Antiimperialismus gestern & heute

Frank Deppe et. al.*

aus Debatte Nr. 22 – Herbst 2012

Imperialismus und Krieg sind eng verbunden und aktueller denn je. Damit ist auch eine neue antiimperialistische Bewegung gefordert, sich neu zu konstituieren und zu orientieren. Wir veröffentlichen zu diesem Thema zwei Auszüge aus dem Buch Der neue Imperialismus von Frank Deppe et. al. Am 17. November 2012 wird Frank Deppe in Basel an einer Veranstaltung zum Anlass des hundersten Jahrestages des Basler Friedenskongresses teilnehmen. 

Obwohl schon vielfach ein «neuer Internationalismus» bejubelt wird, sollte nicht übersehen werden, dass sich die theoretische und praktische Kritik des Projektes wie der Politik der imperialistischen Globalisierung erst in einem Konstitutionsprozess befindet, der zugleich an die verschiedenen Träger und Subjekte dieser Bewegungen enorme Lernanforderungen stellt. Der «alte Antiimperialismus» argumentierte mit der Gewissheit, dass die Arbeiterklasse (und ihre Organisationen) letztlich die «historische Mission» der Überwindung des Kapitalismus erfüllen und dass sich damit auch der Traum von einer Welt frei von Ausbeutung, Klassen, Rassismus und Krieg als reale historische Möglichkeit erweisen werde. Die antiimperialistischen Bewegungen der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts waren ebenfalls von der Überzeugung getrieben, dass nach dem Zusammenbruch der alten Kolonialreiche nunmehr vom «Trikont» (der Peripherie in Afrika, Asien und Lateinamerika) ein revolutionärer Druck ausgehen werde, der schliesslich auch – gestützt durch die Macht des «sozialistischen Staatensystems» um die Sowjetunion – den Imperialismus stürzen kann. So wurde von vielen noch in den 70er Jahren die Bedeutung des Sieges der vietnamesischen FNL über den mächtigen US-Imperialismus gesehen.

deppe_imperialismus

Solche Gewissheiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten zutiefst erschüttert – und der neue Antiimperialismus wird sich nicht der Aufgabe entziehen können, die Gründe für dieses historische Versagen – des «realen Sozialismus» wie der «antiimperialistischen Bewegungen» in der Dritten Welt – genau zu klären. Die Anhänger der marxistisch-leninistischen Imperialismus-Theorien neigten stets dazu, die Rolle der Arbeiterklasse in den Metropolen für den Kampf zur Überwindung des Imperialismus zu übertreiben. Gleichzeitig haben sie oftmals vorschnell nichtproletarische Sozialbewegungen auf dem Lande als traditionalistisch oder sogar als gegenrevolutionär disqualifiziert. […]

Abschied vom Lagerdenken

Angesichts dieser Erkenntnisse wird auch das Konzept eines gegenhegemonialen «Blockes antiimperialistischer Kräfte und Bewegungen» neu zu konzipieren sein: ohne die alten Führungsansprüche, aber mit einer Programmatik und Organisation, die in der Lage ist, die Heterogenität der Interessen zu schützen, aber gleichzeitig deren Vielfalt zur politischen Kraft zu bündeln. In der Ausarbeitung und Umsetzung einer solchen Programmatik, die die Bereitschaft zur kritischen Analyse des heutigen Imperialismus und seiner Widersprüche mit der Fähigkeit zur Kommunikation zwischen den verschiedenen Politikebenen verbindet, liegt eine wichtige Aufgabe der kritischen Intellektuellen in der Gegenwart. Die Kraft der antiimperialistischen Bewegungen im 21. Jahrhundert wird also – vor allem in der Konstitutionsphase – davon abhängen, wie sie Fehler vergangener Kampfepochen korrigieren, dabei gleichzeitig die Heterogenität/Autonomie verschiedener Bewegungen und deren Selbstverständnis als positive Handlungspotentiale akzeptieren. Dies schliesst auch den Abschied von dogmatischen Organisations- und Avantgardekonzepten ein, die sich als Restbestände einst mächtiger Traditionen revolutionärer Politik erhalten haben. Soziale Bewegungen werden in ihrer eigenen Entwicklung immer wieder mit der Aufgabe konfrontiert sein, wie sie sich im politischen Raum organisieren und artikulieren; denn die Organisation politischer Macht zur Sicherung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse durch den Staat (und über den Staat hinaus) ist nun einmal nicht dadurch zu verändern, dass sie schlicht ignoriert wird. Im politischen Raum der repräsentativen Demokratie werden diese Bewegungen – sofern sie Erfolge haben – immer wieder – gleichsam gesetzmässig – durch den «Kampf zweier Linien» zerrissen werden: auf der einen Seite die «Realos», die durch die Beteiligung an der Macht eigene Forderungen wenigstens teilweise durchsetzen wollen, auf der anderen Seite die sog. «Fundis», die für eine konsequente Opposition und Kritik eintreten, die letztlich auch Vorbereitung für einen Systemwechsel sein könnte. […]

Für einen neuen Antiimperialismus

Die Debatte über den «neuen Imperialismus» und den Antiimperialismus befindet sich erst in ihren Anfängen. Sie wird dabei mit zahlreichen Widersprüchen und demnach auch mit einer Vielfalt offener Fragen konfrontiert. Dazu gehört auch, dass in der Epoche nach dem Ende des Kalten Krieges scheinbar sichere Kriterien für die gleichsam klassischen Unterscheidungen von «Freund und Feind» (die die älteren antiimperialistischen Bewegungen motivierten) fragwürdig geworden sind. Die Gründer neuer Staaten im Verfall der alten Vielvölkerstaaten sind in der Regel machtbesessene Nationalisten, die vor der Entfesselung von Kriegen nicht zurückschrecken und dabei auch gerne den Segen der wiedererstandenen «Staatskirchen» in Anspruch nehmen – auf der anderen Seite agieren die alten Machthaber, die mit Gewalt die territoriale Souveränität des Landes aufrechterhalten wollen, keineswegs im Namen eines Prinzips des historischen Fortschritts oder der Humanität, sondern folgen ebenfalls dem Prinzip der Machterhaltung mit allen Mitteln.
Solche gewaltförmigen Konstellationen sind Konstellationen der Barbarei, die sich im neuen Imperialismus immer weiter ausbreiten. Sie manifestieren sich in den Massenmorden, Misshandlungen der Zivilbevölkerung wie die Vergewaltigung von Frauen und anderen Schandtaten auf beiden Seiten. Die Spirale der Barbarei dreht sich mit der militärischen Eskalation von Konflikten weiter. Der Angriff der USA und Grossbritanniens hat den Irak in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem der illegitime und – bezogen auf die Normen des Völkerrechtes, aber auch bezogen auf die Opfer und Verwüstungen, die er angerichtet hat – verbrecherische Krieg mit terroristischer Gegengewalt konfrontiert wird, die ungeheuer grausam und menschenfeindlich ist, aber auch die Militärmaschine der USA, die sich als unbesiegbar wähnt, in grosse Schwierigkeiten zu bringen vermag. Die Anstifter des Krieges (Bush und Blair) begründeten den Krieg jetzt mit einem Phänomen, das sie selbst erst erzeugt haben. Gleichwohl wird diese Gegenbewegung kaum als Befreiungskampf gelten können, weil der von ihr praktizierte Terrorismus völlig gleichgültig gegen seine Opfer wird und ihre Ziele rückwärtsgewandt sind; d.h. auf neue – religiös legitimierte – Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse zielen, die mit den Inhalten der Befreiungsbewegungen der Neuzeit nichts zu tun haben. Die Kapitulation der Intellektuellen wird freilich dann zum Skandal, wenn sie glauben, sich angesichts dieser Barbarei auf die Seite der Herrschenden in den USA schlagen zu müssen. Intelligenter Antiimperialismus muss stark genug sein, den wirklichen Anspruch der Emanzipation auch zwischen den Fronten zu vertreten.

buchcover_imperialismus

[Kasten]

Bücher zum Thema:
Frank Deppe, David Salomon, Ingar Solty: Imperialismus. Köln: PapyRossa 2011.

Frank Deppe, Stephan Heidbrink, David Salomon, Stefan Schmalz, Stefan Schoppengerd, Ingar Solty: Der neue Imperialismus, Heilbronn: Distel-Verlag 2004.

Tubes:
www.youtube.com, Deppe – Imperialismus heute

__________
* Quelle: Frank Deppe, Stephan Heidbrink, David Salomon, Stefan Schmalz, Stefan Schoppengerd, Ingar Solty: Der neue Imperialismus, Heilbronn: Distel-Verlag 2004, S.141-143 u. 146-147. Zwischentitel und Absätze sind von der Debatte-Redaktion gesetzt. Mehr zum Thema unter: http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/11.imperialismus-und-antiimperialismus-begriff-und-aktualitaet.html

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 22, International, Schwerpunkt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *