Judith Butler und der Adorno-Preis

Annette Erzinger

aus Debatte Nr. 22 – Herbst 2012

Judith Butler wurde mit dem Adorno-Preis ausgezeichnet und im Vorfeld davon mit harten Vorwürfen konfrontiert – u.a. jenem des Antisemitismus. Das Kuratorium, welches sie mit dem Preis ehrte, verteidigte zwar die Wahl, bezog aber ansonsten eher halbherzig Position für Judith Butler. Sie selber nahm in mehreren deutschen Zeitungen Stellung. Dieser Artikel ist ein Versuch, ihre Argumente zusammenzufassen.

Am 11. September dieses Jahres wurde Judith Butler als erste Frau mit dem Adorno-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet. Anhand der Diskussion, die aufgrund dieser Preisvergabe ausbrach, ist beispielhaft zu sehen, wie in Deutschland und vielleicht auch anderswo die Debatte um den Konflikt in Israel/Palästina geführt wird. Dieser Artikel ist als Denkanstoss in der schwierigen Diskussion um Antisemitismus, um die Besatzungspolitik Israels und die Frage, mit wem Bündnisse eingegangen werden können, gedacht. Hierzu werden kurz der Konflikt um die Preisvergabe an Judith Butler aufgezeigt, danach aber vor allem die Positionen Judith Butlers wiedergegeben.

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Judith Butler ist Autorin bedeutender Schriften zur politischen Theorie, zur Moralphilosophie und zur Geschlechterforschung. Butler, die Rhetorik und Literaturwissenschaft an der University of California (Berkeley) lehrt, bekennt sich zu Adorno als einem Denker, der ihr Werk wesentlich beeinflusst und mit dem sie sich zeitlebens auseinander gesetzt hat.

Das unabhängige Kuratorium des Adorno-Preises ehrte Judith Butler als «eine der massgeblichen Denkerinnen unserer Zeit» und beschreibt ihre Leistung folgendermassen: «Für Fragen über Identität und Körper sind ihre Schriften massgeblich und werden weltweit rezipiert. Als Vordenkerin eines neuen Verständnisses von Kategorien wie Geschlecht und Subjekt, aber auch der Moral, ist sie immer dem Paradigma der kritischen Autonomie verpflichtet.»1 In der Diskussion, die um die Vergabe dieses Preises an Judith Butler in den letzten Monaten entbrannte, nahmen die Leistungen, für welche die Philosophin ausgezeichnet wurde, aber nur einen verschwindend kleinen Platz ein. Kritiker_innen empfanden Judith Butler als des Adorno-Preises unwürdig und griffen dabei hauptsächlich zwei Themen auf. Zum einen warfen ihr ihre Kontrahent_innen die teilweise Unterstützung der Kampagne «Boykott, Desinvestition und Sanktionen» (BDS) vor und zum anderen wurde ihre Aussage kritisiert, dass die Organisationen Hamas und Hisbollah einer «globalen Linken» zugeordnet werden können. In Internetforen wie in vielen Zeitungen wurden darüber hitzige und emotionale Debatten geführt.
Einer der meistgehörten Kritiker der Vergabe des Adorno-Preises an Judith Butler war der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer. Er äusserte sich zum Thema folgendermassen: «Die Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises an Judith Butler empört nicht nur. Sie stimmt auch traurig. Eine bekennende Israel-Hasserin mit einem Preis auszuzeichnen, der nach dem grossen, von den Nazis als ‚Halbjude’ in die Emigration gezwungenen Philosophen benannt wurde, kann nicht als ein blosser Fehlgriff gelten. Vielmehr ist sie ein systemisches Versagen. Nur ein Kuratorium, dem die für seine Aufgabe erforderliche moralische Festigkeit fehlt, konnte Butlers Beitrag zur Philosophie formvollendet von ihrer moralischen Verderbtheit trennen. Eine Person, die sich mit Todesfeinden des jüdischen Staates verbündet, die die Hisbollah und die Hamas als legitime soziale Bewegungen und Teile der globalen Linken einstuft und Israel in den Würgegriff eines Boykotts legen will, verdient diese Anerkennung nicht. Dass sie selbst Jüdin ist, macht sie vielleicht zu einem lohnenden Studienobjekt für die in [sic!] Psychologie des Selbsthasses, aber zu keiner würdigen Laureatin des Adorno-Preises, dessen Prestige nun für lange Zeit befleckt ist.»2
Judith Butler nahm in mehreren deutschen Tageszeitungen Stellung zu den beleidigenden Vorwürfen gegen sie. Damit schaffte sie es, die Diskussion mit einigen Inhalten zu füllen und einen Beitrag zu wichtigen Fragen zu leisten. Insbesondere stellt sie ihre Position zum Israel-Palästina Konflikt dar, weist den Antisemitismus-Vorwurf zurück und erläutert die Frage, was sie unter einer «globalen Linken» versteht.

Antisemitismus

Judith Butler wird jüdischer Selbsthass oder gar Antisemitismus vorgeworfen, insbesondere weil sie den Aufruf zum Boykott (BDS) jener israelischen Institutionen unterstützt, die sich nicht gegen die israelische Besatzungspolitik aussprechen. In ihrer Stellungnahme vom 31. August 2012 in der Frankfurter Rundschau geht Judith Butler ausführlich auf diese Vorwürfe ein. Sie zeigt Verständnis für das Misstrauen gegenüber der Israel-Kritik. «Dennoch verstehe ich sehr wohl, warum viele Juden und insbesondere deutsche Juden sehr abwehrend auf jedwede Kritik am Staate Israel reagieren. Denn immer drängt sich die Frage auf: Hegt diese Person tatsächlich gute Absichten oder bedient sie sich der Kritik nur, um antisemitischen Ressentiments nachzugehen?»3 Eine Schwierigkeit dieser Diskussion sieht Judith Butler darin, dass es über eine Reihe von Themen keine aufrichtige Debatte geben wird, wenn «jede Kritik an Israel als Täuschung verdächtigt [wird], als blosse Tarnung antisemitischer Motive». Eine zweite Schwierigkeit sieht sie «in der Unterstellung ‚das jüdische Volk’ und ‚der Staat Israel’ seien ein- und dasselbe, oder dieser Staat sei der einzige politisch legitimierte ‚Repräsentant der Juden’».
Genau dies verneint Judith Butler, sie legt in ihrer Argumentation viel Wert darauf, dass die «Juden, wie alle anderen Menschen auch, ganz verschiedene, sehr unterschiedliche Meinungen und Haltungen zu einem Thema haben» und dass «in Europa, Australien und den Vereinigten Staaten so viele jüdische Gruppierungen entstanden [sind], die für sich beanspruchen, eine ‚unabhängige Stimme’ gegenüber Israel zu erheben, eine Stimme, die nach der Legitimität der israelischen Besatzungspolitik fragt, nach den ungleichen Rechten für die in Israel lebenden Palästinenser und auch nach der Politik der Enteignung der Palästinenser im Jahre 1948.» Wenn aber diese kritischen jüdischen Stimmen als antisemitisch oder als Ausdruck von Selbsthass abgetan werden, so versucht die andere Gruppe «das Recht, im Namen der Juden zu sprechen, zu monopolisieren».4 Der unter anderem aus dieser Monopolisierung entstehende Widerspruch, welchem sich Menschen aussetzen, die alle Formen des Antisemitismus aber auch die Ungerechtigkeiten bekämpfen, welche vom israelischen Staat begangen werden, ist einer der zentralen Punkte Judith Butlers in ihrer Stellungnahme in der Frankfurter Rundschau (31.08.2012): «Ich sympathisiere mit solchen Projekten, die ihr Sprechen und Handeln mit der ethisch inspirierten Hoffnung verbinden, dass es eine politische Zukunft für Israel-Palästina gibt, in der die Grundprinzipien einer Demokratie verwirklicht sind: Gleichheit, Recht und Freiheit für alle, die hier leben und die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. In dieser Richtung weiter zu denken wird schwierig bleiben, solange (a) jede Kritik an Israel als antisemitisch verdächtigt wird und (b) der Antisemitismus in der Vielfalt seiner Erscheinungen fortbesteht. Man findet sich hier stets in einem Zwielicht wieder: Selbst wenn die Israel-Kritik berechtigt ist, könnte sie doch antisemitische Tendenzen verstärken. Aber sollten wir deswegen schweigen? Die Antwort kann nur sein, dass jede Kritik am israelischen Staat oder seiner Politik überzeugende Gründe nennen muss und sich gegen jede Form des Antisemitismus zu verwahren hat – den anti-arabischen Rassismus eingeschlossen.»

Israel-Palästina Konflikt

In diesem Zitat sind auch Ansätze davon zu sehen, wie sich Judith Butler eine bessere Zukunft für Israel-Palästina vorstellt. Für sie ist es wichtig, die historische Bedeutung Israels als Zufluchtsstätte für die Juden anzuerkennen, wie auch die Bedrohung dieses Staates durch den Antisemitismus. Gleichzeitig tut aber ihrer Meinung nach die kritische Perspektive «auf einen Staat (…), dessen Nationalismus Israel weniger zu einer Zufluchtsstätte (sanctuary) denn zu einem Schlachtfeld werden liess», dringend Not. Ansätze eines «pluralistisch-demokratischen Projekt[s]» sieht Judith Butler im «Kampf um soziale und politische Gerechtigkeit», an welchem sich Juden und Nicht-Juden beteiligen, wie bei Bewegungen, die «auf nicht-gewalttätige Weise versuchen, Staaten dazu zu bewegen, sich an das internationale Recht, zumal an Menschen- und Völkerrechte zu halten.» Aufgrund ihrer pazifistischen Überzeugung unterstützt sie teilweise die Kampagne BDS (sie boykottiert jedoch keine Einzelpersonen aufgrund ihrer israelischen Staatbürgerschaft), jedoch auf keinen Fall Hamas oder Hisbollah.

«Globale Linke»

Judith Butler widerspricht vehement den Vorwürfen, sie hätte mit ihrer Aussage, Hamas und Hisbollah könnten zur «globalen Linken» gezählt werden, diese Organisationen legitimiert oder gar unterstützt. Zum einen sei diese Aussage aus dem Kontext gerissen, da sie in derselben Veranstaltung mehrmals ihre pazifistische Haltung deutlich gemacht hätte, zum anderen stellt Judith Butler zum Beispiel in ihrer Stellungnahme in der Taz (11.9.2012) ihre Haltung zur «globalen Linken» klar. «Rückblickend gesehen, hätte ich den Begriff, der mir aus dem Publikum heraus vorgeschlagen wurde, zurückweisen müssen. Es gibt keine ‚globale Linke’, das hätte ich einfach sagen sollen.»5 Sie macht klar, dass ihrer Meinung nach «links» sein oder «antiimperialistisch» sein niemals als Kriterium ausreicht, um eine Bewegung oder eine Organisation zu unterstützen. Wie wir laut Butler auch akzeptieren müssen, dass Gruppierungen linkes Vokabular verwenden oder sich zur «Linken» zählen, mit welchen wir nicht einverstanden sind. In den Worten der Autorin: «Wenn ein normatives Ideal der Linken unsere Beschreibung der gegenwärtig existierenden Linken von vorneherein einengt, dann werden unsere Deskriptionen alles aussen vor lassen, was wir inakzeptabel finden. Wir verfälschen damit nicht nur, wir maskieren auch die Realität mithilfe eines bereinigenden Ideals von der Linken. Darüber hinaus verlieren wir die unverzichtbare Fähigkeit, die unangemessenen oder offenkundig inakzeptablen Aspekte der Bewegung zu kritisieren, die behauptete oder zum Teil tatsächliche Verbindungen zu Linken haben oder Teile ihres Vokabulars verwenden. Wir müssen aber in der Lage sein, das ganze Spektrum der Bewegungen in den Blick zu nehmen, die linkes Vokabular und Strategien verwenden. Nur dann können wir verstehen wie die Welt, in der wir leben, politisch organisiert ist.»

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Adorno-Preis

Zur Erinnerung an den Philosophen und Kunstkritiker Professor Theodor W. Adorno, der zwanzig Jahre an der Universität in Frankfurt am Main gelehrt hat, verleiht die Stadt Frankfurt am Main seit 1977 alle drei Jahre zum Geburtstag von Theodor W. Adorno am 11. September den Theodor W. Adorno-Preis. Adorno lebte 1934-1949 im Exil in Grossbritannien und den USA, er gilt als einer der Begründer der als Frankfurter Schule oder als Kritische Theorie bezeichneten Denkrichtung. Der Preis dient der Förderung und Anerkennung hervorragender Leistungen in den Bereichen Philosophie, Musik, Theater und Film.
Bisherige Preisträger waren unter anderen: Norbert Elias, Jürgen Habermas, Günther Anders, Leo Löwenthal, Jean-Luc Godard, Jacques Derrida, Alexander Kluge. Judith Butler ist die erste Frau, die den Adorno Preis erhält.

 

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Werke von Judith Butler (Auswahl)

•Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003

•Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin 1995

•Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin-Verlag, Berlin 1998

•Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002

•Kritik der ethischen Gewalt. Adorno-Vorlesungen 2002. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003

•Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009

•Krieg und Affekt. diaphanes, Zürich, Berlin 2009

•Raster des Krieges. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010
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1 www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2855&_ffmpar[_id_inhalt]=10983082
2 www.zentralratdjuden.de/de/article/3798.html
3 Butler, Judith: Fangen wir an, miteinander zu sprechen. In: Frankfurter Rundschau, 31.8.2012.
4 Butler, Judith: «Diese Antisemitismus-Vorwürfe sind verleumderisch und haltlos». In: Die Zeit, 30.8.2012.
5 Butler, Judith: «Wir maskieren die Realität». In: Die Tageszeitung, 11.9.2012.

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