Mikrokredite als soziale Ausbeutung

Anika Thym

aus Debatte Nr. 20 – Frühling 2012 

Im Jahr 2006 erhielt Muhammad Yunus, der Gründer und ehemalige Geschäftsführer der auf Mikrofinanzgeschäfte spezialisierten Grameen-Bank, den Friedensnobelpreis. Der kritische Journalist Gerhard Klas nimmt in seinem neusten Buch den Mythos der Mikrokredite als Heilmittel zur Armutsbekämpfung auseinander und zeigt auf, wie die Banken heute mit den Armen Geld verdienen.

Gemäss dem Motto «Dichtung und Wahrheit» zerlegt Gerhard Klas die Mikrofinanz-Industrie (MFI) in ihre Einzelteile und entlarvt sie als Mythos, sowie deren Diskurs der Armutsbekämpfung als blosse Rhetorik. Anhand vieler Beispiele und aus verschiedenen Perspektiven ergibt sich ein Bild der MFI als neoliberales Ausbeutungswerkzeug. Im Visier der Kritik stehen vor allem die EU und die USA, sowie die von ihnen dominierten IFO.1 Der Fokus wird im Gegensatz zum Mainstream-Diskurs auf die konkrete Situation der betroffenen Kreditnehmerinnen gerichtet. Klas überprüft den Glaubenssatz «Durch Mikrokredite zum Kleinstunternehmer» auf seine soziale Wirksamkeit und geht der Frage nach, warum sich das Bild der glücklich lächelnden Kreditnehmerinnen in bunten Saris so lange unhinterfragt halten konnte. Dazu führte er eine Feldrecherche in Bangladesch, dem Herkunftland von Muhammad Yunus durch, wobei er Kontakt zur staatlichen Regulierungsbehörde MRA, Kleinbauern- und Frauenorganisationen, WissenschaftlerInnen, unabhängigen NGOs, ehemaligen Grameen-Mitarbeitern und vor allem Kreditnehmerinnen aufnahm.

Dichtung: Barmherzigkeit ist endlich – Business ist unbegrenzt

Geht es um Mikrofinanz und Armutsbekämpfung, ziehen neuerdings vermeintlich antagonistische Kräfte an einem Strang: NGOs, Regierungen, Kirchgemeinden, Wissenschaftler_innen, Globalisierungskriti-ker_innen, die Deutsche Bank, etc. Es eint sie die Überzeugung, dass der Kapitalismus für die Armen funktioniert, wobei Mikrofinanz als ideologiefreies Konzept verkauft wird, das ganz pragmatisch auf das Ziel der «Armutsbekämpfung» ausgerichtet sei. So meint Yunus: «In den Vereinigten Staaten sah ich, dass die Marktwirtschaft das Individuum befreit und ihm gestattet, seine persönliche Wahl zu treffen.» (S. 262) Er ist der Überzeugung, dass die Armen vom globalen Freihandel profitieren würden. Lobenswert an der MFI ist laut Yunus, dass das finanzielle Apartheidsystem abgebaut wird, indem Kredite als Menschenrecht für alle gewährt werden. Die Armen zahlen die Kredite zurück, weil sie wissen, dass dies der einzige Ausweg aus der Armut ist. Durch Mikrokredite können Menschen die Mauern einreissen, die sie umgeben – so lautet die Botschaft.

Wahrheit: Geld verdienen und Gutes tun? 

Yunus propagiert das Konzept des «Social Business» und arbeitete mit Konzernen wie BASF, Monsanto, Danone und Adidas zusammen. Laut Klas wollen sie den Eindruck erwecken, dass sich auch die in westlichen Ländern angesiedelten Konzerne an der Armutsbekämpfung beteiligen. Die bisherigen Projekte lassen jedoch eher den Schluss zu, dass es sich um Strategien zur Eroberung neuer Märkte handelt, die den beteiligten Konzernen auch noch einen Imagegewinn in der (westlichen) Öffentlichkeit verschaffen. Ihr Handeln steht im Einklang mit den Strategien der Weltbank und des IWF, die Bangladesch seit dem Putsch von 1975 fest im Griff haben. Wie viele Länder des globalen Südens ist das Land mit knapp 24 Milliarden Dollar im Ausland verschuldet. Mehr als 20 Milliarden davon sind Schulden bei bilateralen und multinationalen Geldgebern, vor allem bei der Weltbank und dem IWF. Die NGO-MFIs funktionieren als Teil der Privatisierungsstrategie der Weltbank und anderen internationalen Organisationen.. Ein Fünftel der Bewohner_innen, 30 Millionen Menschen sind heute Schuldner_innen bei einer MFI.

Konkrete Situation der Mikrofinanz-Mitarbeiter in Bangladesch

Mitarbeiter_innen der Mikrofinanz-Banken müssen im Durchschnitt über 400 Schuldnerinnen betreuen, obwohl Untersuchungen ergaben, dass erfahrene Angestellte maximal 300 Fälle bearbeiten können. Die individuellen Bedürfnisse der Kreditnehmerinnen spielen keine Rolle, es zählt allein die Rendite für die Anleger.

Konkrete Situation der Kreditnehme-rinnen in Bangladesch

Es besteht folglich in diesem hierarchischen Gefüge ein Druck der Anleger auf die Angestellten, sowie der Angestellten auf die Kreditnehmerinnen. Häufig besteht noch ein weiteres Zwischenglied: Da die Grameen Bank ihre Kredite oft relativ wohlhabenden Menschen anvertraut, verleihen diese die Kredite weiter. Tatsächlich erzielen Schuld-nerinnen dadurch die höchsten Gewinne. Ebenfalls lukrativ sind Kleinhandel und Geschäfte mit Fahrradrikschas. Landwirtschaft ist praktisch nicht rentabel. Kredite werden hier meist nur aufgrund von Katastrophen (z.B. Krankheit) überhaupt aufge-nommen und münden häufig in Landverlust oder Enteignung. Seit Grameen II2 muss zudem eine Risikolebensversicherung abgeschlossen werden, die im Falle des Todes der Schuldnerin die ausstehenden Ratenzahlungen abdecken soll.

Vom Nutzen der patriarchalen Strukturen

Die patriarchalen Strukturen in Bangladisch werden von den MFI schamlos ausgenutzt. Frauen werden Männern als Kreditnehmerinnen bevorzugt, da auf sie ein höherer sozialer Druck ausgeübt werden kann. Erstens werden Frauen in Bangladesch bei Zahlungsunfähigkeit nicht nur von der Schuldnerinnengruppe, sondern auch vom Dorf ausgeschlossen. Im Gegensatz zu Männern haben sie aber keine Chance in einer anderen Gemeinde oder einem Slum in einer Grossstadt aufgenommen zu werden. Zweitens fällt die Verantwortung gegenüber der Familie stärker ins Gewicht.

Auswirkungen der Mikrofinanz-Industrie auf das Zusammenleben 

Durch verschiedene Berichte macht Klas deutlich, dass Frauen in den Dörfern vor dem Mikrokredit-Alltag meist gute Beziehungen pflegten: Sie tauschten Probleme aus und halfen einander. Eine Kleinbäuerin beschreibt: «Jetzt, mit dem vielen Geld, gibt es oft Streit. Wenn eine Frau ihre Raten nicht bezahlen kann, meidet sie den Kontakt zu den anderen, weil sie Angst hat» (134). Um einen Kredit aufzunehmen, müssen sich fünf Frauen zusammen schliessen und füreinander bürgen. So werden die Frauen strukturell zu Konkurrentinnen, die einander potenziell ihre Existenz bedrohen. Es gibt zahlreiche Geschichten, in denen zahlungsunfähige Kreditnehmerinnen (meist aufgrund von Ernteausfällen, Unfällen oder Krankheit) sozial sanktioniert werden. Dies reicht von Haare ausreissen über Wellblechhäuser abbauen und verkaufen bis zu immer mehr Selbstmorden.

Mikrokredite als Mittel zur Entpolitisierung der Armen

Abschliessend lässt sich sagen, dass die behauptete Armutsreduktion durch die Mikrofinanz und die Realität in einem deutlichen Widerspruch stehen. Dem Ansatz der Mikrofinanz liegt die Annahme zugrunde, dass marktwirtschaftliche Mittel Armut bekämpfen könnten. Jedoch ist «die Armut ein konstitutiver Bestandteil des Kapitalismus – und nicht etwa ein Kollateralschaden», wie Klas festhält. (S. 312) So dienen die Mikrokredite der Ausbeutung der Armen, indem sie deren strukturelle Position ausnutzen und diese sogar verschlimmern. Im Endeffekt sollen die Armen – so das Kalkül – keine kollektive Bedrohung mehr für den Kapitalismus darstellen, sondern ihre persönliche Rettung mit Hilfe marktwirtschaftlicher Methoden erhoffen. Klas schliesst sein Buch mit folgenden Worten: «Mit Mikrofinanz die Armut zu bekämpfen, ist wie mit Waffenexporten Krieg zu verhindern. Beide Mittel stehen im Widerspruch zu den Zielen, die sie angeblich erreichen wollen. Sie behindern sogar die notwendigen Schritte, um diese Geisseln der Menschheit zu überwinden. Die MFI macht die Armen zu Objekten ihrer betriebswirtschaftlichen Kalkulationen, zum Gegenstand der Profitmaximierung für Investoren. Eine Befreiung aus der Armut wird es aber nur dann geben, wenn die Armen selbst die handelnden Subjekte sind und den Profiteuren die Verfügungsgewalt über ihr Leben entreißen.»

article-3263-img2[Kasten]

Das Buch

Klas, Gerhard: Die Mikrofinanz-Industrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut. Hamburg/Berlin. Assoziation A 2011. 320 Seiten. ISBN: 978-3-86241-401-7. Preis: 19.80 €.

Der Verfasser ist Mitglied des Rheinischen JournalistIn-nenbüros in Köln.

_______________ 

1 Internationale Finanzorganisationen: Überbegriff für Weltbank, Internationalen Währungsfonds und ihnen angeschlossene Banken und Institute. 

2 Grameen II entstand während der jüngsten Finanzkrise und beinhaltet Regelungen, die den Profit steigern und Krisenprävention leisten sollen. Dazu gehört unter Anderem ein Belohnungssystem für die Angestellten. Für bestimmte Leistungen werden farbige Sterne verteilt, die sich die Menschen auf die Kleidung pinnen können. 100% Rückzahlungsrate (grün), Gewinnbringend (blau), Kreditnehmerinnen sind über Armutsrate (rot), Gewinn höher als ausstehende Schulden (lila), Schulbesuch der Kinder (braun) (vgl. http://www.grameen.com/, August 2011). 

 

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 20, International veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *