Zwischen Selbstvermarktung und kritischer Wissenschaft

Sarah Schilliger*
aus Debatte Nummer 11 – Dezember 2009
Auch unter den Dozierenden und Forschenden herrscht Unmut: Sie sind sehr direkt mit den Konse quenzen der Bologna-Umsetzung konfrontiert. Wie steht es um ihre Arbeitsverhältnisse an den Schweizer Universitäten, wie sind sie vom neoliberalen Umbau der Hochschulen betroffen und was bedeutet dies für eine kritische Wissenschaft?

«Sowohl in der Lehre als auch in der Forschung kontrastieren die vergleichsweise vorteilhaften Arbeitsbedingungen für Schweizer Professorinnen und Professoren mit der häufig prekären Lage des unteren und oberen Mittelbaus», ist einem Bericht der OECD nachzulesen1. Reguläre Arbeitsverhältnisse sind an den Schweizer Universitäten die Ausnahme. Als Normalität gelten befristete Verträge und Teilzeitanstellungen. Im Mittelbau ist die Mehrheit (60%) teilzeitbeschäftigt. Über alle Fakultäten und Unis hinweg gezählt widmet der obere Mittelbau in der Schweiz 61 Prozent seiner Arbeit der Grundausbildung der Studierenden, die Professorenschaft nur 35 Prozent.2 Lücken in der Lehre füllen zunehmend externe DozentInnen oder Projekt-mitarbeiterInnen, die oft schlecht bezahlt und teilweise nur für ein Semester angestellt sind. Es kommt inzwischen sogar vor, dass Dozierende unbezahlt – d.h. gegen «symbolische Gratifikation» – Lehraufträge verrichten. WissenschaftlerInnen ohne Professur hangeln sich von Projekt zu Projekt und von einerbefristeten Anstellung zur nächsten.

Durch die Zunahme des Drittmittelanteils in der Forschung arbeiten immer mehr NachwuchswissenschaftlerInnen auf Projektstellen, die normalerweise auf maximal drei bis vier Jahre beschränkt sind. Die Bezahlung ist für Schweizer Verhältnisse und in Bezug auf die Gehälter in der Privatwirtschaft eher gering: Doktorierende auf Projektstellen verdienen bei Bezahlung durch den Schweizerischen National-fondsknapp 40’000 Franken jährlich. Wissenschaftler-Innen auf Assistenzstellen, die aus Universitätsmitteln finanziert werden, sind häufig nur zu 50 Prozent angestellt respektive bezahlt, was bedeutet, dass die Doktorarbeit und oft auch einbeträchtlicher Anteil des persönlichen Aufwands für die Lehre und Studierendenbetreuungun bezahlt geleistet wird. Assistenzen sind in der Regel auf vier bis max. fünf Jahre befristet. Die Einbindung in die Lehre während der Assistenzzeit ist wichtig und bringt viele wertvolle Erfahrungen. Aber oft nimmt die Assistenztätigkeit überhand – zumal die Arbeitsbelastung durch die Korrekturen und die Administration der Leistungsüberprüfungen in der Bologna-Punkte-Bürokratie enorm gewachsen ist. Es bleibt wenig Zeit für die eigentliche Doktorarbeit und die Dissertations-phase zieht sich dadurch in die Länge. Zwischen Dissertation und gesicherter akademischer Beschäftigung liegt oftmals eine lange Durststrecke unsicherer Erwerbsverhältnisse. Bis zum ProfessorInnentitel gelten WissenschaftlerInnen als «akademischer Nachwuchs» – was sich oft bis ins Alter von 40 oder 45 Jahren hinzieht. Diese unsichere «Schwebelage» kann auch in einer Sackgasse enden – wenn die erhoffte Berufung auf eine ordentliche Professur nicht erfolgt. Die wissenschaftliche Laufbahn birgt also einige Risiken und Unsicherheiten und lässt die Forschenden und Lehrenden über eine lange Zeit im Ungewissen über die Zukunft.

Unterschiedliche subjektive Verarbeitungsformen

Was objektiv als «prekäre Arbeit» gilt, muss subjektiv nicht als Prekarisierung empfunden werden – dies ist in speziellem Masse bei Universitätsangestellten der Fall, bei denen die Akzeptanz atypischer Beschäftigung relativ hoch zu sein scheint. Für WissenschaftlerInnen ist es «normal», höchst flexibel, in Teilzeitanstellung, befristet und im Vergleich zu Gleichqualifizierten in der Privatwirtschaft eher schlechter entlohnt zu arbeiten. Eine Entschädigung dafür kann sein, dass die eigene Arbeit als interessant, kreativ und sinnvoll empfunden wird und die Autonomie in der Zeiteinteilung relativ gross ist. Denn wie, wann und wo gearbeitet wird, bleibt dem/der Wissenschaftler(in) weitgehend selbst überlassen. Das vergleichsweise hohe Potenzial an Selbstverwirklichung in der akademischen Beschäftigung scheint die Sorgen um die materielle Dimension einer prekären Existenz in den Hintergrund treten zulassen. Die Bewertungs- und Verarbeitungsformen von Prekarität sind unter WissenschaftlerInnen jedoch recht unterschiedlich. Ob eine befristete Anstellung in einem Forschungsprojekt oder eine Assistenz als prekär empfunden wird, hängt stark von den Perspektiven und den Erwartungen an den Berufsweg ab, der vor einem liegt. Aber auch die soziale Herkunft, das Lebensalter, die familiäre Situation und nicht zuletzt das Geschlechtbeeinflussen die Art der Auseinandersetzung mit und die Bewertung von prekären Beschäftigungsverhältnissen.3

Zwang zur Selbstvermarktung

Die Risiken, die eine akademische Laufbahn mit sich bringt, wirken sich im Kontext der Umstrukturierung der Universitäten in Dienstleistungsunternehmen auch ganz konkret auf das Funktionieren des akademischen Alltags und schliesslich auf die Subjektivität der WissenschaftlerInnen selbst aus. Nachwuchsforschende haben sich als aktive «SelbstunternehmerInnen» zu verstehen, Forschen ist als Wettbewerb zu leben: Um sich überhaupt «im Rennen zu halten» und die wissenschaftliche Reputation zu steigern, müssen NachwuchswissenschaftlerInnen möglichst viel in renommierten Fachzeitschriften (sog. «peer reviewed journals», die oft inhaltlich wenig pluralistisch sind) und bei angesehenen Verlagen publizieren. «Publish or perish!» – veröffentliche oder gehe unter – ist im Wissenschaftsbetrieb zu einer gängigen Redewendung und zum Karrieregebot Nr. 1 geworden. Bibliometrische Kriterien stellen im Konkurrenzkampf um Forschungsgelder und offene Stellen die «objektive» Bewertung der eigenen Leistung dar: Berufungs- und Evaluationskommissionen schauen heute zuallererst auf die Menge (weniger die Qualität) der publizierten Monographien, Artikel und Aufsätze eines/r Kandidaten/in. Entsprechend fleissig und ergebnisorientiert erweitert ein/e ambitionierte/r NachwuchswissenschaftlerIn die persönliche Publikationsliste, poliert das Portfolio auf und betreibt aktives Networking. Selbstvermarktung zählt heute zu einer wichtigen habituellen Eigenschaft eines/r aufstrebenden Wissenschaftlers/in. Der Umbau der Universitäten hat demnach nicht nur formale Folgen und verändert die Arbeitsweise und -belastung der Uniangehörigen, sondern erwirkt auch die Etablierung einer ökonomischen Rationalität. Die «unternehmerische Universität» von heute totalisiert die Marktlogik und fördert eine selbstunternehmerische Haltung zu Bildung und zum eigenen Lebensentwurf. So haben sich Studierende als InvestorInnen in ihr eigenes Humankapital zu verstehen, die möglichst effizient,das heisst in kurzer Zeit, möglichst viele Kreditpunkte akkumulieren. Wissen wird zunehmend wie Fastfood konsumiert und mechanisch angeeignet – für den Blick auf Gesamtzusammenhänge und die kritische Hinterfragung der Lehrinhalte fehlen Zeit und Musse. Eine problemorientierte, offene und selbstreflexive Erarbeitung und Diskussion wissenschaftlicher Fragestellungen erweist sich im rigiden Punktefahrplan als schwierig. Als Dozierende ist man wohl oder übel damit konfrontiert, repressive und disziplinierende Studienstrukturen mitzutragen und den sichtlich unter Zeitdruck stehenden Studierenden die «Spielregeln» bekanntzugeben, die zum Erwerb eines Leistungs-nachweises und damit zur Gutschreibung der Kreditpunkteam Ende des Semesters führen. Durch die zunehmenden Disziplinierungsmassnahmen erschwert sich die Einübung antiautoritärer Lehr- und Lernformen und es macht sich schleichend, aber bemerkbar eine instrumentalistische, tendenziell antiintellektuelle Haltung breit.

Marginalisierung kritischer Wissenschaft

Kritische WissenschaftlerInnen, die sich in einer linken Theorie- und Wissenschaftstradition sehen, hatten nie einen einfachen Stand in der Schweiz. Wenige tendenziell herrschaftskritische ProfessorInnen – meist Kinder von 1968 – wurden auf einzelne Lehrstühle berufen und versuch(t)en, kritische Lehre und Forschung nach ihren Möglichkeiten zu unterstützen, d.h. Forschungsprojekte jenseits des wissenschaftlichen Kanons oder der ökonomischen Verwertbarkeit durchzuführen und NachwuchswissenschaftlerInnen zu engagieren, die sich ausserhalb des «Mainstreams» bewegen. Auch wenn es in seltenen Fällen gelingen konnte, eingewisses Milieu für kritisch-demokratische Wissensproduktion zu kreieren, sehen sich heute alle WissenschaftlerInnen, die eigentlich gegen den Strom schwimmen, den Strudeln ausgesetzt, die von der Implementierung der marktwirtschaftlichen Logik an den Universitäten ausgehen. Herrschaftskritische, engagierte Wissenschaft hat unter der Hegemonie des Neoliberalismus einen schweren Stand. Unter dem Deckmantel scheinbarer Werturteilsfreiheit werden systemkritische und nichtstrom-linienförmige Wissen-schaftlerInnen zunehmend verdrängt oder sie ziehen sich selber zurück, weil sie sich dem Diktat der Selbstvermarktung nicht unterordnen wollen. Zeichnet sich die akademische Welt laut Franz Schultheis, Soziologieprofessor an der Universität St. Gallen, traditionellerweise durch ein ausgeprägtes Potenzial an kritischer Beobachtung, Reflexion und Kommentierung politischer Entwicklungen und öffentlicher Belange aus, so ist diese «kritische Dauerbeobachtung von Gesellschaft» heute in Gefahr: «Die wachsende Hegemonie ökonomischer Zweckrationalität in einem bis dahin einigermassengeschützten Bereich fängt an, die relative Autonomie von Wissenschaft und Bildung dauerhaft zu untergraben.»4

Verlangen wir ein neues Spiel…

Bislang ist das wissenschaftliche Lehr und Forschungs-personal vergleichsweiseruhig geblieben. Obwohl es nach Kurt Imhof, Soziologieprofessor in Zürich, «eine absolute Mehrheit von ‘verborgenen’ Anti-Bologna-Professoren» gibt, werde Bologna wie eine biblische Heuschreckenplage ertragen5. Immerhin hat die Bewegung der Studierenden auch hier etwas ausgelöst: Über 200 Dozierende und Forschende an Schweizer Unis haben eine Erklärung unterschrieben, in der sie ihre Kolleginnen und Kollegen in Forschung und Lehre auffordern, «in die politischen Auseinandersetzungen einzugreifen, ihren Unmut und ihre Kritik öffentlich zu äussern und in einen ehrlichen und (selbst) kritischen Dialog mit den Studierenden zu treten». Diese Erklärung ist von den offiziellen Medien bisher praktisch nicht aufgenommen worden. Wahrscheinlich wird sich auch das Lehr- und Forschungspersonal erst Gehör verschaffen, wenn es aufhört, die vorgegebenen Spielregeln achselzuckend umzusetzen und stattdessen zusammen mit den Studierenden ein brandneues Spiel verlangt. Dazu müssten sich die Lehrenden und Forschenden in einem ersten Schritt einen eigenen Forderungskatalog erarbeiten, wie dies die Studierenden in äusserst basisdemokratischer Manier vorgemacht haben.6

Brauchen wissenschaftliche Leistungen nicht ein Klima geistiger Inspiration und Offenheit? Genügend Zeit und intellektuelle Freiräume? Prekäre Beschäftigung ist keine gute Basis für kritische und unabhängige Lehre und Forschung. Um ein konstruktives Klima der Wissensproduktion zu schaffen, braucht es einen massiven Ausbau an fair entlohnten, stabilen und unbefristeten Anstellungen, die den Lehrenden und Forschenden unterhalb der Professorenebene eine gewisse Sicherheit in der Lebensplanung erlauben und die Möglichkeit bieten, sich mit langem Atem mit wissenschaftlichen Problemstellungen auseinanderzusetzen. Genauso dringend ist es, anstelle der unternehmensförmigen Organisation der Universitäten für demokratisch legitimierte Strukturen einzutreten – eine fundamentale Voraussetzung für kritische Forschung und Lehre. Wir brauchen Hochschulen als Räume des Denkens, Forschens, des Lehrens und Lernens frei von Zwängen der Marktlogik.

Unabhängige Forschung und Lehre sind kein überflüssiger Luxus. Genauso wenig wie ein Studium jenseits der Verwertungslogik von Bologna ein Luxus ist.

* Sarah Schilliger arbeitet seit 2006 als Assistentin und Lehrbeauftragte am Institut für Soziologie an der Universität Basel und hat zusammen mit Peter Streckeisen die «Erklärung der Lehrenden und Forschenden» lanciert.

1 OECD (2003): Examen der nationalen Bildungspolitiken. Die tertiäre Bildung in der Schweiz. Paris/Bern. Mittelbau ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die Gruppe der wissenschaftlichen MitarbeiterInnen an Universitäten – er umfasst praktisch alle WissenschaftlerInnen, die keine Professor(inn)en sind: Assistent(inn)en, Oberassistent(inn)en, Projektmitarbeitende, Lehrbeauftragte, Doktorand( inn)en, Post-Docs.

2 Vgl. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/06/data.Document.65040.xls

3 Ulrich Brinkmann/Klaus Dörre/Silke Röbenack (2006): Prekäre Arbeit. Ursachen, Ausmass, soziale Folgen und subjektive
Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Bonn.

4 Franz Schultheis (2008): Ach Bologna – Das Elend der europäischen Hochschulreform. In: UVK: DRUCKreif, Nr. 02/2008, S. 8-10. http://www.alexandria.unisg.ch/EXPORT/DL/Franz_Schultheis/46881.pdf

5 Interview mit Kurt Imhof in der Sonntagszeitung vom 4. November 2009: «Es herrscht ein Bulimie-Lernen: Reinfuttern, rauskotzen, vergessen.»

6 Vgl. Forderungskatalog der Lehrenden und Forschenden in Wien: http://unsereuni.at/?p=6188

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