Urban Operations

Hanspeter Gysin

aus Debatte Nr. 22 – Herbst 2012

Laut einem 2003 von der NATO veröffentlichten Papier könnte sich die Tendenz in Zukunft bedeutend verstärken, dass durch die Existenz von «Slums und Armut» in den Städten «Spannungen entstehen, die möglicherweise zu Aufständen, zivilen Unruhen und Bedrohungen für die Sicherheit führen, welche die Intervention der örtlichen Behörden notwendig machen». Die NATO hat einige Gegenstrategien parat: Ein Überblick.*

Die neuen Kriege schaffen sich auch ein neues Vokabular: «Erfassen, Gestalten, Eingreifen, Festigen, Überleiten» (oder englisch abgekürzt USECT), so lautet derzeit das Grundgerüst der militärischen Intervention, dargelegt in einem NATO-Bericht mit Titel «Urban Operations in the Year 2020». Der Bericht beginnt mit einer Offensichtlichkeit: Die «menschlichen Müllkippen» überflüssiger oder unverwertbarer Arbeitskräfte, die sich an den Rändern der Städte und zwischen ihnen befinden, stellen wahre Pulverfässer dar. Sie sind dazu bestimmt, auf eine in ihren Effekten und Dynamiken schwer vorhersehbare Art und Weise zu explodieren. Dies nicht allein durch die Anzahl der möglichen Aufständischen und ihrer heterogenen Zusammensetzung, sondern auch aufgrund der komplizierten Gestaltung der heutigen Stadtgebiete. Die NATO befürchtet «Komplikationen aus der grossen Ausbreitung der Städte und Vorstädte, mit ihren Hochhäusern und unterirdischen Gebieten. Diese Schwierigkeiten werden noch komplizierter durch das Risiko, die Kontrolle über die Menge zu verlieren, durch die kulturellen und ethnischen Unterschiede, durch Bewegungen von Nicht-Kämpfenden, durch die Tatsache, die Operation in dreidimensionalem Gebiet [über, auf und unter der Erde] durchführen zu müssen und die Gefahr von Kollateralschäden an der Infrastruktur. Die Auswirkungen von nicht an diese Risiken angemessenem Verhalten könnten sehr gravierend sein». Die ganze Geschichte dreht sich im Wesentlichen um die Fähigkeit der Streitkräfte, in Situationen mit asymmetrischen Konflikten zu operieren, in denen der Feind nicht aus einer regulären Armee besteht.

Tatsächlich waren die NATO-Kräfte in der letzten Zeit wiederholt in sogenannten Non Article 5 Operations verwickelt, d.h. in Einsätze, die nicht der «individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung» dienten, wie in Artikel 5 des Nordatlantikpakts vorgesehen. Dies «besonders auf dem Balkan und in anderen entweder industrialisierten oder städtischen Gebieten, und es wird davon ausgegangen, dass dieser Trend in den kommenden 20 Jahren weiter ansteigen wird». Die demografischen Veränderungen, das Zusammentreffen der wachsenden Weltbevölkerung und ihre zunehmende Verstädterung verweisen darauf, dass «der Prozess der Urbanisierung die nächsten Militärinterventionen notwendigerweise auf städtisches Territorium verlagern wird».

Neue Interventionsformen

Die von den Analysten unter «Erfassen» (Understand) angedachten Lösungen betreffen die sogenannten ISTAR-Fähigkeiten: Die Abkürzung leitet sich von Intelligence, Surveillance, Target Acquisition, Reconaissance (Informationsbeschaffung, Überwachung, Zielbestimmung, Aufklärung) ab. Dies mit dem Ziel, taktische Schläge gegen «neuralgische Punkte des Feindes» auszuführen oder seine Informationsflüsse sowie Personen- und Nachschubbewegungen zu kontrollieren. Andere Methoden sind politisch-diplomatischer Art, bei denen die Streitkräfte fähig sein müssen, Beziehungen der Zusammenarbeit mit den «zahlreichen offiziellen und nicht-offiziellen Einrichtungen» im Territorium aufzunehmen, im Bewusstsein, dass kriegerische Operationen im städtischen Raum «nicht nur militärische, sondern auch diplomatische, politische, ökonomische und soziale Probleme» mit sich bringen.
Bei der zweiten Etappe, genannt «Gestalten» (Shaping), geht es im Wesentlichen darum, die Kommunikationsfähigkeit der Revoltierenden zu blockieren. Damit sollen Reaktionen der lokalen Bevölkerung und mediale Auswirkungen der Einsätze entscheidend beeinflusst werden. Und es geht darum, Bewegungen der nicht-kämpfenden Massen zu kontrollieren, einzuleiten oder zu verhindern (Vorbereitung von Flüchtlingslagern, Fluchtwegen für Evakuierte, etc.). Der dritte Schritt heisst «Eingreifen» (Engage) und bezieht sich auf den zielgenauen Schlag gegen die feindlichen Kräfte (z. B. unter Verwendung von Aufklärungsdrohnen und Robotern), um so die «Kollateralschäden» unter Nicht-Kämpfenden so weit wie möglich zu verringern. Die vierte Phase betrifft das «Festigen» (Consolidate): Damit sollen ergänzend eingenommene Stellungen und die Fortsetzung der Initiativen gesichert werden. Zu dieser Phase gehören auch «Säuberungseinsätze» gegen die besiegten Gegner sowie der Umgang mit den Gefangenen.
Die fünfte und letzte Aufgabe, das «Überleiten» (Transition), soll vor allem darum «the rule of law» (die Herrschaft des Gesetzes) wiederherstellen, indem lokale Behörden und Armee wiederaufgebaut werden. Im «Anhang E» des Berichts wird übrigens eine NATO-Intervention simuliert, in deren operativem Theater als «Städte von strategischem Interesse» nicht etwa Teheran oder Pjöngjang genannt sind, sondern Rouen, Le Havre, Evreux und Dieppe.

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Der Krieg beginnt hier

«Feind hinterm Fenster – Deckung, Zielen, Schuss». Blitzschnell informiert der Laser-Duellsimulator die Kämpfenden, wer getroffen hat und wer getroffen wurde, wer weiterübt und wer liegenbleibt in der Steppe Sachsen-Anhalts. Das deutsche Heer und Soldaten praktisch aller NATO-Armeen trainieren im Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Altmark, wie ein Dorf in Afghanistan, im Kosovo oder – gemäss einer Einschätzung der NATO über künftige Kriege – eine beliebige Stadt der Erde überfallen und
besetzt werden kann. Und so beginnt 2012 auf dem GÜZ der Bau einer Stadt mit 500 Gebäuden, Flughafen und U-Bahn, zum Üben des Krieges in Wohnsiedlungen, Altstadtbezirken, Slums, Industriegebieten und Einkaufsmeilen.
Vom 12. bis 17. September 2012 hat am GÜZ Altmark ein antimilitaristisches Camp mit Diskussionen und Aktionen stattgefunden. Eine Bilanz dieser Aktivitäten unter dem Titel The War starts here findet sich unter der Adresse: http://warstartsherecamp.org/en/call-war-starts-here-camp

 

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* Diese Darstellung baut auf Informationen aus folgenden Quellen auf:
http://translationcollective.wordpress.com/2010/05/09/eserciti-nelle-strade/ (italienisch)
Teilübersetzung davon auf Deutsch:
www.warstartsherecamp.org/sites/default/files/files/nato_strategie_KURZ.pdf
NATO-Bericht im Original:http://ftp.rta.nato.int/public//PubFullText/RTO/TR/RTO-TR-071///TR-071-$$ALL.pdf

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