«It seemed like a good idea at the time»

Hanspeter Gysin

aus Debatte Nr. 27 – Winter 2013

Politisch motivierte Solidaritätsarbeit muss sich nicht zwingend auf deklamatorische Floskeln und demonstrative Profilierung der beteiligten politischen Formationen beschränken. Sie kann, wenn einleuchtende Vorschläge präsentiert werden, auch konkrete Formen annehmen. So, vor nunmehr zwanzig Jahren, anlässlich der Solidaritätsarbeit von International Workers Aid mit den multiethnischen Kräften im von kriegerischen Auseinandersetzungen gebeutelten Bosnien und Herzegowina.

In den Jahren 1984 und 1985 tobte in Grossbritannien der grosse Bergarbeiterstreik, in dessen Folge das britische Bürgertum unter Thatcher, nicht ohne Beihilfe eines wesentlichen Teils der Gewerkschaftsbürokratie, den militanten Flügel der National Union of Mineworkers (NUM) ausmanövrierte und der Arbeiterbewegung einen bleibenden Schaden zufügte. In dieser schweren Zeit für die britische Arbeiterklasse spendeten unter anderen die gewerkschaftlich organisierten Bergleute in Tuzla (Bosnien und Herzegowina, Jugoslawien) monatlich den Lohn eines Arbeitstages an ihre britischen Kollegen. Zehn Jahre später und angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen, die auch Bosnien und Herzegowina erfassten, haben sich Gewerkschafter daran erinnert und eine Solidaritätsaktion mit ihren Genossen im zentralbosnischen Tuzla lanciert. 1993 wurde in London beschlossen, eine Organisation unter dem Namen International Workers Aid (IWA) zu gründen.

Die Eagle Base, Standort der 1. US-Panzerdivision am Airport Tuzla.

Die Eagle Base, Standort der 1. US-Panzerdivision am Airport Tuzla.

Jugoslawien und der Krieg

Zu Beginn der Neunzigerjahre, zehn Jahre nach dem Tod des 30 Jahre lang autoritär regierenden Marschalls Tito, mündete der Konkurrenzkampf der sich kommunistisch nennenden Nomenklatur der jugoslawischen Teilrepubliken um das Territorium und den Reichtum Jugoslawiens in erste bewaffnete Auseinandersetzungen. Die begleitende nationalchauvinistische Angstpropaganda feierte Urstände und bald schon begannen Vertreibungsaktionen gegen Minderheiten aus benachbarten Teilrepubliken. Vom «Westen» (Deutschland allen voran) wurde der innerjugoslawische Streit propagandistisch und mit lukrativen Zukunftsversprechen an die jugoslawischen Eliten geschürt. Dank heimlicher Waffenlieferungen des «Westens» (z.T. aus Beständen der DDR-Armee) auf der einen Seite, und auf der anderen mit Unterstützung der Regierung der serbischen Teilrepublik und der Jugoslawischen Armee wurden regionale, nationalistische Milizen in allen Landesteilen gestärkt. Zu ersten Kampfhandlungen kam es Mitte 1991.
Obwohl am 12. November 1991 in Sarajewo 100’000 Menschen gegen die drohende ethnische Aufspaltung der Teilrepublik Bosnien und Herzegowina (BiH) demonstrierten, wurde im März 1992 der Krieg auch im geografischen Zentrum Jugoslawiens vom Zaun gerissen. Im Sommer spalteten sich zwei ethnisch definierte Territorien von Bosnien und Herzegowina als «Serbische Republik» respektive «Kroatische Gemeinschaft» ab. Im Westen und Osten der Republik herrschten und mordeten serbische, im Süden und Norden kroatische Milizen.

Tuzla

Mitten in diesem Geschehen befand sich die Industriestadt Tuzla. Kohle- und Salzabbau sowie die chemische Industrie bildeten (und bilden) deren Lebensgrundlage. Tuzla hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 110’000 Einwohner_innen und beherbergte bereits rund 70’000 Flüchtlinge und Vertriebene aus anderen Landesteilen. Regiert wurde (und wird) die Stadt von einer sozialdemokratischen Regierung (in ihrer Satzung strebt die SDP noch immer einen demokratischen Sozialismus an), die eine ethnische Aufteilung der Teilrepublik vehement ablehnte. Einen wesentlichen politischen Einflussfaktor bildete die starke lokale Bergarbeitergewerkschaft. Militanz war schon immer ein Prädikat der organisierten Arbeiterschaft dort. 1943 war Tuzla eine der Hochburgen des Widerstandes gegen die Nazi-Besatzung. Ein Denkmal an den Aufstand der Bergarbeiter von Husino nahe Tuzla im Jahr 1920, zur Zeit des «Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen», steht noch heute prominent in einem Park in der Nähe des Bahnhofes.

Das Husino-Denkmal, Symbol einer kämpferischen Arbeiterschaft.

Das Husino-Denkmal, Symbol einer kämpferischen Arbeiterschaft.

Die Kämpfe um Sarajewo und andere benachbarte Städte, mit der ihrerseits in ethnische Fraktionen zerfallenden Jugoslawischen Armee (JNA) und den von ihr begünstigten serbisch-nationalistischen Regionalmilizen, hatten bereits zahlreiche Opfer gefordert. Ein aus Tuzla abziehender Konvoi der JNA, mit dem versucht wurde Waffen und Munition in die serbisch beherrschten Teile von BiH zu bringen, wurde im Mai 1992 von einheimischen Bewaffneten unter Beschuss genommen und dabei ein grosser Teil der Munition zerstört. Dies war der Auslöser für eine organisierte, multiethnische Verteidigungsfront gegen alle, die Tuzla und seine Umgebung in Ethnien aufspalten wollten. Offensichtlich ist, dass der wesentliche Aspekt dieser Entwicklung in dem über Jahrzehnte aufrecherhaltenen Klassenbewusstsein der Arbeiterschaft Tuzlas liegt. Hat man selber die Schlupflöcher der städtischen Verteidigungskräfte besucht, konnte man bereits an den Namen der Kämpfer, die sich dort (im Lichte einer von einer Autobatterie gespeisten Funzel) trafen, dem Tomislav (serbisch), dem Branko (kroatisch) und dem Hussein erkennen, dass es da nicht um die Frage ging, welcher Religions- oder Kulturgemeinschaft der Einzelne angehörte. Sondern darum, dass sie alle als Arbeiter das selbe Schicksal teilten und sich der selben Arbeiterklasse angehörig empfanden. Bei den Lokalwahlen 1990 hatten denn auch die nationalistischen Parteien der Serben (SDS) und Kroaten (HDZ) sowie die moslemische Partei (SDA) nur Minderheiten hinter sich scharren können. Auch die religiösen Repräsentanten der Stadt sahen sich deshalb, im Unterschied zu ihresgleichen andernorts, zur friedlichen Koexistenz angehalten. Bemerkenswerter Ausdruck dieses Willens, sich nicht in Ethnien aufspalten zu lassen, ist auch, dass im Sinne eines politischen Winkes mitten im Krieg die serbisch-orthodoxe Kirche von Tuzla auf Anordnung der Stadtregierung instandgesetzt und neu gestrichen wurde.

Das Kohlekraftwerk Tuzla, Lebensnerv der Stadt.

Das Kohlekraftwerk Tuzla, Lebensnerv der Stadt.

Was war die Idee, die so überzeugend wirkte?

Die Kohleminen, in Kombination mit dem grossen Kohlekraftwerk, waren (und sind) die ökonomische Grundlage und der Lebensnerv der Industriestadt. Da die Beziehungen zu den Gewerkschaften der Minenarbeiter eine gute, vertrauenswürdige Grundlage hatten, wurde folglich der Entscheid gefällt, in erster Linie die Aufrechterhaltung der Kohleförderung zu unterstützen. Also bestand die Idee – natürlich auch unter Berücksichtigung der beschränkten Ressourcen – darin, die Bergarbeiter mit Nahrungsmittelpaketen zu beliefern, um mit dieser gezielten Hilfe dafür sorgen zu können, dass einerseits Strom (und etwas Fernwärme) produziert und im Winter die (ziemlich kohleabhängige) Beheizung der städtischen Wohnungen gewährleistet werden konnte. Das Projekt nahm seinen Anlauf bei einer Solidaritätskundgebung für einen von der damaligen Regierung brutal unterdrückten Streik der Uhrenarbeiter bei Timex, im schottischen Dundee, wo einige Gewerkschafter_innen damit begannen, Geld für einen Hilfskonvoi nach Tuzla zu sammeln. Recht gut vernetzte Mitglieder der britischen Socialist Workers Party (SWP) schlugen landesweit an Gewerkschaftsversamm-*lungen Solidaritätsresolutionen vor und riefen zu grösseren Geldspenden auf. Bald war man in der Lage, ausrangierte Kleinlaster zu kaufen, arbeitslose Londoner Busfahrer führten den anfänglich kleinen Konvoi von Stadt zu Stadt und von Gewerkschaftsveranstaltung zu Gewerkschaftsveranstaltung, sammelten Geld und Sachspenden. Die Idee fand auch bei der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC) anklang. Linksradikale (vor allem «trotzkistische» und libertäre) Gruppierungen und Gewerkschaften in Italien, Dänemark (SAP), Spanien, Norwegen, Kroatien, Deutschland und anderswo schlossen sich an.

Die orthodoxe Kirche, als Versöhnungsgeste mitten im Krieg renoviert.

Die orthodoxe Kirche, als Versöhnungsgeste mitten im Krieg renoviert.

Der erste Konvoi schwoll auf seinem Weg über Frankreich, Schweiz, Italien an und gleichzeitig die Lastwagenkolonne aus Schweden, die via Dänemark, Deutschland und Österreich fuhr. Auch Tschechen, Slowaken und Ungaren machten dabei mit. An Unterstützung hat es nicht gefehlt, wohl aber an leicht zu bewältigenden Wegen um das Ziel, die von allen Seiten belagerte Stadt Tuzla zu erreichen. Waren die bürokratischen Hindernisse mit Polizei und Zollbehörden an den Grenzübergängen der europäischen Staaten noch zu überwinden, so stellte sich kurz vor dem Ziel die sogenannte UN Protection Force (UNPROFOR) quer. Die sicherere Route vom nördlichen Zupania (an der Save) war ausschliesslich für UN-Gebrauch deklariert. Der Flughafen von Tuzla stand gegen Ende des Krieges als streng bewachte Militärbasis der 1. Panzerdivision der US Streitkräfte unter der Bezeichnung «Eagle Base» ausschliesslich der Nato zur Verfügung. Ebenso die US-Helikopterbasis «Comanche» gleich nebenan. Die Hauptverkehrsachsen der südliche Route von der Küstenstadt Split aus waren von nationalistischen (kroatischen) Milizen kontrolliert und sporadisch umkämpft, so dass der verbleibende Weg über Forst- und Feldwege für die vorhandenen LWK kaum passierbar war. Vier Monate benötigte der erste Konvoi, um – streckenweise unter missmutigem Geleit von UN-Panzerfahrzeugen – in Tuzla einzutreffen und er ist in dieser Zeit von 17 auf 4 LKW geschrumpft. Die 13 LKW, die aus unterschiedlichen Gründen zurück in ihre Heimatländer fahren mussten, haben ihre ersten Ladungen in Flüchtlingscamps der Umgebung verteilt. Eine Ernüchterung zwar, aber kein Grund, das Projekt aufzugeben. Später war IWA in der Lage, in Schweden ein paar ausgemusterte Militär-LKW mit Mehrradantrieb zu kaufen. In den Jahren 1994 bis 1996 wurden mit diesen insgesamt etwa 20 Konvois mehrere Hundert Tonnen Lebensmittel und medizinische Güter nach Tuzla gefahren.

Die 1. US-Panzerdivision an der Save.

Die 1. US-Panzerdivision an der Save.

Unser Beitrag

Mit Unterstützung schweizerischer Gewerkschaften (GBI und VPOD) und einer kirchlichen Gruppe ist es auch uns gelungen, mehrere hundert Pakete mit Schulmaterial an die Lehrer_innen-Gewerkschaft Tuzlas zu spenden und von IWA transportieren zu lassen. Zweimal (1995 und 1996) haben wir, damals Mitglieder der Gruppe «Sozialistische Alternative», als kleine Schweizer Delegation des Vereins «Solidarität mit Bosnien und Herzegowina» Tuzla besucht. Einmal um Bedürfnisse abzuklären und beim zweiten Mal um bei der Lehrergewerkschaft das Resultat unserer Bemühungen zu erkunden. Die erste Reise über die Südroute führte uns durch von kroatischen Milizen kontrolliertes Gebiet, mit einem alten klapprigen Bus von Split nach Zenica. Dort ging es weiter mit einem geländekundigen Taxifahrer über holperige Schleichwege nach Tuzla. Hinweise von Ortskundigen halfen dem Fahrer erfolgreich, brenzlige Örtlichkeiten zu umfahren. Mühsamer war dann die Rückfahrt gegen Süden durch Gebiete, aus denen kurz zuvor die serbischen Milizen vertrieben worden waren, mit Bussen, die wegen technischer Pannen zweimal gewechselt werden mussten. Dies gab unterwegs, bei Mostar, einigen jungen kroatischen Milizionären die Gelegenheit, den Wartenden durch permanentes Herumfuchteln mit ihren Maschinenpistolen, begleitet von dummen Sprüchen, mulmige Gefühle zu verursachen. Die zweite Reise führte uns von Zagreb aus über die nur für militärische Zwecke reservierte Nordroute in einem UN-Kleinbus, der Polizisten aus Uganda und Dänemark nach Tuzla bringen sollte und von einem ziemlich durchgeknallten US-Soldaten im Vollgasmodus gefahren wurde. Die Save bei Zupania musste auf einer von einem seitlich vertäuten Motorboot angetriebenen Fähre (eigentlich ein grosses Brett, auf dem entweder zwei Lastwagen oder maximal 8 PW Platz fanden) überquert werden. Links und rechts der Strasse eingegrabene US-Panzerhaubitzen machten deutlich, von wem zu diesem Zeitpunkt die Strasse beherrscht war.

Die zweite Generation LKW von International Workers Aid.

Die zweite Generation LKW von International Workers Aid.

Und heute?

Tuzla ist trotz mehrerer Stauseen in anderen Landesgegenden noch immer der grösste Stromerzeuger von Bosnien und Herzegowina. Die Kohleminen produzieren heute wieder über eine Million Tonnen Kohle. Aber sie sind stark defizitär und hängen noch immer am Tropf des United Nations Development Programme und von gewiss nicht uneigennützigen Spenden der EU. Und sie sind inzwischen samt dem dazugehörige Kohlekraftwerk, trotz des gewerkschaftlichen Widerstandes, mit viel Lügenpropaganda, Erpressung mit Betriebsschliessung und auch dank Lohnerhöhungen und vorläufiger Beibehaltung der wesentlichen Anstellungsbedingungen privatisiert worden. Der Kapitalismus hat Einzug gehalten und die alten Kontaktpersonen sind nun gezwungen, ihre Arbeitskraft arbeitsmarktgerecht in Konkurrenz zu stellen. Einige sind an Krankheiten gestorben oder in Pension gegangen. Die damals von IWA unterstützte unabhängige Gewerkschaftszeitung «Rudar» wurde eingestellt. Doch die etwas bittere Bilanz ändert nichts daran, dass das Projekt «International Workers Aid» ein herausragendes Beispiel für konkrete und vor allem klassenbewusste Solidaritätsarbeit bleibt. Einer der Konvoi-Leiter hat den passenden Spruch geprägt: «It seemed like a good idea at the time» – und das war es auch.

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