Geschichte wird gemacht – aber wie?

Christian Frings

aus Debatte Nr. 21 – Sommer 2012

Das Verhältnis zwischen sozialen Bewegungen und politischen Organisationen stellt eine zentrale Auseinandersetzung bei Linken dar. Christian Frings1 reflektiert eine Ende der 70er Jahre erschienene Studie über soziale Bewegungen in den USA2 und verweist auf die Aktualität der schon damals geführten Diskussionen. Wir drucken in unserer Reihe über «Avantgarden» Teile seines Beitrags3 ab. (Red.)

Warum ein Buch vorstellen und zur Lektüre empfehlen, das vor über dreissig Jahren geschrieben wurde und Staub angesetzt hat? Haben sich denn Diskussion und «Forschungsstand» nicht weiterentwickelt und alte Einsichten relativiert? Das Buch ist aktuell oder könnte in den nächsten Monaten und Jahren aktuell werden, weil es die Frage aufwirft, wie wir uns als politische Aktivisten zu Massenbewegungen verhalten können. […] Frances Fox Piven und Richard A. Cloward (P/C) waren in den sechziger Jahren in der Bewegung von überwiegend afroamerikanischen Fürsorgeempfänger_innen aktiv und mischten sich dort in die Debatten um politische Strategien ein. Vor dem Hintergrund der fälschlich als «Rassenunruhen» bezeichneten Gettoaufstände mit ihren Höhepunkten in den Jahren 1964 bis 1968 war die Zahl der Fürsorgeempfänger_innen geradezu explodiert: Von 745000 Familien 1960 stieg sie bis 1972 auf drei Millionen Familien an (S. 289) – nicht etwa, weil mehr Menschen bedürftig geworden wären, sondern weil mehr Bedürftige sich von der stigmatisierenden und repressiven Ausgestaltung der Sozialhilfe nicht länger abschrecken liessen und ihre Ansprüche auf den Ämtern – zum Teil auch gegen Schikanen – durchsetzten. […] Es war eine untergründige, kaum wahrgenommene Bewegung, die oft kollektiv und militant ihre Ansprüche durchsetzte: «Ohne organisatorische Führung und ohne in der Öffentlichkeit überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden, war eine Bewegung der Fürsorgeempfänger entstanden, die erhebliche Einkommensverbesserungen für ihre Mitglieder erzielen konnte.» (S. 300)

Mobilisierung contra Organisierung

Im kleinen Kreis der Aktivisten oder «Organizer», wie sie in den USA genannt werden, zu denen auch P/C gehörten, entwickelte sich eine Diskussion über das weitere Vorgehen, wie diese Bewegung gestärkt und ausgeweitet werden könnte. P/C wenden sich Ende 1965 mit einem hektographierten Papier namens «Eine Strategie zur Abschaffung der Armut» an die Aktivisten und schlagen darin vor, durch Unruhe und Störungen auf den Ämtern und eine massive Kampagne zur Stellung von Anträgen eine institutionelle Krise herbeizuführen (S. 301). Vor allem in Grossstädten und Bundesstaaten mit zentraler Bedeutung für Bundeswahlen könnte diese Entfaltung des Störpotentials auf der Strasse und in den Ämtern eine politische Krise herbeiführen und den Herrschenden weitergehende Zugeständnisse abringen (S.305). Eine Mehrheit der Aktivist_innen sieht aber die Zeit gekommen, eine Massenorganisation mit formaler Mitgliedschaft von Fürsorgeempfängern aufzubauen, um darüber Druck auszuüben und dauerhaften Einfluss zu gewinnen.

Diese Kontroverse, die erst im letzten Kapitel geschildert wird, ist für P/C das praktische Motiv, ihre historische Untersuchung «Aufstand der Armen» zu verfassen, und liefert ihr die theoretischen Fragestellungen. Um die Frage Mobilisierung oder Organisierung nicht persönlichen Vorlieben oder der Spekulation zu überlassen, fordern sie dazu auf, die Geschichte wirklicher Bewegungen zu untersuchen und an ihnen zu überprüfen, in welchem Verhältnis die Unruhe auf der Strasse oder in den Betrieben zu Organisierungsprojekten standen. Bei denjenigen, die für den Aufbau formal strukturierter Massenorganisationen plädieren, machen sie einen «Mangel an historischer Analyse aus», der dazu führe, dass mit dogmenhaften Annahmen hantiert werde: Formelle Organisationen seien ein Machtinstrument, weil sie 1. die Ressourcen von vielen Menschen bündeln könnten, die einzeln machtlos bleiben, 2. den Einsatz dieser Ressourcen im Kampf strategisch planen könnten, und 3. die zeitliche Kontinuität der Mobilisierung sicherstellen könnten (S. 19). Es könnte noch eine vierte Annahme hinzugefügt werden, die sie im Vorwort zur Taschenbuchausgabe von 1979 ansprechen, das auf einige der Kritiken an ihrem Buch eingeht: 4. nur formelle Massenorganisationen könnten dafür sorgen, dass der Kampf über unmittelbare Bedürfnisse hinausgeht und zu einer politischen Veränderung führt (S. 9 ff.). […]

Historische Bewegungsforschung

Alle vier Annahmen, mit denen für den Aufbau oder die Stärkung von Massenorganisationen plädiert wird, klingen nur zu vertraut. In aktuellen Debatten über die richtige politische Strategie und das grosse «Was tun?» tauchen sie unweigerlich auf – sei es im gewerkschaftlichen Spektrum anhand des «Organizing», unter Erwerbslosengruppen oder in der radikalen Linken an der Frage des Nutzens oder der Notwendigkeit einer linken Partei. Aber an dem «Mangel an historischer Analyse» hat sich wenig geändert. Auch heute werden diese Annahmen wie selbstverständliche Gewissheiten präsentiert, die keiner weiteren Begründung bedürfen. […]

«Aufstand der Armen» war eine bahnbrechende Studie zur Bewegungsforschung, weil es solche Fragen oder Paradoxien ernst nahm, womit überhaupt jede kritische Wissenschaft beginnen muss. In der Bewegung, in der sie aktiv waren, fiel durchaus einigen auf, dass die Strategie der Massenorganisation, die im August 1967 mit der Gründung der «National Welfare Rights Organization» (NWRO) eingeschlagen wurde, nicht frei von Widersprüchen war. Statt den Druck auf den Staat und die Regierung zu erhöhen, führte die massenhafte und zunächst sehr erfolgreiche Organisierung dazu, dass die Aktionen auf der Strasse und den Ämtern zunehmend durch Lobby- und Gremienarbeit ersetzt wurden (S. 358) […]. Durch die zeitweilige Anerkennung und Hofierung der NWRO durch Staat und Institutionen merkten die führenden Aktivisten gar nicht, wie ihrer Organisation die eigene Basis wegbrach. […] Ähnlich heute: Geschichten wie die der NWRO, die uns in der deutschen Geschichte nur zu vertraut sind – denken wir nur an die recht schnelle Integration und Ruhigstellung der zahlreichen Erwerbslosengruppen, die nach der Krise 1980/82 angetreten waren, eine militante Arbeitslosenbewegung zu werden –, werden von den Verfechtern der Massenorganisation mit dem Hinweis auf die allgemeine Käuflichkeit von Menschen oder einzelne schlechte Führer abgetan. Daher geht es P/C darum, an einigen der wichtigsten proletarischen Bewegungen in den USA zu untersuchen, ob es für diese Entwicklungen nicht strukturelle Gründe gibt, die etwas damit zu tun haben, wie Kapitalismus und politische Macht im Kapitalismus funktionieren.

Kämpfe in Krise und Nachkriegsboom

«Aufstand der Armen» behandelt vier grosse Kampfzyklen in den USA, die nicht zufällig ausgewählt sind: Die Bewegung der Arbeitslosen in der Grossen Depression von 1929 bis 1941, die grossen Streikbewegungen Mitte der dreissiger Jahre, auch während der grossen Krise, die eine völlige Umwälzung der industriellen Beziehungen in den USA herbeiführten, die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner_innen gegen die Segregation und Apartheid in den fünfziger Jahren, und schliesslich die Bewegung der Fürsorgeempfänger_innen in den sechziger Jahren, die sie aus der Perspektive ihrer eigenen Beteiligung schildern. […]

In «Aufstand der Armen» geht es um die Frage: Wie machen die Armen und Ausgebeuteten Geschichte? Wie setzen sie das herrschende System unter Druck, zwingen es zur Veränderung und verbessern ihre eigene Situation. P/C analysieren das ganz unideologisch. Sicherlich wäre es ihnen auch am liebsten, die Kämpfe hätten den Kapitalismus über den Haufen geworfen, aber sie fragen nach dem, was historisch möglich war und warnen davor, mit Bezug auf höher gesteckte Ziele diese Möglichkeiten nicht wahrzunehmen oder sogar noch zu verbauen. […]

Was sind überhaupt Bewegungen?

Im ersten Kapitel, «Strukturen des Protests», stellen P/C einige Vorüberlegungen dazu an, warum und in welchen Situationen Bewegungen entstehen können und was überhaupt Bewegungen sind. Letzteres ist aus zwei Gründen wichtig: Erstens ist mit dem Aufkommen der Redeweise von den «neuen sozialen Bewegungen» der Begriff etwas verschwommen geworden, weil unter diesem Label schon jede Arbeitsgruppe, NGO oder allein die korrekte Gesinnung zur «Bewegung» wird. In «Aufstand der Armen» sind soziale und geschichtsträchtige Bewegungen gemeint, die das System erschüttern und zu deren Kennzeichen es gehört, dass sie das soziale Alltagsleben durcheinander bringen. Salopp und modern gesagt: Von Bewegung in diesem Sinne können wir erst sprechen, wenn die Leute ihre Terminkalender wegschmeissen und Ampeln ignorieren.

Zweitens stehen P/C vor dem Problem, dass die Doktrin der Massenorganisation nicht nur politisch übermächtig ist, sondern auch dem Forschungsprozess im Weg steht, weil sie bestimmte Formen des Protests ausblendet: «Was auch immer die intellektuellen Ursachen für diesen Irrtum sein mögen, die Gleichsetzung von Bewegungen mit ihren Organisationen – die zudem voraussetzt, dass Proteste einen Führer, eine Satzung, ein legislatives Programm oder doch zumindest ein Banner haben müssen, bevor sie anerkannt werden – hat den Effekt, dass die Aufmerksamkeit von vielen Formen politischer Unruhe abgelenkt wird und diese per definitionem dem verschwommenen Bereichen sozialer Probleme und abweichenden Verhaltens zugeordnet werden.» (S.30) Hier hat sich in der historischen Forschung in den letzten dreissig Jahren sicherlich viel verändert und untergründige Alltagskonflikte werden heute gesehen und gewürdigt. In der politischen Debatte besteht aber nach wie vor die latente Gefahr, als «unpolitisch» auszublenden, was sich nicht in herkömmliche Muster fügt. […]

Eine neue Theorie der Macht: Störpotential

In «Aufstand der Armen» wird ansatzweise eine Theorie der Macht entwickelt, die von P/C später genauer ausformuliert worden ist. Unter normalen Umständen besteht Macht in der Verfügung über Ressourcen wie Geld, Besitz, Waffen, Ordnungskräfte, Medieneinfluss usw. Die Strategie der Massenorganisation orientiert sich an diesen Quellen der Macht und versucht ihrerseits durch die Zusammenfassung von Menschen und deren Ressourcen eine Gegenmacht zu bilden. Wie aber, so P/C, soll das jemals erfolgreich sein, angesichts der extrem ungleichen Verteilung der wichtigsten dieser Ressourcen in der kapitalistischen Gesellschaft? Wie hätten die Armen unter diesen Umständen jemals den Herrschenden etwas abringen oder aufzwingen können? Mit einer Ressourcen-Theorie der Macht bleibt das rätselhaft, obwohl es in der Geschichte sehr wohl stattgefunden hat.

Der Grund dafür muss woanders gesucht werden: Die Proletarier haben keine Ressourcen, um mit der herrschenden Macht zu konkurrieren, aber die Abhängigkeit der Gesellschaft und der politischen Ordnung von ihrer Arbeit, ihrer alltäglichen Befolgung der Regeln gibt ihnen eine Macht des Störpotentials, «disruptive power», mit der sie zumindest für kurze Zeit Druck ausüben können. […]

Mit der Illusion, die Quelle der Macht liege in der Organisierung, haben politische Akti-visten und Strategen die tatsächlichen Möglichkeiten von Protestbewegungen nicht nur übersehen, sie haben ihnen oft auch die Spitze abgebrochen und zu ihrer Befriedung beigetragen. Das ist eine der Kernthesen, die sich – sehr viel detaillierter – aus der Analyse der vier Bewegungen ergibt. […]

Materialistische Theorie der Subjektivität

Mein kleines und höchst unvollständiges Plädoyer, den Staub vom Buch zu wischen und es als modernen und aktuellen Beitrag zu einer anstehenden Debatte um revolutionäre Subjektivität zu lesen, beruht auf der Einschätzung, dass die globale Krise noch lange nicht vorbei ist und mit ihrer weiteren Verschärfung in den nächsten Jahren all die in den sechziger Jahren gestellten, aber nicht ausdiskutierten Fragen wieder auf die Tagesordnung kommen.

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1 Christian Frings, Autor, Übersetzer, Aktivist, lebt und arbeitet in Köln. 

2 Originalausgabe: F.F. Piven/R.A. Cloward. «Poor People’s Movement. Why They Succeed, How They Fail«, New York: Vintage Books 1977. Deutsche Ausgabe 1986 im suhrkamp Verlag erschienen und als Scan im Internet zu findet: www.kommunismus.narod.ru/books.html. Alle folgenden Seitenzahlen nach der deutschen Überset-zung. 

3 Die vollständige Rezension erschien im express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerk-schaftsarbeit, 7-8/09 und ist zu finden auf: www.labournet.de/diskussion/geschichte/frings.html 

 

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