihre Mitglieder beschlossen, die Waffen in die Hände zu nehmen, meldeten sie sich zunächst maskiert zu Wort, worauf sie von einigen erkannt und verraten wurden. Die meisten wurden daraufhin vom Regime umgebracht oder werden bis heute gefoltert.
Es ist also mehr als nachvollziehbar, dass ein Teil des zivilen Widerstandes dazu übergegangen ist, den Kampf bewaffnet fortzusetzen. Die Menschen leisten Hilfe bei den Truppenverschiebungen, überbringen Botschaften, stellen Verbindungen mit den Gesundheitseinrichtungen her und helfen beim Transport von Verletzten. Wo und wie können versteckte Gesundheitszentren errichtet werden? Welche Route soll genommen werden, um ein Zusammentreffen mit der regulären Armee zu verhindern? Letzteres im Bewusstsein, dass verletzte Zivilisten, die vom Regime entdeckt werden, meistens ermordet werden.
Sobald der Name eines Aktivisten oder einer Aktivistin dem Regime bekannt ist, kann er oder sie sich nicht mehr frei bewegen und muss fortan ein Leben im Versteckten führen. Auch deswegen entscheiden sich viele von ihnen, sich zu bewaffnen und sich der FSA anzuschliessen. Denn werden sie vom Regime entdeckt, drohen ihnen grausame Folter und der Tod. Der bewaffnete Kampf für die Revolution ist also manchmal die einzige Wahl.
Die Familien in Syrien haben nur noch wenige männliche Mitglieder. Denn die meisten befinden sich entweder in der FSA oder auch der Flucht. Diejenigen, die mit ihren Familien bleiben, leben meist im Versteckten. Immer weniger arbeiten, und müssen zudem für immer mehr Familienmitglieder und Hinzugekommene aufkommen. Andere wiederum sind arbeitslos und widmen sich daher vollständig der (zivilen) Unterstützung der FSA.

Das geheime Gesundheitswesen

Die Aktivist_innen, die im Bereich des (alternativen) Gesundheitswesens tätig sind, sind der Gefahr der Repression und der Gewalt am stärksten ausgesetzt, da sie sich, um Verletzte zu evakuieren, in die Kampfzonen begeben müssen. So ist unter ihnen auch die Zahl an Verwundeten und Toten am grössten.
Das Gesundheitswesen des Widerstandes finanziert sich wesentlich durch Spenden, die durch internationale NGOs erbracht werden. Dies geschieht entweder im Geheimen, oder aber direkt dank geheimer Verbündeter der Gegenseite. Denn immer noch ist es für die Regierung sehr schwierig, ein vom Regime überwachtes Krankenhaus davon abzuhalten, sich mit der revoltierenden Bevölkerung solidarisch zu zeigen. Selbst in staatlichen Krankenhäusern arbeiten die Angestellten oft parallel und im Geheimen, um die Verletzten des Widerstandes zu pflegen. Auf diese Weise werden die Verletzten auch in staatlichen oder privaten Einrichtungen kostenlos behandelt, egal ob es sich um «Direktverwundete» oder chronisch Kranke handelt.
Schon vor der Revolution war das Gesundheitswesen Syriens im Prinzip für alle kostenlos. Auf Grund der weitverbreiteten Korruption war es aber sehr anfällig für Ungerechtigkeiten und Fehler. Heute ist es, auch für die leidende und arme Bevölkerung, wirklich kostenlos geworden, auch wenn es im Versteckten operieren muss und ständig Gefahr läuft, vom Sicherheitsapparat attackiert zu werden, der vor nichts zurückschreckt.
In Homs schreckte das Regime nicht davor zurück, in Krankenhäuser einzudringen, Verwundete, Kranke sowie das Gesundheitspersonal zu foltern oder zu töten. Diese Politik des Terrors hat dazu geführt, dass sich die Bevölkerung noch stärker für den Widerstand einsetzt.

Widerstand überall

Sich in Syrien vom einen Ort zum anderen zu begeben, stellt für den zivilen Widerstand das grösste Problem dar. Mit Checkpoints und Strassensperren werden ganze Stadtteile intensiv überwacht. Ein grosser Teil der Energie wird dafür verwendet, diese Kontrollen ausfindig zu machen und zu umgehen.
Die unterschiedlichen Hintergründe der Aktivist_innen haben zu einer Vielfalt von Aktionsformen geführt. Trotzdem hat die*Bevölkerung dem gnadenlosen Repressionsapparat, wenn er einmal zuschlägt, wenig entgegenzusetzen. Die Kommunikation unter den verschiedenen Gruppen hängt zudem vom Internetzugang ab.
Die Aktivitäten des zivilen Aktivismus hängen von der Finanzierung durch die syrische Diaspora oder von Syrer_innen innerhalb des Landes ab. Nach eineinhalb Jahren ökonomischer Flaute verfügt die syrische Mittelschicht jedoch über wenig Mittel. So sind es zurzeit auch Fraktionen der höheren Klassen, die sich mobilisieren: Handelsleute, einflussreiche Geschäftsmänner, Besitzer grosser Landwirtschaftsbetriebe. Ein grosser Betrieb beispielsweise stellte dem Widerstand den Ertrag einer ganzen Saison zur Verfügung. Auch viele Kleinproduzenten verlassen den Markt, um am neu entstandenen, verdeckt operierenden und kostenlosen «Wirtschaftskreislauf» zu partizipieren. In diesen Fällen verläuft die Mobilisierung vertikal: Kapitalisten und Angestellte sind involviert, Unternehmen und Landwirtschaftsbetriebe widmen sich ganz der Revolution.

Der Widerstand braucht Solidarität

Der zivile Widerstand kann nur dank Spenden seinen Kampf für ein freies und demokratisches Syrien fortsetzen. Er steht einem erbarmungslosen Repressionsapparat gegenüber. Männer und Frauen, die sich mit einfachsten Mitteln versuchen, die Geschehnisse zu beeinflussen, sterben Tag für Tag. Die syrische Bevölkerung zeigt, trotz des Grauens, Durchhaltevermögen, aber sie braucht die internationale Solidarität, um ihren Kampf weiterzuführen und um zu überleben. Eine politische und moralische Solidarität, aber auch eine materielle, finanzielle und medizinische Unterstützung ist dringend nötig.

[Kasten]

Die Bevölkerung Syriens, ob in Dar’a (wo die Proteste 2011 losgingen), in Dair az-Zur oder in Damaskus, leidet schon seit Jahren unter einem dreifachen Joch: Die soziale Krise und die Armut; die steigende soziale Ungleichheit samt weitverbreiteter Korruption; sowie der omnipräsente und repressive Polizeistaat. Die «ökonomische Öffnung» (infitah), die unter Federführung der Weltbank und des IWF eingeleitet wurde, führte zur Konzentration von Reichtum (Boden, Importe, Finanzen, Tourismus, Öl etc.) in den Händen des Assad-Clans, seines gigantischen Repressionsapparates sowie einiger «Neureicher». 5% der Eliten verfügen über 50% des Nationaleinkommens.
Die bäuerlichen Schichten Syriens sind massiv verarmt. Gezwungen, in die Peripherie der grossen Städte zu migrieren, waren sie schnell bereit, sich dem Volksaufstand anzuschliessen. 65% der syrischen Bevölkerung sind weniger als 30 Jahre alt. Diese Schicht hat die sozio-ökonomischen Veränderungen mit voller Wucht erfahren: Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, massive Verarmung.
Der Volksaufstand ist somit als Reaktion auf diese untragbaren Zustände und den Abbau demokratischer Rechte zu verstehen, wie sie in der gesamten Region zu beobachten waren. Die grauenvolle Brutalität der Repression – Folter in den Krankenhäusern, Zerstörung ganzer Quartiere und Auslöschung gesamter Familien, Bombardierung von Personen, die vor einer Bäckerei Schlange stehen – hat den wahren Charakter des Regimes zum Vorschein gebracht. 30’000 Tote, 40’000 Festgenommene, oftmals gefoltert, 300’000 Flüchtlinge sowie zwei Millionen Binnenflüchtlinge lassen erahnen, welches Grauen sich hinter dem Krieg gegen die Bevölkerung verbirgt. (Red.)

 

_______________
* Ilham Al Issa ist eine Aktivistin aus der Region Damaskus. Ihr hier in gekürzter Fassung publizierter Artikel erschien am 20. September auf www.alencontre.org. Aus dem Arabischen ins Französische übersetzt von Jihane Al Ali. Übersetzung auf Deutsch von David S.

Dieser Beitrag wurde unter Arabische Revolten, Debatte Nr. 22, International veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *