Care: Kostenfaktor oder Lebensqualität?

Anika Thym

aus Debatte Nr. 28 – Frühling 2014

Care und Care-Arbeit werden aktuell viel diskutiert: verschlechterte Bedingungen in der Pflege, Zeitdruck in Krankenhäusern, niedrige Löhne für das Personal. Silke Chorus leistet mit ihrem Buch zur «Care-Ökonomie im Postfordismus» einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion. Ihr Verständnis von Care und von Gesellschaft muss jedoch auch kritisch hinterfragt werden. Eine Rezension.

Silke Chorus geht in ihrem Buch zu Care-Ökonomie im Postfordismus auf Fragen ein, die derzeit in Diskussionen um Reproduktion und Feministische Ökonomie viel debattiert werden. Warenförmige Dienstleistungen und darin v.a. Care-Arbeit (Pflege, Betreuung, Sorge) haben im Postfordismus¹ an Bedeutung gewonnen. Vor diesem Hintergrund tauchen verschiedene Fragen auf, wie beispielsweise: Was passiert mit Care-Arbeit, wenn sie kommodifiziert wird, das heisst zur Ware wird? Ist Pflegearbeit weniger produktiv als Fliessbandarbeit in der Automobilproduktion? Wie hängen Produktion und Reproduktion zusammen und wo verläuft überhaupt die Trennung zwischen den beiden?
Chorus bemängelt an den bisherigen ökonomischen Analysen, dass die «Care-Seite» nicht in den Blick genommen wird, dass also ökonomische Analysen nicht genügend thematisieren, was im Bereich der Pflege aktuell passiert. Feministische Analysen hingegen, die sie zum Thema machen, fragen weder nach den Besonderheiten von Care-Arbeit im heutigen Kontext, noch thematisieren sie den Einfluss, den Care-Arbeit auf die Sphäre der Produktion hat. Chorus geht daher der Frage nach, «wie sich im Zuge dieser scheinbar recht grundlegenden und umfassenden sozio-ökonomischen Transformation die traditionell bis heute maßgeblich von Frauen bevölkerten Care-Bereiche unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems verändern» (13). Dabei verfolgt Chorus zwei übergeordnete Ziele: Erstens eine eigenständige Theorie der Care-Economy weiterzuentwickeln (ein Anliegen, für das sich vor allem die Basler Ökonomin Mascha Madörin stark macht²) und zweitens die Kommodifizierung von Care, als sozio-ökonomisches Phänomen, genauer zu verstehen. Sie betrachtet dabei auch, als empirisches Beispiel, die aktuellen Entwicklungen in New York.

An der Berliner Universitätsklinik Charité wurde und wird gestreikt: erst für bessere Löhne, nun für eine Personalmindestbesetzung, Gesundheitsschutz und Ausbildungsqualität.

An der Berliner Universitätsklinik Charité wurde und wird gestreikt: erst für bessere Löhne, nun für eine Personalmindestbesetzung, Gesundheitsschutz und Ausbildungsqualität.

Integrale Perspektive auf Produktion und soziale Reproduktion

Ihrem Vorhaben versucht Chorus durch eine regulationstheoretische, integrale Perspektive gerecht zu werden, in der sie Produktion und soziale Reproduktion als Abstraktionen zweier gesellschaftlicher Bereiche gleichberechtigt miteinander in Beziehung setzt. Integral nennt sie die Perspektive, da sie sowohl die soziale Reproduktion in die politische Ökonomie, als auch die politische Ökonomie in die soziale Reproduktion hinein bringen möchte. Die regulationstheoretische Herangehensweise bedeutet, dass die ökonomische Geschichte der Menschen als soziale Geschichte betrachtet wird, in der vergeschlechtlichte Individuen ihre gesellschaftlichen Verhältnisse gestalten. Da Regulationstheoretiker_innen die soziale Reproduktion als Gegenstand ihrer Analyse vernachlässigen, bringt Chorus diese über die «Feminist Global Political Economy»³ ein und erweitert sie damit.

Was ist Care?

In Bezug auf den Gegenstand Care betont Chorus in verschiedenen Zusammenhängen das «besondere» Element von Care, verweist auf seine Position «ausserhalb» der kapitalistischen Produktionsweise und seine «anderen» Handlungslogiken. Grundlegend ist ihr Verständnis von Care als anthropologischer Konstante, d.h. als etwas das natürlicherweise zum Mensch-Sein gehört. Nach Chorus ist das Distinktionsmerkmal von Care «weder der Ort, noch die Organisationsweise, noch die Funktion in Bezug auf die kapitalistische Produktionsweise, sondern ‹das Care-Element› in der Arbeit» (33). Damit meint sie, dass bei dieser Arbeit Personen und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen; sie fokussiert auf Beziehungen, die einseitig und asymmetrisch sind (z.B. Pflege einer kranken Person). In einem nächsten Schritt fragt Chorus nach der gesellschaftlichen Organisation von Care-Arbeit. Im Anschluss an die feministische Ökonomik sieht sie Care als Teil der «anderen Ökonomie», der Care-Ökonomie, die nach anderen Gesetzen und Handlungsrationalitäten funktioniert. Während Beschleunigung und Intensivierung von Arbeitsprozessen in der Automobilindustrie zu Produktivitätssteigerung führen können, gehen derartige Versuche in Bezug auf Care-Arbeit mit einem Qualitätsverlust einher. Anschliessend fragt sie nach Care als Teil der «einen Ökonomie»: Was passiert wenn Care eben nicht Teil der anderen Ökonomie (z.B. nicht-entlohnte Hausarbeit) ist, sondern der einen Ökonomie, also zur Ware wird?

«Pflege am Boden» ist ein Zusammenschluss von Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten oder pflegenden Angehörigen und Menschen, denen die Pflege am Herzen liegt. Ihr Ziel ist, Politik und Gesellschaft auf die Missstände der derzeitigen Pflegesituation in Deutschland aufmerksam machen.

«Pflege am Boden» ist ein Zusammenschluss von Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten oder pflegenden Angehörigen und Menschen, denen die Pflege am Herzen liegt. Ihr Ziel ist, Politik und Gesellschaft auf die Missstände der derzeitigen Pflegesituation in Deutschland aufmerksam machen.

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Care und Care-Arbeit in Warenform

Chorus nähert sich ihrem Gegenstand Care in Warenform in einem nächsten Schritt über eine Formanalyse der Ware Care an. Marx zufolge wäre, wenn Care und Care-Arbeit kommodifiziert sind, Care eine Ware und bezahlte Care-Arbeit warenproduzierende Arbeit, wie jede andere (bezahlte) Arbeit auch. Feministische Ökonom_innen wie Madörin betonen jedoch, und diesen Punkt macht Chorus in ihren Analysen sehr stark, dass Kommodifizierung von Care nur in Grenzen funktioniert und es für die politische Ökonomie einen Unterschied mache, ob Autos produziert oder Menschen versorgt würden sowie ob Kleider für den Ehemann oder für einen Säugling aufgeräumt werden. Marx’ Warenform lasse sich daher nicht direkt auf kommodifiziertes Care übertragen. Der Inhalt Care habe einen Einfluss auf die besondere Warenform von Care. Als Gründe hierfür nennt sie erstens, dass die Beziehung zwischen Care giver und Care taker aufgrund der einseitigen Abhängigkeit asymmetrisch ist, zweitens, dass das Geld für die Bezahlung der Care-Dienstleistung nicht in dem Zeitfenster selbst erarbeitet werden kann (ein Kind, oder eine pflegebedürftige Person kann sich den Gegenwert für die Dienstleisung nicht in dem Moment erarbeiten), drittens, dass daher bereits verausgabte Arbeit Bedingung für die Verfügbarkeit von Geld für Care sei.
Chorus bestimmt hier drei Möglichkeiten, wie Care-taker zu diesem Geld für Care kommen können: a) Lohnabhängige legen einen Teil vom Lohn zurück, als Care-Schatz (z.B. als Altersvorsorge), b) sie erhalten eine Geld-Schenkung (z.B. als Kind von den Eltern) oder c) sie zahlen in einen kollektiven Care-Topf ein (z.B. Krankenversicherung). Die Ware Care sei somit als Kostenfaktor im Erhalt der Ware Arbeitskraft inbegriffen und auch Bestandteil der Lohnkosten des Unternehmens. Da die Reproduktion der Arbeitskraft hier nur als Kosten aus Sicht der Unternehmung anfallen, dient sie laut Chorus nicht der Reproduktion des Kapitals.

(Un-)Produktivität von Care-Dienstleistungen

Auch wenn Chorus in einem ersten Schritt davon ausgeht, dass eine Pflegekraft oder Kindergärtner_in vom Standpunkt des Einzelkapitals ein_e produktive_r Arbeiter_in ist, wenn sie im Dienste eines gewinnorientierten Unternehmens arbeitet, so stellt sie dies in einem zweiten Schritt wieder in Frage. Entsteht ein Profit in einem Care-Unternehmen, so handelt es sich um eine Umverteilung von bereits vorhandenem Reichtum, da die Care-Arbeiter_innen aus Care-Schätzen bezahlt werden. Für Chorus ist Care-Arbeit unproduktiv, auch wenn produktive Arbeit die unproduktive voraussetzt, sofern sie gesellschaftlich notwendig ist. Sie verwendet den Begriff, um aus der Perspektive des kapitalistischen Produktionsprozesses zu bestimmen, welche Arbeiten zur Mehrung des materiellen Reichtums beitragen und welche Reichtum verzehren.
Marx’ Werttheorie entsprechend ergibt sich der Wert einer Ware nicht aus der Sache, sondern aus dem Tauschwert. Dieser folgt tendenziell einigen Gesetzmässigkeiten4, nach denen bezahlte Care-Arbeit in Industriegesellschaften aktuell schlecht abschneidet: da sie zeitintensiv ist, wird sie im Vergleich zur durchschnittlichen Produktivität teurer. Jedoch untergrabe die kapitalistische Produktion als Verwertungsprozess genau jene sozial-ökologischen Voraussetzungen, auf die sie im Arbeitsprozess angewiesen ist. Die Kommodifizierung von Care kann in diesem Sinn zu einer Care-Krise führen, da sich tendenziell die Interessen des Einzelkapitals und des Gesamtkapitals widersprechen. Für das Einzelkapital mag Care-Arbeit nicht rentabel sein, das Gesamtkapital ist jedoch darauf angewiesen, für die Reproduktion der Ware Arbeitskraft.

Empirisches Beispiel: New York City

Das Beispiel New York City bietet Chorus für ihre Analyse laborähnliche Bedingungen zur Untersuchung der Kommodifizierung von Care: hohe weibliche Erwerbstätigkeit, rudimentärer Sozialstaat, Lohnspreizung, viele migrantische Arbeitskräfte, die es besonders schwer haben, sich zu organisieren. Möglichkeitsbedingung für das Wachstum der Care Ökonomie waren dort: Subventionen, kollektive Care-Schätze, Arbeitszwang, Care-Enteignungsprozesse und die Diskriminierungen von undokumentierten Arbeitskräften of color. Care-Arbeit wurde kaum privatwirtschaftlich finanziert, da sie aus der Perspektive des Kapitals kaum rentabel ist. Mit der Kommodifizierung von Care wird daher der strukturelle Widerspruch im Kapitalismus zwischen Produktion und sozialer Reproduktion, der in der bisherigen Geschichte v.a. im vergeschlechtlichten «Äusseren» der Geld- und Warenökonomie kanalisiert wurde, auch innerhalb deutlich sichtbar. Soziale Kämpfe in diesen Bereichen werden jedoch von starken Gegentendenzen konfrontiert: Sparprogramme, ökonomische Krisen, steigende Arbeitslosigkeit. Anhand von diesem Beispiel zeigt sich jedoch auch, dass die Kommodifizierung von Care vordergründig (und dies auch nur kurzfristig) öffentliche Care-Kosten reduzieren und produktive weibliche Arbeitskräfte freisetzen kann. Als Basis für eine nachhaltige volkswirtschaftliche Wachstumsstrategie ist sie jedoch nicht geeignet.

Aufruf von Blockupy 2013: Let’s care! Let’s dance! Let’s Blockupy – Feministisch! Die Verhältnisse zum Tanzen bringen – Care Revolution!

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Für eine Care Revolution

Abschliessend hält Chorus fest, dass die Kommodifizierung von Care eine Care-Seite der politischen Ökonomie des Postfordismus ist. Die Trennung zwischen Produktion und Reproduktion macht trotz Kommodifizierung von Care weiterhin Sinn, da sie aus der Perspektive des sozialen Gesamtkapitals als weitestgehend unproduktive Care-Arbeit verausgabt werden muss. Der Widerspruch zwischen Produktion und sozialer Reproduktion, also zwischen Profit / Produktivität / Akkumulation / Wachstum und Care / Zeit / Reproduktion / menschliche Entwicklung ist Teil des Problems, nicht die Lösung. Wenn das angestrebte Ziel ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell ist, welches zukunftsfähig, ökonomisch, sozial und ökologisch nachhaltig sein soll, müssen sie auch anders, geschlechtergerechter und solidarischer beantwortet werden als bisher. Ein solcher Wandel müsste mit einer Umkehrung der Wertmasstäbe einhergehen, d.h. mit einer Aufwertung von traditionell als weiblich konnotierten, universellen Eigenschaften, Tätigkeiten, Werten und Arbeiten als Gegengewicht zu der derzeitigen Hegemonie eines ‹verrückten› ökonomischen und gesellschaftlichen Paradigmas, in dem Care-Arbeit teuer statt wertvoll, wertschöpfungsschwach statt zeitintensiv / anspruchsvoll, de-qualifiziert statt professionalisiert, abgewertet statt aufgewertet und feminisiert / marginalisiert statt anerkannt wird. Chorus plädiert in diesem Sinn für eine globale Care-Revolution. Sie schliesst ihr Buch im Wissen, dass ökonomisch gesehen, auf dem aktuellen Stand der Entwicklung der Produktivkräfte im aktuellen Kapitalismus sowohl eine «Care-Revolution» als auch die Sicherung der menschlichen Grundbedürfnisse weltweit möglich wären.

Bedenken und Fragen

Insgesamt macht Chorus in ihrem Text zentrale Überlegungen, die für aktuelle Diskussionen um Care-Arbeit sehr fruchtbar und produktiv sind. Auch ihre Marxlektüre bringt wichtige Überlegungen ein. Vieles ist jedoch im Textfluss redundant und auch widersprüchlich. Auch möchte ich einige Dinge grundsätzlich in Frage stellen:

1. Neoliberalismus vs. Postfordismus:
Zunächst macht sich Chorus’ Fokus auf den Postfordismus, statt auf Neoliberalismus bemerkbar. So geht sie – obwohl sie ihren Text in diesen historischen Kontext setzt – in ihrer Analyse nicht auf die veränderte Herrschaftsform seit den 70ern ein. Der Wandel vom Klassenkompromis im wohlfahrtsstaatlichen Fordismus hin zum Neoliberalismus impliziert auch, dass die herrschende Klasse ihre Interessen möglichst ohne Zugeständnisse an die Lohnabhängigen durchsetzt. So war der Ernährerlohn im Fordismus auch ein Zugeständnis der herrschende Klasse an die männlichen Lohnabhängigen, durch das die weibliche Hausarbeit mitfinanziert werden konnte; wobei gleichzeitig eine spezifische Form männlicher Herrschaft garantiert wurde. Dass Care-Arbeit niedrig entlohnt wird, da sie unproduktiv ist, scheint mir daher zu knapp zu greifen. Care-Arbeit war, einbegriffen in den Ernährerlohn, vergleichsweise teurer als heute, wo eineinhalb bis zwei Verdiener_innenhaushalte die Norm bilden. Die Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen sowie die wachsenden Wohlstandsunterschiede verweisen zudem darauf, dass in westlichen (Post-)Industriestaaten nicht weniger Gewinn produziert wird, wie dies Chorus nahe legt, sondern dass der erwirtschaftete Mehrwert anders nach oben umverteilt wird. Die Frage nach produktiver und unproduktiver Arbeit, sowie nach Mehrwertproduktion, müsste daher m.E. auch in Bezug auf die makroökonomische Ebene gestellt werden.

2. Care als anthropologische Konstante:
Einige zentrale Punkte sind nicht Teil von Chorus Analyse, was m.E. an ihrer analytischen Perspektive liegt. Das anthropologische «Care-Element» scheint den Kern der sozialen Reproduktion, der anderen Ökonomie, der nicht-kapitalistischen Handlungsrationalität auszumachen. Aus dem Blick gerät dadurch z.B., inwiefern auch die Produktion lebenserhaltend ist. Warum sollten beispielsweise Nahrungsmittelproduktion oder Hausbau weniger reproduktiv sein, als Krankenpflege? Auch analysiert sie nicht, wie unterschiedlich «Care-Arbeit» historisch geleistet wurde, wie sehr beispielsweise das bürgerliche Verständnis von Kindheit und Erziehung mit der Etablierung der bürgerlichen Gesellschaft zusammen hängt oder wie «sorglos» reproduktive Tätigkeiten Rationalisierungszwängen unterworfen werden und wurden, unter anderem im Dritten Reich. Nicht in den Blick gerät vor allem, inwiefern der Widerspruch zwischen Form und Inhalt, zwischen Individualität und Norm, zwischen menschlichen Bedürfnissen und Kapitalakkumulation eben nicht nur den Care-Bereich betrifft, sondern sich auf gesamtgesellschaftlicher Ebene in verschiedenen Bereichen manifestiert.

3. Care als «nicht-kapitalistisch»:
Diese Setzung von Care als anthropologischer Konstante als Ausgangspunkt führt in Chorus Argumentation dazu, dass sie Care sowohl als unbezahlte, wie auch als bezahlte Arbeit, als «besonders» und als «ausserhalb», sogar als «nicht-kapitalisitsch» sieht. Dieses besondere Element ist es dann auch, das die Reproduktion von der Produktion unterscheidet und die unproduktive von der produktiven Arbeit. Demgegenüber scheint es mir relevant, den jeweils spezifischen Zusammenhang der verschiedenen Tätigkeiten in den Blick zu nehmen. So wird auch deutlich, wie sehr Sorgearbeit selbst herrschaftsstabilisierend ist, wie sehr die Kindererziehung auch eine spezifische leistungsorientierte, heterosexuelle Disziplinierung beinhaltet, wie sehr die soziale Reproduktion Teil kapitaliststischer Gesellschaftsformationen ist. Dass Chorus von «nicht-kapitalistischen Produktionsweisen» (76, 89), von einem «ausserhalb» (31, 43, 52, 84, etc.) oder auch in Bezug auf Lohnarbeit von einer «Unvollständigkeit des Kapitalismus» (86) spricht, liegt m.E. daran, dass dieser Care-Bereich für sie anthropologisch ausserhalb des Kapitalismus liegt – wodurch eben aus dem Blick gerät, wie sehr diese Sorgearbeit kapitalismusspezifisch ist und dass in der Produktion auch Gebrauchswerte produziert werden. Im Gegenteil tendiert Chorus dazu, durch ihr anthropologisches Verständnis Care-Arbeit als passiv zu setzen, die als natürliches Element der Maschinerie des Kapitalismus ausgeliefert ist. Damit zementiert sie die Vorstellung von weiblicher Natürlichkeit und Passivität und verschleiert die Aktivität dieser Arbeit, gerade auch als Kapitalismus-konstituierend. Zudem neigt sie zu einer Heroisierung von Care, indem es – über die anthropologische Konstante – zum Fluchtpunkt für menschliche Emanzipation gemacht wird, nicht zuletzt in der Vision der Care-Revolution. Wo bleiben hier jedoch emanzipatorische Perspektiven, die die Ökologie oder die Ökonomie betreffen? Gilt es nicht, diese Beziehungen konzeptionell anders zu fassen, um auch Emanzipationsmöglichkeiten gemeinsam zu gestalten?

care-oekonomie-im-postfordismus

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Chorus, Silke: Care-Ökonomie im Postfordismus. Perspektiven einer integralen Ökonomie-Theorie. Münster. Westfälisches Dampfboot 2013. 305 Seiten. ISBN: 978-3-89691-915-1. Preis: € 29,90 .
Die Autorin ist Politikwissenschaftlerin und Historikerin. Arbeitsschwerpunkte sind queerfeministische Kritik der politischen Ökonomie und feministische Ökonomik, Organisierung von Care-Arbeit in New York City, Gender Theorien und die NS-Geschichte. Ihre Promotion hatte das rezensierte Buch zum Thema.

1. Mit Postfordismus bezeichnet Chorus die Transformation vom Fordismus hin zur «kapitalistische[n] (Un-)Ordnung nach der Krise des Fordismus in den 1970er Jahren bis hin zur Wirtschaftskrise 2009» (12). Er ist für Chorus ein Begriff der analytisch ausreiche.
2. Vgl. http://debatte.ch/2013/06/geschlecht-und-okonomie-im-neoliberalismus/
3. Eine Forschungsrichtung, die vor allem den androzentrischen Bias in vorherrschenden Machtverhältnissen kritisiert und von dort ausgehend Reproduktion auf globaler Ebene als zentralen Teil von Machtverhältnissen setzt. Sie knüpft an konstruktivistische, post-strukturalistische, marxistische und neo-gramscianische Diskussionen an.
4. Z.B. je höher die Produktivität, desto kleiner der Wert der darin kristallisierten Arbeitsmasse; je kleiner die Produktivkraft der Arbeit, desto grösser die Arbeitszeit und damit sein Wert.

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