Bildungsproteste in Chile

Isaias Sepulveda

aus Debatte Nr. 21 – Sommer 2012

Isaias Sepulveda, der bereits in der Schüler_innenbewegung 2006 aktiv involviert war, berichtet über die Schüler_innen- und Studierendenproteste in Chile. Unter dem amtierenden Präsidenten Sebastián Piñera ergeben sich neue Aushandlungsprozesse, Hoffnungen und Ängste. (Red.)

Chiles mediale Präsenz hat in letzter Zeit sowohl in Europa, als auch im Rest der Welt zugenommen. Bedauerlicherweise hatten diese Nachrichten meist einen katastrophalen Beigeschmack: Zuerst kam das schreckliche Erdbeben, von dem ein Grossteil des Landes betroffen war. 795 Menschen starben, über 2 Millionen wurden verletzt. Als ob das nicht genug wäre, kam dann die schreckliche aber gleichzeitig hoffnungsvolle Geschichte mit den 33 Bergleuten, die 754 Meter tief in der Mine «San José» im Norden des Landes eingeschlossen waren. Momentan liegt das Augenmerk auf der neoliberalen Bildungspolitik, die durch Protestbewegungen von jungen Chilen_innen in Santiago und dem Rest des Landes kritisiert wird. Mit Hilfe von neuen, massiven, lang anhaltenden und kreativen Demonstrationsformen (z.B. Theaterstücke auf den Strassen, Besetzungen von Schulen und Universitäten, Demonstra-tionen und sogar Hungerstreiks – hinter denen auch Eltern, Geschwister und die Mehrheit der Bevölkerung allgemein standen – hatten die Studierenden die Regierung des amtierenden Präsidenten Sebastián Piñera gezwungen, die Situation nicht länger zu ignorieren. Derselbe, ein Mitglied der rechtsliberalen Partei «Renovación Nacional» (Nationale Erneuerung) ist auch Besit-zer verschiedener Konzerne Chiles, bei-spielsweise von «Colocolo» (Fussballclub), «LAN Chile» (Fluglinie) und «Chilevision» (Fernsehkanal). Piñera, Freund der USA und Unterstützer der Pinochetdiktatur (1973-1990) erlebte den Beginn der Privatisierung unter der Diktatur, in der Millionen von Menschen gefoltert und ermordet wurden. Was heute aus dieser Schreckenszeit übrig geblieben ist, sind die hohen Schul- und Studiengebühren, sowie die enormen Zinsraten für Studienkredite. Diese schaffen eine finanzielle Abhängigkeit, die zunehmend die gesamte Bevölkerung erfasst. Konsequenz ist, dass sich die Zweiklassengesellschaft, die auf kapitalistischer Ausbeutung beruht, zunehmend verschärft und immer mehr Menschen – und das beginnt schon vor der Geburt – in prekären Verhältnissen gefangen bleiben. Gleichzeitig wird Chile als Schwellenland von vielen Industrienationen immer wieder gelobt für ihre Wirtschaftspolitik, die scheinbar das Wohlstandsniveau des Landes enorm zu steigern vermochte. Die Bildungsproteste vermitteln ihre Kritik an dieser Perspektive.

Privatisierte Bildung ist undemokratisch!

Die Protestbewegungen der Studierenden der Sekundarstufe im Jahre 2006 und der Hochschulen in diesem Jahr sind Ausdruck der enormen Anstrengungen, die in den letzten drei Jahrzehnten aufgebracht wurden, um das chilenische Bildungssystem nachhaltig zu verändern; um die Bildung den Menschen zurück zu geben. Dies ist dringend notwendig, falls Chile sich eines Tages in ein tatsächlich demokratisches Land verwandeln soll.

Entgegen den geläufigen Behauptungen, sind es vor allem junge Menschen zwischen 15 und 21 Jahren, denen es gelungen ist, profunde und differenzierte Informationen zu verbreiten, die die kritische Situation unserer öffentlichen Bildung glaubwürdig abbilden. Währenddessen haben die «Erwachsenen», sogenannte Funktionäre des öffentlichen Bereichs – abgesehen von ehrenhaften Ausnahmen – gar nicht erst an dieser Diskussion teilgenommen. Die vermeintlichen Weisheiten, die sie beitragen sollten, wurden zurück gehalten. Zu vernehmen war blos die Verteidigung von privaten Interessen und eine laue Debatte über Politik, wobei wenig Raum für Kritik gelassen wurde. Warum?

Aufoktroyierte Massnahmen fördern kapitalistische Ausbeutung

Denken wir daran, dass die chilenischen Bürger_innen – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – nie über die Kernkomponenten ihres Bildungssystems entschieden haben. Während der Diktatur wurden 1981 vielfältige Massnahmen etabliert und umgesetzt, die u.a. die Übertragung der Primar- und Sekundarschule an die Stadtgemeinden beinhaltete. Im gleichen Zuge wurde die Gründung von privaten Schulen, die staatliche Subventionen erhalten können, gefördert. Diese haben das Privileg, Schüler_innen selektieren zu können und mit ihrer Institution Profite zu erzielen. Private Universitäten, technische Hochschulen und Berufsschulen, die als komplementär zu staatlichen Bildungsinstitutionen angedacht waren, wurden zur tragenden Säule der chilenischen Bildung, während der Zwang zur privaten Finanzierung der Grundausbildung in den meisten europäischen Ländern, wie auch in der Schweiz, praktisch inexistent ist. So hat sich die Privatisierungsstrategie mit einer Finanzierungspolitik durch Schulgebühren auch an Grund- und Sekundarschulen durchgesetzt. Zudem wurden die Zuschüsse für staatliche Universitäten gekürzt. Man unterwarf sich den scheinbaren Zwängen des Marktes und des Wettbewerbs. Viele Familien litten bereits 1993 unter dem Gesetz zur gemeinsamen Finanzierung, das dazu verpflichtete, für die Bildung ihrer Kinder selbst zu sorgen. Zudem soll die Hochschulbildung durch Kredite finanziert werden, die den dreifachen Zinssatz der sogenannten «creditos solidarios» (die von staatlichen Universitäten bereit gestellt werden) betragen. Die Menschen werden dazu gezwungen den Cocktail aus finanzieller Belastung und schlechter öffentlicher Politik auszuhalten. So wurden widerwillig verschiedene Formen der Verschuldung in Kauf genommen und die Arbeiten wurden noch fügsamer verrichtet, um bloss nicht gefeuert zu werden – mit dem Ziel irgendwie «über die Runden» zu kommen.

Konsequenz: weniger Bildung, mehr Armut, weniger Zukunft

Das Ergebnis dieses Prozesses ist lapidar. Während im Jahr 1981 die kommunale Einschulungsrate bei 78 Prozent lag, betrug sie im Jahr 2009 nur noch 42 Prozent. Darüber hinaus wird erwartet, dass bis 2012 nur ein Drittel der Schüler_innen an öffentliche Schulen gehen wird und die schulische Segregation eine der höchsten weltweit wird. Um den 1,3 Millionen Kindern in Chile eine Zukunft zu gewährleisten, müssen heute Familien monatliche Beträge an private, staatlich subventionierte Schulen leisten, während sich die Qualität der staatlichen Schulen gleichzeitig rapide verschlechtert. Sie verwandeln sich zunehmend in Erziehungsanstalten für jene, die nicht in anderen Schulen ausgewählt wurden oder sich weder eine subventionierte noch eine private Schule leisten können. 2010 hat sich beispielsweise eine Million Studierender immatrikuliert. Davon ist jedoch nur 1/5 an einer staatlichen Einrichtung, während es in sogenannten «entwickelten» Ländern gegenteilig aussieht. Die Technische Ausbildung ist zu 100 Prozent privatisiert. Im Jahr 1974 kam der Staat für über 85 Prozent der universitären Kosten auf. Heute erhalten sieben von den sechzehn staatlichen Universitäten steuerli-che Subventionen (direkt und indirekt), die insgesamt weniger als 10 Prozent der Kosten betragen.

Kritik wird von privaten Wirtschafts-interessen übertönt

Das grosse Problem ist, dass sich ein enormer Bildungsmarkt entwickelt hat, in dem nun auch die privaten Investoren der Schul- und Hochschulbildung zu wichtigen Akteuren wurden, die ihre Interessen geltend machen. Kritische Interventionen seitens der Regierung, Parlamentarier_innen und/oder Wissenschaftler_innen bleiben praktisch aus. Die öffentliche Politik begnügt sich damit, 50 Exzellenz-Schulen zu schaffen (das ist eine scheinheilige Lösung für einen kleinen Teil der Betroffenen) oder versucht, das Finanzierungssystem als eine Art «Gutschein» zu höherer Bildung zu vermarkten, sodass die privaten Schulen keine öffent-lichen Mittel mehr erhalten müssen.

So werden auch viele Seminare und Vorlesungen an den Hochschulen geschmack- und bedeutungslos, denn es geht nicht um eine inhaltliche und politische Diskussion, die sich nach den Bedürfnissen und Interessen der Schüler_innen und der Studierenden richtet, sondern es werden Vorträge gehalten, die die Interessen der privaten Bildung verteidigen. Daher sind die Studierenden, die nicht von privaten Wirtschaftsinteressen verblendet werden diejenigen, die zurecht rebellieren. Sie sind die seriöseste Quelle, um über ein neues Bildungssystem nachzudenken, in dem die staatliche Bildung gratis, allzugänglich und von hoher Qualität ist. Gefordert werden zudem: Kostenloser Transport für Schüler_innen und Studierende sowie eine angemessene Versorgung an Grundnahrungsmitteln. Durch ein solches Bildungssystem soll die Basis dafür errichtet werden, dass eine emanzipatorische Gesellschaft möglich wird.

 

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