Prekarisierung, Angst, Emanzipation

Anika Thym

aus Debatte Nr. 23 – Winter 2012

Die Diskussion um Prekarisierung steht in Zusammenhang mit wirtschaftlichem Strukturwandel, Sozialabbau und Neoliberalismus. Sie ist durch Sorge und Hoffnung geprägt. Dieser theoretische Beitrag beleuchtet Geschichte und gesellschaftliche Bedingungen der Prekarität und fragt nach Emanzipationspotenzial. (Red.)

Prekarisierung, zunehmende Kapitalisierung des sozialen Lebens und eine spezifische Regierungstechnik, die über den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse, über Ungewissheit und über die Ängste der Menschen funktioniert, erzeugen derzeit eine gewisse, scheinbar fatalistische, Perspektivlosigkeit. So meint Bourdieu: «Indem sie [die Prekarität] die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allen Dingen jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist» (Bourdieu 1998, 97). Fraglich bleibt jedoch, inwiefern, bzw. wann die zunehmende Perspektivlosigkeit und Unsicherheit sich tatsächlich in Handlungsunfähigkeit und einer gewissen Lähmung ausdrückt. Verschiedene Formen des Protests und des Widerstandes haben in letzter Zeit zugenommen. Viele suchen nach Auswegen, versuchen Rechte auf Meinungsfreiheit und politische Mitgestaltung einzufordern, oder selbst alternative politische Praxen zu entwickeln. Diese reichen von Protestwellen in Nordafrika, Griechenland und London, über Arbeitskämpfe in Nordspanien, die Occupy Bewegung in New York, die Blockupy Bewegung in Frankfurt am Main, Studierendenprotesten in Montréal oder Santiago de Chile, bis zum Marsch der Sans Papiers im Sommer 2012. Begleitet werden diese Protestbewegungen jedoch von massiv repressiver Polizeigewalt sowie einer zunehmenden präventiven und juridischen Repression. So wurden am 18. Mai 2012 in Quebec zwei neue Gesetze erlassen, die zum Ziel haben, die Studierendenproteste zu beenden (Anarchist News 2012). Zur gleichen Zeit (17.-19. Mai 2012) wurde in Frankfurt am Main mit einem enormen Polizeiaufgebot versucht, die Blockupy Bewegung im Keim zu ersticken. Nach Angaben des Ermittlungsausschusses Frankfurt wurde «während der Protesttage ein Polizeieinsatz gefahren…, der auf dem Prinzip von ,Abschreckung durch Rechtsbruch’ basiert hat» (EA-Frankfurt 2012). Ein involvierter Rechtsanwalt vermutet, dass «das Vorgehen der Polizei Frankfurt der Versuch des Einstiegs zur Beseitigung des Versammlungsrechts» (ebd.) sei.

Wo liegt das Problem?

Es zeigt sich folglich, dass auf die zunehmende Prekarisierung unter anderem mit verschiedenen Widerstandsformen reagiert wird – und diese wiederum mit (juridischer) Repression zu ersticken versucht werden. Widerstand und Repression stehen in einem antagonistischen Verhältnis zueinander und verstärken sich wechselseitig. Geht man davon aus, dass die zunehmende Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen Grund für diese Proteste ist, so liegt auf der Hand, dass diese Probleme nicht mit Repression gelöst werden können. Doch wo wird jeweils das Problem verortet und welche Gefahr schwebt den Regierenden vor Augen? Welche Rolle spielen in all dem Prekarität und Prekarisierung? Im Rahmen dieses Artikels versuche ich die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen der aktuellen Prekarisierungsprozesse abzutasten und frage (1) danach, inwiefern eine bestimmte Form von Angst konstitutiv ist für das bürgerliche Fortschrittsprojekt und inwiefern diese Angst Resultat einer anthropologischen Annahme grundsätzlicher Feindseligkeit gegenüber Anderen ist. Daraufhin (2) wird kurz auf die Situation im Neoliberalismus eingegangen und anschliessend (3) gefragt, inwiefern auch widerständische Projekte auf diesen Grundannahmen aufbauen und sich so vielleicht Emanzipationsmöglichkeiten verbauen. Schliesslich (4) wird nach Emanzipationspotential in all dem gefragt.

1. Etablierung der bürgerlichen Klasse

Verfolgt man mit Adorno die Etablierung der bürgerlichen Klasse im 18. Jahrhundert, so spielen Angst und ein Gefühl der Verwundbarkeit eine zentrale Rolle: «Dieselbe ratio, die, im Einklang mit dem Interesse der bürgerlichen Klasse, die feudale Ordnung und ihre geistige Reflexionsgestalt, die scholastische Ontologie, zertrümmert hatte, fühlte sogleich den Trümmern, ihrem eigenen Werk gegenüber Angst vor dem Chaos. Sie zittert vor dem, was unterhalb ihres Herrschaftsbereichs drohend fortdauert und proportional zu ihrer eigenen Gewalt sich verstärkt» (Adorno 2003, 32). Laut Adorno gibt es eine ratio, die zunächst im Interesse der bürgerlichen Klasse feudale Denk- und Herrschaftsstrukturen zertrümmerte, mit dem Ziel eine befreitere Welt herzustellen. Dieselbe ratio verspürte jedoch – ob legitimerweise oder nicht bleibt offen – Angst vor Chaos. Reagiert wird daher durch Bekräftigung einer spezifischen bürgerlichen Ordnung, die Emanzipation schützen soll, gleichzeitig jedoch jeden Schritt hin zu Emanzipation neutralisiert. Andere gesellschaftliche Gruppen, die ebenfalls Träger_innen der bürgerlichen Revolution waren, werden aus deren Fortschrittsprojekt ausgeschlossen; beispielsweise aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Klasse oder ihrer «Rasse» (vgl. Maihofer 1997). So befürchtet die bürgerliche ratio, von einer fortschrittlicheren Gesellschaft abgelöst zu werden: «[Das bürgerliche Bewusstsein] ahnt, daß es, weil es nicht die ganze Freiheit ist, nur deren Zerrbild hervorbringt; darum weitet es seine Autonomie theoretisch zum System aus» (Adorno 2003, 32). Folglich entwickelt sich die bürgerliche Gesellschaft – aus Angst vor Emanzipation – zum scheinbar abgeschlossenen System. Sie stellt einen neuen Zwang her und affirmiert Angst vor dem Anderen. Gelehrt und gelernt wird, bereits schon mit der Erziehung, der Umgang mit Gewalt, anstatt Feindseligkeit, Zwang und Gewalt zu hassen. Die bürgerliche Gesellschaft entwickelt sich somit als System, das ambivalenterweise aus Angst vor Gewalt selbst über Gewalt, Beherrschung, Zwang und Exklusion funktioniert, was auf Kosten von Vielfalt, Freiheit und Leben geht. Elemente dieser Rationalität und Subjektivierung finden sich auch in den aktuellen Prekarisierungsprozessen und neoliberalen (Selbst-)Regierungsformen wieder.

2. Prekarisierung und Neoliberalismus

Ohne hier auf die historischen Zwischenphasen eingehen zu können soll nun der Fokus auf aktuellen Tendenzen und Möglichkeiten der Emanzipation liegen. Bezeichnend für die Aktualität ist der Neoliberalismus, der nach Alex Demirovic (2008, 18) einen Prozess der Neukonstitution der bürgerlichen Klasse organisiert, die sich aus dem bisherigen fordistischen Kompromiss (der über Zugeständnisse funktioniert/e) herauslöst. Nun werden unmittelbare Gewinninteressen verfolgt und die für sie günstigste Lebensweise ohne – oder mit denkbar geringen Zugeständnissen verfolgt. Resultat ist eine «Massenverwundbarkeit» (vgl. Castel 2008, 357), die Prekarisierung als Regierungstechnick ermöglicht (vgl. Lorey 2011, 79). Im neoliberalen Regieren durch Prekarisierung als Verunsicherung tritt auf der Ebene der Selbstregierung eine besondere Subjektivierungsweise der Angst in den Vordergrund (ebd., 82). Da potenzielle Prekarität für jedes Individuum scheinbar zur Existenzbedrohung wird, ist sie allgegenwärtig. Das Existenzial Angst, von dem Adorno spricht, wird privatisiert – und somit auch das kollektive Sicherheits- und Absicherungssystem. Angst wird individualisiert, der Zwang wird nun von Individuen auf sich selbst ausgeübt und als Überlebensnotwendigkeit verstanden. Prekarisierung garantiert die anhaltende Abhängigkeit vom Kapital durch (zunehmend prekäre) Lohnarbeit.

3. Fokus auf Preksein als Lösung?

Einige Autor_innen, wie beispielsweise Judith Butler (2008), sehen im Prekären selbst emanzipatorisches Potential. Grundsätzliche menschliche Vulnerabilität und wechselseitige Abhängigkeit verweisen ihr zufolge auf damit zusammenhängende wechselseitige Verpflichtungen. Einfach ausgedrückt: weil wir andere brauchen, müssen wir auch für andere da sein. Appelliert wird daher an Solidarität – vor Allem an jene, die, durch Umverteilung von Sicherheit, von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Arrangements, in Form von weniger prekären Lebensverhältnissen, profitieren (z.B. ist die relative Sicherheit erwerbstätiger «Bürger_innen» bedingt durch prekäre migrantische Arbeiter_innen). Auch wenn ich die Realität und das politische Potential dieser Perspektive für bedeutsam halte, so scheint sie mir doch zu kurz zu greifen. Anstatt Leben als immer schon gefährdetes, schutzbedürftiges vorauszusetzen, möchte ich hier nach der diskursiven Verknüpfung von Leben, Sicherheit, Schutz und Angst fragen. Inwiefern hängt gerade der bürgerlich spezifische Kausalzusammenhang – also die Art und Weise zu sein, zu existieren, die (Sozial-)Ontologie, die sich in diesem Kontext ergibt – mit seiner gesellschaftlichen Verfasstheit zusammen? Wenn Leben nicht von vornherein mit Vulnerabilität und Schutz gekoppelt wird, kann gesellschaftliche Verwobenheit auf vielfältige Art und Weise gedacht und gelebt werden. Dies scheint notwendig, wenn man eine Überwindung der Prekarisierungsprozesse und des sie bedingenden (neoliberalen) Kapitalismus anstrebt. Spannend wird somit die Frage: Inwiefern blockiert die einseitige Vorstellung von Leben als prekär und schutzbedürftig selbst eine emanzipatorische Entwicklung hin zu einer grundlegend verschiedenen Gesellschaftsformation, in der ein Miteinander des, nicht länger feindseligen, Vielen (Adorno 2003, 18, 153) möglich wird. in der man «ohne Angst verschieden sein kann» (Adorno 1951, 185)? Inwiefern bildet nicht sogar eine spezifische Form von Prekarität, die immer schon mit Bedrohung verknüpft ist, ein konstitutives Element der bürgerlichen ratio?

Teilnehmer_innen des Sans-Papier-Marsches tanzen an der  Grenze Schweiz-Deutschland, am Zoll Otterbach - der Abschreckungsmaschinerie zum Trotz.

Teilnehmer_innen des Sans-Papier-Marsches tanzen an der Grenze Schweiz-Deutschland, am Zoll Otterbach – der Abschreckungsmaschinerie zum Trotz.

4. Emanzipationspotential?

Betrachtet man Menschen jedoch als Teil eines globalen Stoffwechsels, in dem sie von der Umwelt produziert und beeinflusst werden, gleichzeitig aber auch die Umwelt und Gesellschaftlichkeit mitgestalten, wird deutlich, dass Verwundbarkeit und Angst nur einen Aspekt des Lebens ausmachen und dies auch auf historisch kulturell spezifische Art und Weise. Ausgeblendet wird sowohl in der herrschenden ratio als auch bei Butler, dass innerhalb von diesem Stoffwechselprozess prinzipiell Ernährungssicherheit garantiert werden könnte; dass Sterblichkeit nicht notwendigerweise mit Prekarität, oder Verwundbarkeit mit Angst verknüpft werden muss. So stellt sich die Frage, ob nicht leben und das was wir geben: da sein für Andere, lieben etc. mindestens genauso relevant sind für eine emanzipatorische Entwicklung, wie die wechselseitige Verwundbarkeit. In Bezug auf emanzipatorische Projekte scheint mir daher gerade der Umgang mit dem Existenzial Angst – gekoppelt mit dem Schutz- und Sicherheitszwang essenziell. Diese gilt es mitzubedenken, wenn die Möglichkeitsbedingungen für eine grundlegend andere Gesellschaft gemeinsam erarbeitet werden sollen, auch in den aktuellen Protestbewegungen. Die zu Beginn erwähnte Repression, die versucht diese einzudämmen, scheint dabei die Absicherungsstrukturen zu reproduzieren, die die bürgerliche ratio – wenn auch jeweils in historisch spezifischer Form – von Anbeginn begleitet.
In einem Versuch der Überwindung von identitären Vermittlungsstrukturen sowie kapitalistischer Abhängigkeiten, die eine wechselseitige <Zurichtung> verlangen, darf daher die Wirkmächtigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, sowie deren inhärente Verwendung und Affirmation von Repression nicht unterschätzt werden. Angestrebt werden müsste eine Überwindung der bürgerlichen Vermittlungsmuster, bis hin zur Bedeutung von Angst, Sicherheit und Schutz – um, wie Marx in seinem kategorischen Imperativ formuliert, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist» (MEW 1, 385). Ziel ist somit die Herstellung einer Praxis und einer (Sozial-)Ontologie, die wechselseitige Anerkennung in der Differenz (vgl. Maihofer 1997) und damit ein Miteinander des Verschiedenen ermöglichen.

Theodor W. Adorno

Theodor W. Adorno

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Adorno, Theodor W. (2003 [1966]): Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit. Frankfurt/M.
– (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt/M.
Anarchist News (2012): Solidarity Means Attack – Call For Support From Montréal! 26.05.2012, http://anarchistnews.org/content/solidarity-means-attack-call-support-montr%C3%A9al.
Bourdieu, Pierre (1998 [1997]): Prekarität ist überall, in: ders.: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz: Universitätsverlag/UVK, 96-102
Butler, Judith (2008): Precarious Life, Grievable Life, in: dies.: Frames of War. When is Life Grievable? London, New York, 1-32
Castel, Robert (2008): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz.
Demirovic, Alex (2010): Struktur, Handlung und der ideale Durchschnitt, in: Prokla 159, 40, Heft 2
– (2008): Neoliberalismus und Hegemonie, in: Ptak, Ralf (Hg) et al : Neoliberalismus. Analysen und Alternativen. Wiesbaden, 17-33
EA Frankfurt (2012): Stellungnahme des EA-Frankfurt zu den Blockupy-Tagen in Frankfurt, 26.05.2012, www.blockupy-frankfurt.org/de/presse/ea-frankfurt-250512.
Lorey, Isabell (2011): Gouvernementale Prekarisierung, in: Isabell Lorey/Roberto Nigro/Gerald Raunig (Hg.): Inventionen I: Gemeinsam. Prekär. Potentia. Kon-/Disjunktion. Ereignis. Transversalität. Queere Assemblagen. Zürich, 72-86
Maihofer, Andrea (1997): Gleichheit nur für Gleiche. Frankfurt.
Marx-Engels-Werke (1975ff.): Ostberlin. (zitiert als MEW).

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