Pierre Bourdieu und der kollektive Intellektuelle

Peter Streckeisen

aus Debatte Nr. 20 – Frühling 2012

Vor gut zehn Jahren, am 23. Januar 2002, ist Pierre Bourdieu gestorben. Er war einer der international bekanntesten Soziolog_innen und verknüpfte seine wissenschaftliche Arbeit 40 Jahre lang mit politischen Interventionen. Dieser Beitrag beschränkt sich darauf, sein Selbstverständnis als engagierter Intellektueller zu rekonstruieren.*

Pierre Bourdieu war einer der weltweit bekanntesten Sozialwissenschaftler_innen. Doch der «politische Bourdieu» ist in weiten Kreisen unbekannt (unter den Studierenden, die seine akademischen Texte lesen) oder kaum verstanden (in linken Zusammenhängen, denen die Logik seiner politischen Interventionen fremd war). Es lohnt sich deshalb, zehn Jahre nach seinem Tod auf sein politisches Erbe zu blicken.

Forschung und Revolution in Algerien

Als frisch gebackener 25jähriger Gymnasiallehrer wurde Bourdieu 1955 für den Militärdienst in Algerien eingezogen. Er blieb bis 1960 in der französischen Kolonie, welche 1962 die Unabhängigkeit erlangte. Während die Kolonialarmee in Algier die arabischen Stadtteile besetzte und die Anführer der Nationalen Befreiungsfront auslöschte (siehe den Film Die Schlacht um Algier von Gillo Pontecorvo, 1966), begann Bourdieu die algerische Gesellschaft zu erforschen. Er wollte einen spezifischen Beitrag zum Kampf für die Unabhängigkeit leisten: Es schien ihm notwendig, die algerische Gesell-schaft zu kennen, um politische Ziele und Strategien für deren Zukunft zu entwickeln. In Frankreich aber hatten die Intellektuellen, die den Unabhängigkeitskampf unterstützten (allen voran Jean-Paul Sartre, der 1961 das Vorwort zu Frantz Fanons Buch Die Ver-dammten dieser Erde schrieb), keine Ahnung von Algerien. Und mehr noch: Bourdieu war der Meinung, dass selbst die im Kampf gegen die Kolonialmacht engagierten algerischen Intellektuellen ihr Land oft schlecht kannten – insbesondere war ihnen das ländliche Algerien fremd, in dem die Bevölke-rungsmehrheit lebte.

Das erste Buch Pierre Bourdieus trägt den Titel Sociologie de l’Algérie – ein kleines Büchlein, mit dem er 1958 ein fortschrittliches französisches Publikum über Algerien aufklären wollte. Einige seiner ersten Aufsätze befassen sich mit den Möglichkeiten und Perspektiven einer Revolution der algeri-schen Gesellschaft. Während sich die französischen linken Intellektuellen stritten, ob das Proletariat oder die Bauernschaft dazu berufen sei, eine Führungsrolle als revolutionäre Kraft zu spielen, zeigten Bourdieus Studien, dass beide Lager sich Illusionen über das revolutionäre Subjekt machten. Eine seiner wichtigen Entdeckungen bestand darin, dass die Aneignung einer «revolutionären Perspektive» eine bestimmte Weltsicht und ein Verhältnis zur Zukunft voraussetzt, das der Bevölkerungsmehrheit Algeriens fremd war. Das algerische Subproletariat kämpfte täglich ums Überleben. Seine politischen Ansichten waren durch eine radikale Ablehnung der Kolonialherrschaft ebenso geprägt wie durch den Wunsch, traditionelle Strukturen und Alltagskulturen zu verteidigen, die in prekären Lebensumständen ein Minimum an Halt verleihen.

Pierre Bourdieu (1930-2002)

Pierre Bourdieu (1930-2002)

Eine neue Generation

Zurück in Frankreich schaffte Bourdieu den akademischen Durchbruch mit verschiedenen Untersuchungen über die Reproduktion sozialer Ungleichheiten durch das Bildungssystem und kulturelle Unterschiede zwischen sozialen Klassen, die er mit weiteren Forscher_innen (etwa Jean-Claude Passeron, Luc Boltanksi oder Robert Castel) durch-führte. 1975 gründete diese neue Generation kritischer Sozialwissenschaftler_innen die Zeitschrift Actes de la Recherche en Sciences Sociales, um sich ein kollektives und von den einschlägigen akademischen Seilschaften und politischen Einflüssen unabhängiges Publikationsorgan zu geben, das auch mit traditionellen Darstellungsformen brach: So wurden akademische Artikel neben Fotogra-fien oder Comics sowie Forschungsskizzen veröffentlicht. Als Bourdieu 1982 zum Professor am Collège de France gewählt wurde, hatte er den Höhepunkt seiner akademischen Karriere erreicht.

Guter Wille reicht nicht aus

Die Untersuchungen zum Bildungssystem stellten Pierre Bourdieu und sein Team ins Zentrum der Diskussionen und Kämpfe, die sich im Mai 1968 so zuspitzten, dass der Kapitalismus einen Moment lang ins Wanken geriet. Das Buch Les Héritiers (Die Erben) hatte 1964 viele Fragen der studentischen Protestbewegung vorweggenommen. In weiteren Publikationen zeigten Bourdieu und seine Forschungsteams auf, wie das öffentliche Bildungssystem nicht nur Ungleichheit reproduziert, sondern diese vor allem naturalisiert und legitimiert, indem der unterschiedliche Bildungserfolg als Ergebnis von Intelligenz und Fleiss unter Bedingungen, die für alle gleich sind, dargestellt und in staatlichen Bildungstiteln bescheinigt wird. Für die herrschende Klasse erfüllt das Bildungssystem unverzichtbare Dienste bei der Vererbung von Macht und der Rechtfertigung von Privilegien, gerade weil es allen zugänglich ist und sich am Prinzip der Chancengleichheit orientiert. Diese kritischen Studien legten aber auch das Augenmerk auf die Rolle der Lehrkräfte, die oft ohne es zu wollen und zu wissen zum Gegenteil dessen beitragen, was sich die meisten von ihnen wünschen – mehr Gleichheit und Gerechtigkeit. Zweifellos erkannte Pierre Bourdieu darin ein zentrales Problem, das auch die politische Arbeit betrifft. Guter Wille reicht nicht aus, um Gutes zu tun: Wenn Lehrkräfte, engagierte Intellektuelle oder politische Aktivist_innen ihre eigene Funktion und Praxis nicht kritisch mit sozialwissenschaftlichen Methoden hinterfragen, kann ihr Handeln entgegen aller fortschrittlichen Absicht konservative Auswirkungen haben.

Mai 1968

Während den Ereignissen von 1968 riefen Pierre Bourdieu und seine Mitstreiter_innen zur Einberufung von Basisversammlungen der Lehrenden und Forschenden auf, damit das wissenschaftliche Personal der Universitäten nicht nur als mehr oder weniger wohlwollende Beobachter_innen der studentischen Bewegung dastehen, sondern sich als politischer Akteur organisieren sollte. Die Verbindung zwischen Uni- und Arbeiter_innenbewegungen schien ihnen von zentraler Bedeutung zu sein: Die Zukunft der Bildungsinstitutionen musste auch von den Menschen mitgestaltet werden können, die von diesen bislang systematisch ausgeschlossen wurden. Bourdieus politische Interventionen dieser Zeit spiegeln zwei Überzeugungen, die ihn zeitlebens prägten: Einerseits müssen sich die kritischen Intellektuellen eigenständig organisieren, um zu einer politischen Kraft zu werden. Anderseits ist eine reflektierte Solidarität mit den Angehörigen der beherrschten Klassen und den politischen Organisationen, die deren Interessen zu vertreten trachten (z.B. Gewerkschaf-ten), notwendig. Auf diese Weise kann die Intervention der Intellektuellen soziale Kraft und der Kampf der Beherrschten intellektuelle Kraft hinzugewinnen. Die Initiativen, die Pierre Bourdieu in den letzten Lebens-jahren unterstützte oder lancierte, um gegen die Herrschaft des Neoliberalismus eine «Internationale der Intellektuellen» zu mobilisieren, spiegelten nicht den Anspruch auf eine Führungsrolle der Intellektu-ellen in sozialen Bewegungen, sondern den Wunsch, einen besonderen Beitrag zum politischen Kampf zu liefern. Bourdieu war überzeugt, dass dieser Beitrag umso wirksamer sein würde, als die Intellektuellen auf ihrer (partei-) politischen Unabhängigkeit beharrten.

Unabhängigkeit und Intellektuellen-Kollektiv

Pierre Bourdieu vertrat eine Vorstellung des engagierten Intellektuellen, die den in linken Zusammenhängen üblichen Modellen widersprach. Im Gegensatz zu den Intellektuellen, die sich als Weggefährten der Kommunistischen und/oder Sozialistischen Partei betrachteten oder sogar als Parteiintellektuelle agierten, schreckte er nicht davor zurück, die «linken Parteien» zu kritisieren. So ergriff er 1981 mit Michel Foucault die Initiative für eine Stellungnahme, welche das Schweigen der neuen Regierungskoalition von Sozialisten und Kommunisten unter Mitterrand angesichts der militärischen Niederschlagung der Solidarnosc-Bewegung in Polen anprangerte. Im Gegensatz zur heroischen Figur eines Jean-Paul Sartre, der sich als «universeller Intellektueller» zu allen möglichen Fragen äusserte (auch wenn er nicht immer gut Bescheid wusste), propagierte Bourdieu das Modell eines kollektiven Intellektuellen bzw. eines Intellektuellen-Kollektivs, dessen Intervention auf der professionellen Arbeit der einzelnen Intellektuellen beruht und den Gefahren des Personenkults zu entgehen versucht. Gegen die in der revolutionären Linken gepflegte Vorstellung des organischen Intellektuellen definierte er die Aufgabe des engagierten Intellektuellen dadurch, nicht im Namen der Unterdrückten zu sprechen, sondern ihre Stimme hörbar zu machen. Denn wenn der organische Intellektuelle die soziale, kulturelle und politische Kluft verleugnet oder verschweigt, die ihn objektiv von denen trennt, deren Interessen er zu vertreten behauptet, lässt er sie sprachlos und macht sie zum Objekt seiner Intervention, statt diese in den Dienst ihres politischen Kampfs zu stellen.

Bourdieu und der Marxismus

Pierre Bourdieu hatte nie Berührungsängste gegenüber dem Marxismus, aber seine Haltung gegenüber marxistischen Intellektuellen war kritisch. Er beobachtete, dass sie sich oft nur so lange revolutionär geben, wie es nicht um ihre eigenen Interessen geht. Im Gegensatz dazu würdigte er den Schriftsteller Karl Kraus oder den Soziologen Max Weber als Denker, welche die intellektuelle Welt und die Klasseninteressen der Intellektuellen grundsätzlich in Frage gestellt hatten. Bourdieu kritisierte die marxistische Philosophie eines Louis Althusser oder Etienne Balibar, weil sie im Namen des Klassenkampfs den konservativen Glauben an die überlegene Weisheit des Philosophen, der über den Wissenschaften steht und Zugang zur Wahrheit ohne empirische Erforschung der Realität findet, reproduzierte. Da die Welt der Intellektuellen (Universität, Medien, Kunst & Politik) auf dem Ausschluss und der kulturellen und politischen Enteignung der beherrschten Klassen beruht, machen sich diejenigen, die in dieser Welt im Namen der Ausgeschlossenen sprechen, zu Kompliz_innen des Ausschlusses. Die erste Aufgabe engagierter Intellektueller bestand für Bourdieu gerade darin, diese Mechanismen der Enteignung, welche die Mehrheit der Menschen auf den Status von Empfänger_innen politischer Meinungen und Kund_innen kultureller Produkte reduziert, zu erforschen. Dies tat er zum Beispiel durch seine Kritik der Meinungsumfragen oder des Fernsehens.

Das Elend der Welt

Als letzte konkrete Zeugnisse dieses Selbstverständnisses eines engagierten Intellektuellen stehen Pierre Bourdieus Interventionen gegen die neoliberale Umgestaltung der Gesellschaft. Als er 1995 zu den streikenden Bahnarbeitern und später zu den protestierenden Erwerbslosen oder den wütenden Vorstadtjugendlichen ging, ergriff er nicht in deren Namen das Wort, sondern tat als Soziologe sein Verständnis und seine Unterstützung kund und wollte zugleich Erkenntnisse der Forschung dem politischen Kampf zur Verfügung stellen. Das 1993 veröffentlichte Buch La Misère du Monde, über Tausend Seiten stark und mehrere Zehntausend mal verkauft, war Forschung und Intervention in einem: Durch den Einsatz sozialwissenschaftlicher Methoden (verstehende Interviews, soziologische Objektivierung) kommt ein «Frankreich von unten» vielstimmig zur Sprache und prangert die Politik einer Elite von Privilegierten an, die sich dem Kampf gegen vermeintliche Privilegien der einfachen Leute verschrieben hat. Ein solches Buch liefert weder Lösungen noch politische Gewissheiten, aber es macht gesellschaftliche Zustände und alltägliche Verhaltensweisen von Menschen verstehbar, mit denen sich ernsthaft auseinandersetzen muss, wer die Gesellschaft zum Besseren verändern will.

Die wirklichen Menschen als Ausgangspunkt

Denn das Elend der Welt lässt sich durch keine noch so revolutionäre Theorie und Praxis bekämpfen, die nicht bei den wirklichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen ansetzen und deren Alltagsleben verstehen. Dieser Meinung war auch schon Karl Marx, der in seiner Kritik an Hegel und Feuerbach nach den «wirklichen Menschen» suchte: Er machte die konkreten gesellschaftlichen Wesen, nicht abstrakte Menschenbilder zum Ausgangspunkt seiner Analyse des Kapitalismus und seiner politischen Theorie. Im Vergleich dazu war die marxistische Beschwörung des revolutionären Subjekts ein metaphysischer Rückfall. Den engagierten Intellektuellen stehen heute aber For-schungsmethoden zur Verfügung, von denen Marx noch keine Ahnung hatte. Nichts spricht dagegen, sie als Instrumente des politischen Kampfs einzusetzen und den Pseudo-Expertisen der Lakaien der herrschenden Klasse (mandatierte Expert_innen ebenso wie kollaborierende Journalist_innen und trendige Medienintellektuelle) nicht nur mit politischen, sondern auch wissenschaftlichen Argumenten zu begegnen.

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Quellen zum politischen Erbe Pierre Bourdieus

► Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt. Film von Pierre Carles, Filmedition Suhr-kamp

► Politische Interventionen 1961-2000, VSA-Verlag (vier Bände)

► Das Elend der Welt, Universitätsverlag Konstanz (848 S.)

► Über das Fernsehen, Suhrkamp Verlag (139 S.)

► Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Wi-derstands gegen die neoliberale Invasion, Univer-sitätsverlag Konstanz (118 S.)

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* Aus diesem Grund gehe ich nicht auf zentrale Theorien und Begriffe des soziologischen Werks Bourdieus ein und führe auch nicht meine eigenen, in manchen Punkten durchaus kritischen Ansichten dazu aus (P.S.). 

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