Unheimliche Krippen-Allianz

Peter Streckeisen*

aus Debatte 25 – Sommer 2013

Am 3. März wurde über den «Familienartikel» abgestimmt. Die Vorlage war ein Beispiel dafür, dass Forderungen der Frauenbewegung Mainstream geworden sind. In feministischen Zusammenhängen ist eine klassenspezifische Form der Kinderbetreuung zur unhinterfragten Norm geworden. Dieser Beitrag beleuchtet einige Schattenseiten dieses Konsenses.

Schreiende Kinder auf den Plakaten der Nein-Kampagne, lachende Kinder auf jenen des befürwortenden Komitees: Beide Seiten haben im Vorfeld der Abstimmung die Gefühle, die wir beim Anblick von Kleinkindern verspüren, politisch zu instrumentalisieren versucht. Der Familienartikel wurde vom  «Volksmehr» unterstützt, scheiterte aber am  «Ständemehr». Das Ziel der Vorlage bestand darin, die  «Vereinbarkeit von Beruf und Familie» durch einen Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen zu fördern. Ich habe dafür gestimmt, wenn auch nicht mit Begeisterung. Die Vorlage, die auf einen Vorstoss von Nationalrat Hochreutener (CVP) im Jahr 2007 zurückgeht, ist ein Beispiel dafür, wie Forderungen der Frauenbewegung zum politischen Mainstream geworden sind, der nicht mehr hinterfragt werden darf. Wer kritische Fragen stellt, wird verdächtigt, mit der SVP unter einer Decke zu stecken. Doch wenn an der Pressekonferenz des überparteilichen Komitees nach dem «Vater» des Familienartikels (Hochreutener) die freisinnige Egerszegi und die rechte Sozialdemokratin Bruderer zu Wort kommen, sollen wir dann einfach in den Chor der Ja-Sager einstimmen?

Win Win Win

«Ja» sagt Marie-Josée Kuhn, die Chefredaktorin der Gewerkschaftszeitung Work. Sie hat am 1. März unter dem Titel  «Staatskinder» ein Editorial publiziert, das für den Familienartikel wirbt.¹ Dabei macht sie sich über ein Extrablatt der SVP lustig, in der das Schreckgespenst des bösen Staates gezeichnet wird, der den Eltern die Kinder wegnimmt. In ihren Augen ist es eine Frage der Vernunft, Ja zu stimmen, denn die Vorlage sei gut für die Kinder, für die Eltern und für die Wirtschaft. Das wäre ja eine Win-Win-Win-Situation, wie die Ökonomen sagen! Für Kuhn zwar «noch lange nicht die Gleichstellung, aber immerhin».

Gut für die Kinder?

Die Chefredaktorin schreibt: «Es ist vernünftig für die Kleinen: Von denen wissen wir, dass sie in der Kinderkrippe nicht nur schneller sozialer werden, sondern auch schneller gescheiter.» Die Aussage erinnert an Eltern, die ihre Kinder um 7 oder 8 ins Bett schicken, weil sie den Abend für sich wollen, und sagen: «Die Kinder brauchen Schlaf!» Ob die Krippe den Kindern gut tut, hängt aber doch von verschiedenen Faktoren ab: Es kommt darauf an, in welchem Alter sie gehen, wie viel Zeit sie dort verbringen, wie die Bindung zu den Eltern ist, ob die Qualität der Betreuung in der Krippe gut ist usw. usf. Und was ist mit den Kindern, die Angst haben und zu Hause bleiben möchten? Sind das einfach «unvernünftige» Kinder, die nicht wissen, was gut für sie ist? Nehmen wir sie ernst oder machen wir uns wie Marie-Josée Kuhn stellvertretend für sie über Roger Köppel lustig, der im SVP-Extrablatt sein «frühkindliches Trauma» («gleichgeschalteter Mittagsschlaf und kollektives Aufstehen» sowie «aufgezwungene Nähe zu Personen, mit denen man nichts zu tun haben wollte») schildert?
Wenn die Chefredaktorin schreibt, die Kinder werden in der Krippe schneller «sozialer» und «gescheiter», bewegt sie sich auf heiklem Terrain. Es müsste vor allem die Frage gestellt werden, was mit «sozial» und «gescheit» gemeint ist. Wir erleben jedenfalls gerade die Entstehung einer Politik, welche die «Defizite» von Kindern aus kulturell benachteiligten Familien durch «frühkindliche Erziehung» in Kinderkrippen beheben und dadurch eine echte Chancengleichheit vom ersten Schultag an herstellen will. Es ist ein politischer Angriff auf die Lebensweise zugewanderter Familien, deren Kinder als Problemfälle in Schule und Betrieb gesehen werden. Wenn die Mütter nicht fähig sind, ihre Kinder auf die Schule vorzubereiten, sollen sie diese in die Krippe geben und arbeiten gehen, statt Sozialhilfe zu beziehen –  so die implizite Botschaft. Ein Blick in die USA oder nach England zeigt, wie Mütter aus «ethnischen Minderheiten» gezwungen werden, erwerbstätig zu sein.

Gut für die Eltern?

Laut Marie-Josée Kuhn ist der Familienartikel «vernünftig für die Eltern: Sie können erwerbstätig bleiben und trotzdem Kinder haben.» Das klingt gut, denn es wäre ja unvernünftig, nur wegen Kindern nicht erwerbstätig zu sein oder das Pensum zu reduzieren. Kinder sind schön und gut, aber es gibt Wichtigeres im Leben! Allerdings verschweigt die Chefredaktorin einen Aspekt, der uns beim Anblick jeder Statistik zum Thema ins Auge springt: Die allermeisten Mütter unterbrechen oder reduzieren ihre Erwerbstätigkeit nach der Geburt ihrer Kinder – ganz im Gegensatz zu den Vätern. Einmal abgesehen davon, dass es beim heutigen Leistungsdruck und Stress in der Arbeitswelt vielen Lohnabhängigen – mit oder ohne Kinder – gut täte, vorübergehend das Pensum zu reduzieren, sollten wir uns deshalb mit der folgenden Frage ernsthaft auseinandersetzen: Sind die Kinderkrippen heute nicht vor allem Einrichtungen geworden, die es den Vätern erlauben, weiterhin voll erwerbstätig zu sein und ihre Karrierepläne zu verfolgen, und zwar ohne schlechtes Gewissen – weil die Partnerin ja auch berufstätig bleiben kann, wenn auch mit einem reduzierten Pensum? Wäre nicht Folgendes wichtig, um die Ungleichheit der Geschlechter grundlegend in Frage zu stellen: Männer müssten die Hälfte der Kinderbetreuung und Hausarbeit übernehmen, wie es zum Beispiel die Feministin Nancy Fraser propagiert? Doch für dieses Ziel bringen Krippen wenig, und die «vernünftigen» Bürgerlichen springen vom familienpolitischen Zug ab, wenn solche Vorschläge zur Sprache kommen.

Gut für die Wirtschaft!

Aber da ist ja noch die wirtschaftliche Vernunft: Der Familienartikel ist «vernünftig für die Volkswirtschaft: Denn diese braucht die erwerbstätigen Mütter.» Stillschweigend räumt die Chefredakteurin nun ein, dass es eigentlich nur um die Mütter geht, weil die Männer ja eh erwerbstätig bleiben. Dafür werden die Mütter gebraucht: «Für die Wertschöpfung, für die Steuern und Sozialabgaben und damit die Investitionen in ihre Ausbildung amortisiert werden können.» Damit ist das Wesentliche gesagt: Kinder zu haben befreit Frauen nicht von der Pflicht, ihren Teil zur erweiterten Reproduktion des Kapitals und zur Finanzierung des bürgerlichen Staats beizutragen – erst recht nicht, wenn sie sich auf Kosten der Allgemeinheit gebildet haben! In früheren Zeiten waren die Mütter von dieser Pflicht befreit, aber seit die Frauen «noch lange nicht die Gleichstellung, aber immerhin» (Kuhn) haben, hat sich dies geändert. Es bleibt nur eine Frage: Was ist mit den Müttern, die wenig «in ihre Ausbildung investiert» haben? Sollen – und dürfen – diese sich selbst um ihre Kinder kümmern? Besteht nicht die Gefahr, dass deren Kinder weder «sozial» noch «gescheit» werden? Da sie oft nicht die besten Jobs haben, sind diese Mütter möglicherweise nicht sehr motiviert, möglichst viel erwerbstätig zu sein. Sie sollen aber nicht Sozialhilfe beziehen, um zu Hause mit den Kindern sein zu können (siehe «Gut für die Kinder?»).

Biopolitik

In einem Punkt hat Marie-Josée Kuhn ohne jeden Zweifel Recht: «Der Staat hat also alles Interesse, sich in die Familienpolitik einzumischen.» Das war schon immer so, aber heute geschieht dies auf andere Weise als in der Nachkriegszeit, als Staat, Kirche, Unternehmen und Gewerkschaften sich darauf verständigt hatten, dem Kernbestand der einheimischen lohnabhängigen Männer einen «Ernährerlohn» zu sichern, der es erlaubt, eine Familie durchzubringen, ohne dass die Ehefrau erwerbstätig zu sein braucht. Dieses Modell ist heute passé – selbst die SVP hat es in Wirklichkeit aufgegeben – und wir müssen aufpassen, dass feministische Forderungen nicht vollends in der neuen Maxime kapitalistischer Biopolitik aufgehen, die darauf ausgerichtet ist, alle menschlichen Ressourcen – männlich und weiblich – im Wettbewerb der Volkswirtschaften zu mobilisieren. Ja, es geht um «Biopolitik»: Der Begriff stammt von dem französischen Philosophen Michel Foucault und bezeichnet die in der Geschichte wechselnden Programmatiken, wie Regierungen versuchen das «Volk» so herzurichten, wie es gerade gebraucht wird.
Die Forderungen der Frauenbewegung für das Recht auf Erwerbsarbeit und Einkommen oder für genügend Kinderkrippen stammen aus einer Zeit vor der biopolitischen Wende, die der Neoliberalismus hervorgebracht hat. Wenn wir Iris von Rotens Buch über die «Frauen im Laufgitter» lesen, werden die Konturen einer Schweiz mit Händen greifbar, in der Frauen weder abstimmen noch eigenständig erwerbstätig sein durften und auch keineswegs «in ihre Ausbildung investieren» sollten. Dieses Buch ist 1958 erschienen: Damals war es seiner Zeit voraus, aber der heutigen Zeit hinkt es dennoch hinterher. Trotz historischer Errungenschaften – etwa das Stimm- und Wahlrecht der Frauen, das neue Ehe- und Scheidungsrecht, Massnahmen gegen häusliche Gewalt, der starke Zugang von Frauen zu höherer Bildung usw. – ist es natürlich nicht so, dass alle Forderungen von damals erfüllt wurden. Diese Forderungen bleiben aktuell und berechtigt, sofern sie in einem neuen Zusammenhang auf neue Weise vorgetragen werden. Wenn sie einfach nur immer gleich nachgebetet werden, geht dies heute zu Lasten von beruflich benachteiligten Frauen und zahlreichen Kindern. Und die meisten Männer brauchen wenig bis gar nichts zur so genannten «Gleichstellung» beizutragen.

bild peter 3_engels

Gesellschaftliche Reproduktion der Arbeitskraft in Nationalanstalten (Friedrich Engels).

Blinde Flecken

Mit der Propagierung von Kinderkrippen als «Lösung» für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbindet sich heute eine neue «Illusion der Chancengleichheit» (vgl. das Buch von Bourdieu & Passeron aus den 70er Jahren). Der Einfluss der Familie lässt sich aber nicht zum Verschwinden bringen und die Betreuungseinrichtungen sind nur in begrenztem Ausmass «sozial durchmischt». Heute sind in schweizerischen Krippen zum Beispiel die Kinder aus benachteiligten Familien deutlich untervertreten. Anstatt sich dafür einzusetzen, dass diese Kinder «schneller sozialer und gescheiter» werden (Kuhn), könnten wir sie so wie sie sind mit offenen Armen und Herzen empfangen, ihre Herkunftskultur als Bereicherung für unser Land betrachten und die Art und Weise in Frage stellen, wie die Schule aus unterschiedlichen Kindern erst «Gescheite» und «Dumme» macht.
In linksfeministischen Zusammenhängen ist heute eine klassenspezifische Praxis der Kinderbetreuung und geschlechtlichen Arbeitsteilung zur unhinterfragten Norm geworden: Gut gebildete Lohnabhängige mit mittleren oder höheren Einkommen bringen ihre Kinder in die Krippe, wobei die Mutter Teilzeit und der Vater Vollzeit arbeitet (oder zumindest 80 Prozent); eventuell besorgt eine Migrantin den Haushalt. Diese Norm ist heute weitgehend kompatibel mit den politischen Programmen von Organisationen wie der OECD oder Economiesuisse (das zeigte sich nicht zuletzt in der breiten Allianz für den so genannten Familienartikel). Die Bedürfnisse der Kinder werden nur vordergründig thematisiert und Eltern, die sich Zeit für ihre Kinder nehmen wollen, werden schnell einmal als Konservative betrachtet. Aber spielt diese Haltung nicht gerade der SVP zu, die sich als einzige darstellen kann, welche die Kinder schützt und die Bindung zu den Eltern als wichtige Voraussetzung der kindlichen Entwicklung ernst nimmt?

Kinder im Kommunismus

«Erziehung sämtlicher Kinder von dem Augenblicke an, wo sie der ersten mütterlichen Pflege entbehren können, in Nationalanstalten und auf Nationalkosten.» So beschreibt Friedrich Engels in seinen «Grundsätzen des Kommunismus» eine von 12 Massnahmen, die bei der proletarischen Revolution zu ergreifen wären. Marie-Josée Kuhn spottet über die Aussage von Silvia Blocher im SVP-Extrablatt, im Kommunismus habe der Staat den Eltern die Kinder genommen, «als sie noch sehr klein waren», und ihnen Parolen aufgezwungen, «die sie jederzeit auswendig hersagen mussten». Sicher ist, dass es der Chefredakteurin genau so wenig ernsthaft um das Wohl der Kinder geht wie Engels damals und Blocher heute. Traurig ist, wie jedes kritische Nachdenken über die Ängste und das Leiden von Kindern im Spott über die Protagonisten der neuen Rechten untergeht. Kinder kommen in der politischen Diskussion nicht zu Wort. Sie werden zum Spielball des Klassenkampfs. Aber wollen wir für eine andere Gesellschaft kämpfen und dabei die Bedürfnisse der Kinder vergessen – d.h. der Menschen, die in dieser Gesellschaft leben werden, sofern sie jemals überhaupt entsteht?
Das Zitat von Engels steht für eine lange Tradition in der Linken, für die Kinderbetreuung ein Mittel zum Zweck ist (die berühmte «gesellschaftliche Reproduktion der Arbeitskraft») oder einfach nur eine lästige Nebensache. Ich wünsche mir dagegen eine linke Programmatik, welche die Reproduktion des Lebens von einer Generation zur nächsten ins Zentrum stellt und auch das Recht einfordert, dass wir uns Zeit nehmen dürfen für unsere Nächsten, statt immer nur «Vollzeit» für das Kapital, den Staat und/oder die eigene Karriere zu arbeiten. Es geht auch darum zu anerkennen, dass Menschen in verschiedenen Lebensphasen abhängig voneinander sind (Kindheit, Krankheit, Alter, biografische Krisen usw. usf.) und andere Menschen brauchen, die persönlich für sie da sind. Wenn wir sie in diesen Phasen weggeben – in die Krippe, in die Psychiatrie, ins Altersheim – ist das kein Akt der «Emanzipation» oder «Gleichstellung». Es sei denn, diese Begriffe werden rein individualistisch gedacht, aber dann haben sie wenig mit «Sozialismus» oder «Kommunismus» zu tun.
_______________
* Der Autor stellt die Thesen dieses Artikels an einer öffentlichen Veranstaltung im Planet13 in Basel zur Diskussion: «Männer an den Herd!», Montag, 8. Juli 2013, 19.00 Uhr, Internetcafé Planet13, Klybeckstrasse 60, Basel
1 Siehe http://www.workzeitung.ch/tiki-read_article.php?articleId=1854

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 25, Feminismus, Gesellschaft, Schwerpunkt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *