Geschlecht und Ökonomie im Neoliberalismus

Anika Thym*

aus Debatte 25 – Sommer 2013

Verschiedenste Phänomene verdeutlichen aktuell die Verschränkung von Geschlecht und Ökonomie. Dieser Beitrag zeichnet die historische Entwicklung von ökonomischen, Geschlechter- und Herrschaftsstrukturen vom Fordismus bis hin zur aktuellen Situation im Neoliberalismus nach. Ziel ist dabei, die aktuellen Tendenzen in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu verorten und danach zu fragen, was das für die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung und politische Handlungsstrategien bedeutet. 

Aktuell gibt es einige sehr spannende Phänomene, in denen die Verschränkung von Geschlecht und Ökonomie prägend ist. So schreibt die FAZ darüber, wie die Power-Frauen beim diesjährigen Schweizer Weltwirtschaftsforum Davos erobern, Hannah Rosin schreibt in einer US-amerikanischen Zeitung über das Ende der Männer, der Spiegel fragt – antifeministischen Strömungen folgend – was nach 50 Jahren Emanzipation vom Mann noch übrig sei. Gleichzeitig wächst die Kritik an Männlichkeit – auch von Männern: Kritik an der Verknüpfung von Männlichkeit und Gewalt, an sexuellem Missbrauch von Frauen und Kindern sowie am Risikoverhalten an der Börse, im Sport und allgemein in Bezug auf Gesundheit, die häufig verantwortlich gemacht wird für die aktuelle Wirtschaftskrise sowie für höhere Kosten zulasten der Krankenversicherung. Des Weiteren hält die feministische Ökonomin Mascha Madörin fest, dass in der Schweiz seit 1991 die Arbeitsplätze für Männer um rund 125’000 Vollzeitäquivalente abgenommen haben, während diejenigen der Frauen um knapp 110’000 Vollzeitstellen zugenommen haben. In den USA, wo eine ähnliche Entwicklung stattfindet, waren Anfang 2009 mehr Frauen als Männer erwerbstätig – das erste Mal in der Geschichte der USA. Aktuell sind in 40 Prozent der US-Haushalte berufstätige Mütter die Hauptverdienenden, gleichzeitig sind die Industrien, die Männern einen guten Mittelklasse-Job boten, geschrumpft. In der Schweiz geht seit den 90er Jahren der Erwerbsarbeitsplatzverlust im Industriesektor Hand in Hand mit einer Zunahme der Erwerbsarbeitsplätze in den Care-Sektoren (Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen).
Doch wie hängen diese verschiedenen Phänomene zusammen und wie verändern sich im Rahmen dieses Transformationsprozesses Herrschaftsstrukturen und Produktionsverhältnisse? Was bedeutet es für westliche Volkswirtschaften, wenn weniger Menschen Autos herstellen und mehr Sorge-Erwerbsarbeit an Menschen geleistet wird? Geht man davon aus, dass in Care-Wirtschaftszweigen Produktivitätsfortschritte nur begrenzt möglich sind – man kann zwar schneller Autos produzieren, aber nicht schneller Kinder aufziehen – bedeutet eine Verschiebung vom Industriesektor hin zum Care-Sektor eine Verschiebung hin zu weniger ertragreichen Wirtschaftsbranchen (wenngleich auch hier, soweit möglich, der Weg der Rationalisierung eingeschlagen wird). Was bedeutet das für zukünftige Kapitalverhältnisse und die Möglichkeiten zur Kapitalakkumulation? Im Rahmen dieses Artikels möchte ich der Frage nachgehen, wie diese Phänomene historisch entstanden sind, wie sie zusammenhängen und welche aktuellen Dynamiken sich darin zeigen.

Vollzeitäquivalente nach Wirtschaftsabteilungen in der Schweiz: 3. Quartal 1991 und 4. Quartal 2007 (Quelle: Bundesamt für Statistik, Beschäftigungsstatistik, Zusammenstellung Mascha Madörin)

Fordistische Geschlechterverhältnisse

Um heraus zu finden, wo es derzeit tatsächlich kriselt, muss zunächst festgestellt werden, welches die Eckpfeiler der Geschlechterverhältnisse, der Erwerbsarbeit, etc. waren, die dieser aktuellen Transformation voraus gehen. Der Blick auf Geschlechterverhältnisse verdeutlicht dabei, wie sehr und auf wie vielen Ebenen Ökonomie, Geschlecht und Herrschaftsverhältnisse zusammenhängen.
Kennzeichnend für den Fordismus (Anfang 20. Jahrhundert bis ca. 1970er) ist die Triade aus Normalarbeitsverhältnis (stabile, unbefristete, langfristige Jobs, klare Hierarchien in der Unternehmung), bürgerlicher Kleinfamilie (Vater als Alleinernährer mit Freizeit, Frau als Mutter und Hausfrau ohne Freizeit) und Wohlfahrtsstaat (Staat übernimmt Verantwortung für das Wohlergehen ’seiner (männlichen) Bürger’).
Gerade diese Elemente umreissen den Klassenkompromiss, durch den fordistische Hegemonie funktionierte. Wirtschaftswachstum wurde zum gemeinsamen Ziel aller, viele profitierten von Reallohnsteigerungen, konnten sich langlebige Konsumgüter kaufen und aufwändigen Freizeitaktivitäten nachgehen; Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherungen schufen einen sicheren Erwartungshorizont. Fordistische Klassenherrschaft durch einen Klassenkompromiss funktioniert laut Antonio Gramsci durch Hegemonie. Diese ist erstens führend, nicht herrschend gegenüber der Zivilgesellschaft, d.h. es herrscht ein kultureller Konsens. Er  wird zweitens hergestellt, indem die gleichen Interessen auf breiter gesellschaftlicher Ebene geteilt werden und die entsprechenden Verhältnisse als normal gelten. Wenn jedoch die Gruppierungen, über welche die Hegemonie ausgeübt wird, die Interessen der Herrschenden teilen sollen, so sind drittens «Opfer korporativ-ökonomischer Art» Seitens der Herrschenden unabdingbar. Dabei muss die herrschende Klasse einerseits der beherrschten Klasse gewisse Zugeständnisse einräumen, sodass die Beherrschten überhaupt die Interessen und bis zu einem gewissen Grad auch die Existenzweisen der Herrschenden übernehmen können – und andererseits verändert sich auch der Charakter der herrschenden Klasse selbst.
Historisch zeigt sich, dass sich das bürgerliche Geschlechtermodell (das im 18. Jahrhundert entstand und durch eine qualitative Geschlechterdifferenz sowie die geschlechtsspezifische Trennung zwischen Öffentlichem und Privatem, bzw. zwischen der Sphäre der Produktion und der Reproduktion gekennzeichnet ist) erst mit dem Aufkommen des Fordismus auf breiter gesellschaftlicher Basis etablieren konnte. Eine zentrale Möglichkeitsbedingung dafür war der vom Industrialisten Henry Ford 1914 eingeführte hohe Lohn. Mit der Einführung des sogenannten „Five-Dollar-Day“ wurden, wie die Bezeichnung bereits sagt, fünf Dollar statt dem im Vorjahr gesetzten Mindestlohn von 2,34 Dollar am Tag bezahlt, wodurch der Lohn für die meisten Angestellten mehr als verdoppelt wurde. Dieser Lohn muss, wie Angela Mitropoulos betont, als Familien-, bzw. als Ernährerlohn verstanden werden, denn er wurde ausschliesslich Männern ausbezahlt, die sich zudem dazu verpflichten mussten, einen Moralcodex in Bezug auf Sexualität, Alkohol und Sparsamkeit zu befolgen. Damals erwerbstätige Frauen wurden dadurch aus der Fabrik vertrieben und in die Sphäre der Reproduktion verwiesen. So wird letztlich das bürgerliche Geschlechterarrangement gerade dadurch hegemonial, dass die herrschende Klasse ihre Lebensweise über eine gewisse Form von Zugeständnissen (Familienlohn, Rentenversicherung, Teilhabe an Massenkonsum, etc.) verallgemeinert und somit eine gemeinsame Existenzweise und Interessensbasis schafft. Dabei werden die Zugeständnisse von herrschenden Männern an jene Männer ausbezahlt, über welche die Hegemonie ausgeübt wird. Ein Teil dieser Zugeständnisse wird wiederum an Ehefrau und Kinder abgetreten, wodurch – gleichsam ein Kettenglied weiter unten – ein weiteres gemeinsames Interesse auf der Ebene der Familie hergestellt wird: Die Grundlage der Anerkennung und Unterstützung des Familienernährers und damit des Wirtschaftswachstums – wovon wiederum die herrschende Klasse profitiert.
Deutlich wird in diesem Sinne gerade der konstitutive Zusammenhang von fordistisch-kapitalistischer und männlicher Hegemonie. Beide entstehen zeitgleich im fordistischen Projekt, in dem sich die bürgerliche Klasse verallgemeinert und sich ihre Lebensverhältnisse auf gesamtgesellschaftlicher Ebene normalisieren.

Neoliberale Geschlechterverhältnisse

Mit dem Aufkommen des Neoliberalismus ist ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel verbunden. Demirovic bezeichnet den Neoliberalismus, dessen Beginn in den 1970ern verortet wird, als eine «praktische Ideologie der Akteure des Kapitals». In Abgrenzung zu den vielen Stimmen, die behaupten, dass der Neoliberalismus hegemonial sei, vertritt er die These, dass Neoliberalismus nicht hegemonial, sondern durch Kontingenz und die Ängste vieler Menschen herrsche. Er organisiert «einen Prozess der Neukonstitution der bürgerlichen Klasse (…), die sich aus dem bisherigen Kompromiss herauslöst, indem sie unter sich revolutionierenden kapitalistischen Verhältnissen erneut eine ökonomisch-korporative Phase durchläuft, ihre unmittelbaren Gewinninteressen verfolgt und die für sie günstige Lebensweise ohne oder mit denkbar geringen Zugeständnissen verfolgen will». Hegemonie im Sinne Gramscis hat für den Neoliberalismus an Bedeutung verloren. Die herrschende Klasse setzt tendenziell rigoros eigene Interessen durch und die Wohlstandsschere öffnet sich verstärkt. Die Akzeptanz dieses Systems wird kaum mehr mit Zugeständnissen wie dem Sozialstaat erzeugt. Abbau sozialer Sicherungssysteme und Arbeitslosigkeit stellen vielerorts eine gesellschaftliche Unsicherheit her, die Menschen dazu bringt, sich fast allen Arbeitsverhältnissen zu unterwerfen, viele Beschäftigungsverhältnisse werden zunehmend prekär, Arbeitsintensität und Arbeitslosigkeit steigen.

So übernimmt der Staat immer weniger Verantwortung für seine (männlichen) Bürger, die Bürger weniger für ‘ihre’ Familien – Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile sind hier Teil einer veränderten Gesellschaftsformation, zu der auch zunehmend die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen und die notwendige Selbstsorge und Eigenverantwortung von Männern gehört. Es wird nicht durch Hegemonie, sondern durch Vielfalt (Diversity) geherrscht. Männliche und weibliche Erwerbsbiographien gleichen sich an, denn beide sind durch hohe Erwerbsarbeit und Arbeit im Dienstleistungssektor gekennzeichnet. Dadurch geht ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit verloren, das notwendig ist, um eine hierarchische Beziehung zwischen den beiden Geschlechtern herzustellen. Damit zusammenhängend verliert auch Heteronormativität – die gesellschaftliche Anforderung, heterosexuell zu sein – an Bedeutung. Im Vordergrund stehen in der aktuellen Managementliteratur sogenannte ‘weibliche Kompetenzen’: Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Führung durch Commitment. Diese Entwicklung besteht in der Tendenz, jedoch bestehen auch viele (ökonomisch und männlich) hegemoniale sowie sozialstaatliche Elemente fort. Doch was bedeutet dies für die weitere Entwicklung von Geschlecht, (Erwerbs-)Arbeit und Herrschaft?

Widerstand und Ausblick

Um diese Phänomene: Mehr Care-Arbeit als Industriearbeit, Abbau ‘männlicher Berufsfelder’ und Zunahme weiblicher hoch qualifizierter Arbeitskräfte, migrantischer Arbeit, Outsourcing und Technisierung der produktiven Industriearbeit, Individualisierung und Pluralisierung – verorten zu können, möchte ich abschliessend versuchen, sie durch David Harveys Verständnis von Neoliberalismus zu begreifen. Harvey geht davon aus, dass der Neoliberalismus Konsequenz eines politischen Projekts transnationaler Eliten ist. Er geht davon aus, dass ein Netz verschiedener nationaler Eliten sich wechselseitig unterstützt. So meint er, die Pinochet-Diktatur in Chile war nicht Konsequenz eines US-amerikanischen Imperialismus, sondern die chilenische Elite rief die USA auf, ihnen beim Sturz der sozialistischen Regierung zu helfen. In einem Versuch, die genannten Phänomene einzuordnen, kann argumentiert werden, dass im Rahmen des gesellschaftlichen Wandels vom Fordismus hin zum Neoliberalismus sich einerseits die Geschlechterverhältnisse grundlegend verändert haben. Gleichzeitig haben sich auch die Form der Herrschaft und die ökonomische Struktur verändert. So sind nun einige «Power-Frauen» Teil der Herrschenden, die männliche Suprematie löst sich teilweise auf. Der Krisendiskurs um Männlichkeit hängt zusammen mit einer Umstrukturierung der Erwerbsverhältnisse, in denen in Industrienationen die männlichen Industriezweige zunehmend abgebaut werden und sich generell die Arbeitsweise verändert. Zeitgleich nimmt die Prekarisierung global wie auch innerhalb der Industrieländer zu. Mit der Prekarisierung steigen auch Widerstand und Kapitalismuskritik. Sie sind Teil einer neuen Form globaler Klassengesellschaft, in der gegenüber der transnationalen Elite zunehmend der ganze Rest verarmt. Biopolitik, die Regulierung der Bevölkerung, geschieht dabei zunehmend über einen Zwang zur individualisierten Selbstoptimierung. Vielfältig sein und Vielfalt nutzen, solange sie der Kapitalakkumulation dient. Im Rahmen dieser Entwicklung werden bereits Kinder zu Projekten, die optimale neoliberale Subjekte werden sollen.
Es stellt sich also die Frage, wie menschliche Emanzipation ermöglicht werden kann, wobei Alter, Geschlecht, Klasse, Rasse, etc. mitbedacht werden müssen. Welches sind sinnvolle Strategien des Widerstands? Wie wird Kritik hörbar und Widerstand wirkmächtig? Sorgestreik? Widerständischer Umgang mit zwischenmenschlichen (Erwerbsarbeits-)Beziehungen und Wissen? Andere Formen der Freundschaft und Solidarität?
________________
*Die Autorin stellt die Thesen dieses Artikels an einer öffentlichen Veranstaltung im Planet13 in Basel zur Diskussion: «Geschlecht und Ökonomie im Neoliberalismus», Montag, 18. November 2013, 19.00 Uhr, Internetcafé Planet13, Klybeckstrasse 60, Basel

Literatur:
– Demirovic, Alex (2008): Neoliberalismus und Hegemonie, in: Ptak, Ralf (Hg.) et al.: Neoliberalismus. Analysen und Alternativen. Wiesbaden, 17-33
– Gramsci, Antonio (1991 ff.): Gefängnishefte, 10 Bde., hrsg. von Wolfgang Fritz Haug/Klaus Bochmann. Berlin/Hamburg
– Madörin, Mascha (2010): Care Ökonomie – eine Herausforderung für die Wirtschaftswissenschaften, in:  Bauhardt, Christine /Çaglar, Gülay (Hg.): Gender and Economics. Feministische Kritik der politischen Ökonomie. Wiesbaden.
– Mitropoulos, Angela (2011): Von der Prekarität zum Risikomanagement und darüber hinaus. http://eipcp.net/transversal/0811/mitropoulos/de/ (24.01.2013)
– Ganslmeier, Martin (2013): Abschied von der alten Rollenverteilung. (http://www.tagesschau.de/wirtschaft/frauen-usa100.html) (31.05.2013).

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 25, Feminismus, Gesellschaft, Schwerpunkt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *