Zum Begriff der Avantgarde (Teil 1)

Alain Bihr
aus Debatte Nummer 16 – Frühling 2011
Wir möchten in dieser Debatte-Nummer eine Diskussion eröffnen zum Begriff der Avantgarde, dessen kritische Untersuchung auch für künftige Kämpfe und Organisationsformen von Bedeutung ist. Wir beginnen mit dem ersten von zwei Teilen einer Standortbestimmung durch Alain Bihr (Red.).

Aufstand der Pariser Kommune 1871.

Heute scheint der Begriff der Avantgarde im besten Fall ins Museum der Arbeiter_ innenbewegung zu gehören, im schlimmsten Fall in den Abfalleimer der Geschichte. Es gibt es praktisch keine Organisation mehr, die sich zu den Erben der Arbeiter_innenbewegung zählt und sich positiv auf den Begriff der Avantgarde bezieht. Die Einen, von einer antiautoritären Tradition (z.B. libertäre oder rätedemokratische Strömungen) her kommend, haben den Begriff der Avantgarde schon immer abgelehnt. Sie verstehen ihn als direkten Gegensatz zum Projekt der Selbstemanzipation, das den Kern des Kampfs der Unterdrückten darstellt. Die Anderen, aus der leninistischen Tradition stammend, wagen es nicht mehr, auf die Vorstellung der Avantgarde zu verweisen – dies gilt für die grosse Mehrheit unter ihnen – oder haben sogar explizit darauf verzichtet angesichts der Tragödien und Verbrechen, die im Namen der Avantgarde geschehen sind. Der hier unternommene Versuch, dieses Konzept wieder aufzunehmen, ist also ein gewagter. Erst recht wenn man sich (wie ich) zu einem nicht autoritären Konzept der sozialen Revolution bekennt; wenn man denkt, dass «die Emanzipation der Arbeiter das Werk der Arbeiter selbst sein muss» (Prä-ambel der Statuten der internationalen Arbeiter- Assoziation, d.h. der I. Internationale) und den Satz unterschreibt: «Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun », wie es Eugène Pottier richtig in einer Strophe der Internationale sagte.

Mein Vorhaben mag wie eine Inkonsequenz oder eine Provokation erscheinen. Der Gedankengang ist in Thesen formuliert. Ich erhebe nicht den Anspruch, die Frage erschöpfend zu behandeln. Manche Probleme, die der Begriff der Avantgarde heute stellt, werden offen oder beiseite gelassen. Der Text ist als Diskussionsbeitrag gedacht.

These 1. Avantgarde und Generalstab sind nicht dasselbe

Ich bin der Überzeugung, dass die ganze Diskussion rund um den Begriff der Avantgarde durch die Verwirrung zwischen Avantgarde und Generalstab verzerrt wird. Wir müssen mit der Unterscheidung dieser zwei Begriffe beginnen. Da sie aus einer militärischen Metapher stammen, beziehen wir uns auf das Handwerk des Krieges und auf die Organisation von Armeen. In diesem Feld sind die beiden Begriffe eindeutig zu unterscheiden. In der militärischen Organisationsform – das prototypische Modell der hierarchischen und autoritären Organisation – ist der Generalstab das Organ, das die Bewegungen aller Truppenteile führt, organisiert und kontrolliert, dies nach einer nur ihm bekannten Strategie und nach einer Taktik, die sich je nach Umstände ändert. Der Generalstab verlangt und erhält normalerweise bedingungslose Unterordnung der unteren Hierarchiestufen und selbstverständlich der einfachen Soldaten. Die Befehle des Generalstabs durchlaufen die ganze Befehlskette und er erwartet von den unteren Stufen umgekehrt Ausführungen und Informationen, die es erlauben, Befehle falls nötig zu berichtigen.

Hingegen ist die Avantgarde ein kleiner Teil der sich in Bewegung befindenden Truppe, der nach vorne abgesetzt ist von der Mehrheit, um das Terrain zu inspizieren, die vom Feind besetzten Positionen und seine Absichten zu eruieren, ja sogar notfalls eine unvorhergesehene Offensive des Feindes abzuwehren und somit eine erste defensive Linie aufzustellen. Wenn in diesem Sinne die Avantgarde wertvoll und teilweise ausschlaggebend ist, so bleibt sie doch den Befehlen des Generalstabes vollkommen untergeordnet und könnte sich nie an dessen Stelle versetzen.

Avantgarde im politischen Sinn

Verlassen wir das militärische Terrain, um auf das politische zurückzukommen. In der Arbeiter_innenbewegung lässt sich die Verwirrung zwischen Avantgarde und Generalstab auf die Zeit der Entstehung politischer Parteien zurückführen, die sich 1889 hauptsächlich rund um die Sozialdemokratische Partei Deutschlands in der II. Internationalen zusammenschlossen. Zu dieser Zeit kam nämlich ein sehr spezielles Modell der Arbeiter_ innenbewegung auf, das sozialdemokratische Modell im Sinne des damaligen Ausdrucks, wie er bis 1914 verwendet wurde. Dieses Modell machte aus der politischen Partei die Organisation der Avantgarde der gesamten sozialen Klasse. Es ordnete somit die Emanzipation des Proletariats der Ergreifung und Ausübung der Staatsmacht unter.1 Im Geiste ihrer Erfinder und vor allem in der Praxis ihrer Führungsfiguren ist diese Partei viel mehr ein Generalstab als eine Avantgarde: Unter Führung von «intellektuellen» Sozialisten die, erhellt durch den Marxismus, die Gesetze der Geschichte kennen und als einzige in der Lage sind, Entwicklung und Zukunft des Kapitalismus zu verstehen und zu erklären, erschien die sozialdemokratische Partei als Inhaberin der historischen Interessen der Arbeiter_innenbewegung und allein dazu in der Lage, das Proletariat auf dem Weg der Emanzipation zu führen.

Wie Avantgarde nicht verstanden werden sollte…

Man wird sich wundern, dass die Verwirrung zwischen Generalstab und Avantgarde hier der sozialdemokratischen Tradition zugeschrieben wird und nicht – wie so oft – dem Leninismus. Das Hauptwerk des Leninismus zu diesem Thema, «Was tun?» (1902), wiederholt nur die grundlegenden Prinzipien der sozialdemokratischen Organisation, welche alle grossen Parteien der II. Internationale damals umsetzten, und passte sie den Umständen des zaristischen Russlands an. Als würdiger Jünger von Kautsky,2 auf den er sich mehrmals bezieht, entwickelt Lenin in «Was tun» diejenigen Reformprinzipien der sozialdemokratischen Partei Russlands, die ihre bolschewistische (Russisch für «Mehrheit») Strömung entstehen lässt. Zudem besitzt der Leninismus kein Monopol auf diesen Prinzipien, auch wenn wahrscheinlich in seinen Strömungen, nämlich in der III. und IV. Internationale, diese Prinzipien am rigorosesten angewendet wurden. Wie diese damit Schiffbruch erlitten, ist hinlänglich bekannt…3

Was ist nun eine politische Avantgarde? Generell ist es die vorderste Spitze einer sozialen Bewegung. Sie umfasst eine gewisse Zahl von Einzelkämpfer_innen und isolierte oder in Netzwerken funktionierende Gruppen sowie mehr oder weniger formalisierten Organisationen unterschiedlicher Art. Eine solche Avantgarde muss das Ziel verfolgen, theoretisch und praktisch den Horizont der Bewegung zu erforschen; sie muss die Felder erkennen und markieren, auf die es vorzurücken gilt; d.h. theoretische, programmatische, strategische und taktische Positionen entwickeln und diese der Diskussion und der kollektiven Entscheidung unterbreiten. Aber damit erwirbt die Avantgarde nicht das Recht, die gesamte Bewegung führen zu wollen, indem sie sich als Oberbefehlshaberin aufspielt, um letztlich die Bewegung zu ersetzen. Eine Avantgarde darf also nicht versuchen, eine Bewegung zu führen, an deren Spitze sie steht; sie muss sich damit begnügen, die Bewegung mit ihren Informationen und Analysen zu erhellen, sie mit ihren taktischen und strategischen Vorschlägen zu beraten, sie zu instruieren, aber sie auch anzuhören und von ihr zu lernen. Denn «der Erzieher selbst muss erzogen werden».4 Und die Avantgarden müssen sich darauf vorbereiten, manche bittere Lektionen von der Bewegung zu erhalten, der sie den Weg ebnen sollen. Dies ist gerade der Grund, warum die Avantgarde sich nicht als Besitzerin einer absoluten Wahrheit, der einzigen und definitiven Formel betrachten darf, sondern offen bleiben muss für das historische Werden, für die Entwicklung der Kräfteverhältnisse in den Klassenkämpfen und die Wendungen dieser Kämpfe, für den Erfindungsgeist des kämpfenden Proletariats, um wenn notwendig die eigenen Positionen und Vorschläge zu berichtigen. Die Avantgarde befindet sich also in der sozialen Bewegung, sie ist vollständig Bestandteil davon, ihre vorderste Spitze, ihr suchender Kopf.

These 2. Avantgarden sind notwendig

Marsch der Arbeiter nach Pichelsberg (Berlin), 1890.

Sie sind sogar im doppelten Sinne notwendig. Einerseits sind sie unausweichlich aufgrund der Ungleichheiten in der Entwicklung von Kämpfen und Organisation, in der Entwicklung des Klassenbewusstseins und eines autonomen politischen Projekts im Verlauf der Emanzipationsbewegung des Proletariats. Diese Ungleichheiten in der Entwicklung ergeben sich aus verschiedenen Faktoren: Konzentration und Zentralisation der Klasse selbst, Positionen von Schichten und Fraktionen derselben in der sozialen und räumlichen Arbeitsteilung, in früheren Kämpfen gesammelte Erfahrungen, nationale politische Strukturen und Traditionen und letztendlich die Stellung der nationalen Formation im globalen kapitalistischen System. Avantgarden sind aber auch notwendig, ja sie sind wünschenswert, sogar unabdingbar, damit die Bewegung für die Emanzipation des Proletariats als Ganzes voranschreitet. Ohne ihre Vermittlung droht jeder Teil oder jeder Sektor der Klasse, sich in seine eigenen Besonderheiten zu verstricken. Es müsste teilweise der gleiche lange und schmerzhafte Weg gemacht werden, der schon von anderen Teilen und Sektoren durchlaufen wurde. Oder es wäre nicht möglich, den anderen Sektoren der Arbeiter_innenklasse die theoretischen und praktischen Lehren aus den eigenen Erfahrungen weiterzugeben. Es ist übrigens eine Vermittlungsaufgabe, die Engels und Marx den Kommunisten im Manifest der kommunistischen Partei zuschreiben: «Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamtes Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andererseits dadurch, dass sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten.»5

[Fortsetzung in der nächsten Debatte- Nummer]

1 Zum sozialdemokratischen Modell der Arbeiter_ innenbewegung, das sich letztlich gegenüber dem zur selben Zeit entstehenden revolutionären Syndikalismus durchsetzte, siehe: Entre bourgeoisie et prolétariat. Le mouvement ouvrier en crise, Editions Ouvrière (Editions de l’Atelier), 1991.

2 Karl Kautsky, 1954-1938, wichtiger Theoretiker der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), später Gründer der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), die eine Zwischenstellung zwischen der Sozialdemokratie der II. Internationale und den Kommunistischen Parteien der III. Internationale einnahm.

3 Historische Quelle des sozialdemokratischen Begriffs der avantgardistischen Partei ist zweifellos das bürgerliche Erbe der Aufklärung. In diesem Fall geht es um die Idee, dass das Volk nur durch eine aufgeklärte Elite emanzipiert (also auf dem Weg zum Fortschritt geführt) werden kann.

4 So steht es in den «Thesen über Feuerbach» von Karl Marx (3. These). Vgl. Marx Engels Werke, Band 3, Berlin 1978, S. 5-7.

5 Karl Marx und Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. Reclam, S. 34.

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