Apartheid in Chicagos Schulen

Joel Handley und Rosa Trakhtensky*

aus Debatte Nr. 22 – Herbst 2012

Während Präsident Obama um seine Wiederwahl kämpft, streiken in seiner Heimatstadt Chicago die Lehrerinnen und Lehrer gegen eine Politik, die von engen Vertrauten des Präsidenten vorangetrieben wird. Ein Blick auf Chicagos Schulen zeigt eine erschütternde Realität von Armut und Rassentrennung, die mit der erstmaligen Wahl eines schwarzen Präsidenten nicht einfach verschwunden ist.

Die über 170 Schüler_innen der Dyett High School dürfen den Haupteingang ihrer Schule nicht benützen, sondern müssen von der Rückseite in die Schule kommen und sich auf Umwegen in den einzigen offenen Korridor drängeln, seit der Zutritt zur Hälfte des Gebäudes verboten ist.

Das Verlottern dieser Schule, bei der es sich um eine von 17 Schulen handelt, die von den Bildungsbehörden entweder geschlossen oder «gerettet» werden sollen, spiegelt einen Prozess wieder, der in ganz Chicago vor sich geht: Öffentliche Schulen für Kinder aus dem Quartier werden durch private Charter Schools1 verdrängt, und viele der bislang stark von Schwarzen und Latinos bewohnten Stadtteile werden gentrifiziert. Die Schliessung von Schulen erweist sich genau wie der Abbau des sozialen Wohnungswesens als wirksames Instrument für die Reichen und Mächtigen von Chicago, um Menschen mit farbiger Haut zu verdrängen und die Segregation zu verschärfen.
Die «globale Stadt», die sich die Elite von Chicago seit Jahrzehnten bastelt, ist eine rassisch und wirtschaftlich segregierte Stadt – auf der einen Seite glitzernde Bürotürme im Zentrum für die Gewinner, auf der anderen Seite versteckte geplagte Quartiere für die Tieflohn- und Möchte-gern-Arbeiter_innen, die man nicht wahrnimmt.
Einer Studie des Manhattan Institute for Policy Research von 2012 zufolge ist die Rassentrennung in keiner anderen Stadt der USA so stark wie in Chicago. Wie könnte es auch anders sein? Während die Unternehmen Geld aus dem System des Tax Increment Financing (TIF) erhalten, das dem Bürgermeister vor allem dazu dient, seinen Stadtplaner-Freunden öffentliches Geld zuzuschanzen, und Superreiche wie die im Board of Education sitzende Hyatt-Erbin Penny Pritzker ihre Vermögenssteuern nur zum Teil begleichen, werden die Keime der städtischen Ungleichheit Jahr für Jahr in unserem segregierten Schulsystem neu gesät.

Die Renaissance der Unternehmen

Seit 2001 wurden allein in Bronzeville, wo sich Dyett befindet, 19 Schulen geschlossen oder gerettet, indem sie durch Charter Schools und Schulen mit selektivem Zugang ersetzt wurden. Solche Schulen können von Schüler_innen aus allen Stadtteilen besucht werden, wodurch noch mehr Schüler_innen aus dem Quartier verdrängt werden.
Mit dem Programm Renaissance 2010 setzte sich folgende Idee durch: Um die Probleme des städtischen Schulwesens zu lösen, müssten öffentliche Schulen geschlossen und deren Schüler_innen in selektive Einrichtungen und Charter Schools geschickt werden. Das Projekt aus dem Jahr 2004 wurde durch den damaligen Bürgermeister Richard J. Daley und Arne Duncan lanciert, die damals CEO von Chicago Public Schools (CPS) war und heute als Obamas Staatssekretärin für Bildungsfragen amtiert. Es war damals geplant, bis zu 70 der schlechtesten Schulen der Stadt zu schliessen und 100 neue Schulen zu eröffnen, von denen zwei Drittel Einrichtungen mit selektivem Zugang auf Vertragsbasis sein sollten.
Bildungsforscherin Pauline Lipman bezeichnete Renaissance 2010 als das «vielleicht bedeutendste Experiment in den USA, das öffentliche Schulsystem einer Stadt auf neoliberaler Grundlage neu zu erfinden». Sie stellt die Veränderungen des Schulwesens in den Zusammenhang des Versuchs, Chicago als «globale Stadt» neu zu definieren: «Renaissance 2010 ist ein marktorientierter Ansatz, der eine Partnerschaft auf höchster Ebene mit den mächtigsten Wirtschafts- und Finanzinteressen der Stadt voraussetzt.»
Acht Jahre nach Beginn des Programms hat Chicago 96 Charter Schools, 27 gerettete Schulen und einen Sommer mit einem neuen Rekord an Waffengewalt. Die Zahlen zeigen, wie stark die Gesellschaft stratifiziert ist. Über zwei Drittel der afroamerikanischen Schüler_innen und über 40% aller Kinder von Latinos besuchen eine Schule, in der über 90% der Schüler_innen derselben ethnischen Gruppe angehören.
Diese Schulen sind die ersten, die geschlossen oder «gerettet» werden, und die letzten, die zusätzliche Mittel erhalten. Von den 160 Schulen in Chicago, die keine Bibliothek haben, liegen 140 südlich der North Avenue. Die meisten Investitionen fliessen in vorwiegend weisse und vermögende Schulen der North Side. Wie es bei der Herzl Elementary School letztes Jahr geschehen ist, werden Investitionen in schlecht ausgestattete Schulen erst dann in Angriff genommen, nachdem CPS das Gebäude einem Netzwerk von Charter Schools oder der Academy für Urban School Leadership verkauft hat.
Während die Schwarzen und Latinos unter den Auswirkungen der Rezession leiden und die ärmsten Menschen unter ihnen in einem Zustand permanenter Depression leben, lasten die Folgen der ökonomischen Segregation auf den Schultern der Schüler_innen dieser ethnischen Gruppen. In 188 Schulen mehrheitlich schwarzer Quartiere können über 95% der Schüler_innen ein Gratis-Essen oder eines zu reduziertem Preis in Anspruch nehmen. Ein Drittel der Schüler_innen aus Latino-Familien besuchen Schulen, in denen über 90% Anspruch darauf haben. Dasselbe gilt aber nur für 3% der weissen Schüler_innen.
Die Rassenungleichheit bei der Finanzierung der Schulen betrifft auch die Lehrer_innen. Die Schliessung oder Rettung von Schulen, bei denen oft der gesamte Lehrkörper entlassen wird, haben überproportional viele afroamerikanische Lehrkräfte aus ihrem Beruf verstossen. In den dieses Jahr geschlossenen Schulen waren 65% der Lehrkräfte Afroamerikaner_innen. Seit die Reformen beschleunigt wurden, ist die Zahl der afroamerikanischen Lehrkräfte um 10% gesunken und jene der weissen Lehrkräfte um 5%.

Rahms Reich der Austerität

Bürgermeister Rahm Emanuel2 hat auch andere öffentliche Dienste einer strengen Sparpolitik unterworfen, die vor allem jene Einrichtungen trifft, welche die ärmsten Bewohner_innen von Chicago nutzen. Er reduzierte die Öffnungszeiten der Bibliotheken zu Beginn dieses Jahres und schloss die Hälfte der Zahnkliniken der Stadt. Mit der Schliessung der Kliniken sollten drei Millionen Dollar eingespart werden – eine lächerliche Summe im Vergleich zu den 55 Millionen, die für den dreitägigen NATO-Gipfel [Mai 2012] ausgegeben wurden. Der aktuelle Kampf um das Schulwesen in Chicago findet vor dem Hintergrund derart krasser Ungleichheiten statt. Während 675 Schulen sich 205 Sozialarbeiter_innen, Psycholog_innen und Schulberater_innen teilen müssen, werden 29,5 Millionen Dollar aus dem TIF-Fonds für den Bau eines Bürogebäudes am West Loop ausgegeben. TIF verfügt dieses Jahr über 454 Millionen. Dieses Geld könnte Rahm Emanuel für Bildung und Sozialdienste ausgeben, wenn er andere Prioritäten hätte.

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Streik der Lehrer_innen in Chicago

Im September 2012 haben die 35’000 Lehrkräfte der Chicago Teachers Union (CTU) erstmals seit 25 Jahren gestreikt. Sie haben sich erfolgreich gegen den Plan der Schulbehörde CPS gewehrt, ein neues leistungsbezogenes Gehaltssystem einzuführen, demzufolge ihre Löhne von den Leistungen ihrer Schüler_innen bei standardisierten Tests abhängig gemacht werden sollten. Darüber hinaus ging es den Lehrkräften grundsätzlich um die Verteidigung der öffentlichen Schule gegen immer neue Pläne, den Einfluss des Privatsektors zu stärken und das Bildungssystem immer selektiver zu gestalten und auf Eliteförderung auszurichten. Der Streik richtete sich direkt gegen den demokratischen Bürgermeister Rahm Emanuel, einen engen Vertrauten von Präsident Obama, der für die undemokratische Bildungspolitik in seiner Heimatstadt mitverantwortlich ist. Obwohl der Streik in der Bevölkerung viel Unterstützung erhielt, gelang es nicht, alle wichtigen Forderungen durchzusetzen. So halten die Behörden etwa weiterhin an ihrem Ziel fest, bis zu 100 weitere Schulen zu schliessen.
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* Artikel vom 13. September 2012 für die Occupied Chicago Tribune. (http://occupiedchicagotribune.org). Wir veröffentlichen eine gekürzte Fassung, die wir selbst übersetzt haben.
1 Charter Schools sind sogenannte Vertragsschulen und beruhen auf einem Vertrag zwischen dem Schulmanagement und der Schulbehörde. Sie sind von zahlreichen staatlichen Verordnungen und Vorschriften befreit. Solche Schulen nehmen nicht in erster Linie Kinder aus dem Quartier auf, in dem sie angesiedelt sind, sondern Kinder aus allen Stadtteilen, deren Eltern diese an solchen Schulen unterbringen wollen.
2 Rahm Israel Emanuel war 1993-1999 Berater von Präsident Clinton und 2009-2010 Stabschef von Präsident Obama im Weissen Haus, bevor er sich erfolgreich um das Amt des Bürgermeisters von Chicago bewarb. Am 16. Mai 2011 löste er mit Richard M. Daley den vorerst letzten Familienvertreter einer politischen Dynastie in der Demokratischen Partei ab, die das Bürgermeisteramt der Stadt Jahrzehnte lang kontrolliert hatte.

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