Inside Green Capitalism

Johannes Berger*

aus Debatte Nr. 26 – Herbst 2013

Die Antworten der Linken auf die ökologische Krise tendieren teils dazu, den Umweltschutz und die Reflexion darüber auf die Zeit nach einer grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft zu verschieben. Eine eingehendere Auseinandersetzung mit aktuellen Diskussionen und Konzepten der Forschung und Politik im Umweltbereich bleibt oft aus. Der hier veröffentlichte Artikel leistet dazu einen wichtigen Beitrag.1 (Red.)

Die ökologische Krise scheint aus Sicht der Marxschen Analyse des Kapitals recht präzise erklärt: Die Produktion von Profit ist Grundprinzip kapitalistischer Produktionsweise, womit weder menschliche Bedürfnisse noch ein zukunftsgerichteter Umgang mit Ressourcen bzw. der natürlichen Umwelt im Zentrum stehen. Sie zeichnet sich nicht dadurch aus, so viel zu produzieren, wie gebraucht wird. Die Produktion von Profit ist vom Prinzip her schrankenlos – es gibt keine Grenze von «soundsoviel ist genug» – und damit ist auch die Produktion von Gütern, der Verbrauch von Ressourcen sowie die Verschmutzung durch Abfall oder Abgase schrankenlos.
Ein Ende dieser kapitalistischen Produktionsweise ist nicht in Sicht. Die Auswirkungen der ökologischen Krise machen sich jedoch seit Jahrzehnten deutlich bemerkbar. Schenkt man bspw. der Klimaforschung Glauben, dann sind deutlich einschneidendere Folgen zu erwarten. Vor diesem Hintergrund wäre eine Lösung der ökologischen Krise innerhalb des Zeitalters des Kapitalismus durchaus sinnvoll. Zudem gibt es unzählige sehr bestechend klingende Konzepte, wie eine solche innerkapitalistische Lösung aussehen könnte. Im Artikel widme ich mich dem wohl populärsten Konzept, der Strategie der Effizienzsteigerung, und versuche dabei, nicht mantrisch auf die marxistische Grundsatzkritik zu verweisen.

Faktor Vier

Faktor Vier ist eine sehr populär gewordene Veröffentlichung aus den 1990er Jahren, in der Ernst von Weizsäcker, Amory Lovins und Hunter Lovins ein Konzept zur Lösung des Problems des Ressourcenverbrauchs vorschlagen, dessen Grundideen sich in zahlreichen heutigen Nachhaltigkeits-Konzepten wiederfinden: Effizienzstrategien und Individualisierung. Untertitel des Werkes ist Halbierter Naturverbrauch, doppelter Wohlstand. Weizsäcker et_al. machen auf zahlreiche Möglichkeiten sparsamer Technologien aufmerksam, die in den ingenieurwissenschaftlichen Schubladen ruhen und deren Umsetzung die Lösung der Ressourcenkrise bedeuten würde. Zwei ihrer Beispiele: Bereits in den 1990er Jahren waren Konzeptstudien von Fahrzeugen mit einem geschätzten Verbrauch von 1,2-2 l/100km bekannt. Das Gebäude des von Amory Lovins gegründeten Rocky Mountain Instituts (1982 gebaut) befindet sich auf 2200 Höhenmetern und hat Passivhausstandard. Das heisst, dass der Heizbedarf allein durch die Sonne sowie die Abwärme der Bewohner_innen und der verwendeten technischen Geräte gedeckt wird. Selbst bei den teilweise minus 40 Grad Celsius in dieser Gegend wachsen im Innenbereich tropische und subtropische Pflanzen.
Würden alle solche bereits bekannten und zukünftig erforschten technischen Möglichkeiten der Effizienzsteigerung gesellschaftsweit umgesetzt, so schätzen die Autor_innen, könnte der gesellschaftliche Ressourcenverbrauch (und damit auch der Ausstoss von Klimagasen) auf ein Viertel reduziert werden. Folgt man dem häufig gemachten Vorschlag, den CO2-Ausstoss von vier Tonnen im weltweiten Durchschnitt auf zwei zu reduzieren (ursprünglich wurde eine Tonne vorgeschlagen, doch das schien zu unrealistisch), so kann der heutige Wohlstand (gemessen am Ressourcenverbrauch) immer noch verdoppelt werden. Aus dieser bestechend einfachen Rechnung folgt der eingängige Titel der Publikation «Faktor Vier», deren Schlussfolgerung ist, nur für die Nutzbarmachung dieser sparsamerem Technologie sorgen zu müssen, um Herrin des Problems zu werden. Verführerisch klingt wohl auch, dass dafür gesellschaftliche Strukturen nicht grossartig geändert werden müssten, denn die Lösung ist vordergründig technischer Natur.
Die vorgestellte Strategie der Effizienzsteigerung ist in den heutigen Initiativen und Forschungen zu Nachhaltiger Entwicklung sehr dominant. Es gibt unzählige Projekte zur Entwicklung und Verbreitung von effizienterer Technologie. Auch makroperspektivisch ausgelegte Lösungsvorschläge, wie die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch, basieren u.a. auf dieser Überlegung – Effizienzsteigerungen sollen grösser sein als das Wirtschaftswachstum und damit bei weiterem Wachstum für sinkenden Ressourcenverbrauch sorgen.

Rebound

Grundsätzliche Prämisse des Lösungsansatzes Effizienzsteigerung ist die Summierbarkeit von Einsparungen, die auf individueller Ebene gemacht werden. Sparsamere Technologien führten bei konsequenter individueller Anwendung in ihrer Summe zu Einsparungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Im Rahmen der Diskussion um den Rebound-Effekt werden an diese Prämisse – auch im Mainstream der Nachhaltigkeitsdebatte – recht ketzerische Fragen gestellt. Hier wird überlegt, was eigentlich passiert, wenn sich jemand beispielsweise ein sparsames 2-Liter-Auto zulegt.
Erstens, bei fast allen Effizienzstrategien führt die Einsparung von Energie auch zur Einsparung von Geld. Wurde die Anfangsinvestition durch die dauerhaft geringere Benzinrechnung nach einer Zeit ausgeglichen, kann das nun eingesparte Geld an anderer Stelle ausgegeben werden (man kann mit dem Auto einfach mehr fahren oder sich bspw. eine Flugreise nach Spanien leisten) und sorgt damit andernorts für Ressourcenverbrauch. Zweitens muss auch ein sparsameres Gerät erst einmal hergestellt werden. Der dafür verwendete Ressourcenverbrauch ist nicht unerheblich (bleibt aber gern unerwähnt), unterschiedlichen Schätzungen zufolge entspricht dies bei Fahrzeugen Fahrten zwischen 40 000 und 180 000 Kilometern.
In der Literatur zum Thema wird dieses Modell als direkter (mehr Konsum vom gleichen Produkt) oder indirekter (Ressourcenverbrauch an anderer Stelle) Rebound bezeichnet und ist in den letzten Jahren immer wieder thematisiert worden. Selbst die bundesdeutsche Enquete-Kommission «Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität» gab eine Untersuchung in Auftrag, die sich im Besonderen dem Rebound-Effekt widmen sollte. Doch die Modelle, in denen der Rebound-Effekt theoretisiert wird, sind gleichsam individuell konzipiert wie die Idee der Effizienzsteigerung. Sie werden anhand einer einzelnen Konsumentin entwickelt – was passiert, wenn sie sich ein effizienteres Gerät zulegt. Makroökonomische Zusammenhänge oder Wirtschaftswachstum finden in den Überlegungen zum direkten und indirekten Rebound-Effekt keine Beachtung. Ziel von Forschungsprojekten zu diesem Phänomen ist in erster Linie, Abschätzungen treffen zu können, wie hoch der Effekt ist. Das ist methodisch jedoch recht schwierig, denn es lässt sich weder einfach messen noch generalisieren, was Käuferinnen mit dem durch Effizienz eingesparten Geld machen.

Jevons’ Paradox

Interessant ist die Fokussierung auf die individuelle Ebene vor dem Hintergrund, dass die Autoren, die in allen Publikationen der letzten Jahre als die «Entdecker» des Rebound-Effekts zitiert werden, diesen gänzlich anders verstehen als die, von denen sie zitiert werden. Zuerst wurde auf das Phänomen von William Stanley Jevons 1865 (!) in The Coal Question hingewiesen, was in die Literatur als das Jevons’ Paradox einging. Er entwickelte seine Theorie am Beispiel der Kohleversorgung: In Grossbritannien kam es Mitte des 19. Jahrhunderts des Öfteren zu Engpässen bezüglich der Versorgung mit dieser Ressource. Politisch wurde Hoffnung auf die viel effizientere Dampfmaschine von James Watt gesetzt, die sich in dieser Zeit verbreitete und die viel ressourcenintensivere Maschine von Thomas Newcomen ersetzte. Der gesamte Kohleverbrauch sollte dadurch sinken, so die Annahme. Jevons nahm die Beobachtung, dass im Nachgang der Einführung der neuen Dampfmaschine der Kohleverbrauch insgesamt stieg, als Ausgangspunkt für seine Theorie. Konterintuitiv führe eine Effizienzsteigerung im Endeffekt zu einem grösseren Gesamtverbrauch auf volkswirtschaftlicher Ebene, so seine These. Mehr noch, effizientere Technologie sei Ursache von Wachstum.
Seine wirtschaftswissenschaftliche Analyse zieht, im Gegensatz zu den Modellen zum direkten und indirekten Rebound-Effekt, die wirtschaftlichen Strukturen in Betracht, in denen die Einführung neuer Technologien eingebunden ist. Eine technische Effizienzsteigerung habe Einfluss auf den Preis, auf die Möglichkeiten wirtschaftlicher Verwertbarkeit sowie die technischen Innovationen und führe im Endeffekt zur Steigerung der Nachfrage. Im Endeffekt habe eine neue, effizientere Technologie mehr Verbrauch von Ressourcen als vor ihrer Einführung zur Folge. Verkleinere man die Input/Output-Ratio (weniger Verbrauch, mehr Nutzen), so führe dies zu mehr Input und mehr Output – nicht zu weniger Input und mehr Output, wie die Autor_innen von Faktor Vier annehmen. Die Auswirkungen einer neuen technischen Möglichkeit verbildlicht Jevons anhand eines historischen Beispiels: Die Dampfpumpe von Thomas Savery sollte Ende des 17. Jahrhunderts dafür genutzt werden, Wasser aus Kohleminen abzupumpen. Doch sie war so ineffizient, dass sich dies ökonomisch nicht gelohnt hätte. Erst die Verbesserung der Effizienz ermöglichte ihre Anwendung und führte dazu, dass diese Maschine überhaupt Kohle verbrauchte. Diesen Gedanken folgend formulierte Jevons die generelle Überlegung, dass Effizienzsteigerung neue technische Möglichkeiten erschliesse, Kosten senke und so zu grösserem Ressourcenverbrauch führe.
Jevons’ Überlegungen sind nicht ganz unpopulär geblieben. So haben Daniel Khazzoom und Leonard Brookes in den 1980er und 1990er Jahren unabhängig voneinander das Gleiche im Kontext des Ölverbrauchs postuliert, was später als Khazzoom-Brookes-Postulat bekannt wurde. Zudem gibt es ähnliche Überlegungen in ökonomischen Wachstumstheorien, die davon ausgehen, dass effizientere Technologien zu Wachstum führen. Eigentlich erscheint es bizarr, wie die gewöhnliche unternehmerische Vorgehensweise der Effizienzsteigerung, die vor allem dazu genutzt wird, besser in der Konkurrenz zwischen Unternehmen zu bestehen, zur vermeintlichen Besonderheit sogenannter Clean Technology werden konnte.
Die Überlegungen von Jevons, Khazzoom und Brookes sind von grundsätzlicher Bedeutung, denn sie stellen die Prämissen der gegenwärtigen Nachhaltigkeitsstrategien grundlegend infrage (und das ganz ohne marxistische Kapitalismuskritik). Basiert die Idee des grünen Kapitalismus auf der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch, so soll dies vor allem durch die Verbreitung effizienterer Technologie verwirklicht werden.

Rezeption

Forschungsprojekte zu Effizienzstrategien sind das Zugpferd der Nachhaltigkeitsforschung, nicht nur der technikfokussierten, auch der sozial-ökologischen Forschung (beispielsweise mit der Frage, wie sich diese Technologien sozial besser durchsetzen können). Liesse man sich das Jevons’ Paradox auf der Zunge zergehen, müssten Effizienzstrategien und Entkopplung als Konzepte zur Verwirklichung von Nachhaltiger Entwicklung im Papierkorb landen und sich zurück zum Reissbrett begeben werden.
Doch es gibt viele kreative Formen, mit eklatanten Widersprüchen umzugehen, so auch bezüglich diesem. Zum Ersten wird sich der viel genutzten Möglichkeit der Ignoranz bedient. In unzähligen staatlichen Initiativen (wie dem Beispiel die EU-Initiative zum Verbot der Glühlampe) sowie Forschungsprojekten werden weder Überlegungen angestellt, was mit dem eingesparten Geld auf Konsumentinnenebene passieren soll, noch wird gefragt, ob die neuen Technologien zur Steigerung von Ressourcenverbrauch führen könne. Zum Zweiten wird schlicht abgewehrt, so äusserte einmal ein Ökonom der schweizerischen Energiebehörde, dass seine Abteilung den Rebound-Effekt so lange, bis man ihn genau messen könne, mit Null behandele.
Zum Dritten wird der Rebound-Effekt in Forschungsprojekten und den Publikationen der letzten Jahre vordergründig als empirisches Problem und damit als Nebeneffekt von Effizienzstrategien betrachtet. Das heisst, die Forschung soll empirisch herausfinden, wie hoch der Rebound-Effekt ist und wie er sich am besten vermeiden liesse. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte, momentan laufende Forschungsprojekt Die soziale Dimension des Rebound-Effektes untersucht u.a., wie viel mehr individuell mit einem effizienteren Auto gefahren wird – ohne makroökonomische Phänomene in Betracht zu ziehen.
Den Rebound-Effekt ernst zu nehmen würde für die Nachhaltigkeitsinitiativen und -forschungsansätze einen entscheidenden Einschnitt bedeuten, denn die Grosszahl der Konzepte basieren darauf, Änderungen auf individueller Ebene anzustossen: So soll der sogenannte nachhaltige Konsum Individuen dazu verhelfen, weniger ressourcenintensive Dinge und Dienstleistungen zu konsumieren; Bildung für Nachhaltige Entwicklung soll Individuen helfen, ihr Verhalten zu ändern; Unternehmen sollen einzeln dazu angeregt werden, energieeffizienter zu produzieren und so weiter.
Berücksichtigt man den direkten und indirekten Rebound-Effekt, so erscheinen generell Initiativen zur Effizienzsteigerung schlicht als welche, die Ressourcenverbrauchsverschiebung zum Ziel haben. Berücksichtigt man die Überlegungen von Jevons, so erscheinen diese Initiativen und Forschungsprojekte als solche, die für das genaue Gegenteil ihres intendierten Ziels arbeiten. Jevons’ Modell, auf die europäische Glühlampen-Verbotsinitiative angewendet, deutet darauf hin, dass die Versorgung mit Licht billiger wird, die Nachfrage danach steigt, mehr Möglichkeiten der Verwendung von Licht erschlossen werden und im Endeffekt der gesamte durch künstliches Licht verbrauchte Strom steigt.

Nachhaltigkeit als Ideologie

Wenn dem Projekt Nachhaltige Entwicklung so grundlegende Widersprüche innewohnen, kann man sich fragen, welche gesellschaftlichen Funktionen damit erfüllt werden. Es scheint sinnvoll, Nachhaltigkeit auch als Ideologie unter die Lupe zu nehmen und zu fragen, wem dieser Diskurs nützt. Auf einen ersten Blick fallen vier Momente auf: Zum Ersten fungiert der Nachhaltigkeitsdiskurs als Individualisierung des Problems – mit dem sogenannten nachhaltigen Konsum als Speerspitze. Individuen werden als Konsument_innen für die Umweltkrise verantwortlich gemacht, so, als seien die heutigen Produktionsverhältnisse und der damit verbundene Ressourcenverbrauch kausal ein Ergebnis ihrer Bedürfnisse. Werden Menschen einerseits mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dazu gebracht, möglichst viel zu konsumieren, sollen sie andererseits nun zur Verantwortung gezogen werden, weil sie dieser Anrufung folgen. Zum Zweiten geraten immer mehr Produkte in Misskredit, wenn auf die ökologischen Auswirkungen hingewiesen wird. Nachhaltigkeit dient in der Vermarktung als Strategie, ihre Verwandlung in Geld trotzdem sicherzustellen. Waren und Dienstleistungen werden so lange in grüne Farbe getunkt, dass man sich manchmal wünscht, es gäbe ein Menschenrecht, vom Begriff «Nachhaltigkeit» verschont bleiben zu dürfen. Zum Dritten fungiert der Diskurs als Entlastungsstrategie für jene gesellschaftlichen Schichten, deren Lebensstil mit einem sehr hohen Ressourcenverbrauch verbunden ist: Der nachhaltige Konsum wird eben gerade von jenen praktiziert, die den grössten ökologischen Fussabdruck haben, da es diejenigen an der oberen Einkommensskala sind. Und zum Vierten hat Nachhaltigkeit als Ideologie eine ausgeprägte koloniale Komponente: Es ist ein Diskurs, der vor allem aus der Metropole kommt, dem eigentlichen Zentrum des Problems. Dass Deutschland als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit gilt, erscheint bizarr bspw. angesichts des CO2-Ausstosses, der in Deutschland bei neun Tonnen pro Person und Jahr liegt – im Gegensatz zu vier Tonnen im momentanen weltweiten Durchschnitt und zwei Tonnen als von einigen anvisiertem Ziel.
Nachhaltigkeit als Ideologie zu betrachten bedeutet nicht, dies als «Missbrauch» einer Debatte zu interpretieren, die in ihrer Essenz eigentlich für inter- und intragenerationelle (Verteilungs-) Gerechtigkeit und den Einklang des Mensch-Natur-Verhältnisses steht. Vielmehr gilt zu verstehen, wie der Diskurs um Nachhaltigkeit grundsätzlich in eine Form der Herrschaft eingebunden ist, die auf einer prinzipiell schrankenlosen Vernutzung natürlicher Ressourcen aufbaut. Das hiesse zu fragen, ob Nachhaltigkeit ein ähnliches Aushängeschild ist wie «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» in der bürgerlichen Demokratie.

Dilemma

Einige Autor_innen, die über den Rebound-Effekt publizieren, gehen einen Schritt weiter und plädieren dafür, Wachstum in den Blick zu nehmen sowie eine Debatte über gesellschaftliche Suffizienz zu beginnen. Auch sie sehen sich durch die Beobachtungen und Modelle im Rahmen des Rebound-Effekts mit dem Problem konfrontiert, dass die die Mikro-Ebene fokussierenden Ansätze nicht funktionieren und schlussfolgern eine Priorisierung gesamtgesellschaftlicher Zugänge und eine Hervorhebung des Problems einer stetig wachsenden Ökonomie.
Warum gibt es dieses Wachstum, ist in diesem Zusammenhang die Gretchenfrage. Um die Wachstumskritik etabliert sich seit einiger Zeit die im Mainstream bereits in gewissen Massen verankerte Debatte um die Postwachstumsgesellschaft – nach den 1980er Jahren eine zweite Welle der Wachstumskritik. Aus der Erkenntnis, dass eine wachsende Wirtschaft wachsenden Ressourcenverbrauch nach sich zieht, wird hier dafür argumentiert, sich vom «Wachstumsparadigma» zu verabschieden. Die Protagonist_innen der Debatte um die Postwachstumsgesellschaft beantworten die Frage, warum es Wirtschaftswachstum gibt, zwar nicht direkt. Es lässt sich jedoch herauslesen, dass sie es als ein Resultat eines gesellschaftlichen Paradigmas verstehen. Das bedeutet, würde man sich politisch und wirtschaftlich von diesem Paradigma verabschieden, so gäbe es Wachstum nicht mehr.
Es ist interessant, diese Überlegungen mit marxistischen Arbeiten zur Kritik der politischen Ökonomie zu kontrastieren. In seiner Analyse des Kapitals resultiert bei Marx Wachstum aus der Profitproduktion. Der Zweck des Kapitals (und damit zentrales Prinzip der kapitalistischen Produktionsweise) ist, selbst verwertender Wert zu sein, aus Geld soll mehr Geld werden. Dieser Profit kann aber nur über den «Umweg» der Produktion von Gütern und Dienstleistungen gemacht werden. Für diesen Verwertungsprozess gibt es weder Mass (wie hoch der Profit pro Kreislauf ist) noch ein Ende (wie oft der Kreislauf stattfindet). Durch den Druck der Konkurrenz werden diese schrankenlosen Möglichkeiten der Profitproduktion wahrgenommen. Um als Unternehmen bestehen zu können, muss man beständig auf der Jagd nach einem Extra-Profit sein: durch die Einführung neuer Produkte, dadurch, etwas billiger zu produzieren, durch die Etablierung neuer Märkte. Um mithalten zu können, muss jedes Unternehmen selbst auf einen maximalen Gewinn abzielen. Es reagiert auf den Druck der anderen und übt selbst aber ebenso den gleichen Druck aus. Technische Effizienzsteigerung ist in diesem Zusammenhang schlicht eine Strategie, um die Produktion kostengünstiger zu gestalten und besser in der Konkurrenz bestehen zu können.
Aus der marxschen Kapital-Analyse ist Wachstum nicht etwas, wofür sich Individuen entscheiden, sondern etwas, was sich als Zwang aus den systemimmanenten Prinzipien ergibt. Unternehmen können sich nicht einfach entscheiden, am Wirtschaftswachstum nicht mehr teilzuhaben, wenn sie als Unternehmen weiter bestehen wollen. Mit dem Rebound-Effekt unterstützt ein Modell aus der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre diese marxschen Überlegungen zum Wachstumszwang im Kapitalismus.
Eigentlich könnte die wissenschaftliche Schönheit für die Forschung zu Nachhaltiger Entwicklung sein, dass man den zentralen Grund für die ökologische Krise präzise benennen kann: die kapitalistische Produktionsweise und der sich daraus ergebende Wachstumszwang. Gleichzeitig ist diese Analyse aber ihr grösstes Problem: Im Mainstream der Nachhaltigkeitsforschung kann man nicht so ohne Weiteres den Kapitalismus grundsätzlich infrage stellen. Auch in Anbetracht der historischen Beständigkeit des Kapitalismus wäre das Finden einer Lösung der ökologischen Krise schon vor dessen Überwindung vielleicht auch nicht das Allerdümmste. Doch die Betrachtungen zum Rebound-Effekt sowie die marxsche Analyse des Kapitals zeigen, dass man die kapitalistische Produktion nicht ohne wachsenden Ressourcenverbrauch haben kann.
Was heisst dies für eine individuelle Perspektive? Werden individuelle Verhaltensänderungen und überhaupt umweltpolitische Anstrengungen vor dem Ende des Kapitalismus vor dem Hintergrund dieser Analysen obsolet? Mitnichten. Zum einen gibt es wahrscheinlich viele auch individuelle Strategien, die vielleicht positivere ökologische Auswirkungen haben als andere, anders formuliert kann die ökologische Krise des Kapitalismus unterschiedliche Ausmasse haben. Doch ist der vorherige Satz mit «wahrscheinlich» und «vielleicht» eben gerade so schwammig formuliert, da sich dies aufgrund der unzähligen Widersinnigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise nicht anhand eines Individuums beurteilen lässt, denn erst die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen geben Aufschluss darüber. Zum anderen macht es schon vor dem Ende des Kapitalismus Sinn, sich darüber Gedanken zu machen und auszuprobieren, wie ein postkapitalistischer, individueller, alternativ-hedonistischer Lebensstil aussehen könnte – mit Alternative Hedonism meint Kate Soper eine Lebensqualität, die nicht mehr vordergründig an materiellen Wohlstand gekoppelt ist. Dabei müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie eine grundsätzliche Kapitalismuskritik in ökologiebezogenen Politikformen fest verankert werden kann. Es gibt keine Lösung des Problem, die allein auf die individuelle Perspektive abzielt. Die ökologische Krise des Kapitalismus lässt sich nicht auf der Basis individueller Verhaltensänderungen wegreformieren. Diese Erkenntnis ist eine meines Erachtens zu wenig genutzte Möglichkeit der marxistischen Linken, mit den Analysen zum Kapitalismus ein präziseres Verständnis der Umweltkrise in einer gesellschaftlich immer grösser werdenden Debatte anzubieten.
____________
* Der Autor lebt in Bern, arbeitet als Forschungsassistent und ist kürzlich zur Gruppe Debatte-Forum hinzugestossen.
1 Der Text ist zuerst erschienen in: Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität, http://phase-zwei.org.

Zitierte Literatur:
Alcott, Blake. 2005. Jevons’ paradox. Ecological Economics 54, Nr. 1 (Juli): 9-21.
Jevons, William Stanley. 1865. The coal question: an inquiry concerning the process of the nation and the probable exhaustion of coal-mines. London: Macmillan.
Madlener, Reinhard und Blake Alcott. 2011. Herausforderungen für eine technisch-ökonomische Entkopplung von Naturverbrauch und Wirtschaftswachstum. Unter besonderer Berücksichtigung der Systematisierung von Rebound-Effekten und Problemverschiebungen. Kommissionsmaterialien. Berlin: Deutscher Bundestag.
Santarius, Tilman. 2012. Der Rebound-Effekt. Über die unerwünschten Folgen der erwünschten Energieeffizienz. Wuppertal: Wuppertal Institut.
Weizsäcker, Ernst Ulrich von, Amory B. Lovins und L. Hunter Lovins. 1995. Faktor Vier. Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch. Der neue Bericht an den Club of Rome. München: Droemer Knaur.
Williams, Chris. 2010. Ecology and socialism: solutions to capitalist ecological crisis. Chicago: Haymarket Books.

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 26, Ökologie, Schwerpunkt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *