Abschied von den Avantgarden (III)

Rainer Thomann

aus Debatte 25 – Sommer 2013

Die bisherige Untersuchung hat am Beispiel der russischen Revolutionen von 1905 und 1917 aufgezeigt, dass das Konzept der hauptsächlich von Lenin entwickelten Avantgarde-Partei unvereinbar war mit den revolutionären Machtorganen, die aus der proletarischen Bewegung selbst entstanden: den Arbeiter- und Soldatenräten sowie den Fabrikkomitees. Im Hinblick auf eine künftige Bewegung, die sich die Beseitigung der Lohnsklaverei zum Ziel setzt, sollen nun in diesem dritten und letzten Teil Schlussfolgerungen daraus abgeleitet werden.

«Wenn wir keine Anarchisten sind, müssen wir die Notwendigkeit des Staates, d.h. des Zwanges für den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus anerkennen», schrieb Lenin im Frühling 1918.1 Mit diesem Satz lieferte er die theoretische Rechtfertigung für die «diktatorische Macht einzelner Personen», konkret für die Einsetzung von «Sowjetleitern», die an die Stelle der kollektiven Arbeitermacht in den Betrieben traten. Der Satz, der im Umkehrschluss alle, die die Notwendigkeit staatlichen Zwanges im Sozialismus nicht anerkennen, als «Anarchisten» abstempelt, spiegelt die ganze Tragik der europäischen Arbeiterbewegung des frühen 20. Jahrhunderts.

Lenins vermeintlicher Sinneswandel

1896 waren die Anarchisten formell aus der II. Internationale ausgeschlossen worden. Die Ablehnung des Anarchismus war gewissermassen der gemeinsame Nenner der damaligen Arbeiterparteien aller Länder. Mit allen gegen die Stimmen der französischen Syndikalisten hatte jener Kongress in London beschlossen, dass künftig nur noch eingeladen werde, wer «die Teilnahme an der Gesetzgebung und die parlamentarische Tätigkeit» als ein notwendiges Mittel zur Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft anerkenne.2 In seiner Schrift «Staat und Revolution» polemisierte Lenin heftig gegen den Reformismus und die Staatsgläubigkeit namentlich der deutschen Sozialdemokratie, zitierte ausführlich die Lehren, die Marx aus der Pariser Kommune gezogen hatte, und schrieb: «Wenn aber die Mehrheit des Volkes selbst ihre Bedrücker unterdrückt, so ist eine „besondre Repressionsgewalt“ schon nicht mehr nötig! In diesem Sinne beginnt der Staat abzusterben.»3 Und weiter hinten: «Je demokratischer der „Staat“, der aus bewaffneten Arbeitern besteht und „schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“ ist,  umso rascher beginnt jeder Staat abzusterben.»4 Das war im Sommer 1917.
Man kann über die Gründe für den vermeintlichen Sinneswandel in weniger als einem Jahr spekulieren. Des Rätsels Lösung ist möglicherweise das folgende Zitat ebenfalls aus «Staat und Revolution»: «Die Diktatur des Proletariats aber, d.h. die Organisierung der Avantgarde der Unterdrückten zur herrschenden Klasse ( …) kann nicht einfach nur eine Erweiterung der Demokratie ergeben.»5 Bemerkenswert ist vor allem die Definition der «Diktatur des Proletariats» als Diktatur lediglich seiner Avantgarde (somit ausdrücklich als Diktatur einer Minderheit) und nicht der gesamten Klasse, geschweige denn der «Mehrheit des Volkes». Eine Avantgarde, die –  legitimiert durch die ideologische «Notwendigkeit des Staates, d.h. des Zwanges für den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus» – bereits im ersten Halbjahr 1918 die Diktatur der «Sowjetleiter», d.h. der bürgerlichen Techniker und Spezialisten über die Arbeiter_innen in den Betrieben dekretierte.6

Die Avantgarde trägt in sich den Keim der Staatsgewalt

Die Schlussfolgerung daraus: Wenn eine Avantgarde mit den aus der proletarischen Bewegung hervorgegangen Machtorganen (Arbeiterräte, Fabrikkomitees) in Konflikt gerät, wird sie sich notfalls durch Anwendung staatlicher Zwangsmittel behaupten. (Dies gilt sowohl für eine aus einem gewaltsamen Umsturz siegreich hervorgegangene Partei, die eine angebliche «Diktatur des Proletariats» ausübt, als auch für eine zwischen Bourgeoisie und Proletariat lavierende «sozialistische Regierung» oder «Linksregierung», die im Rahmen der bürgerlichen Demokratie an die Macht gekommen ist.) Die «Notwendigkeit des Staates» beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus entpuppt sich somit als Notwendigkeit der Avantgarde, Zwang anzuwenden, und zwar zur Absicherung ihrer eigenen Herrschaft und gegen ihre eigene Basis: die organisierten Arbeiter_innen – und nicht etwa, wie oft behauptet, gegen die Bourgeoisie, auf deren Hilfe sie sogar angewiesen ist, um die Zwangsmassnahmen durchsetzen zu können. Daraus folgt weiter, dass das von Lenin in «Staat und Revolution» erwähnte Absterben des Staates sich gar nicht vollziehen kann, weil die Avantgarde den Staat braucht, um weiterhin ihre Rolle als Avantgarde spielen zu können. Nur mit Hilfe des Staates kann sich die Avantgarde ihre Macht sichern, wenn sie sich allmählich zu einer neuen Elite entwickelt und als neue herrschende Klasse organisiert – oder eben wie Lenin bezeichnenderweise schreibt: «die Organisierung der Avantgarde der Unterdrückten zur herrschenden Klasse».  Mit andern Worten: Die Avantgarde trägt den Keim der Staatsgewalt bereits in sich. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen ist vermutlich auch Alain Bihr gekommen, wenn er schreibt: «Tatsächlich ist die Partei eine Form politischer Organisation, die sich ausschliesslich mit dem Ziel bildet, die Staatsmacht zu erobern und auszuüben.»7 Er fordert daher, dass sich «die Avantgarden weder Ziele noch Funktionsweisen der politischen Parteien aneignen» dürfen. Dennoch findet er, Avantgarden seien notwendig, «damit die Bewegung für die Emanzipation der Arbeiterklasse als Ganzes voranschreitet». Ohne «Vermittlung» der Avantgarde, behauptet er, drohe «jeder Teil oder jeder Sektor der Klasse» sich in «seine eigenen Besonderheiten zu verstricken».

Aufstände gehorchen ihren eigenen Gesetzen…

Die Notwendigkeit einer Vernetzung der einzelnen Kämpfe ist sicher unbestritten. Doch bedarf sie wirklich der Vermittlung einer Avantgarde? Nehmen wir als Beispiel die Aufstände in Nordafrika im 2011 und die Platzbesetzungen in verschiedenen Hauptstädten im gleichen Jahr.  Es ist bekannt, dass sie sich aufeinander bezogen, doch durch welche «Avantgarde» sind sie «vermittelt» worden? Ganz offensichtlich gehorchen Aufstände und generell soziale Bewegungen ihren eigenen Gesetzen und warten nicht auf die Aufforderung irgendwelcher selbsternannten «Avantgarden» – oder ignorieren sie schlichtweg überall dort, wo die sozialen Verhältnisse und die Bewegung noch nicht reif dazu sind. Man halte sich beispielsweise die Platzbesetzungen in Spanien oder die Syntagma-Besetzung in Athen vor Augen und vergleiche sie mit den trotz monatelanger Vorbereitung erfolglosen Versuchen in Frankfurt.

… und sind in sich gut organisiert

Damit soll keineswegs eine vermeintliche Spontaneität der Kämpfe verherrlicht werden, die sich beim näheren Hinsehen als gut organisierte Bewegung entpuppt. Nehmen wir als Beispiel den Streik in der «Officina» von Bellinzona im März 2008. Der scheinbar spontan ausgebrochene «wilde Streik» stützte sich in Wirklichkeit auf langjährige betriebliche Widerstandsstrukturen. Im Verhältnis zur übrigen Arbeiterklasse in der Schweiz könnte man bei der Belegschaft der «Officina» von einer Art «Avantgarde» sprechen. Gleichwohl macht es wenig Sinn, den Begriff in diesem Zusammenhang zu verwenden. Es waren betriebliche Aktivisten, die das Vertrauen ihrer Kollegen genossen und aus diesem Grund den Streik organisieren konnten, und keine «Avantgarden». Noch vermessener wäre es, die externen Unterstützer_innen, die sich überwiegend aus Aktivist_innen politischer Organisationen zusammensetzten, als «Avantgarde» zu bezeichnen und sich womöglich einzubilden, dass ohne deren «Vermittlung» der Streik nicht stattgefunden hätte.

In sozialen Kämpfen spielen «Avantgarden» keine zentrale Rolle

Unter dem Motto «Schaffen wir zwei, drei, viele Officine» vernetzten sich im Anschluss an den Streik linke Politaktivist_innen aus der ganzen Schweiz (Leute also, die sich mehrheitlich mit dem klassischen Avantgarde-Begriff identifizieren) mit den betrieblichen Aktivisten aus Bellinzona. Es ist jedoch bis heute in keinem einzigen Fall gelungen, die Erfahrungen des Officina-Streiks an andere Belegschaften, die von Massenentlassungen und Betriebsschliessungen betroffen sind, zu übertragen. Die Gründe dafür müssten genauer untersucht werden, wobei die Vermutung nahe liegt, dass jeweils betriebliche Aktivist_innen, die bei der Belegschaft eine grössere Glaubwürdigkeit besitzen als die Gewerkschaftsspitzen, eine zentrale Rolle spielen. Sie bilden eine notwendige Voraussetzung für einen selbstermächtigten Arbeitskampf, die durch keine «Avantgarde» in Form von Politaktivist_innen ersetzt werden kann. Es ist daher unzutreffend und reines Wunschdenken, wenn Bihr behauptet, ohne Avantgarde wäre es nicht möglich, «den andern Sektoren der Arbeiterklasse die theoretischen und praktischen Lehren aus den eigenen Erfahrungen weiterzugeben».
Hält man sich ausserdem vor Augen, welch unkritisches, mystifizierendes Verhältnis zu ihrer eigenen Geschichte all die selbsternannten «Avantgarden» in den letzten hundert Jahren an den Tag gelegt haben, fällt es schwer, darin die Notwendigkeit einer Avantgarde zu erkennen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die «Marxisten» der II. Internationale und die «Kommunisten» des 20. Jahrhunderts genau das taten, was die Anarchisten bis heute Marx und Engels zu Unrecht vorwerfen: autoritär und staatsgläubig zu sein. Eine kritische Theorie wird nicht darum herumkommen, mit diesen Irrtümern aufzuräumen und die radikalen Erkenntnisse der marxschen Analyse herauszuarbeiten und so gewissermassen neu zu entdecken: den völligen Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Wertvorstellungen.

Radikaler Bruch mit den bürgerlichen Wertvorstellungen

Diesen Bruch vollziehen können nur jene, die am meisten unter dem heutigen Gesellschaftssystem leiden: die modernen Sklaven, die Arbeiterinnen und Arbeiter, «die nur solange leben, als sie Arbeit finden und die nur solange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt», und die sich als «unterste Schicht» nicht befreien können, «ohne dass der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird», wobei mit der Aufhebung der Lohnsklaverei, der wirtschaftlichen Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft, «die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt» aufgehoben werden. «Einmal die Arbeit emanzipiert, so wird jeder Mensch ein Arbeiter, und produktive Arbeit hört auf, eine Klasseneigenschaft zu sein», schrieb Marx in seiner Darstellung der Pariser Kommune.8
Angehörige anderer gesellschaftlicher Klassen, namentlich Intellektuelle, die unter dem bürgerlichen Gesellschaftssystem und seinen Wertvorstellungen ebenfalls leiden, weil es auch in einem goldenen Käfig keine Freiheit gibt, und die sich deshalb der proletarischen Bewegung anschliessen, bringen naturgemäss ihre eigenen Ideen und persönlichen Eigenschaften mit, von denen sie geprägt worden sind. Sie können jedoch der Bewegung sehr nützlich sein, falls sie sich ihr als gleichberechtigte Mitglieder zur Verfügung stellen – und nicht als «Avantgarde», auch nicht «als ihr suchender Kopf» (Bihr). Entscheidend ist ein Menschenbild, das jedem Individuum, entsprechend seinen unterschiedlichen Begabungen (und ohne diese zu werten!), eigene Stärken und Schwächen zugesteht und so die Wertvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft ersetzt, mit ihren Hierarchien und ihrem Konkurrenzdenken. Nur ein gleichberechtigtes und solidarisches Kollektiv vermag die individuellen Schwächen auszugleichen. Nur in einem solchen Umfeld ist es nicht mehr notwendig, stärker, intelligenter, schöner, leistungsfähiger, besser als andere zu sein, weil das Individuum von allen getragen wird.

«Freiheiten werden uns nicht geschenkt, wir müssen sie uns nehmen.»

«Freiheiten werden uns nicht geschenkt, wir müssen sie uns nehmen.»

Gleichberechtigte Kollektive statt Hierarchien

Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit auf viele andere einen starken Einfluss ausüben. Sind solche Führergestalten nicht Teil eines gleichberechtigten Kollektivs, sondern stehen an der Spitze einer hierarchischen Organisation, so sind die Folgen in Form von Machtmissbrauch meistens verheerend. Selbst formale Bestimmungen wie jederzeitige Abwählbarkeit bieten keinen ausreichenden Schutz, da die informellen Hierarchien und Herrschaftsstrukturen, die in der Regel ebenfalls vorhanden sind und sich oft als sehr hartnäckig erweisen, allein damit nicht zerstört werden können. Herrschaft und Macht beruhen darauf, dass es neben den Herrschenden auch solche gibt, die sich beherrschen lassen. Solange die Beherrschten nicht das Schicksal in die eigenen Hände nehmen, sondern auf jemanden warten, der sie befreit (einen Führer, eine «Avantgarde», ein «höheres Wesen»), solange ändern nur die Formen und Etiketten der Herrschaft, der Inhalt bleibt immer gleich. Es handelt sich mit andern Worten um einen langen menschlichen Emanzipationsprozess, der auf der Grundlage bestimmter materieller Bedingungen abläuft.

Die Chancen der globalen Krise…

Der Widerspruch zwischen den maximal entfalteten Produktivkräften und den gesellschaftlichen Verhältnissen, die jenen längst nicht mehr entsprechen, ist der reale Hintergrund der gegenwärtigen, tiefen weltweiten Krise, die neben der Wirtschaft auch alle andern Lebensbereiche erfasst. Die Bourgeoisien des «freien Westens» haben ihr Versprechen, Freiheit und Wohlstand für alle zu schaffen, nicht einlösen können. Die Zerstörung der Lebensstrukturen des globalen Südens und die damit einhergehende Verelendung war ohnehin seit jeher der Preis für den zeitweiligen Wohlstand relativ breiter Schichten in den industrialisierten Ländern. Diese soziale Basis der bürgerlichen Herrschaft ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr erodiert.
Mit der globalen Krise verschieben sich die Grenzen der Massenverelendung allmählich von Süden nach Norden, als deren Folge soziale Unruhen und Aufstände nicht ausbleiben werden. Die nächsten zehn, vielleicht zwanzig Jahre werden daher eine bisher einmalige Gelegenheit sein, die zunehmend in Bedrängnis stehenden Bourgeoisien zu stürzen, zumal die nach 1968 geborenen Generationen nach meiner Beobachtung im Allgemeinen einen kritischeren Umgang mit Autoritäten aller Art haben. Sollte es jenen jedoch gelingen, ihre Herrschaft erneut zu festigen, wird es nicht an Stimmen fehlen, welche die Niederlage der sozialen Widerstandsbewegungen auf das Fehlen einer «straffen Organisation» zurückführen werden.

…und die Gefahr eines Rückfalls in autoritäre Konzepte

Diese Gefahr ist umso realer, als die Bourgeoise als Antwort auf die Krise wieder vermehrt auf ein autoritäres Gesellschaftsmodell setzt, bei dem ihr ein vom wirtschaftlichen Absturz bedrohter Mittelstand als soziale Basis dient: Hinter einer parlamentarisch-rechtsstaatlichen Fassade wird mit einer totalitären Ideologie, die alle gesellschaftlichen Bereiche einem betriebswirtschaftlichen Rentabilitätsdenken unterwirft, eine Politik der Ausgrenzung und eine repressive Armutsverwaltung betrieben, der nicht nur traditionelle bürgerliche Freiheitsrechte, sondern auch grundlegende gesellschaftliche Bedürfnisse wie Bildung, Gesundheit usw. zum Opfer fallen. Ob sich diese autoritäre «Krisenlösung» gegen die erstarkenden, weltweiten Protestbewegungen durchzusetzen vermag, bleibt offen.
Vom Ausgang dieser Auseinandersetzung wird es ganz entscheidend abhängen, ob sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts in andern Formen wiederholen könnte, mit einer erneuten Brutalisierung und Militarisierung der ganzen Gesellschaft einerseits und einer nochmaligen Renaissance autoritärer «Avantgarden» andrerseits. In ihrer zumeist kümmerlichen Bedeutungslosigkeit als «Auslaufmodelle» des vergangenen Jahrhunderts haben sie bis heute überlebt. Sollten die sich anbahnenden Versuche zur Beseitigung der Lohnsklaverei scheitern, bekämen sie vermutlich wieder jenen Zulauf, der ihnen heute versagt bleibt, mit allen Formen von Zentralismus und Konspiration, welche eine illegale Tätigkeit erfordern würde, die ihnen unter repressiven gesellschaftlichen Verhältnissen dann selbstredend aufgezwungen wäre.
So gesehen ist das Schicksal der proletarischen Bewegung untrennbar verbunden mit jenem der Bourgeoisie, solange deren Herrschaft nicht dauerhaft beseitigt ist. Wenn daher Alain Bihr von den Avantgarden verlangt, sich selbst allmählich überflüssig zu machen, so bleibt diese Forderung ein frommer Wunsch, solange Avantgarden sich als «Spitze der gesamten antikapitalistischen Bewegung» (Bihr) verstehen – und zwar weniger als Speerspitze, denn als Spitze einer hierarchischen Pyramide. Die geschichtliche Untersuchung hat gezeigt, dass Avantgarden den Keim der Staatsgewalt bereits in sich tragen. Die dabei wirkenden Kräfte sind unabhängig von den einzelnen Personen und werden – wie oben skizziert – von der jeweiligen geschichtlichen und gesellschaftlichen Dynamik bestimmt. Wir täten daher gut daran, all die elitären Avantgarde-Konzepte (auch solche in abgewandelter, gemässigter Form wie bei Bihr) rechtzeitig aus unseren Köpfen zu verbannen und uns endgültig von den Avantgarden zu verabschieden.
_______________
1 W.I. Lenin. Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, in: W.I. Lenin. Für und wider die Bürokratie – Schriften und Briefe 1917-1923, Hg. von Günther Hillmann, Reinbek bei Hamburg, 1970, S. 48.
2 Vgl. Julius Braunthal. Geschichte der Internationale, Band 1, Berlin 1978, S. 262.
3 W.I. Lenin. Staat und Revolution. Dietz-Verlag, Berlin 1948, S. 45 f.
4 Ebenda, S. 108.
5 Ebenda, S. 93.
6 Vgl. Teil II dieser Untersuchung. Dass die Bolschewiki sich die Dienste der bürgerlichen Fachleute – wie Lenin selbst schreibt – «mit einer sehr hohen Bezahlung» erkauften und dass dies eine «demoralisierende Wirkung sowohl auf die Sowjetmacht (…) als auch auf die Arbeitermasse» hatte, sei nur am Rande erwähnt. (W.I. Lenin. Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, a.a.O., S. 31 f.).
7 Debatte Nr. 17, S. 22.
8 Karl Marx. Der Bürgerkrieg in Frankreich. London, 30. Mai 1871.

Dieser Beitrag wurde unter Avantgarde, Debatte Nr. 25, Gesellschaft, Neue Linke veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *