The Hunger Games

Esther Vivas*

aus Debatte Nr. 23 – Winter 2012

Nicht nur in den Ländern des Südens wird gehungert, auch in den Industriestaaten leiden Menschen wieder vermehrt Hunger. Während Hunger oft mit klimatischen Bedingungen oder Krieg erklärt wird, zeigt Esther Vivas, dass Hunger die Folge des weltweiten kapitalistischen Systems und seiner Krise ist. (Red.)

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Die Ernährungskrise zeitigt verheerende Auswirkungen rund um den Erdball. Diese stille Krise produziert keine Schlagzeilen und interessiert weder die Europäische Zentralbank noch den Internationalen Währungsfonds oder die EU-Kommission. Ganze 870 Millionen Menschen leider Hunger, wie der Welthungerbericht der FAO von Oktober 2012 festhält (The State of Food Insecurity in the World 2012, veröffentlicht von der Welternährungsorganisation FAO).
Oft denkt man, Hunger gäbe es nur weit weg von uns. Und dass Hunger nicht viel zu tun hat mit der Wirtschaftskrise, die uns derzeit trifft. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Immer mehr Menschen hungern auch in den Ländern des Nordens. Sicherlich sind es nicht dieselben Hungersnöte, die in afrikanischen Ländern und anderswo herrschen. Jedoch geht es auch im Norden um das Fehlen eines Mindestmasses an Kalorien und Proteine, was für unsere Gesundheit und unser Leben nicht ohne Auswirkungen bleibt.
Seit mehreren Jahren zirkulieren erschreckende Zahlen betreffend Hunger in den USA: 49 Millionen Menschen oder 16% der Haushalte sind davon betroffen, wie das US-Landwirtschaftsdepartement vermeldet. Unter den Unterernährten sind auch mehr als 16 Millionen Kinder. Abstrakte Zahlen, denen der Schriftstller und Fotograph David Bacon ein Gesicht gibt in seinem Werk «Hungry By The Numbers» (Hungrig gemäss Statistik): Gesichter des Hungers im reichsten Land der Erde.
Auch im spanischen Staat ist Hunger eine konkrete Realität geworden. Für zahlreiche Menschen bedeutet die Krise: keine Arbeit, keinen Lohn, kein Haus und keine Nahrung. Das Nationale Statistische Institut schätzt, dass 2009 über eine Million Menschen Schwierigkeiten hatten, die lebensnotwendige Menge an Nahrungsmitteln zu beschaffen. Heute ist die Lage noch schlimmer geworden, auch wenn wir keine aktuellen Zahlen besitzen. Soziale Organisationen werden überrannt, der Bedarf an Nahrungsmittelhilfe und Medikamenten hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Gemäss der Organisation «Save the Children» beträgt die Kinderarmut 25 Prozent und immer mehr Kinder erhalten nur noch eine Mahlzeit, nämlich das Mittagessen in der Schule, weil die Familien in Not sind.
Daher erstaunt es nicht, dass eine angesehene Zeitung wie die New York Times im September 2012 eine Fotoserie von Samuel Aranda, Gewinner des World Press Photo 2011, mit Titel «In Spain, austerity and hunger» (Sparpolitik und Hunger in Spanien) veröffentlichte. Der Fotograph zeigt die dramatischen Folgen der Krise für Tausende Menschen: Hunger, Armut, Wohnungsverlust, Erwerbslosigkeit… Aber auch Kämpfe und Mobilisierungen. Ein Bericht der Stiftung Foessa belegt, dass der spanische Staat eine der höchsten Armutsraten Europas aufweist, gleich nach Rumänien und Lettland. Diese Tatsasche wird auch für auswärtige Beobachter sichtbar, obwohl manche versuchen, den Ernst der Lage zu vertuschen.
Die Wirtschaftskrise hat im Übrigen auch unmittelbar mit der Nahrungskrise zu tun. Die gleichen Kreise, die uns die Subprime-Hypothekenkrise beschert haben, welche die «grosse Krise» von September 2008 auslöste, spekulieren heute mit Agrarrohstoffen und Grundnahrungsmitteln (Reis, Mais, Weizen, Soja usw.) und treiben damit die Preise massiv in die Höhe. Durch die Preissteigerung können sich breite Bevölkerungsschichten die Produkte nicht mehr leisten, insbesondere in den Ländern des Südens. Investitionsfonds, Versicherungen und Banken handeln mit diesen Gütern auf «Terminmärkten» mit dem einzigen Ziel der Spekulation und des Profits. Nahrungsmittel sind in der Tat ein lohnendes Investitionsfeld, müssen wir doch – unter normalen Umständen – alle tagtäglich Nahrung aufnehmen.
In Deutschland wirbt die Deutsche Bank mit dem schnellen Gewinn für Investitionen in gefragte Agrarprodukte. «Lohnende Geschäfte» dieser Art werden auch von anderen wichtigen europäischen Banken wie BNP Paribas angeboten. Die Organisation World Development Movement berichtet, dass die Barclays Bank en 2010 und 2011 beinahe 900 Millionen Dollar Gewinn realisierte durch Spekulation auf Nahrungsmitteln. In Spanien findet sich die Bank Catalunya Caixa, welche fette Profite für Invetitionen in Rohstoffen verspricht unter dem Slogan «eine 100% natürliche Finanzanlage». Und die Banco Sabadell betreibt einen spekulativen Fonds im Bereich Nahrungsmittel.
Entgegen der landläufigen Meinung ist Hunger nicht so sehr die Folge von Dürre oder Krieg. Viel mehr entsteht Hunger aus dem Handeln jener Kreise, welche die Agrar- und Nahrungsmittelpolitik vorgeben und sich die natürlichen Ressourcen (Wasser, Boden, Saatgut usw.) aneignen. Das bestehende Monopol in der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie begünstigt eine Handvoll Konzerne, die sich der Unterstützung von Regierungen und internationalen Institutionen erfreuen. Damit stehen bei Produktion, Verteilung und Verzehr von Nahrung jeweils die Interessen des Kapitals im Mittelpunkt. Dieses System bewirkt Hunger, Verlust an Agrodiversität, Verarmung der bäuerlichen Bevölkerung und Klimawandel. Denn es stellt den Profit von wenigen über die Nahrungsbedürfnisse der Mehrheit der Menschheit.
«The Hunger Games» ist der Titel eines Spielfilms von Gary Ross nach einem Bestseller von Suzanne Collins. Es ist die Geschichte von Jugendlichen, die einen Kampf auf Leben und Tod führen müssen, um den Sieg davon zu tragen, was gleichbedeutend ist mit dem Erhalt von Nahrung, Gütern und Geschenken für ihr restliches Leben. Manchmal ist die Realität nicht weit entfernt von der Fiktion… Um Geld zu verdienen, spielen heutzutage manche tatsächlich mit dem Hunger.

 

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Eine «Krise» ohne Ende

«Win-Win-Situation», «Arbeitgeber», «Neutralität», «nationales Interesse». Es gibt viele trügerische Begriffe, die mehr oder weniger bewusst dazu verwendet werden, um die eigentliche Natur einer Sache zu verschleiern, zu verzerren oder zumindest in den Hintergrund zu rücken. Ein weiterer Begriff dieser Art lautet «Krise», in diesem Zusammenhang «Hungerkrise». Denn Krise suggeriert Kurzfristigkeit, etwas Vorübergehendes, etwas nicht Vorhersehbares. Nichts von alldem trifft aber auf das Phänomen Hunger zu. Hunger gehört für Hunderte von Millionen Menschen zum Alltag – und dies schon seit Jahrzehnten. Ein Paar Fakten:
Die Zahl der hungernden Menschen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen: 1990 waren es ca. 822 Millionen, im Jahr 2004 ca. 852 Millionen Menschen.1
Die steigenden Lebensmittelpreise haben zwischen Juni 2010 und Februar 2011 die Zahl der hungernden Menschen um zusätzlich 44 Millionen erhöht.2
Jeden Tag sterben bis zu 100’000 Menschen an Hunger oder seinen Folgen, also etwa 69 Menschen pro Minute. Die Zahl derer, die jährlich an Hunger sterben entspricht demnach ungefähr 36,5 Millionen.3
Ca. 50 Prozent der Hungernden sind Kleinbäuer_innen, die von dem leben, was sie selbst anbauen. Ca. 20 Prozent der Hungernden sind landlose Landarbeiter_innen, weitere ca. 20 Prozent leben in städtischen Elendsvierteln, die restlichen 10% sind Fischer und Viehzüchter.4
Etwa ein Drittel der weltweiten Getreideernte wird für die Fütterung von Nutztieren verbraucht. Nur etwa 10 Prozent des verfütterten Getreides wird dabei in Fleischmasse umgewandelt, die restlichen 90 Prozent sind für die menschliche Ernährung verloren. In Brasilien dient bereits ein Fünftel der landwirtschaftlichen Nutzfläche zur Futtermittelproduktion für die Viehmast, und es wird weiterhin Regenwald abgeholzt, um weitere Anbauflächen dafür zu schaffen. Eine vergleichbare Problematik sehen Umweltschutzorganisationen in der zunehmenden Verwendung von landwirtschaftlichen Flächen für die Produktion von Agrartreibstoffen. Anfang 2007 stiegen in Mexiko die Preise für Tortillas – ein verbreitetes Grundnahrungsmittel – weil in den USA immer mehr Mais zu Bioethanol verarbeitet, statt wie bisher in Schwellenländer wie Mexiko exportiert wird.5
Alle Industrieländer zusammen haben letztes Jahr für Produktions- und Exportsubventionen landwirtschaftlicher Güter 349 Milliarden US-Dollar ausgegeben – fast 1 Milliarde Dollar am Tag! Die Zerstörung der lokalen Märkte in Entwicklungsländern durch Billigexporte aus der EU ist ein schon lange bekannter Skandal. In Senegal kann europäisches Gemüse aus Frankreich, Portugal oder Spanien zu einem Drittel des einheimischen Preises gekauft werden. Die einheimischen Bauern sind chancenlos.6 (Red.)

1 Der Welthunger: www.thehungersite.de/html/der_welthunger.html.
2 Weltbankreport: http://www.worldbank.org/foodcrisis/food_price_watch_report_feb2011.html
3 Der Welthunger: www.thehungersite.de/html/der_welthunger.html.
4 ebenda.
5 ebenda.
6 Germanwatch: «Ein Kind, das heute verhungert, wird ermordet»: http://germanwatch.org/zeitung/2005-4-ziegler.htm

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*Esther Vivas (Bild) aus Barcelona ist Mitautorin des Buches «Planeta indignado» (Verlag Sequitur), zusammen mit JM Antentas. Infos: http://esthervivas.com/english/. Artikel im spanischen Original: http://blogs.publico.es/dominiopublico/5952/los-juegos-del-hambre. Übersetzung Spanisch-Französisch für Avanti4.be : Ataulfo Riera. Deutsche Übersetzung durch Redaktion Debatte.

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