Krieg oder Frieden?

Hanspeter Gysin

aus Debatte Nr. 22 – Herbst 2012

Am 24. November 1912 fand in Basel der letzte Versuch statt, den Ersten Weltkrieg und damit wohl auch die danach folgenden Kriege zu verhindern. An einem Kongress der damaligen Sozialistischen Parteien haben über 500 Parteidelegierte beschworen, dies niemals zuzulassen: Dass die Arbeiterklasse eines Staatsgebildes, von den herrschenden bürgerlichen und feudalen Schichten zum Militär rekrutiert, auf die Arbeiterklasse eines anderen Staates schiesst.

Der Grundtenor der am Kongress der Sozialistischen Parteien (der sogenannten II. Internationale) von 1912 gehaltenen Reden basierte auf der Überzeugung, dass die kleinen, arbeitenden Leute den Eliten und Kapitaleignern, die die Politik bestimmen, nicht als Kanonenfutter für die von ihnen angezettelten Kriege zur Verfügung stehen dürfen.

Das Osmanische Reich wurde auf dem Balkan zu dieser Zeit von Kriegen bedrängt, ausgehend von Bulgarien, Serbien, Rumänien, Montenegro und Griechenland. Zwischen dem wilhelminischen Deutschen Reich im Bündnis mit Österreich und Italien und dem zaristischen Russland, das mit Frankreich verbündet war, herrschte Säbelrasseln bei jeder Gelegenheit. Das Gerangel um die imperiale Herrschaft über die rohstoffreichen Kolonien war ausserdem in vollem Gang. Namentlich im Bereich der Kriegsflotten fand ein massives Wettrüsten zwischen Deutschland und England statt. Deutschland gab im Jahr 1912 rund 75% des Staatsetats für Rüstung aus.
Am 17. November vor hundert Jahren demonstrierten, aufgerufen von der Linken, in Paris, Marseille, Bordeaux, Lyon, Strassburg, Berlin, Hamburg, Hannover, Braunschweig, Bremen, Rom, Mailand, London, Leeds, Budapest, Zagreb, Prag, Amsterdam, Stockholm, Oslo und vielen anderen Städten Europas Hunderttausende Arbeiter_innen gegen die sich abzeichnende Entfesselung des Krieges. Eine Friedensbewegung nie dagewesenen Ausmasses manifestierte sich. Man stelle sich vor, die damaligen Führer_innen der Bewegung hätten sich, als Vertreter_innen der mehreren Millionen Menschen, die sie in die Parlamente aller Nationen gewählt hatten, darauf verständigt, diese Massen zu organisieren und ihnen Massnahmen und Perspektiven zur Verhinderung des Krieges vorzuschlagen.

Streiken gegen den Krieg vor 100 Jahren.

Streiken gegen den Krieg vor 100 Jahren.

Der Sündenfall

Doch keine zwei Jahre später hat der wesentliche Teil der damaligen Sozialdemokratie alle Schwüre vergessen und unter dem politischen Druck der kriegswilligen Herrscher in den Parlamenten den kriegsnotwendigen Krediten zugestimmt. Die Arbeiter wurden als Soldaten in die blutigen Kriegsgemetzel um imperiale Macht und koloniale Rohstoffe geschickt. Hunderttausende sind dabei umgekommen. Dies, weil offensichtlich der Mut gefehlt hat, im Vorfeld der Massaker das Risiko der Konfrontation mit den herrschenden bürgerlich-feudalen Regimes einzugehen.
Wie ist es zu diesem katastrophalen Scheitern der damaligen Arbeiterbewegung gekommen? Die Zeit war geprägt von den Ereignissen in Russland, die 1905 zum ersten Versuch führten, die Diktatur des Zaren durch eine Revolution zum Sturz zu bringen. 1912 wählten rund 35% der wahlberechtigten (d.h. männlichen) Bevölkerung Deutschlands, rund 4,25 Millionen Stimmende, die Sozialdemokratie. Bereits anlässlich der internationalen Sozialistenkongresse 1904 in Amsterdam und 1907 in Stuttgart haben Sozialisten wie Jean Jaurès, Wladimir Lenin, Rosa Luxemburg oder Julius Martow gefordert, Krieg mit dem Mittel des Massenstreiks zu verhindern und solche Massnahmen vorzubereiten. Der Vertreter der schottischen Sozialisten James Keir Hardie, der eine eher religiös geprägte Vorstellung von Sozialismus vertrat, hatte schon damals vorgeschlagen, zur Verhinderung des Krieges den Generalstreik vorzubereiten. Er meinte: «Das Proletariat der Welt hat keine Streitigkeiten unter sich, es hat nur Differenzen mit den anderen Klassen im eigenen Lande.»1
Dem hielten andere Teilnehmer am Sozialistischen Kongress wie August Bebel entgegen, zuviel des Widerstandes würde voraussichtlich zu mehr Repression durch das herrschende Regime führen. Unter anderem führte dieser zentrale Vertreter der deutschen Sozialdemokratie in herausragender Logik an: Wenn der Krieg ausbricht und demzufolge ganze zwei Millionen Sozialdemokraten – rund ein Drittel der Armee – zum Kriegsdienst eingezogen würden, sei ein Generalstreik gegen diesen Krieg aus Mangel an Männern ja nicht mehr realisierbar. Herman Greulich, der greise Vertreter der Schweizer Delegation, meinte: «Wie entstehen heutzutage noch Kriege? In der Hauptsache dadurch, dass das immer grösser und mächtiger werdende Kapital, das die Bevölkerung im eigenen Land ausbeutet, immer grössere und weitere Felder sucht, immer grössere Reiche dem eigenen anfügen will, um neue Quellen der Herrschaft und Ausbeutung zu erschliessen.» Wie wahr, möchte man sagen. Aber er sagte auch, in erstaunlicher Naivität, wenn man sich an die zahlreichen inneren Armeeeinsätze gegen die Arbeiterschaft erinnert: «Unsere [Schweizer] Armee dient nicht dem Kriege, sondern nur dem Protest gegen den Krieg. Sie verhindern wollen, zu marschieren, hiesse nur fremde Heere einladen, sich den Boden der Schweiz als Kriegsschauplatz auszusuchen. Die Internationale ist nicht antinational, sondern fordert für jedes Volk und jede Nation volle Selbstständigkeit.»2

Gab es Alternativen?

Vielleicht wäre unter diesen Umständen eine Konfrontation mit den abwiegelnden kollaborationsbereiten Fraktionen und damit das Risiko einer Spaltung der Bewegung die bessere Alternative gewesen. Die französische, unter starkem anarchistischem Einfluss stehende Gewerkschaft CGT hatte das Problem bereits erkannt: Auf den selben Tag hatte sie in Paris einen ausserordentlichen Kongress mit dem einzigen Thema Kriegsvermeidung einberufen, auf dem zum Generalstreik gegen den Krieg auf den 16. Dezember aufgerufen wurde. Etwa 100’000 Arbeiter beteiligten sich landesweit daran. Damit blieb der Streik unter den Erwartungen der CGT. Und auch sie knickte ein, als der Krieg nicht mehr zu vermeiden schien: Ihr Chef Gustave Hervé rief schlussendlich seinerseits zur nationalen Verteidigung auf.
Der von der II. Internationale für 1914 geplante Folgekongress in Wien, kurz vor der offiziellen Auslösung des Krieges, wurde abgeblasen. Die zehn Jahre lang und über vier Kongresse von der Fraktion der Ängstlichen und Opportunisten verschleppte Resolution, die den Massenstreik gegen den Krieg postulierte, stand sowieso schon nicht mehr auf der Tagesordnung. Bezeichnend ist letzendlich, was der Führer der österreichischen Sozialdemokraten, Viktor Adler, am Tag nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien zur Absage des geplanten Kongresses sagte: «Die [Sozialistische] Partei ist wehrlos. (…) Demonstrationen sind unmöglich geworden. Man riskiert dabei sein Leben, man muss mit Gefängnis rechnen. (…) Unsere gesamte Organisation und Presse stehen auf dem Spiel. Man läuft Gefahr, die Arbeit von 30 Jahren zu vernichten (…). Die Ideen des Streiks und so weiter sind nur Phantasien.»3
Letztlich siegte also der nationale Chauvinismus, das mangelnde Vertrauen gegenüber den Arbeiterbewegungen anderer Länder und deren Führungen, über den Willen zum Frieden. Die opportunistische Bereitschaft zur Kollaboration mit dem herrschenden Bürgertum, die unterwürfige Loyalität gegenüber den Machthabern und die Gier nach der Gunst einer passiven Wählerschaft und nach sozialem Prestige wurde wichtiger genommen als der Anspruch, den Kapitalismus zu stürzen.
Man staunt und stellt die Parallelen zur heutigen Lage fest. Einerseits die lauthalse linke Rhetorik zahlreicher Politiker_innen von sozialer Gerechtigkeit und Kampf für eine bessere Welt, und andererseits die Kumpanei im parlamentarischen Betrieb und die Angepasstheit an den politischen Mainstream, sobald eine kleine, persönliche Machtposition erobert wurde.
Sich ernsthaft mit dem Gedenken an den damaligen Kongress zu befassen bedeutet, dass man an den Kerngedanken erinnert: An das klassenbewusste Prinzip, dass Arbeiter nicht auf Arbeiter schiessen dürfen. Und dass die Hintergründe von Kriegen, die Jagd der imperialistischen Eliten nach Ressourcen und Märkten, aufgedeckt werden, und festgehalten wird, dass das kapitalistische Konkurrenz- und Ausbeutungssystem den Keim des Krieges in seinem eigenen Wesen trägt.

[Kasten]

GegenKrieg! 1912 & 2012, damals und heute

Ein Beitrag von Links zum Gedenken an den Basler Friedenskongress der II. Internationale. Samstag, 17. November 2012 – Basel: Gundeldingerfeld, Dornacherstrasse 192.

Mit:
Nahla Chahal: Die aktuellen Revolten im arabischen Raum
Frank Deppe: Imperialismus, gestern und heute
Lindsey German: Der soziale Krieg am Beispiel der Revolten in London
Hamid Alizadeh: Die Lage und die Rolle des Irans

Detailliertes Programm und Informationen: www.gegenkrieg.ch / gegenkrieg@gmx.ch

Programm:
13:00: Eröffnungspodium mit Frank Deppe: Die Aktualität des Friedenskongresses
13:45: Einführung Workshops
14:00: Workshop 1 und 2: Lindsey German – Hamid Alizadeh
15.30: Kaffeepause
16:00: Workshops 3 und 4: Nahla Chahal – Frank Deppe
18:00: Abendessen (Verpflegung vor Ort möglich)
19:30: Perspektiven für eine neue Bewegung gegen Krieg und Imperialismus

Eintritt kostenlos, Kollekte. Das Eröffnungs- und Abschlusspodium werden simultan ins Deutsche übersetzt, die Workshops organisieren sich selber. Der Veranstaltungsort ist erreichbar ab Bahnhof SBB Hinterausgang Gundeldingerseite, mit dem Tram Nr. 16 in Richtung Bruderholz. Haltestelle Tellplatz, von dort zu Fuss an die Dornacherstrasse 192. Spenden an Verein GegenKrieg, 4053 Basel, Postkonto 85-480777-1.
___________
1 Siehe Bernard Degen: Krieg dem Kriege! Der Basler Friedenskongress der Sozialistischen Internationale von 1912, Basel: Z-Verlag 1990, S. 80.
2 Degen 1990, S. 84
3 Degen 1990, S. 123

 

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 22, International, Krieg, Schwerpunkt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *