Im Dienste des Systems

Aus Debatte Nr. 29 – Sommer 2014

Elif Altay bezahlte einen hohen Preis für ihr Engagement als linke Aktivistin. In ihrem Heimatland sass sie drei Jahre im Gefängnis. Als anerkannter Flüchtling absolvierte sie in der Schweiz eine Tertiärausbildung. In dieser Zeit kamen auch ihre beiden Töchter zur Welt. Ihre im Interview formulierte Kritik an hiesigen Vorstellungen über Kindererziehung, Gleichstellung und Integration fällt vernichtend aus. Die Fragen stellte Karin Vogt. (Red).

Meine erste Frage an dich lautet: Warum fühlen wir uns schlecht, wenn wir in unserer jetzigen Lebensphase die Bedürfnisse der Kinder und ihr Wohlbefinden als das Wichtigste erachten? Wer gibt uns dieses Gefühl, falsch oder dumm zu handeln, selbst oder gerade in der Linken und unter Feministinnen?

Ich bin in der radikalsten Linken aufgewachsen, Mitte 1970er Jahre in Istanbuls neuen Quartieren, den sogenannten Gecekondus, wo die inneren Migranten aus Anatolien angekommen und angesiedelt waren. Diese Quartiere galten als von staatlichen Eingriffen geschützt bzw. als autonom. Dort hatten die Linken ein Wort zu sagen. Sie versuchten auch, das gesellschaftliche Leben neu zu regeln und den Frauen und Kindern die Kultur des Sozialismus beizubringen. Als Kind glaubte ich zumindest daran. Als Teenager habe ich dann Bücher über die Oktober-Revolution gelesen, über das Leben in der Gesellschaft, über die Emanzipation der Frauen durch Beteiligung an Produktionsprozess, über die Betreuung der Kinder in städtischen Institutionen usw. Diese Lektüre hat mich auch später sehr beeinflusst.
Ich hatte vorher nie die Vorstellung von mir als Mutter. Weil ich noch grössere Ideale hatte, wie z.B. die Welt zu ändern. Als Linke habe ich mich selber in der Vorstellung dieser Rolle als Mutter verachtet.
Bis ich selbst Kinder hatte. Dann stand die Welt plötzlich Kopf. Ich war oft verzweifelt und unsicher über richtig und falsch. Ich machte mir Gedanken über die Betreuung hilfsbedürftiger Wesen, für deren Dasein ich verantwortlich war. Ich war erschöpft vor weinenden Kindern und fühlte mich hilflos in Bezug auf ihre Bedürfnisse, die ich erkennen und erlernen musste.
Als die Kinder mit einem Jahr im Tagesheim waren, fiel mir die Trennung von ihnen sehr schwer. Die Tagesheimleiterin, die eine Linke war, blamierte mich und machte mich verantwortlich für angebliches Fehlverhalten der Kinder. Man stellte mich als Mutter hin, die sich dem Willen der Kinder beugt. «Kinder brauchten Grenzen, Routine, Rituale usw.» wurde mir eingehämmert. Oder «Autorität muss geschaffen werden, sonst weiss man ja nicht, was die kleinen Rebellen noch anstellen.» Dabei waren die Anweisungen durchaus widersprüchlich. Ich habe das wahrgenommen, konnte aber nichts dagegen tun. Alle anderen wussten besser als ich, wie Kinder funktionieren sollten.
Durch Gedankenspiele über die Funktion des Systems und die Rolle der Linken darin wurde mir klar, dass ich meine Kinder wie Soldaten für dieses System trainieren sollte. Das war und ist mindestens die Erwartung der Anderen an mir. Die Vorstellung von einem Kind als kleinem Erwachsenen gehört überhaupt nicht zur Vergangenheit. Sie ist für die meisten Linken mit ihren Disziplinierungsmethoden nach wie vor aktuell. Dabei spielt das Wohlbefinden eines Kindes überhaupt keine Rolle. Sondern Kinder sind oft die Objekte, in denen die Eltern sich selbst und ihre Wünsche realisieren. Kinder müssen so schnell wie möglich selbständig werden. Sie müssen sich sehr früh selber anziehen, Schuhe mit Bändeln binden, selber wissen, wie sie auf sich selbst aufpassen können, während die Eltern arbeiten, etc. «Oder will ich die Sklavin meines Kindes sein? Ich habe ja die Wahl.»
Was ein Kind in welchem Alter machen muss, ist vom Schulpsychologischen Dienst festgelegt. Es sind festgelegte Regeln/Erwartungen/Anordnungen des Schulsystems als Teilsystem des Ganzen, die gelehrt und gelernt werden müssen, natürlich nicht nur von Kindern, sondern von allen Untertanen des allheiligen Kapitalismus. Wenn die Kinder sich wehren und nicht nachmachen oder mitmachen, dann sind sie auf dem falschen Weg und brauchen Behandlung/Therapie.
Wo die Kinder wegen ihres Fehlverhaltens diagnostiziert werden, arbeiten meist Linke, die von ihren eigenen guten Taten überzeugt sind und meinen, den Eltern in ihrer Verzweiflung zu helfen. Ich habe mich oft wegen Anschuldigungen dieser Personen in meiner Rolle als Mutter verunsichern lassen und war oft gerade deswegen verzweifelt. Ich habe einerseits diese Zeit mit meinen Töchtern als einmalige, unwiederbringliche Phase im Leben gesehen, die die Kinder in vollen Zügen geniessen sollten, wenn nötig auch mit sogenannter Verwöhnung. Als zukünftige Erwachsene werden sie so oder so vieles ganz alleine bewältigen müssen. Andererseits war ich unsicher im Umgang mit Problemen z.B. in der Schule und befürchtete, die Kinder nicht genügend für die Zukunft, für das Leben, für die Arbeitswelt vorzubereiten.
Ich denke und sehe, dass viele Linke oder Feministinnen grossen Wert auf Erwerbarbeit legen und jene Arbeiten verteufeln, die nicht erwerbsorientiert sind. Sie sehen in der Erwerbsarbeit die gesellschaftliche Emanzipation der Frau, was meiner Meinung nach nicht vollständig richtig ist. Es ist eine harte Aussage, aber ich denke, die Linken nehmen diese Haltung ein, weil sie im Grund genommen in der Fortsetzung dieses Systems ihr Interesse finden. Nach linken Vorstellungen muss jede ihren Beitrag an Erwerbsarbeit leisten, egal welche Kosten die Personen oder besser gesagt die Kinder dadurch auf sich nehmen müssen.
Sieht man das Wohlbefinden der Kinder als Priorität an, wird man dann als arbeitsscheu angesehen. Ich konnte z.B. eine 100%-Praktikumsstelle für ein halbes Jahr nicht annehmen, weil ich mich kurzfristig für die Betreuung meiner Kinder nicht organisieren konnte. Die Person, die mir die Stelle vermitteln wollte, fand es völlig unverständlich, dass ich einen (angeblich) so tollen Job ablehnte. Sie versteht auch nicht, wenn ich aufgrund von Krankheit eines der Kinder im Kurs fehle. Eine andere Verantwortliche beschuldigte mich, die Sklavin meiner Kinder geworden zu sein. Diese würden eh ihre eigenen Wege gehen und ich würde dann meinen Einsatz für sie bereuen, ohne Job dastehen und bei der Sozialhilfe landen. Ich tue ihr sehr leid, sagte sie.
Die ideale Frau ist die, welche Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut bringt, meist noch mit Hilfe oder auf Kosten einer migrantischen Putzkraft, die weit unterhalb ihres Qualifikationsniveaus arbeitet. Die Karriere-Frauen, die in den Hochetagen der grossen Firmen tätig sind, propagieren diesen Idealtypus. Aber auch die meisten linken Feministinnen.
Ich denke, die Qualität der Betreuung heranwachsender Kinder hängt auch davon ab, ob man Kindern gegenüber Empathie, Geduld, Zuneigung, Liebe und Aufmerksamkeit hat oder eben nicht.

