Editorial aus Debatte Nr. 29 – Sommer 2014

«Gegen Frau XX. von Z., deren Ehemann schon seit längerem unbekannt wo abwesend ist, hat die Stadtpolizei schon früher Bevormundung – wegen durch mehrfache Polizeirapporte ausgewiesenen geschlechtlich-unsoliden Lebenswandels, daneben Skandalmachens, Bettelns und Müssigangs – beantragt; die Ladung vor die Behörde zu einer früheren Sitzung hat Frau X. wegen deren beständigen Logiswechsels nicht erreicht. […] Auf heute geladen, hat sie zunächst eine von Anwaltsseite verfasste Verteidigungsschrift und zugleich Anklage gegen die Polizei und die Kantonale Frauen- und Kinderschutzkommission wegen des tatsächlich erfolgten, vorläufigen Entzuges des Kindes eingereicht, und erscheint auch zu mündlicher Vernehmlassung; in beiden will sie nur höchst wenig zugeben. Auf Grund des feststehenden wird sie nach Art. 370 Zivilgesetzbuch in der Person des Amtsvormundes bevormundet, und dieser zugleich auch dem Kinde zum Pfleger bestellt. […] An Hand des Festgestellten hält die Behörde sie für die Korrektionsanstalt reif. […]. Es wird beschlossen, die Sache als Polizeistraftat an das Kreisamt zu überweisen, mit dem Antrage die XX durch Strafurteil [in die Strafanstalt] Realta zu versetzen.» Diese Auszüge aus Protokollen einer Vormundschaftsbehörde (1916-1919) zeigen, wie die bürokratische Grausamkeit ihren Lauf nimmt zur Unterdrückung der Jenischen. Ein noch immer nicht aufgearbeiteter Skandal, den wir mit seiner aktuellen Fortsetzung im Schwerpunkt dieser Nummer dokumentieren.

Die Redaktion

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