Care statt Krippe

Franziska Schutzbach*

aus Debatte Nr. 27 – Winter 2013

«Unheimliche Krippen-Allianz» hiess der Artikel von Peter Streckeisen in unserem Schwerpunkt «Produktion und Reproduktion» in Debatte 25 vom Sommer 2013. Franziska Schutzbach formuliert hier eine Kritik dieses Beitrags und weist insbesondere auf die Notwendigkeit hin, weitere als nur die klassische Konstellation Frau-Mann-Kinder in die Überlegungen einzubeziehen. Ein wichtiger Ansatz wäre auch eine Aufwertung von Care-Arbeit. (Red.)

Den Vorwurf hört man derzeit oft: Wenn emanzipatorische Forderungen wie Homo-Ehe, Krippenplätze oder Frauenquoten zum politischen Mainstream werden und sich sogar Parteien wie die FDP oder die CVP dafür einsetzen, dann stimmt etwas nicht. Dann dienen diese Forderungen dem Fortbestehen der Herrschaftsverhältnisse. Oder mit Foucault: Macht operiert immer dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Peter Streckeisen argumentierte in seinem Artikel zum Thema Krippenplätze in diesem Sinn: Die Forderung nach Krippenplätzen sei heute vor allem gut für die Wirtschaft. Krippenplätze ermöglichen – so Streckeisen – dass nun auch Frauen ihre Arbeitskraft der ausbeuterischen Lohnarbeit überlassen. Während die Männer weiterhin das tun, was sie schon immer taten: Erwerbsarbeit, Karriere. Statt also die Männer endlich an den Herd zu holen, würde die Erziehungsarbeit an Krippen delegiert. Mit der Fremdbetreuung der Kinder bleiben die Geschlechterverhältnisse in Bezug auf Familienarbeit gemäss Streckeisen beim Alten, davon profitiere die Wirtschaft. Streckeisens Kritik richtet sich nicht nur gegen die Vereinnahmung emanzipatorischer Ideen durch den Neoliberalismus, sondern auch gegen die traditionelle Linke und ihre Glorifizierung der Lohnarbeit. Und nicht zuletzt kritisiert er, dass die traditionellen Mutterideale nun durch biopolitische Normen abgelöst würden, mit denen (besonders) migrantische Kinder in staatlichen Institutionen der Mehrheitsgesellschaft angepasst werden sollen.

In anderen Familienkonstellationen als Frau-Mann-Kinder verlaufen die Achsen der Auseinandersetzung um familiale Arbeitsteilung anders.

In anderen Familienkonstellationen als Frau-Mann-Kinder verlaufen die Achsen der Auseinandersetzung um familiale Arbeitsteilung anders.

Streckeisens Überlegungen sind wichtig – der emanzipatorische Mehrwert der Erwerbsarbeit für Frauen (und Männer) muss zweifelsohne hinterfragt werden, und die Forderung nach flächendeckenden Krippenplätzen ebenfalls. Dennoch scheint mir, dass es in seiner Argumentation zwei blinde Flecken gibt. Der eine betrifft die Familienkonstellation, der andere die Forderung «Männer an den Herd».

Väter immer vorhanden und einsatzbereit?

Zum ersten Aspekt: Haben tatsächlich alle die Möglichkeit, sich gegen die Betreuung ihrer Kinder in Krippen zu entscheiden, und stattdessen auf die Väter zu setzen? Mir scheint, dass diese Vorstellung vielen Lebensweisen nicht entspricht, zum Beispiel solchen nicht, die jenseits von paarförmigen Modellen ihre Kinder grossziehen. In vielen Konstellationen ist die Beteiligung des aus welchen Gründen auch immer abwesenden oder verhinderten (gestorbenen, in einem anderen Land weilenden, gewalttätigen, kranken, unbekannten) Vaters schlicht keine gewünschte, gute oder überhaupt mögliche Option. Was, wenn zum Beispiel ein Elternteil krank oder behindert ist oder wird? Die Option einer 50:50-Lösung steht schlicht nicht zur Verfügung. Auch in Patchwork, Ein-Eltern oder anderen nicht-paarförmigen – zum Beispiel queeren – Konstellationen steht die Arbeitsteilung zwischen einem Vater und einer Mutter überhaupt nicht zur Disposition, denn die Achsen der Auseinandersetzung um familiale Arbeitsteilung verlaufen anders. Mit anderen Worten: Ein grosser Teil der Kinder wächst nicht in paarförmigen Kernfamilien auf, in denen zwischen einem Vater und einer Mutter unter einem Dach die jeweiligen Anteile an Haus- und Erwerbsarbeit verteilt werden könnten. Wenn es darum gehen soll, dass alle die Betreuung von Kindern mit einer grösstmöglichen Freiheit gestalten können, bleibt meines Erachtens die Forderung nach Krippenplätzen notwendig.
Damit soll Streckeisens Bedenken, dass Krippen die traditionelle Arbeitsteilungen zwischen Müttern und Vätern unhinterfragt lassen, nicht widersprochen werden. Aber meines Erachtens gilt diese Gefahr eben vor allem für bestimmte Konstellationen, und macht die Forderung nach Krippenplätzen keinesfalls obsolet.
Damit komme ich zum zweiten blinden Fleck: Streckeisen fordert, anstelle von flächendeckenden Krippenangeboten doch endlich die Väter an den Herd zu holen. Väter müssten endlich ihr Rollenverständnis ändern und ihren Anteil an der Familienarbeit leisten. Das ist selbstverständlich keine falsche Forderung, und Streckeisen macht auch klar, dass es ihm vor allem um das Wohl der Kinder geht, das ihm nicht gewährleistet scheint, wenn alle Erwachsenen permanent arbeiten. Dennoch greift die Forderung, die er aus dieser Analyse ableitet, nämlich «Männer an den Herd», zu kurz. Denn sie macht uns glauben, dem Problem sei auf der Ebene der individuellen Änderung geschlechtlicher Rollenverständnisse beizukommen. Ich denke aber, dass das Problem noch andere Dimensionen hat als die Weigerung der Männer, Babysocken zu stricken: Wenn wir von Kinderbetreuung oder Sorge-Arbeiten im weitesten Sinne sprechen, müssen wir das abgewertete Standing dieser Tätigkeiten vor Augen haben – dieser Aspekt rutscht in der Forderung nach Männerbeteiligung etwas ab.

Sorge-Arbeit gilt nichts

In unserer Kultur wird Sorge-Arbeit im Vergleich zur marktförmigen Erwerbsarbeit als ökonomisch irrelevant betrachtet und in den Bereich des Privaten oder Unterbezahlten abgeschoben. Lehrberufe, Sozialarbeit, Familienarbeit, Pflege, Betreuung aber auch Reinigungsarbeiten haben kein gesellschaftliches Standing. Der Punkt ist, dass die Abwertung von «Care-Arbeit» systematisch ist, weil dies indirekt den finanziellen Erfolg im Produktions-Sektor gewährleistet. Erstens kann das, was im Care-Bereich eingespart wird, im Produktions-Bereich investiert werden, und zweitens: Unbezahlte Care-Arbeiten haben einen immensen Anteil am Bruttoinlandprodukt. Laut der Ökonomin Mascha Madörin trägt die unbezahlte Arbeit in der Schweiz annähernd gleich viel zur Bruttowertschöpfung bei wie die bezahlte. Im Mainstream-Diskurs wird jedoch systematisch unterschlagen, wie viel Gratis-Arbeit geleistet wird, damit der wirtschaftliche Erfolg möglich ist. Care-Arbeit wird weiterhin als irrelevant, unprofitabel und wertlos dargestellt, damit sie gratis oder billig gemacht wird. Diese Abwertung von Care-Arbeit hängt wiederum systematisch mit der Abwertung bestimmter Menschengruppen zusammen: Warum sind es vor allem Frauen und unterprivilegierte Minoritäten, die diese unterbewertete Arbeit leisten? Die Geschichte moderner Gesellschaften zeigt, dass gerade die hierarchische Aufspaltung in zwei Sphären (wichtige Produktion und unwichtigere Reproduktion) dazu führt, dass bestimmte Menschen die scheinbar weniger wichtige Care-Arbeit gratis oder schlecht bezahlt erledigen. Anders gesagt: Mit dem schlechten Standing dieser Tätigkeiten ist konstitutiv verbunden, dass zum Beispiel Frauen und/oder Migrant_innen abgewertet werden, oder ihnen eine «natürliche Berufung» für diese Tätigkeiten angedichtet wird, damit sie diese Arbeit gratis machen.

Ein Ausdruck der Abwertung von Care-Arbeit, hier mit Bezug auf das längst vergangene Feindbild der «Hausfrau» der 1950er Jahre.

Ein Ausdruck der Abwertung von Care-Arbeit, hier mit Bezug auf das längst vergangene Feindbild der «Hausfrau» der 1950er Jahre.

Ich meine, dass Streckeisens Forderung der Geschlechterrollen-Veränderung ein grundlegendes Problem nicht in den Griff bekommt: Es reicht nicht zu fordern, dass mehr Männer mehr Familienarbeit leisten sollen. Wenn die verschiedenen Arbeiten tatsächlich fairer und freier aufgeteilt werden sollen, muss sich das symbolische und ökonomische Werte-Verhältnis zwischen Reproduktion und Produktion grundlegend verändern. Den Männern ist vermutlich klar: Wenn sie unter den aktuellen Bedingungen ernsthaft in den Care-Sektor wechseln, sind sie die neuen (migrantischen) «Frauen», denn unter den aktuellen Bedingungen werden diejenigen abgewertet, die Sorge-Arbeit leisten. Die Auflösung des hierarchisierten Verhältnisses von Erwerbsarbeit und Sorge-Arbeit ist meines Erachtens nicht auf der individualisierten Ebene der Geschlechterrollen zu schaffen.

Für eine Care-Revolution

Wir brauchen also noch weitere Forderungen – zum Beispiel die Einführung einer 30-Stunden Woche und ausreichend Lohn für alle, damit alle Sorge-Arbeit leisten können. Und zwar unter Bedingungen, unter denen niemand Gefahr läuft, prekarisiert zu werden. Das beinhaltet, dass wir als Gesellschaft bereit sein müssen, einen hohen finanziellen Einsatz bereitzustellen, der sowohl den Einkommensverlust kompensiert als auch den eventuellen Profitverlust im Produktions-Sektor. In der besten aller Welten gäbe es eine neue Unternehmenskultur, die einen Teil ihrer Gewinne direkt in «Care» investiert und teilweise auf Wachstum verzichtet. Denn letztlich ist der Erfolg im Produktionssektor überhaupt nur dann ein Erfolg, wenn er der «Reproduktion» bzw. dem guten Leben aller dient – und nicht einfach sich selbst. Profit um des Profits Willen gehört auf den Müllhaufen der Geschichte – letztlich geht es um nichts Geringeres als um eine längst fällige Umkehrung, bei der nicht mehr reproduziert wird, um zu produzieren, sondern produziert wird, um zu reproduzieren, das heisst zugunsten eines sozialen Miteinanders.
Die Hierarchie und die Spaltung von Reproduktions- und Produktionssphäre müssen durcheinander geraten. «Care» muss als das erkannt werden, was es ist: eine Grundlage der menschlichen Existenz. Es ist an der Zeit zu begreifen, dass sowohl Sorgearbeit als auch Sorgeabhängigkeit keine lästigen Übel sind, die der menschlichen Freiheit im Weg stehen, sondern dass sie Freiheit überhaupt erst bedingen. Abhängigkeit und Freiheit sind keine Gegensätze, wir müssen dieses andro- und eurozentrische Autonomiekonzept hinterfragen, denn nicht die Autonomie ist die Bedingung von Freiheit, sondern die Beziehung. Fangen wir also an, mit der Care-Revolution.
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*Franziska Schutzbach ist wissenschaftliche Assistentin am Zentrum Gender Studies in Basel und arbeitet an ihrer Dissertation zum Thema «Demographische Krisenszenarien und die Regulierung der Fortpflanzung» (Arbeitstitel).

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