Nach der Masseneinwanderungsinitiative

Aus Debatte Nr. 28 – Frühling 2014

Wir veröffentlichen hier zwei unterschiedliche Stellungnahmen, die kurz nach der Abstimmung vom 9. Februar 2014 verfasst wurden. In der Debatte-Redaktion existiert keine «Einheitsmeinung» zur Bedeutung des Ergebnisses, aber wir sind uns einig, dass beide Texte (von der BFS Jugend Zürich und von Second@s-Plus) Positionen zum Ausdruck bringen, die ernst genommen werden müssen. (Red.)

Stellungnahme der BFS Jugend Zürich
Am 9. Februar 2014 hat die stimmberechtigte Bevölkerung in der Schweiz überraschend eine von der SVP lancierte Initiative angenommen. Diese Initiative fordert, die Einwanderung aus den EU-Ländern zu begrenzen und somit die bis anhin geltende Personenfreizügigkeit mit den Staaten der EU aufzuheben. Die Konsequenzen dieses Entscheides sind sehr schwer abzuschätzen, zu unklar ist noch, wie die Wirtschaft, die EU und die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten reagieren werden. Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Einmal abgesehen davon, dass die 50.3%-Zustimmung in Wirklichkeit viel geringer wäre, wenn die gesamte Wohnbevölkerung der Schweiz betrachtet würde, ist das Resultat dennoch beängstigend. Viel gehörte Erklärungsansätze dafür lassen sich in drei grobe Kategorien einteilen:
1. Die Schweizer sind im Grunde zu einem grossen Teil einfach fremdenfeindlich gesinnt und wollen keine Ausländer bei sich.
2. Die SVP hat es geschafft, ein Klima der Angst und der Horrorszenarien zu entwerfen, was viele Leute dazu getrieben haben dürfte, ja zu stimmen. 3. Die Medien haben ihre selbst zugeschriebene Rolle als quasi «neutrale» Berichterstatter nicht wahrgenommen und gezielt so berichtet, dass die Initiative schlussendlich angenommen wurde.

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Die Personenfreizügigkeit als heisses Eisen

Auch wenn alle diese drei Erklärungen wahrscheinlich zu einem Teil richtig sein dürften, wird oftmals ein wichtiger Punkt vergessen. Dieser zeigt sich eindrücklich, wenn der Kanton Tessin betrachtet wird. Im Kanton Tessin stimmte knapp 70% der Stimmbevölkerung dafür, im Vorfeld haben sogar die kantonalen Grünen die Ja-Parole beschlossen. Im Kanton Tessin gibt es über 60’000 Grenzpendler_innen, also Italiener_innen, die in der Schweiz arbeiten und abends wieder ins nahgelegene Norditalien zurückkehren. Das hat im Tessin zu einem erhöhten Druck auf die Löhne, zu Lohndumping und zu schwierigen Bedingungen für Schweizer Arbeiter_innen geführt. Die über Jahre verhandelte Arbeitspolitik zwischen Gewerkschaften und Kapitalisten wurde durch den plötzlich aufgekommenen Wettbewerb im Arbeitsmarkt über den Haufen geworfen. Der lohnabhängige Teil der Bevölkerung geriet je länger je mehr unter Anpassungsdruck und musste sich mit geringeren Löhnen zufrieden geben, wobei sich die Arbeitsumstände auch noch verschlechterten.

Diese kurze Analyse des Kantons Tessins kann nicht einfach in verkürzter Weise auf die ganze Schweiz übertragen werden. Denn interessanterweise haben genau jene Gebiete besonders stark für die Initiative votiert, die vom neu aufgekommenen Wettbewerb und dem Druck auf den Wohnungsmarkt durch einwandernde Personen unterdurchschnittlich betroffen sind. Aber interessant ist, dass die Personenfreizügigkeit ein Werkzeug für neoliberale Interessensvertretung sein kann, dass damit also soziale Sicherungssysteme und gewerkschaftliche Organisierung angegriffen werden kann, um die Löhne zu drücken und schlechtere Arbeitsbedingungen zuzulassen. In urbanen Gebieten, die bereits in eine globale Wirtschaft integriert sind und sich den neuen Leistungsparametern im internationalen Vergleich anpassen mussten, die bereits einen sehr hohen Ausländeranteil aufweisen und in denen gar kein regionaler Arbeitsmarkt im eigentlichen Sinne mehr existiert, da ist die Angst nicht mehr vorhanden und da wurde auch mehrheitlich Nein gestimmt. In Randregionen aber ist die Angst vor fremden Menschen nur die eine Komponente. Vielmehr sieht man die eigene regionale Wirtschaft, den Erhalt von Arbeitsplätzen und des eigenen Lebensstandards in Gefahr, wenn die expansiven Dynamiken des globalen Kapitalismus auch die eigenen Regionen ergreifen.

Erfolglose Kampagne der Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände

Die parlamentarische Linke und die Gewerkschaften haben also das Problem, welches sie schon bei der Einführung der Personenfreizügigkeit hatten: Man ist zum einen für eine offene und multikulturelle Schweiz, in der es so wenige Hindernisse wie möglich geben soll, hier zu arbeiten und zu leben und erkennt – mit reichlicher Verspätung – die Personenfreizügigkeit gleichzeitig als Angriff auf die eigenen Erfolge im Kampf um Löhne und soziale Sicherungssysteme.
Dieses Dilemma äusserte sich dann auch in der ideenlosen Kampagne der Sozialdemokratie gegen die Masseneinwanderungsinitiative. Wie auch die Wirtschaftsvertreter warnte sie hauptsächlich vor dem Verlust von Arbeitsplätzen und der Kündigung der bilateralen Verträge – ohne die real existierenden Probleme, die mit dem Personenfreizügigkeitsabkommen verbunden sind, zu thematisieren.
Dass die Personenfreizügigkeit für die wirtschaftlichen Eliten nämlich von ungeheurer Wichtigkeit ist, zeigt sich dadurch, wie viel Geld der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse im Wahlkampf in die Hand genommen hatte, um ein Ja zu verhindern. Und es zeigt auch, wie schwierig es ist, als Linke ernstgenommen zu werden mit einer Forderung, die teilweise noch vehementer von der Wirtschaft vertreten wird. Und wie wenig die Personenfreizügigkeit innerhalb der EU mit der Vorstellung vom Gleichsein aller Menschen, ohne künstliche Grenzen durch Nationen und Sprachen zu tun hat, zeigt die grausame EU-Aussenpolitik, wenn es um Nordafrikanische Flüchtlinge geht, die über das Mittelmeer nach Europa zu kommen versuchen.

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Klasse statt Rasse!

Nichtsdestotrotz ist das Abstimmungsergebnis katastrophal. Es beflügelt die immer wieder am äussersten rechten Rand agierende SVP und zeichnet erneut das eigentlich überwunden geglaubte Bild des sturen, störrischen Bergvolkes, das so gar nicht zur offenen und urbanen Schweiz passen mag. Wiederum ist es dieser Partei gelungen, Ressentiments zu schüren und die Überlegenheit der Schweiz zu propagieren. Die wirtschaftlichen und kulturellen Folgen dieser Abstimmung lassen sich noch überhaupt nicht abschätzen. Die Wirtschaft wird mit grosser Wahrscheinlichkeit auf dieses Resultat reagieren und Massnahmen ergreifen, um die Produktionsbedingungen weiterhin so günstig wie möglich zu halten. Dann dürften genau diejenigen die Leidtragenden sein, die mit ihrem Ja zur Initiative ihre eigene Situation verbessern wollten. Kurz nach der Abstimmung wandte sich dann auch der FDP-Politiker Ruedi Noser an die Presse und forderte, dass mit diesem Abstimmungsresultat die Einführung von Mindestlöhnen, über die im kommenden Mai abgestimmt wird, nicht mehr nötig seien, da die Löhne anscheinend durch die Kontingentierung der Zuwanderung genügend geschützt würden.
Für die ausserparlamentarische Linke dürfte mit dem Abstimmungsergebnis wieder einmal sichtbar geworden sein, wie wichtig die Fokussierung auf den lohnabhängigen Teil der Bevölkerung doch ist. Nur durch eine konsequente Politik im Sinne dieser Klasse können die Ängste vor dem Fremden, vor dem Anderen überwunden werden. Denn schlussendlich kämpft der norditalienische Arbeiter, der jeden Morgen in die Schweiz pendelt mit denselben Problemen wie die in der Schweiz wohnhaften Lohnabhängigen. Nur schafft es die SVP genau da eine Trennlinie zu ziehen und vorzugeben, die Probleme, die mit den neoliberalen Angriffen auf unsere Arbeits- und Lebensbedingungen verbunden sind, durch Abschottung und Fremdenfeindlichkeit zu lösen.
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Kontakt und weitere Auskünfte: www.sozialismus.ch

Stellungnahme der second@s-Plus: Für eine kosmopolitische Schweiz 2.0! Gegen den eidgenössischen Alptraum!

Lassen wir uns nicht täuschen. Am 9. Februar wurde nicht nur eine Initiative zur Kontingentierung von zukünftiger Einwanderung angenommen. Es wurde nicht nur über das Schicksal von Menschen abgestimmt, die sich noch nicht in der Schweiz befinden. Die Abstimmung war vor allem auch ein Zeichen an die eigene Bevölkerung. Am 9. Februar wurde der Hälfte der Bevölkerung in der Schweiz, uns Menschen mit «Migrationsvorder- und hintergrund» abermals zu verstehen gegeben, dass wir weniger zählen als die vermeintlich richtigen «Eidgenossen», die sich als legitime Träger des sogenannten Volkswillens inszenieren dürfen. Unsere Sorge gilt daher weniger den nationalökonomischen Kosten der Abstimmung als den soziokulturellen Folgen für die schweizerische Gesellschaft. Die Entwicklung hin zu einer nach Herkunft, Name und Aussehen segregierten Schweiz hat am 9. Februar, nach der Minarett- und der Ausschaffungsinitiative, einen weiteren traurigen Höhepunkt erreicht.
In den Medien hören und lesen wir in diesen Tagen nur von den möglichen volkswirtschaftlichen Konsequenzen der Abschottungsinitiative. Und wieder dreht sich die ganze Debatte einzig und allein um die Frage nach Nutzen und Nachteil der Einwanderung für «die Schweiz». Klar ist: Hier sind nicht alle gemeint. Diese Art der Profitrechnung, die Menschen allein nach ihrem volkswirtschaftlichen Gebrauchswert bemisst, ist moralisch verwerflich und politisch gefährlich. Wir sind erschüttert über die technokratische Kälte, die instrumentelle Unvernunft, die die Gesellschaft so fest im Griff hat. Die Initiative vom 9. Februar ist Ausdruck einer fortgeschrittenen nationalchauvinistischen Verrohung und zeugt von einer alarmierenden Abwesenheit von solidarischen Werten und kritischem Denken.

Zollinspektion New York 1879: Als Menschen aus der Schweiz wegen Armut noch in grosser Zahl auswanderten.

Zollinspektion New York 1879: Als Menschen aus der Schweiz wegen Armut noch in grosser Zahl auswanderten.

Hier hat kein «Volk» gesprochen

Schon Athen war keine Demokratie, sondern ein oligarchischer Sklavenhalterstaat. Mit dieser Lüge in den Geschichtsbüchern fängt die Mär von der Demokratie an. De facto hat am 9. Februar eine privilegierte Minderheit der Mehrheit der Bevölkerung diktiert, in welcher Schweiz sie in Zukunft zu leben hat: im imaginären Heimatland der Bergbauern und Tell-Nachfahren, einer völkischen Schweiz des rural-konservativen Kleingeists, in der eidgenössische Abstammung und Herkunft über Recht und Grad an gesellschaftlicher Teilhabe entscheiden. Alle Zahlen belegen die Effektivität dieser feingliedrigen gesellschaftlichen Unterscheidungs-und Ungleichverteilungsmaschinerie basierend auf Herkunft, Aussehen und Namen. All dies ist bekannt, aber wo sind die Konsequenzen aus dem Wissen um strukturelle Diskriminierung? Doch wer das R-Wort nennt, wird für hysterisch erklärt. Es darf nicht sein, was nicht sein soll. Niemand will es gewesen sein. «Ich habe doch nichts gegen Ausländer, aber…» Die Fahnenträger des Schweizertums, Ja-Sager und auch grosse Teile der Nein-Sager, wollen nicht wahrhaben, dass die Abstimmung Ausdruck einer rassistischen Wirklichkeit der Gesellschaft ist, von der ein privilegierter «eidgenössischer» Teil der Bevölkerung profitiert – und zwar de facto unabhängig davon, ob der Einzelne rassistischen Vorstellungen anhängt oder nicht. Es spielt auch keine Rolle, dass heute «Kultur» und «Religion» heisst, was früher «Rasse» war. Man google einfach mal «Neo-Rassismus ohne Rasse». Die Bezeichnungen ändern sich, die ausgrenzenden Strukturen bleiben. Und nein, es handelt sich hier auch nicht um Fremdenfeindlichkeit, denn es geht hier nicht um Fremde, sondern um Menschen, die in der Schweiz leben, häufig schon seit vielen Jahren oder mehreren Generationen. Auch «Ausländer» sind viele, die hier als fremd wahrgenommen werden, nicht. Wir sind keine Fremden und Ausländer, wir werden dazu gemacht. Allein schon die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, ist kaum noch möglich. Das muss uns eine Warnung sein.

Migration hat gute Gründe

Armut, Kriege, Krisen, Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit … aber auch: Familie, Liebe, Neugier, Abenteuerlust, der Wunsch, sich woanders ein neues Leben aufzubauen, pursuit of happiness. Die seit Jahren medial beförderte Hetze gegen Asylbetrüger, Wohlstandstouristinnen und kriminelle Einwanderer hat die Vorstellung salonfähig gemacht, man hätte als gestandener Eidgenosse das Recht, zwischen legitimen und illegitimen Migrantinnen und Migranten zu unterscheiden: Illegitime Einwanderung müsse mit allen Mitteln bekämpft werden und auch legitime Einwanderung sei nur dann erwünscht, wenn sie «der Schweiz» nütze. Man will also Arbeitskräfte und Humankapital. Es erfüllt uns mit Wut, dass den Menschen des globalen, jetzt auch europäischen Südens und Ostens das Recht auf freie Wahl ihres Lebensmittelpunkts verwehrt wird, während sich die Bürger weisser Wohlstandsländer wie der Schweiz über Google Maps gebeugt wie selbstverständlich von Fernsehshows anregen lassen, wohin man wegen des guten Wetters, der schönen Strände, wegen der Karriere oder dem reinen Spass an der Freude vielleicht auswandern könnte. Allein die Möglichkeit, in fast jedes Land der Welt auswandern zu können, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ist ein Luxus, mit dem sich Wohlstandsmenschen über den Rest der Menschheit erheben. Aber mit welchem Recht? «Ja, wenn das alle machen würden» heisst es dann schön «pragmatisch» mit Bezug auf die Einwanderung in die Schweiz. «Dann ist das Boot irgendwann voll». Das sind Worte jenseits von Herz und Verstand. Sie zeugen einerseits von realitätsferner Selbstüberhöhung. (Nein, liebe Eidgenossen, nicht jeder Mensch auf der Welt will unbedingt in die Schweiz. Viele finden das Land schlicht langweilig.) Andererseits: Wenn Menschen in die Schweiz kommen, um am Wohlstand der Schweiz teilzuhaben, ja was wäre dann eigentlich? Sind Eidgenossen bereit abzugeben? Sind sie bereit, ihren Wohlstand und ihre Privilegien zu teilen? Das ist die entscheidende Frage und das Votum vom 9. Februar lässt hier tief blicken. Es scheint das Gefühl vorzuherrschen, man hätte sich den Wohlstand im Schweisse des eigenen Angesichts erarbeitet und somit redlich verdient. Vergessen, dass auch die Schweizerinnen und Schweizer noch im vorletzten Jahrhundert selbst massenweise auswanderten. Weil sie arm waren, weil sie sich jenseits des Atlantiks ein besseres Leben erhofften. Vergessen, dass der Reichtum der Schweiz ohne die Einwanderung von sogenannten Saisonniers, von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern, von Flüchtlingen, von bessergestellten Expats und von hunderttausenden von illegalisierten Migrantinnen und Migranten, die in den eidgenössischen Küchen, Haushalten und in der Pflege arbeiten, undenkbar wäre. Vergessen, dass die Schweiz bis heute massiv und schamlos vom globalen Reichtums- und Gerechtigkeitsgefälle profitiert hat, das der Kolonialismus schuf. Schliesslich ging auch etwas ganz Simples vergessen: Nämlich, dass nicht irgendeine Leistung, sondern der pure Zufall dafür verantwortlich ist, wohin jemand in die Welt geworfen wird. Niemand verdient sich deshalb qua Geburt ein glücklicheres Leben als andere – auch Eidgenossen nicht. Warum wirkt es also so vernünftig und erwachsen, über die Nützlichkeit von Menschen für den eigenen nationalen Container zu befinden und Grenzen nach Belieben schliessen zu wollen? Warum erscheint es nicht als das, was es wirklich ist, als willkürlich und menschenverachtend? Dabei ist die Verlogenheit des eidgenössischen «Volkswillens» kaum zu überbieten: Dank des harten EU-Grenzregimes wird die Schweiz seit Jahren schon in der Ferne vor den Menschen aus dem globalen Süden und Osten abgeschottet. Nun schottet sie sich auch noch gegen die Abschotter ab. Doch uns ist klar: Die eigentliche Konfliktlinie verläuft nicht zwischen der Schweiz und der EU. Wenn Richtiges wie von selbst falsch erscheint und Falsches richtig, dann ist Ideologie im Spiel.

Es gibt gar kein Einwanderungsproblem

Über Jahre wurde das eidgenössische Stimmvolk im medialen Dauerfeuer ideologisch darauf eingeschossen, Einwanderung als Problem wahrzunehmen, und als Ursache zahlreicher Folgeprobleme. Heute reicht es, das Wort «Einwanderung» auszusprechen, schon hat man zahlreiche Bilder vermeintlicher Probleme vor Augen… sie haben schwarze Haare, ein Kopftuch, viele Kinder, sie sind kriminell und «fluten» die Sozialsysteme. Die Wahrheit ist: Es gibt kein Einwanderungsproblem. Es gibt ein, zwei, drei, viele Gerechtigkeitsprobleme. Weltweit. In Europa. In der Schweiz. Doch statt über Ungerechtigkeiten auch in der Schweiz zu sprechen, also von der ungleichen Reichtumsverteilung, von Diskriminierung und fehlender Chancengleichheit, von ungebremster Wohnraumspekulation, von Steuerungerechtigkeit oder von blinder Profitlogik und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen wurden von der Rechten in unheiliger Allianz mit den meisten bürgerlichen Parteien, Medien und Meinungsmachern in der Schweiz Sündenböcke geschaffen und als Schlachtsäue durchs eidgenössische Dorf getrieben. Um von real-existierenden Ungerechtigkeiten abzulenken, wurden falsche Ängste geschürt. Die berechtigte Kritik an ungezügelter kapitalistischer Wachstumslogik wird im völkischen Weltbild zur Unkenntlichkeit, ja zur Unmenschlichkeit entstellt: Der Lebensraum des Schweizer Volkes, so wird halluziniert, sei zu eng und begrenzt. Wir sind fassungslos, wie braunes Blut-und-Boden-Denken hier im dritten Jahrtausend fröhlich grüne Urständ feiert. Im pseudowissenschaftlichen Gewand wird der Kampf gegen Einwanderung zum ökologischen Heimatschutz verharmlost. Dabei wird tunlichst ignoriert, dass die Wohlstandsländer die grössten Ressourcenverschwender der Welt sind und sich schon heute wie auch in Zukunft einfach importieren, was sie brauchen.
Krankhafte Besitzstandswahrungsängste werden in einem der reichsten Länder der Welt von rechts bis links «ernst genommen» und nach der Abstimmung mehr denn je hofiert, «nationale Identität» im Zeitalter transnationaler Lebensläufe unter den Artenschutz gestellt. Man will wieder mal den «Volkswillen» respektieren. Gott bewahre! Genau so sickert seit Jahren rechte Ideologie in die vermeintliche Mitte der Gesellschaft. Längst geht es in diesem Land nicht mehr nur um die SVP, sondern um die gesamte öffentliche Debatte, die kaum noch Platz hat für Stimmen jenseits des nationalchauvinistischen Patriotenchors. Es ist zum Verzweifeln. Nicht nur weil die kollektiven Psychosen der Ja-Sager medial und ideologisch überhaupt erst heraufbeschworen wurden, sondern auch, weil wieder einmal nur über den partikularen Gemütszustand eines bestimmten, eines privilegierten Teils der Bevölkerung gesprochen wird.

Der eidgenössische Alptraum ist unser Albtraum. (Doch wer nimmt unsere Ängste ernst?)

Wie so oft besteht die Ungerechtigkeit nicht nur in dem, was gesagt wird, sondern auch darin, wer und was hier alles gar nicht zu Wort kommt. Was ist mit dem Gemütszustand all derer, die seit dem 9. Februar zutiefst deprimiert sind, sich verachtet fühlen, die Angst haben vor einer Schweiz, in der sie keinen Platz mehr haben, ausser dem des Bittstellers, des Gnadenersuchers, der temporär nützlichen Arbeitskraft, des eigentlich Unerwünschten, des Menschen zweiter Klasse, der Second@. Wer bitte nimmt all diese Ängste ernst?
Wir sorgen uns um die soziokulturellen Langzeitfolgen der Abschottungsinitiative, um die psychologisch-emotionalen Auswirkungen auf die Biografien von Millionen Menschen in der Schweiz, auf unsere Kinder, auf ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung. Wer spricht in den Medien von diesen Folgen, die nicht in volkswirtschaftlichen Kennzahlen erfasst werden können? Wer zählt die verletzten Herzen, wer zählt das Gefühl der Minderwertigkeit und der Ohnmacht, wer zählt die Würde, derer wir beraubt werden? Der eidgenössische Alptraum ist unser Albtraum.

Integration wird gepredigt und Desintegration betrieben

Das Trommelfeuer der Integration, deren Forderungskatalog in der eidgenössischen Öffentlichkeit im letzten Jahrzehnt so lautstark wie selbstgerecht proklamiert wurde, hat sich mit der Abstimmung endgültig diskreditiert: Die Integrationsforderung ist nichts anderes als ein beschönter Zwang zur Unterordnung. Während man den «Fremden und Ausländern» im Heidiland Integration predigt, wird jedoch de facto Desintegration betrieben. Sogar längst eingebürgerte Secondas und Secondos, die sich nicht selten ihr Leben lang daran aufreiben, sich brav zu assimilieren und schweizerischer sein zu wollen als ein Eidgenosse, stossen sich immer und immer wieder an der gläsernen Decke der Diskriminierung blutig, in Ausbildung, Beruf, Politik, Kultur, Medien und Wirtschaft. Leistung zahlt sich eben nicht für alle gleich aus. Heidiland verwehrt uns Zugang und verlangt gleichzeitig schamlos Integration. Parallelgesellschaft sind immer die anderen, immer wir. Realität ist: Wir erleben eine zunehmende Segregation zwischen selbsternannten «richtigen» Schweizern und dem wachsenden Rest ohne angemessene gesellschaftliche Teilhabe. «Einwanderer», «Secondos», «Fremde», «Ausländer», «Muslime», «Asylanten», «Yugos» und «Albaner», «Deutsche» oder «linke, ausländische Intellektuelle» werden dabei unentwegt als Sündenböcke und Prügelknaben vorgeführt. Die Segregationsmaschine der nationalen Ordnung ist mächtig. Sie teilt und herrscht, leider auch uns untereinander. Auch hier wird nach unten getreten. Unser Herz blutet, das mitansehen zu müssen.

Was bleibt? Wir bleiben!

Trotz der ideologischen Übermacht regt sich der Widerstand. Die Wut und Trauer unserer Brüder und Schwestern bewegt uns. Die Verantwortung für unsere Kinder verpflichtet uns. Das urbane Leben gibt uns Zuflucht in seiner Vielfalt. Unsere Freunde, Lebenspartner und Liebsten zeigen uns alltäglich, dass ein Zusammenleben jenseits von Herkunft und Nationalität möglich ist. Die Unterstützung der kosmopolitischen Linken, Menschenrechtaktivisten, und so manchem Liberalen zeigt uns, dass die Flamme der Solidarität in der Schweiz noch nicht gänzlich erloschen ist. Sie wärmt uns. Und doch: Trotz des Engagements und der Fürsprache unserer Verbündeten unter den vielen Nein-Sagern, ist es für uns an der Zeit, eine eigene, eine neue, eine postmigrantische Sprache zu finden und ihr in der Schweiz dauerhaft Gehör zu verschaffen. Auch wenn uns die Plakatwände etwas anderes erzählen wollen: Die Vorstellung von der Schweiz als rot-weiss-blondes Heidiland uriger Bergbauern und hemdsärmeliger Handwerker taugt nur noch für Ewiggestrige, oder als vergilbtes Werbefoto für die Tourismusindustrie und für reiche Steuerhinterzieher. Längst erwächst in der Schweiz eine neue, postmigrantische Generation, die vom selbstgefälligen Mythos des eidgenössischen Volkes nichts hören will, die in anderen Realitäten und Öffentlichkeiten lebt und deren Welt sich nicht auf ein Land zuschneiden lässt. Die Schweiz braucht daher ein neues Selbstverständnis, einen neuen Style, neue Bilder, die diese Lebenswirklichkeiten im Land angemessen widerspiegeln. Wir wollen in den öffentlichen Debatten nicht mehr vertreten werden. Wir wollen unsere eigenen Gesichter sehen, unsere eigenen Stimmen hören, unsere eigenen Namen lesen. Die Geschichte lehrt uns, dass es sich lohnt, einen langen Atem zu haben. Wir lernen von der Frauenbewegung, von der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, von der Anti-Apartheid-Bewegung, von der Queer-Bewegung, von den Sans-Papiers und von den Alltagskämpfen und Lebensgeschichten unserer Eltern und Familien. Die Kräfte der weltweiten Migration, die sich nicht an die Planziele nationaler und internationaler Regulierungsvorhaben halten, zeigen, dass uns die Zeit in die Karten spielt. Allen nationalen Abschottungsinitiativen, Zäunen und Gewässern der Welt zum Trotz, die Geschichte zeigt: Grenzen können nie gänzlich geschlossen werden, weder von der Schweiz, noch von der EU, noch von irgendeinem Land. Menschen werden kommen, egal als was und ob sie von irgendwem gerufen werden. Menschen werden kommen – so wie unsere Eltern, so wie wir – und das Leben in den weissen Wohlstandsblasen der Welt, nicht nur in der Schweiz, verändern. Langsam, aber stetig. Wer glaubt ernsthaft, dass sich etwas dem mächtigen Drängen der Menschen auf der Welt nach Teilhabe und Glück in den Weg stellen kann?
Wir sind da. Wir bleiben. Wir werden mehr. Wir fordern Anerkennung. Wir fordern Bürgerrecht. Wir fordern Selbstrepräsentation, politisch, medial und kulturell. Wir fordern gerechte Teilhabe. Wir fordern ein Ende der Diskriminierung und Segregation nach Herkunft, Name und Aussehen. Wir fordern eine Öffnung der Grenzen. Wir fordern ein Ende des eidgenössischen Alptraums. Für eine Schweiz 2.0. Für eine Second@ Republica Helvetica.
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