Offener Brief an den französischen Innenminister Manuel Valls

Jean-Claude Lefort*

aus Debatte Nr. 27 – Winter 2013

«Roma sind dazu bestimmt/berufen, nach Rumänien oder Bulgarien zurückzukehren», liess sich im September 2013 der französische Innenminister Manuel Valls zitieren, selber eingebürgerter Sohn spanischer Flüchtlinge («Les Roms ont vocation à rentrer en Roumanie ou en Bulgarie», Libération, 24.9.2013). Die sozialistische Regierung führt die Ausschaffungspolitik der vorherigen rechten Regierung gegen Roma unbeirrt weiter. Am 9. Oktober 2013 wurde denn auch die 15-jährige Schülerin Leonarda Dibrani auf einer Klassenfahrt aufgegriffen und mit ihrer Familie in den Kosovo ausgeschafft, wo sie noch nie gelebt hatte. Schülerinnen und Schüler in ganz Frankreich protestierten gegen diese Politik. (Red.)

Manuel, auf BFM TV hast du erklärt, dass die Lage der Roma ganz anders sei als für deine Familie, die vor Francos Diktatur geflüchtet war.
Als du 1982 Franzose wurdest, gab es keine Diktatur mehr in Spanien. In deinen eigenen Worten wäre also deine «Bestimmung» gewesen, ins Land deiner Geburt zurückzukehren. Das hast du nicht getan, was ich sehr gut verstehe, wie auch deinen Wunsch nach Einbürgerung.
Ich bin Franzose mit Wurzeln bei den Manouches, den französischen Fahrenden. Mein Vater war französischer Manouche und ging 1936 nach Spanien, um in einer internationalen Brigade gegen Francos Truppen zu kämpfen. Er hat für die Freiheit deines Geburtslandes gekämpft. Dabei liess er sein Leben, Manuel. Er starb an den Folgen der Verletzungen, die er 1937 durch Francos Truppen auf der Jarama-Front erlitt. Ich verlange kein Wort des Dankes von deiner Seite, auch kein Mitgefühl. Ich fühle mich noch heute geehrt dadurch, dass mein Vater diesen Weg gegangen ist.
Dann kam der Zweite Weltkrieg. Die Lager der Nazis öffneten sich auch für Zigeuner, wie du weisst. In sehr grosser Zahl schlossen sich damals Angehörige der Manouches und der Gitanos sowie Spanier dem Widerstand auf französischem Boden an. Dabei hatten diese Leute, nach deinen Worten, zur «Bestimmung», in ihrem Herkunftsland zu bleiben oder dorthin zurückzukehren!
Warum verstehst du nicht, dass niemand die «Bestimmung» hat, in einem Land zu bleiben oder dorthin zurückzukehren? Wenn man politisch links ist, kann man keinen Schlagstock anstelle des Herzens haben.
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* Ehemaliger Abgeordneter in Val-de-Marne (F). Aus: A contre-courant Nr. 248, Oktober 2013 (gekürzt).

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