Abschied von den Avantgarden (I)

Rainer Thomann*

aus Debatte Nr. 23 – Winter 2012

In unserer Reihe über den Begriff der Avantgarde geht es in dieser Nummer um die historische Auseinandersetzung mit den «Klassikern» politischer Avantgarden. Die Form der Avantgarden entspreche bürgerlichen Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen, argumentiert Rainer Thomann in diesem ersten Beitrag einer dreiteiligen Serie aus seiner Feder. (Red.)

«Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.» (Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte)

«Ihr, die heute hier seid, werdet ohnehin alle einmal Kader in der künftigen Partei.» Dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben, ausgesprochen von einem Politbüro-Mitglied am Gründungskongress einer jener Organisationen, die im Laufe der abflauenden 68er-Bewegung entstanden waren, als Zerfallsprodukte der Bewegung – wie eine erstarrte Lava nach dem Vulkanausbruch – und immer bizarrere Formen annahmen, bevor sie einige Jahre später von der Bildfläche verschwanden. Möglicherweise wegen der plumpen, fast naiven Art, wie er damals scheinbar beiläufig in den Saal geworfen
wurde, hat er sich mir eingeprägt. Vielleicht aber auch, weil er ein Schlaglicht auf die selbsternannten Avantgarden jener Jahre wirft.
Wenn es stimmt, dass alle weltgeschichtlichen Tatsachen sich sozusagen zweimal ereignen: das eine Mal als Tragöde, das andere Mal als Farce, so trifft das ohne Zweifel auch auf die sozialistische Bewegung und ihre Avantgarden zu. Es war eine vordergründig anti-autoritäre, ihrem Wesen nach zutiefst egalitäre, emanzipatorische und libertäre Bewegung, die mit dem Jahr 1968 verknüpft wird. Das Phänomen, dass sich viele ihrer Aktivist_innen wenige Jahre später an autoritäre Vorbilder anlehnten, die sich durch starre, hierarchische, jegliche menschliche Entfaltung und jede Freiheit erstickende Methoden auszeichneten, gehört zu den Kuriositäten der Geschichte.

Der emanzipatorische Optimismus von Marx und Engels

Gegenwärtig sieht es eher danach aus, dass ein nochmaliges Wiederaufleben derartiger Konzepte unwahrscheinlich ist. Dennoch lässt sich ein erneuter Rückfall in autoritäre Organisationsformen nicht völlig ausschliessen. Das wird vor allem davon abhängen, welchen Verlauf die gegenwärtige globale Krise nimmt. Grund genug, um nachfolgend herauszuarbeiten, wie es möglich war, dass im Namen einer Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist» (Marx), Formen von Herrschaft und Unterdrückung entstehen konnten, die sich von jenen der bürgerlichen Gesellschaft einzig durch die Etikette «Sozialismus» oder «Kommunismus» unterscheiden.
«Die Zeit der Überrumpelung, der von kleinen bewussten Minoritäten an der Spitze bewusstloser Massen durchgeführten Revolutionen ist vorbei. Wo es sich um eine vollständige Umgestaltung der gesellschaftlichen Organisation handelt, da müssen die Massen selbst mit dabei sein, selbst schon begriffen haben, worum es sich handelt, für was sie mit Leib und Leben eintreten. Das hat uns die Geschichte der letzten fünfzig Jahre gelehrt.»1 Diese Sätze schrieb Friedrich Engels im Jahre 1895. Sein Optimismus war verfrüht. Die «kleinen bewussten Minoritäten» sollten schon sehr bald wieder aufleben – nun in Gestalt einer «Avantgarde», eines «Vortrupps der Arbeiterklasse» – und geradezu prägend werden für die revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts.

Rosa Luxemburg: «Die ,Disziplin' wird dem Proletariat durch den Gesamtmechanismus des zentralisierten bürgerlichen Staates eingeprägt.»

Rosa Luxemburg: «Die ,Disziplin’ wird dem Proletariat durch den Gesamtmechanismus des zentralisierten bürgerlichen Staates eingeprägt.»

Der Bedeutung der «Avantgarde» bei Lenin und Trotzki

Während für Marx «die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muss» (Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation), war Lenin der Ansicht, man dürfe «die Partei als Vortrupp der Arbeiterklasse nicht mit der ganzen Klasse verwechseln», woraus er die Schlussfolgerung zog: «Wir sind die Partei der Klasse, und deshalb muss fast die gesamte Klasse (und in Kriegszeiten, in der Epoche des Bürgerkriegs, restlos die gesamte Klasse) unter der Leitung unserer Partei handeln.»2 Die Entwicklung während und nach der Oktoberrevolution entsprach durchaus diesem Konzept. Trotzki, der in seinen Formulierungen Lenin noch zu übertreffen pflegte, erklärte unumwunden: «Die Diktatur des Proletariats bedeutet ihrem innersten Wesen nach die unmittelbare Herrschaft des revolutionären Vortrupps, der sich auf die schweren Massen stützt und erforderlichenfalls das zurückgebliebene Ende zwingt, sich nach der Spitze zu richten.»3

Die Jakobiner als Vorbild

Sowohl Lenin als auch Trotzki hatten ihre Vorbilder in den französischen Jakobinern. Im November 1917, anlässlich einer Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees des Gesamtrussischen Sowjets, brachte Trotzki das mit drastischen Worten zum Ausdruck: «Ihr [die linken Sozialrevolutionäre] heuchelt Empörung über den nackten Terror, den wir gegen unsere Klassenfeinde einsetzen. Lasst mich euch versichern, dass er in spätestens einem Monat bedrohlichere Formen annehmen wird, die sich am Vorbild der grossen französischen Revolution orientieren. Nicht die Festung [Peter und Paul] erwartet unsere Feinde, sondern die Guillotine.»4
Die Führer der Oktoberrevolution, der bisher bedeutendsten proletarische Revolution, orientierten sich in Wirklichkeit an der bürgerlichen Revolution von 1789. Damit nahm die Tragödie, die mehr als ein halbes Jahrhundert lang schwer auf der internationalen Arbeiterbewegung lastete, ihren Lauf. Die Tragik bestand vor allem darin, dass unter dem Deckmantel der Sowjetmacht und der angeblichen Diktatur des Proletariats eine Parteidiktatur errichtet wurde, die exakt der Beschreibung von Engels im oben zitierten Text entsprach: «Alle bisherigen Revolutionen liefen hinaus auf die Verdrängung einer bestimmten Klassenherrschaft durch eine andere. (…) Eine herrschende Minorität wurde so gestürzt, eine andere Minorität ergriff an ihrer Stelle das Staatsruder und modelte die Staatseinrichtungen nach ihren Interessen um. (…) Selbst wenn die Majorität dazu mittat, geschah es – wissentlich oder nicht – nur im Dienste einer Minorität; diese aber erhielt dadurch (…) den Anschein, als sei sie Vertreterin des ganzen Volkes.»5

Der Triumph von Zentralismus und Zwang im 20. Jahrhundert

Je mehr in Sowjetrussland sich die Arbeiter_innen und Matrosen gegen die bolschewistische Herrschaft auflehnten, desto stärker war Trotzki von der Notwendigkeit der Diktatur überzeugt. Wenige Jahre bevor er im Exil durch den seinerzeit von ihm mitaufgebauten Unterdrückungsapparat umgebracht wurde, schrieb er noch: «Sie sehnen sich nach einer Revolution, die nicht zur Diktatur führt, oder nach einer Diktatur, die ohne Anwendung von Gewalt auskommt. Das ist natürlich eine sehr «angenehme» Diktatur. Sie setzt allerdings einige Kleinigkeiten voraus: eine gleiche und noch dazu ausserordentlich hohe Entwicklung der arbeitenden Massen. Aber unter solchen Bedingungen würde die Diktatur im allgemeinen unnötig sein. Derartige Anarchisten, die in Wirklichkeit liberale Pädagogen sind, hoffen, dass in hundert oder tausend Jahren die Arbeiter eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht haben, dass sich der Zwang als unnötig erweist. Wenn tatsächlich der Kapitalismus eine solche Entwicklung nehmen könnte, dann bestünde kein Grund, den Kapitalismus zu stürzen. Dann gäbe es weder für eine gewaltsame Revolution noch für die Diktatur eine Notwendigkeit, die eine unvermeidbare Folge eines revolutionären Sieges ist.»6
Es wäre eine oberflächliche Betrachtungsweise, die verhängnisvolle Entwicklung der russischen Revolution einfach ihren Führern in die Schuhe zu schieben. Die bolschewistische «Schreckensherrschaft» nach dem Vorbild der französischen Jakobiner ist eine unmittelbare Folge des 1. Weltkrieges und des wenige Jahre vor dessen Ausbruch noch unvorstellbaren Rückfalls Europas in die Barbarei sowie der damit verbundenen Brutalisierung der Gesellschaft. Der Triumph von Lenins Ultrazentralismus in der internationalen Arbeiterbewegung ist direkt auf das Scheitern und den Zerfall der II. Internationale im August 1914 zurückzuführen. 1921 schrieb ein gewisser J.H. (vermutlich Joggi Herzog7) im Organ des EKKI8: «In der II. Internationale dominierten die Teile und liessen überhaupt kein handlungsfähiges Ganzes entstehen, in der III. Internationale dominiert das grosse Ganze, und jeder ihrer Teile hat sich zu fügen. Der II. Kongress von Moskau wird nicht verfehlen, in der inneren Politik aller auf ihm vertretenen Länder grosse Veränderungen hervorzurufen.»9 Der Zentralismus galt nach dem Sieg der Oktoberrevolution als wirksame Methode, um die Mängel und Fehler der II. Internationale auszumerzen.

Lenin kehrt 1917 vom Exil nach Petrograd zurück. Ist die Diktatur des Proletariats über das Proletariat eine bessere Diktatur?

Lenin kehrt 1917 vom Exil nach Petrograd zurück. Ist die Diktatur des Proletariats über das Proletariat eine bessere Diktatur?

«Die Diktatur des Proletariats über das Proletariat»

Fritz Brupbacher, der 1913 in seiner Schrift «Marx und Bakunin» die «Antiautoritäre Internationale» von Bakunin und Guillaume leidenschaftlich gegen Marx verteidigt hatte, wurde unter dem Einfluss der Oktoberrevolution «Bolschewist» und schrieb 1923, nach seiner Rückkehr aus Sowjetrussland: «Die Diktatur des Proletariats über das Proletariat bedeutet die Beherrschung des Proletariats durch diejenigen seiner Elemente, die sich selbst beherrschen, die einsehen, dass es Zeiten gibt, wo man alles in sich am Kragen nehmen muss, um das Ganze zu erkämpfen.»10 Das Zitat erhellt eindrücklich, wie weit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts selbst libertäre Zeitgenossen wie Brupbacher sich von den ursprünglichen Ideen, wonach die Befreiung der Arbeiter das Werk der Arbeiter selbst sei, entfernt hatten und unter dem Druck der Ereignisse zur Haltung verleitet wurden, der Zweck heilige gewissermassen die Mittel, wobei letztere ihrem Wesen nach Formen bürgerlicher Herrschaft waren.

Der «Grossvater der Bolschewiki»

Interessanterweise hat Brupbacher in seiner Biografie über Bakunin (1929) nachgewiesen, dass dieser den grössten Teil seines Lebens durchaus Anhänger eines straffen Zentralismus gewesen war und beispielsweise noch 1869 am Basler Kongress der IAA11 für die Erweiterung der Befugnisse des Generalrates gestimmt hatte.12 Diese Auffassung deckt sich mit der Schilderung des anarchistischen Historikers Max Nettlau, der Bakunins «Grundgedanke seiner Bemühungen, die von 1864 bis 1874 nie ruhten», mit den Worten schildert: «Seine wesentlichste Aufgabe aber sah Bakunin in folgender Tätigkeit: die intelligentesten, ehrlichsten und energischsten Männer (…) für sein engeres Programm zu gewinnen (…) und ein geheimes (privates) Zusammenwirken dieser Männer zu organisieren, durch welches beginnenden Volksbewegungen eine revolutionäre (…) Richtung gegeben werden sollte (…) und so, wie er oft sagte, eine unsichtbare, unpersönliche (…) revolutionäre Diktatur geschaffen würde, die ein Zersplittern, ein Abirren, eine Vereinzelung der revolutionären Kräfte verhindern würde.»13
Es ist daher gut verständlich, dass Bakunin von Brupacher als «Grossvater der Bolschewiki» bezeichnet wurde.14 Lenins Grundgedanken, wie er sie in «Was tun?» darlegte, decken sich verblüffend mit der obigen Schilderung: «Das einzige ernste Organisationsprinzip muss für die Funktionäre unserer Bewegung sein: strengste Konspiration, strengste Auslese der Mitglieder, Heranbildung von Berufsrevolutionären. Sind diese Eigenschaften gegeben, so ist noch etwas Grösseres gesichert als der «Demokratismus», nämlich: das volle kameradschaftliche Vertrauen der Revolutionäre zueinander. Und dieses Grössere ist für uns unbedingt notwendig, denn bei uns in Russland kann gar keine Rede davon sein, es durch eine allgemeine demokratische Kontrolle zu ersetzen.»15 Der letzte Satz erhellt zugleich, woraus die Notwendigkeit dieser Art von Organisation entsprang: Im zaristischen Russland war eine offene, legale politische Tätigkeit ebenso undenkbar wie in Frankreich zur Zeit des Absolutismus und des Kaiserreichs.

Fritz Brupbacher, Arbeiterarzt und libertärer Sozialist, wurde unter dem Einfluss der Oktoberrevolution zum «Bolschewist».

Fritz Brupbacher, Arbeiterarzt und libertärer Sozialist, wurde unter dem Einfluss der Oktoberrevolution zum «Bolschewist».

Marx und Engels als Gegner von Konspiration und Diktatur

Die Idee der Diktatur einer Minderheit im Interesse der Mehrheit hatte ihren Ursprung in der französischen Revolution von 1789. Babeufs Verschwörung der Gleichen wurde zum Vorbild der konspirativen Geheimbünde des 19. Jahrhunderts, die von Blanqui, der als erster den Begriff der «Diktatur des Proletariats» verwendete, weiterentwickelt wurde zur Vorstellung eines bewaffneten Handstreichs durch eine disziplinierte Avantgarde zwecks Ergreifung der politischen Macht.16 Marx und Engels lehnten diese Konzepte ab. Über den Gründungskongress des Bundes der Kommunisten im Sommer 1847 schrieb Engels: «Die Organisation selbst war durchaus demokratisch, mit gewählten und stets absetzbaren Behörden, und hierdurch allein allen Konspirationsgelüsten, die Diktatur erfordern, ein Riegel vorgeschoben (…).»17 Nach den gescheiterten Revolutionen von 1848 kam es zur Spaltung des Bundes der Kommunisten, als eine Gruppe innerhalb der Zentralbehörde Revolutionsprogramme entwarf und die Zusammensetzung von Revolutionsregierungen diskutierte, die am Tag nach der Revolution eine militärische Diktatur errichten sollten. Marx wies diese Vorstellungen entschieden zurück. Für ihn entsprang eine Revolution nicht allein der Willenskraft einer entschlossenen Führung, sondern einem Komplex bestimmter politischer, ökonomischer und sozialer Zustände.18
Lenin griff unter den Bedingungen des zaristischen Russlands die Tradition der französischen Jakobiner wieder auf und verknüpfte sie mit dem Kommunistischen Manifest, wonach die Kommunisten «der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder» seien, welche «theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus» haben. Allerdings schrieben Marx und Engels im selben Abschnitt auch, dass die Kommunisten «keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen» haben und keine besonderen Prinzipien aufstellen, «wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen». Von einer Avantgarde oder eines Vortrupps der Arbeiterklasse war dort nirgends die Rede. Demgegenüber verstanden Lenin und Trotzki «die Partei als Vortrupp der Arbeiterklasse» und die Diktatur des Proletariats als «die unmittelbare Herrschaft des revolutionären Vortrupps», der den Rest des Proletariats notfalls mit Gewalt dazu zwingt, sich nach seinen Vorstellungen zu richten, mit andern Worten: die alte jakobinische Vorstellung von der Diktatur einer Minderheit im Interesse der Mehrheit.

Der emanzipatorische Optimismus des jungen Friedrich Engels war stark geprägt von den Klassenkämpfen in Frankreich.

Der emanzipatorische Optimismus des jungen Friedrich Engels war stark geprägt von den Klassenkämpfen in Frankreich.

Angesichts solcher Revolutionskonzepte erstaunt es nicht, wenn Lenin die Fabrik lobte als «die höchste Form der kapitalistischen Kooperation, die das Proletariat vereinigte und disziplinierte, die es lehrte, sich zu organisieren».19 Rosa Luxemburg erwiderte darauf: «Die ,Disziplin’, die Lenin meint, wird dem Proletariat keineswegs bloss durch die Fabrik, sondern auch durch die Kaserne, auch durch den modernen Bürokratismus, kurz – durch den Gesamtmechanismus des zentralisierten bürgerlichen Staates eingeprägt.»20 Dem ist nichts hinzuzufügen, ausser dass die Fabrik tatsächlich die Arbeiter_innen zusammenschweisst und sie lehrt, sich zu organisieren, und zwar gegen die Ausbeutung und gegen die unerträgliche Fabrikdisziplin. In diesem täglichen Kampf gegen den Fabrikbesitzer und seine Aufseher lernen sie, die vielfältigen Spaltungen zu überwinden, die ihnen die kapitalistische Produktionsweise und die Fabrikdisziplin aufzwingt. Belegschaften, die sich gegen ihre Ausbeuter und Unterdrücker organisieren und sich so ihrer vereinten Macht bewusst werden, geraten früher oder später in Konflikt mit revolutionären Minderheiten, die sich selbst als «Vortrupp der Arbeiterklasse» definieren und ihnen ihre Herrschaft aufzwingen wollen. Das Beispiel Kronstadt hat einen solchen Konflikt auf tragische Weise zum Ausdruck gebracht. [Fortsetzung folgt als Teil II in der nächsten Nummer der Debatte].
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* Rainer Thomann arbeitet in einem Winterthurer Industriebetrieb und ist Mitglied des Netzwerkes Arbeitskämpfe. Unter anderem ist er Autor der Broschüre «Betriebsbesetzungen als wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf. Eine Studie aktueller Beispiele», Zürich 2009.
1 Friedrich Engels, Einleitung zu «Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850» von Karl Marx.
2 W.I. Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, 1904.
3 Leo Trotzki, Grundfragen der Revolution, 1923.
4 Zitiert in: A. Rabinoiwtch, Die Sowjetmacht – das erste Jahr, Essen 2010, S. 105. Auch Lenin bezog sich immer wieder positiv auf die Jakobiner: «Der Jakobiner, der untrennbar verbunden ist mit der Organisation des Proletariats, das sich seiner Klasseninteressen bewusst geworden ist – das ist eben der revolutionäre Sozialdemokrat.» (Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück).
5 Friedrich Engels, a.a.O.
6 Leo Trotzki, Das Zetergeschrei um Kronstadt, 15. Januar 1938.
7 Joggi Herzog, Mitbegründer der Gruppe «Forderung» und der sog. «Altkommunisten», war zur Zeit des Landesstreiks von 1918 einer der bedeutendsten Revolutionäre in der Schweiz. Eine Kurzbiografie findet man bei Fritz Brupbacher, Zürich während Krieg und Landesstreik, S. 72 ff. Vgl. auch die Broschüre «Vor 90 Jahren: Die Gegenrevolution war schneller», S. 3 ff.
8 Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (Dritte Internationale, auch Komintern genannt).
9 «Die Kommunistische Internationale», Organ des EKKI, Nr. 14, Hamburg 1921, S. 165 ff.
10 Fritz Brupbacher. Vom Kleinbürger zum Bolschewik. Berlin 1923, S. 179.
11 Internationale Arbeiterassoziation (Erste Internationale).
12 Fritz Brupbacher. Michael Bakunin – der Satan der Revolte, Zürich 1929, S. 104.
13 Zitiert bei Fritz Brupbacher, Marx und Bakunin, München 1913 (Reprint Berlin 1976), S. 48 f.
14 Brupbacher, Michael Bakunin – der Satan der Revolte, a.a.O., S.108. Auch Anweiler weist in seinem Standardwerk «Die Rätebewegung in Russland 1905-1921» auf diesen Zusammenhang hin: «Andererseits besteht ein nicht zu übersehender Zusammenhang zwischen dem praktischen Revolutionsprogramm Bakunins und der von Lenin und den Bolschewiki befolgten Taktik in der russischen Revolution.» (a.a.O., S. 14).
15 www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap4e.htm.
16 Vgl. Julius Braunthal, Geschichte der Internationale, Band 1, S. 52.
17 Engels: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, MEW, Band XXI, S. 215.
18 Braunthal, a.a.O., S. 74.
19 W.I. Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, 1904.
20 Rosa Luxemburg, Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, 1904.

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