Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt

Sarah Schilliger

aus Debatte Nr. 29 – Sommer 2014

Will sich die Schweiz tatsächlich von ihrem Stück nationalsozialistischer Geschichte befreien? Die Räumung des Protestcamps der Jenischen auf der Kleinen Allmend in Bern im April 2014 hat nicht den Eindruck erweckt. Im Gegenteil: Viele Jenische erinnerten sich bei ihrer Festnahme an die jahrzehntelange Verfolgung und Diskriminierung ihrer Familien. Ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte, über das sich die Medien häufig ausschweigen.

Zehntausende von Jenischen wurden als sogenannte Zigeunermischlinge im Zweiten Weltkrieg verfolgt und starben in den Konzentrationslagern der Nazis. Die Schweiz betrieb während dieser Zeit eine «zigeunerpolitische» Praxis, «die darauf bedacht war, ausländische, staatenlose und selbst schweizerische Roma und Sinti und Jenische vom Schweizer Territorium fern zu halten (…), unabhängig vom Wissen um die Lebensgefahr, in der die insbesondere nach NS-Deutschland zurückgewiesenen Menschen schwebten».1
Die rassistische «Zigeunerpolitik» setzte sich bis weit in die Nachkriegszeit bruchlos fort. Für die Schweizer Jenischen hat sich besonders die schon Mitte der 1920er Jahre beginnende und bis 1973 andauernde Aktion des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Die durch Steuergelder subventionierte Schweizerische Stiftung «Pro Juventute» nahm dabei jenische Kinder gewaltsam von ihren Eltern weg, platzierte sie in Erziehungsheimen und Anstalten, bei fremden Familien oder verschleppte sie als Verdingkinder an Bauern, die sie als Billigstarbeitskräfte missbrauchten.

Im Auftrag des Bundesrates

Bundesrat Heinrich Häberlein, der als Stiftungsratspräsident der Pro Juventute fungierte, schrieb 1927 über die Jenischen: «Diese grossen Vagantenfamilien, deren Glieder zu einem grossen Teil unstet und zuchtlos dem Wandertrieb frönen, bilden als Kessler, Korber, Bettler oder Schlimmeres einen blinden Fleck in unserm auf seine Kulturordnung so stolzen Schweizerlande.»2
Den Auftrag, diesen angeblich «dunklen Fleck» zu beseitigen, bekam Dr. Alfred Siegfried. Der 1924 wegen pädophilen Umgangs mit einem seiner Schüler verurteilte Gymnasiallehrer aus Basel wurde zwei Jahre später zum Vormund von über hundert Kindern ernannt. Damit begann der Versuch, die Jenischen als eigenständige kulturelle Gruppe zu vernichten, da deren Lebensgewohnheiten laut Siegfried «in einem derartigen Widerspruch zu den landesüblichen Sitten und Gewohnheiten» stehen würden. Dreissig Jahre lang (1926-1956) waltete Siegfried als Leiter des «Hilfswerks» – unterstützt von Wissenschaftlern wie dem Bündner Psychiater Josef Jörger. Dieser verfasste «wissenschaftliche» Gutachten, in denen er Jenische als «erblich minderwertig» und als genetisch bedingte «Abirrung» bezeichnete – und erntete Beifall von verschiedenen «Rassenhygienikern».3

Kinder von Jenischen ihren Eltern wegnehmen und sesshaft machen: Das war das Ziel Alfred Siegfrieds, Leiter des ‚Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse’ der Pro Juventute. Bild: Hans Staub, Bundesarchiv Bern.

Kinder von Jenischen ihren Eltern wegnehmen und sesshaft machen: Das war das Ziel Alfred Siegfrieds, Leiter des ‚Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse’ der Pro Juventute. Bild: Hans Staub, Bundesarchiv Bern.

Mit den Kindswegnahmen wurde die «Umerziehung» der Jenischen zu sesshaften, «gesitteten» und arbeitsamen Schweizer Bürger_innen angestrebt. Um die jenischen Familiengemeinschaften systematisch auseinanderzureissen, fertigte Siegfried in Zusammenarbeit mit Polizei und Behörden Stammbäume aller grossen jenischen Familien an: Moser, Huber, Waser, Mehr, Nobel, Huser, Amsler… Aufgrund dieser Recherchen berechnete Siegfried schliesslich, wie viele Kinder den Jenischen weggenommen und fremdplatziert werden sollen. Bis zur Schliessung des Hilfswerks im Jahr 1973 wurden insgesamt rund 600 Kinder von ihren Familien getrennt. Daneben kam es durch Innerschweizer Behörden und weitere Organisationen wie das «Seraphische Liebeswerk» (Sitz in Solothurn) zu mindestens 500 weiteren Fällen der Kindswegnahme.
Wehrten sich die Eltern gegen die behördliche Kindswegnahme, wurden sie nicht selten selber entmündigt. Auch erwachsene Jenische wurden in Institutionen eingewiesen: In psychiatrische Kliniken oder Strafanstalten wie jene in Bellechasse im Kanton Fribourg, wo sie Zwangsarbeit verrichten mussten. Neben «administrativer Versorgung»4 und Psychiatrisierung war die Zwangssterilisation ein weiteres Instrument, die jenische Minderheit zu beseitigen.

Erschütternde Biographien

Öffentlich aufgedeckt wurde der Skandal um das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» durch zahlreiche Bücher des Kulturphilosophen Sergius Golowin und durch den Beobachter-Redaktor Hans Caprez, der 1972 einen Artikel über die Aktivitäten der Stiftung Pro Juventute publizierte. Caprez dokumentierte darin unter anderem die Geschichte der jenischen Mutter Theres Huser. Ihr wurden in den 1950er Jahren fünf Kinder weggenommen, mit ihrer Klage gegen die angesehene Stiftung Pro Juventute blitzte sie jedoch beim Bundesgericht ab. Nach der Veröffentlichung des Beitrags im Beobachter meldeten sich weitere Opfer bei Hans Caprez. Es entstand eine Artikelserie, die den Stein ins Rollen brachte: Der öffentliche Druck nahm zu und 1973 löste Pro Juventute das Hilfswerk auf.
Bis das tatsächliche Ausmass der Verbrechen des «Hilfswerks» sichtbar wurde, dauerte es jedoch viele weitere Jahre. Bedeutend war dafür die Öffentlichkeitsarbeit der Selbsthilfeorganisation «Radgenossenschaft der Landstrasse». In lebensgeschichtlichen Interviews und autobiografischen Dokumenten mit und von jenischen Opfern (siehe Kasten S. 16) wird dokumentiert, was die Kinder und ihre Familien dabei durchmachten. Diese Zeugenaussagen sind bedrückend und machen sprachlos. Sie handeln von fast unvorstellbaren Grausamkeiten, von Ausbeutung, Erniedrigung, Misshandlungen und sexuellen Übergriffen.
1986 wurden die Akten der Pro Juventute sichergestellt und im Bundesarchiv eingelagert. Die Betroffenen erhielten Einsicht in ihre persönlichen Dossiers. Die Konfrontation mit diesen rassistischen Personenakten war häufig mit erneuten tiefen, seelischen Krisen verbunden. Die Opfer des Hilfswerks Kinder der Landstrasse erfuhren dabei von unbekannten Familienmitgliedern oder lasen Briefe von Verwandten, die ihnen nie ausgehändigt worden waren.
Kinder – inzwischen häufig selber schon ergraut – machten sich auf die Suche nach ihren Eltern. Charlotte Dasen-Nobel beispielsweise begegnete im Alter von fast 50 Jahren ihrem Vater – 47 Jahre, nachdem sie von ihren Eltern getrennt worden war. Bis sie acht Jahre alt war, glaubte sie ein Waisenkind zu sein. Am Tag ihrer Erstkommunion erfuhr sie, dass ihre Eltern lebten, jedoch Zigeuner seien – der Vater angeblich ein Säufer und Messerstecher. Vater und Tochter begegneten sich 1987 wieder an einer Sitzung des Vereins Interessengemeinschaft Kinder der Landstrasse. Charlotte Dasen-Nobel sah das Gesicht ihres Vaters und spürte, dass er zu ihrer Familien gehören muss – ein Vaterschaftstest bestätigte es. Bis zu seinem Tod zehn Jahre später lebte der verwitwete Vater Nobel mit seiner Tochter zusammen.5

Wiedergutmachung? Wider das Vergessen!

In den 1980er Jahren kämpften die Jenischen mit Demonstrationen und medienwirksamen Auftritten für ihre Rechte. Sie forderten nebst einer Entschädigung für das erlittene Leid eine fundierte historische Aufarbeitung zu den Tätigkeiten und dem Umfeld des Hilfswerks. Pionierarbeit leistete dabei der Historiker Thomas Huonker (siehe Kasten), der das erschreckende Ausmass der Tätigkeiten des Hilfswerks aufzeigte. Deutlich wurde dabei insbesondere, wie breit die Unterstützung der Pro Juventute durch Bund, Kantone, Gemeinden und «gemeinnützige» Einrichtungen war – und dass das «Hilfswerk» nicht als isoliertes Phänomen betrachtet werden darf.
Am 3. Juni 1986 entschuldigte sich Bundespräsident Alphons Egli für die Mitbeteiligung des Bundes an dem begangenen Unrecht der Stiftung Pro Juventute. 1999 wurden die Fahrenden, nicht jedoch die sesshaften Jenischen, Sinti und Roma, als nichtterritoriale Minderheit anerkannt, ein Jahr später folge die Anerkennung der Jenischen als Sprachminderheit. Eine strafrechtliche Aufarbeitung der Verfolgung von Jenischen hat jedoch nie stattgefunden.
Momentan läuft in der Schweiz die Unterschriftensammlung für eine Wiedergutmachungsinitiative6 für ehemalige Verdingkinder und Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, von denen auch viele Jenische betroffen waren. Neben einer fundierten wissenschaftlichen Aufarbeitung fordert die Initiative die Einrichtung eines Fonds über 500 Millionen Franken für betroffene Opfer. Zudem soll eine breitere Öffentlichkeit über die Verbrechen aufgeklärt werden.
Letzteres fordert auch Charlotte Dasen-Nobel: Eine Politik wider das Vergessen, indem beispielsweise die Geschichte der Jenischen in den Schulen debattiert wird. «Kein Franken kann dieses Elend wiedergutmachen», sagt sie. Ihr Bruder, der zeitweise im gleichen Heim wie sie untergebracht war, nahm sich im Alter von 23 Jahren das Leben. Viele betroffene Kinder sind inzwischen gestorben.
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1 Thomas_Huonker,_Regula_Ludi (2001): Roma, Sinti und Jenische. Schweizerische Zigeunerpolitik zur Zeit des Nationalsozialismus. Chronos-Verlag, Zürich.
2 Zitiert nach Thomas Huonker (2009): Ein dunkler Fleck. Der Versuch, eine schweizerische Minderheit durch das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» zu zerstören. Online unter: *www.thata.net/eindunklerfleckdeutsch.pdf
3 Huonker 2009
4 Die administrative Versorgung war eine öffentlich-rechtliche Zwangsmassnahme, die durch eine Verwaltungsbehörde verfügt wurde. Jugendliche und Erwachsene konnten dadurch ohne Gerichtsurteil und meist auch ohne Anhörung in so genannte Arbeitsanstalten oder Erziehungsanstalten eingewiesen werden. Als Einweisungsgrund galten ein «liederlicher Lebenswandel» (z.B. uneheliche Schwangerschaft), «Vaganterei» oder «Arbeitsscheuheit». 1981 wurde auf Druck der Europäischen Menschenrechtskonvention die administrative Versorgung in der Schweiz abgeschafft.
5 Aufgezeichnet in Sara Galle (2009): «Man darf das nicht vergessen», in: Polis. Das Magazin für politische Bildung, Nr. 2/2009: Umgang mit vergangenem Unrecht, S. 9-12.
6 www.wiedergutmachung.ch

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