Was mich in deinem Fall noch besonders erschreckt, ist diese rassistische und sozialrassistische Haltung hiesiger Feministinnen, die uns und dir vorschreiben, wie Frauen ihr Leben organisieren müssen. Ob sie in linken NGOs migrantische Frauen animieren, sich um jeden Preis voll in die kapitalistische Erwerbsarbeit hineinzugeben; oder ob sie in rot-grünen Regierungen und Verwaltungen sitzen und Zwangs-Frühförderung für Kinder mit ausländischen Eltern verordnen: Es scheint ihnen keine Sekunde lang in den Sinn zu kommen, dass sie als (linke) Europäerinnen mit krassen Normen hantieren, denen sich Frauen aus anderen Regionen unterordnen sollen. Ist diese Spielart von Feminismus zum Mainstream verkommen, der zur Festigung der herrschenden Machtverhältnisse dient?

Seit 2013 müssen im Stadtkanton Basel ausländische Kinder im Vorschulalter eine Institution besuchen, wo sie Deutsch lernen. Es muss mindestens zwei mal zwei Stunden in der Woche sein. Damit möchte man Frühförderung betreiben, indem die Deutschkenntnisse dieser Kinder und ihre Bildungschancen verbessert werden. Ich frage mich, ob «bessere Chancen» wirklich nur durch eine Institution zu erreichen sind, oder nicht doch eher durch die Familie, in die das glückliche bzw. unglückliche Kind hineingeboren wird? Inwieweit ist es realistisch Chancenungleichheiten unter den Menschen durch die eine oder andere Präventionsmassnahme beheben zu wollen?
Die Ausländer befinden sich am untersten Ende der gesellschaftlichen Pyramide. Die Linken schweben in ihrer eigenen Welt. Sie sind dort souverän und können die prekäre Lage der Ausländer gar nicht verstehen.
Die Ausländer werden ständig unter Druck gesetzt, ihre Qualifikationen zu verbessern. Die Förderangebote zum Sprachniveau A1 bis A2 zielen darauf ab, Migranten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dies ist auch und vor allem für diejenigen eine Chance sowie ein wachsender Wirtschaftszweig, die sich dafür interessieren, den Ausländern diese Dienstleistung anzubieten. Ich sehe darin keine nachhaltige Lösung. Aufgrund neuer Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt befinden sich sowohl Migranten als auch die anderen Schichten in der Spirale Ausbildung-Weiterbildung. Die wenigen Ausnahmen oder Erfolgsgeschichten dienen dazu, die Ungleichheiten zu individualisieren und zu legitimieren.
Es gibt ein breites Spektrum von Projektangeboten zur Frühförderung, zur Sprachförderung oder zur Integration von Ausländern, von Sponsoren mitfinanziert. Ein Blick auf diese Projekte verdeutlicht, dass sie fast alle den gleichen Inhalt haben. Und noch witziger daran ist, dass fast alle diese Projekte von den gleichen Kreisen lanciert werden. Es geht ihnen um den lukrativen Dienstleistungszweig «Projektentwicklung und –umsetzung».
Diese Projekte spiegeln die Machtverhältnisse in der Gesellschaft wieder. Für mich ist es auch ein Paradox der Linken. Sie reden einerseits von gefährdeten sozialen Sicherungssystemen im Sozialstaat, weil prekäre projektbezogene Arbeit zur Norm wird. Diese unsicheren Beschäftigungsformen gefährden das gesellschaftliche Leben nachhaltig. Man muss sie bekämpfen, hört man oft. Andererseits fördert man aber auch Projektmanagement.
Mit diesen Almosen z.B. in Form von «Frühförderung» bei Kindern macht man die Menschen abhängig und bringt sie zum Schweigen. Man überwacht und kontrolliert sie. Ihre wirklichen Probleme bleiben ungelöst.
Die Linken verlieben sich in die Perfektion ihrer liberalen Demokratie, erzählen gerne, wie sie für diese Demokratie kämpfen. Sie sind stolz darauf, wie sie Vielfalt in der Gesellschaft tolerieren oder wie sie sich für die Rechte der Ausländer einsetzen, wie sie sie fordern und fördern. Sie beziehen sich z.B. auf Studien, welche besagen, wie wichtig das Erlernen der Erstsprache (Muttersprache) für das Lernen weiterer Sprachen ist. Andererseits möchten sie die Kinder noch vor Beginn der offiziellen Schulpflicht, also vor dem Kindergarten, mit Deutschlernen fördern. Soll nun zuerst die Muttersprache oder die zweite Sprache gefördert werden? Und wann und wie? Von den Eltern, die von der Arbeit erschöpft zurückkehren, während der Abendmahlzeit?
Ist es nicht Zwang, die Kinder zu Personen (Tagesmütter) oder Institutionen zu schicken, die sie überhaupt nicht kennen und möglicherweise auch nicht mögen? Viele dieser Personen besitzen keine entsprechenden pädagogischen Fähigkeiten. Institutionen (Tagesheime/Kitas/Mittagstische etc.) beschäftigen meist Praktikantinnen, die selbst als billige Arbeitskräfte fast in Kindesalter stehen. Diese sind gezwungen, eine Praktikumsstelle anzunehmen und hassen womöglich den Job, den sie gerade machen. Und pendeln deshalb jahrelang von einer Praktikumsstelle zur anderen, bis sie vielleicht eine richtige Lehrstelle finden. Haben diese Sachverhalte keinen Einfluss auf die Qualität der Betreuung eines Kindes in einer kommerziellen Institution?
Die Frauen als dumm oder Sklaven von Männern und Kindern abstempeln, weil sie ihre Kinder selber erziehen möchten und sie nicht von einem zum nächsten Förderangebot schleppen wollen – hat eine solche Haltung keine wirtschaftlichen Hintergründe? Die Kinder meiner linken Nachbarin werden rund um die Uhr versorgt. Sie lässt sich von nichts davon abbringen, ihrem Job nachzugehen. Ich bewundere ihr Organisationstalent und fühle mich neben ihr als unfähig.
Nur schon die Reflexion über Sinn und Zweck solcher Institutionen ärgert diejenigen, die sich Linke oder Feministinnen nennen, besonders wenn die Kritik/Äusserung noch von einer undankbaren Ausländerin kommt. Von einer, die von einem Land kommt, wo die Menschen nur per Zufall überleben. Von einer, die jetzt in einem sicheren Wohlstandsland lebt. Die Überlegenheit des Westens in der Wirtschaft, im sozialen Leben, in der Kultur, kurz in allen Bereichen des Lebens erlaubt es ihnen, sich als den Anderen, den Fremden überlegen zu fühlen. Ohne einmal eine Sekunde daran zu denken, dass diese Überlegenheit nur auf Kosten der Anderen möglich gewesen war und ist.
Obwohl sie ständig das Lied der «Integration» singen, ziehen sie Grenzen, die nicht zu sehen sind und die es aber trotzdem gibt. Sie zwingen die Ausländer, in Parallelgesellschaften zu leben. In ihren Quartieren sind wir nicht erwünscht, in den Schulen, wo ihre Kinder eingeschult sind, werden unsere Kinder wie Fremdkörper betrachtet. «Ausländische Kinder beeinträchtigen die Qualität des Unterrichts.» Wenn wir schon in ihrer Nähe sind, dann aber bitte mit entsprechendem Abstand, weil wir ihr Ansehen bei ihren Landsleuten gefährden. Möglicherweise werden auch ihre Kinder durch den Kontakt mit unseren Kindern kriminalisiert.
Obwohl man behauptet, dass es in der Schweiz und besonders in Basel keine Gettos gibt, geben gewisse Quartiere mit ihren Ausländeranteil zu reden. Dort leben auch einige wenige Schweizer – meist die ärmsten Schweizer/innen, die die Ausländer für den Grund ihrer Probleme halten und sie dementsprechend hassen – oder auch Linke. Sie lassen sich mit ihren Kindern aber z.B. auf den Spielplätzen nicht blicken. Man fragt sich, wo diese Menschen mit ihren Kindern sind. Oder wo die Kinder dieser Familien zur Schule gehen?
Um uns aber dann zu erziehen, lancieren die grosszügigen Linken in Quartierzentren, in Ausländervereinen, auf den Spielplätzen Projekte, an denen wir teilnehmen sollen, um uns und unsere Kinder von ihnen fördern zu lassen, die Sprache, Kultur, etc. zu lernen. Und damit wir die Grosszügigkeit dieser Personen loben. Damit wir uns zu Tode schämen, wenn wir unsere Kinder nicht gezwungen haben, an einem solchen Angebot teilzunehmen.
Dann haben wir nämlich ihrer Meinung nach unsere erzieherische Rolle vernachlässigt. Sind wir nun diejenigen, die die Kinder vernachlässigen, um mehr zu arbeiten, um mehr Wohlstand zu schaffen?
Auf dem Markt gibt es zahlreiche Bücher über Erziehung. Viele Autoren beschäftigen sich mit der Problematik. Sie geben den Eltern Rat. Oft drehen sich Gespräche um das Thema Erziehung. Warum ist dieses Thema so brisant? Sind die Menschen und vor allem viele Eltern in ihrer Rolle zunehmend verunsichert? Oder ist es nicht so, dass sich die Kinder heutzutage mit gestressten Eltern abfinden müssen, weil sich im gesellschaftlichen Leben wegen wirtschaftlicher Änderungen vieles verschlechtert hat? Weil die Eltern sich durchorganisieren müssen, um zu arbeiten? Weil sie sich nur über die Arbeit, die sie machen, definieren können? Und dabei für ihre Kinder fast keine Zeit haben bzw. keine Zeit mehr brauchen, denn die Kinder wachsen ja so nebenbei auf? Die Skandinavischen Länder, wo die Kinder den ganzen Tag in Tagesstrukturen sind, bewundern sie nicht alle?
Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, wo in Menschenwürde zu leben alleine schon eine Herausforderung war. Die Rechte einer Hälfte der Gesellschaft – der Frauen – gegenüber der anderen Hälfte – der Männer – zur Parole zu machen, war für unsere damaligen Verhältnisse ein Luxus. Wir alle mussten zusammen um unsere Rechte kämpfen. Der Feminismus hat meiner Meinung nach den Klassenkampf auf den Kampf gegen das andere Geschlecht reduziert oder nivelliert, und es dann aber mit Marginalisierung gebüsst. Demgegenüber versuchen die Linken, die Probleme durch Kooperation mit dem System und im System zu lösen. Obwohl die Probleme ja gerade systembedingt sind. Noch fataler ist, dass sie nie daran interessiert sind, ihre Worten und Taten mal anzuschauen und sich damit kritisch auseinandersetzen.

Gibt es noch etwas, was du zum Thema sagen möchtest? Forderungen an die Linke, an die Feministinnen?

Kinder sind Menschen und haben Rechte. Sie haben Anspruch auf Liebe, Zuneigung und vor allem Anspruch auf ihren Eltern, weil sie darauf angewiesen sind. Sie haben andere Bedürfnisse als wir Erwachsenen, diesen Bedürfnissen sollte man Beachtung schenken. Die soziale, emotionale Beziehung zwischen Kindern und Eltern wächst kontinuierlich, im Rahmen der von den Eltern dafür aufgebrachten Zeit. Menschenkinder brauchen mehr Zeit als andere Lebewesen auf ihren Weg zum erwachsen werden. Die Feministinnen vergessen es oft. Sie schätzen nur die Erwerbsarbeit, verachten dabei viele Frauen, die einer Erwerbsarbeit nicht nachgehen können, weil sie wegen ihrer Kinder nicht flexibel sein können.
Den Anspruch auf ein gerechtes Leben auf dieser Welt darf jede Einzelne unabhängig von ihrer Zugehörigkeit haben. Das kann man als Endziel aller Menschen betrachten. Als Kind glaubte ich daran, dass die Menschen, die sich für das Ideal von «Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit» einsetzten, in ihren Worten und Taten aufrichtig seien. Mit der Zeit realisierte ich, dass sie die eigentlichen Stolpersteine auf dem Weg zu diesem Ideal waren und sind.
Es ist für mich auch bedenklich, dass die Linken die Systemkritik auf eine Kritik der bürgerlichen Parteien reduzieren und nur eine defensive Politik betreiben. Sie scheinen gegen Ungleichheiten zu sein, treiben aber Klientelismus voran. In ihrer Haltung gegenüber anderen Menschen sind sie konservativ und verachtend, wenn diese nicht wie sie denken und handeln. Damit spalten sie die Menschen und tragen dazu bei, Unterschiede jeder Art aufrechtzuerhalten.
Dass die Linken Kompromisse mit dem System schliessen, ist nicht neu und es geht auf die Kosten der Massen, der Unterdrückten, der Ausgeschlossenen, der Armen. Aber diese Massen sind auch nicht so naiv, wie die Linken meinen, sondern sie kennen und erkennen die Linken und glauben ihnen kein Wort mehr.

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Eine Antwort auf Im Dienste des Systems

  1. Thomas Ragni sagt:

    Das Interview mit E. Altay wirft ein charakteristisches Licht auf die Mainstream-‘Linke’ der Schweiz. Während die ‘Rechten’ von den Immigranten und Asylsuchenden einfach nur fordern und verlangen, sich für den hiesigen Erwerbsarbeitsmarkt fit zu machen (man nennt dies ihre ganz persönliche ‘Pflicht zur Integration’), wollen die ‘Linken’ zumindest staatlich subventionierte ‘Hilfsangebote’ machen, die die ‘Integration’ (in den Arbeitsmarkt) unterstützen sollen. Doch die Mainstream-‘Linken’ bezweifeln dieses übergeordnete Ziel auch nicht, weil es ihnen noch nie in den Sinn gekommen ist, dass es sich hierbei überhaupt um ein ‘Ziel’ handeln könnte. (D.h., dass man es auch nicht ‘wählen’ und stattdessen für ein anderes ‘Ziel’ optieren könnte.) Solche ‘Selbstverständlichkeiten’ sind der Ausdruck eine ‘Hegemonie’, welche Rechte und Linke übergreifend teilen. Doch dafür gibt es auch handfeste, ‘objektive’ Gründe: Die Weltgesellschaft ist ’nun einmal’ kapitalistisch strukturiert, durch die kapitalistische Erwerbsarbeit geprägt. Dazu gibt es ‘objektiv’ keine Alternative. Es ist das ‘Realitätsprinzip’, das ‘uns’ vorgibt, sich darin zu fügen. Die Mütter und Väter sind angehalten, ihre Zöglinge gleichsam ’soldatisch’ zu drillen (wie E. Altay sehr richtig bemerkt), damit sie ‘fit’ für den Erwerbsarbeitmarkt werden. Allein der (Mindest-)’Erfolg’ im Berufsleben öffnet die Chancen für ein anerkanntes, sinnvolles und sozial glückliches Leben in alle übrigen Bereichen des Lebens. (Wer möchte schon zeitlebens auf IV oder/und Sozialhilfe angewiesen zu sein? Oder ein Alki oder Delinquent sein?)

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