Ein Kritiker von ganz unten

Maja Tschumi*

aus Debatte Nr. 27 – Winter 2013

Carl Albert Loosli (1877-1959) prägte die öffentliche Diskussion um Recht und Erziehungswesen in der Schweiz von den 1920er bis in die 1950er Jahre. Er kämpfte gegen Behördenwillkür und setzte sich für Minoritäten ein. Schon zu Lebzeiten bezahlte Loosli mit Armut und Ächtung einen hohen Preis für seinen scharfzüngigen Humor und seine offensive Kritik an Justiz, Sozialpolitik und dem Mythos einer braven, intakten Schweiz. Heute kennt ihn kaum noch jemand. Zu unrecht.

Aufgrund der Eingebundenheit grosser Parteien in die Konkordanzdemokratie und des angespannten politischen Klimas während des Kalten Krieges schien eine radikalere Linksopposition in der Schweiz aussichtslos. Diese Einschätzung war der Ausgangspunkt einer in den frühen 60ern entstandenen diffusen Bewegung von Nonkonformisten_innen – v.a. Vertreter einer mittelständischen, urbanen Opposition von Männern, die nicht mehr unhinterfragt fortschrittsgläubig, antikommunistisch und wohlstandsfroh sein wollten. Alle galten sie als Einzelkämpfer_innen, Menschen mit Zivilcourage und legitimiert durch moralische Integrität. 1972 rief der Publizist Rudolf Stalder den in Vergessenheit geratenen Schweizer Autor Carl Albert Loosli als Nonkonformisten avant la lettre erstmals wieder in Erinnerung. Auch wenn diese Bezeichnung ungenau ist, da Loosli einer anderen politischen Situation und als Waise und Autodidakt, der einem ärmlichen Milieu entstammte, auch einer anderen Klasse angehörte, trifft sie dennoch zu. Loosli versuchte als politisch unbeugsamer Journalist und Einzelkämpfer wie die späteren Nonkonformisten die Öffentlichkeit als Ort der Äusserung von Gesellschaftskritik ohne Befürchtung von staatlichen Repressionen zurück zu erobern. Ob er aber linksradikal, linksliberal oder gar liberal argumentierte, ist bei ihm je von Ziel, Argumentationsstrategie und Sachverhalt abhängig.

Carl Albert Loosli (1877-1959).

Carl Albert Loosli (1877-1959).

2009 erschien im Rotpunktverlag eine thematisch geordnete Anthologie seines Werks, die neben Originaltexten auch Briefe, journalistische Repliken und andere Zeitdokumente umfasst. Die beiden Editoren Erwin Marti und Fredi Lerch dokumentieren damit ein Stück Schweizer Mentalitätsgeschichte durch die Augen eines Schriftstellers und Querulanten, der das eigens erfahrene Unrecht objektivierte und zum Politikum machte.

Verdingkind und Anstaltszögling

Loosli wurde 1877 als uneheliches Kind einer armen Bauerntochter im Berner Seeland geboren. Die ersten Lebensjahre verbrachte er als Verdingkind bei einer Pflegemutter, die ihn im Alter von 12 Jahren ins Schulheim Grandchamp (NE) brachte. Von da an durchlief Loosli eine mehr oder weniger typische Laufbahn eines Anstaltszöglings. Nach der rigiden, isolierten und oft brutalen Anstaltserziehung, die Looslis Berichten zufolge der späteren Freiheit oft nicht gewachsene Knechte, Mägde und «Asoziale» produzierte, geriet Loosli an verschiedenen Lehrstellen in Schwierigkeiten. Noch unter Vormundschaft wurde er im Alter von 18 Jahren aufgrund seines aneckenden Verhaltens für zwei Jahre in die Jugendstrafanstalt Trachselwald (BE) abgeschoben. Mit 24 Jahren, bereits als Gerichtsberichterstatter und als Journalist bei der «Berner Weltchronik» tätig, erkämpfte er die gerichtliche Aufhebung der verlängerten Vormundschaft und die Auszahlung der ihm bis dahin vorenthaltenen kleinen Erbschaft. Nach einer Europareise, auf der er u.a. Emile Zola kennen lernte, heiratete er 1903 Ida-Rosa Schneider und liess sich in Bümpliz nieder, wo er mit seiner Familie bis zu seinem Lebensende wohnen blieb.
Die am eigenen Leib erfahrenen Missstände im Erziehungs- und Armenversorgungswesen haben ihn nachhaltig geprägt. Zeitlebens kämpfte Loosli gegen diese an und setzte sich für die Rechte von Minoritäten, Diskriminierten und Aussenseitern ein. Von der Einsicht geleitet, die Marginalisierung von Minoritäten sei kein Ordnungsprinzip, sondern eine staatlich organisierte Unterdrückungsmacht, polemisierte er gegen das damals geltende Recht, welches das Land, wie er sagt, zu einer «anonymen Diktatur der Regierungsbürokratie» habe verkommen lassen. Im Zusammenhang seines Engagements für die Rechte von Minoritäten ist auch sein Aufruf «Zur Frauenemanzipation» (1906) und sein Aufsatz «Die schlimmen Juden» (1926) gegen den aufkommenden Antisemitismus zu verstehen. Letzterer löste allerdings eine Kontroverse aus, da Loosli zwar dezidiert gegen Antisemitismus argumentierte, jedoch aber gewissen antisemitischen Stereotypen verfiel. Aus heutiger Perspektive ist sein isolierter und früher Versuch, dem in der Schweiz sich verbreitenden Antisemitismus etwas entgegenzuhalten, wie die darauf folgenden kritischen Repliken von jüdischer und nicht-jüdischer Seite, als interessantes historisches Dokument zu würdigen.

Revision des Geschichtsbildes

Die Schweizer Geschichte wird mit Loosli zu einer Geschichte mit sozialen Problemen, mit Ausgrenzung von sozial Schwachen und Ausbeutung von Minderheiten. Sie zeigt, dass der heute wieder grassierende Sozialrassismus in der Schweiz eine lange Tradition hat. Schon 1908 forderte Loosli in seinem Aufsatz «Lüge des Geschichtsunterrichts» eine Revision des Schweizer Geschichtsbildes. Er stellte sehr früh Forderungen an die Geschichtswissenschaft, die in der Sozialgeschichte erst in den 70ern und 80ern aufgenommen wurden. Nicht mehr nur die Sicht der Sieger und der herausragenden Figuren müsse berücksichtigt werden, sondern auch der Lebensalltag, die individuellen und kollektiven Bedürfnisse sowie die gesamtgesellschaftliche Dynamik. Die Rehabilitierung Looslis verdankt sich also nicht nur den Nonkonformisten, sondern auch einer Veränderung in der Geschichtswissenschaft, die sich ab den 70ern für Phänomene der Abweichung und Randgruppen zu interessieren beginnt.

Kinder in der Anstalt Sonnenberg für Schwererziehbare in Kriens, 1944. Bild: Paul Senn.

Kinder in der Anstalt Sonnenberg für Schwererziehbare in Kriens, 1944. Bild: Paul Senn.

Administrativjustiz

Nachdem Loosli 1906 mit «Anstaltsleben» den miserablen Zuständen im Erziehungswesen den Kampf angesagt hatte, wandte er sich in den 30er Jahren mit seinem Aufsatz «Administrativjustiz und Schweizerische Konzentrationslager» der administrativen Versorgung zu, der Einweisung von damaligen moralischen Wertvorstellungen nicht entsprechenden, armen oder «arbeitsscheuen» Menschen in geschlossene Anstalten. Wer nicht gut tut, wird versorgt. Das wusste damals jeder. Von der Behördenwillkür bei der Einweisung und den herrschenden Zuständen in den Anstalten berichtete Loosli damals als einer von Wenigen.
Bis in die 1980er Jahre konnten Verwaltungsbehörden fürsorgliche Zwangsmassnahmen, Eingriffe in die Reproduktionsrechte (z.B. Zwangssterilisation) und Fremdplatzierungen anordnen. Die Betroffenen verfügten über keine Rechtsmittel, um sich gegen diese Massnahmen zu wehren. Einmal von der Maschinerie der administrativen Versorgung erfasst, hatten Betroffene nur wenig Chancen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Aufgrund psychischer und physischer Vernachlässigung sowie Misshandlungen und einer minimalen Bildung waren die jungen Erwachsenen nach der Entlassung tatsächlich anfälliger für Kleinkriminalität und Suchterkrankungen, was damals meist mit minderwertigen Genen erklärt wurde. Wer erneut auffiel, wurde als Administrativer «zur Nacherziehung» oder «Arbeitserziehung» u.a. in Strafanstalten versorgt. Nicht selten wussten administrativ Verurteilte – anders als gerichtlich Verurteilte – aufgrund des fehlenden Gerichtsurteils nicht Bescheid über die Dauer ihrer Gefangenschaft. Zudem wurde die Administrativjustiz auch als Instrument der direkten politischen Repression eingesetzt, um z.B. mittels der Diagnose «politischer Gemeingefährlichkeit» jene aus dem Verkehr zu ziehen, die das Bestehende bekämpften, «Panik erzeugten» oder zu Streiks aufriefen. Die Praxis der administrativen Versorgung nach kantonalem Strafrecht oder eidgenössischem Vormundschaftsrecht wurde 1981 aufgehoben, weil sie zur Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK), die 1974 ratifiziert wurde, im Widerspruch stand.

Ein Zeitdiagnostiker

Parallel dazu beschäftigte sich Loosli v.a. von 1914 bis 1949, als das Schweizer Recht durch permanentes Regieren per Notrecht unterlaufen wurde, mit der Frage nach der demokratischen und rechtsstaatlichen Verfasstheit der Schweiz. Es ging ihm dabei nicht nur um eine Kritik, sondern auch um die Verteidigung einer Alternative zu einer «kapitalistischen oder einer antikapitalistischen Diktatur» während der Weltkriege. Loosli analysierte die Gesellschaft in marxistischem Jargon, ein Revolutionär war er aber nicht. Sein Ziel war zwar die fundamentale Gleichheit aller Menschen, doch dafür begab er sich in einen vielleicht symptomatischen Zwiespalt: Während er als Journalist radikale Forderungen proklamierte, setzte er sich als Lobbyist für Reformen ein. Loosli war ein transdisziplinärer Denker und Schreiber. Entsprechend gibt sein Werk einen Einblick in verschiedene Facetten einer historisch turbulenten Zeit. Und als Hinterlassenschaft eines unermüdlichen Kämpfers zeigt es, wie Loosli über journalistische Interventionen verschiedene – politische, sozialkritische und ästhetische – Debatten zu befruchten, zu provozieren und zu prägen vermochte.
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Carl Albert Loosli, 1877–1959. Nonkonformist und Weltbürger. Eine freie Auswahl aus seinen Schriften von Rudolf Stalder. Mit Hinweisen auf Leben und Werk. Tages-Nachrichten, Münsingen 1972.
Werkausgabe in 7 Bänden, hrsg. von Fredi Lerch und Erwin Marti. Rotpunktverlag, Zürich 2006–2009.
www.carl-albert-loosli.ch
www.kinderheime-schweiz.ch
www.netzwerk-verdingt.ch
*Maja Tschumi studierte Philosophie und Germanistik in Zürich und bewegt sich in der ausserparlamentarischen Linken in Zürich.

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