Zum Begriff der Avantgarde (Teil 2)

Alain Bihr
aus Debatte Nummer 17 – Sommer 2011
Der erste Teil dieses in Thesen gegliederten Beitrags erschien in der Debatte Nummer 16. In diesem zweiten und letzten Teil geht der Autor im Sinn einer kritischen Bilanz nochmals auf Zweck und Grenzen von Avantgarden ein. Weitere Beiträge in kommenden Nummern sollen eine Diskussion um den Begriff anregen (Red.).

These 3. Keine rechtmässigen, nur faktische Avantgarden.

Ein Generalstab schöpft seine Macht aus einer äusseren und übergeordneten Instanz, die ihm Legitimität und Autorität verschafft (der Staat als Urheber des «Monopols der legitimen Gewalt» im Falle des militärischen Generalstabes; die vorausgesetzte «Wissenschaft der historischen Gesetze» im Falle des politischen Generalstabs) und in deren Namen er Befehle erteilt. Im Gegensatz hierzu kann eine Avantgarde, wie ich sie verstehe, nicht dekretiert werden: Sie kann sich nicht selbst begründen und sich nicht selbst als solche ernennen. Eine Avantgarde ist immer nur ein Faktum, wie auch die soziale Situation, in der sie sich befindet und von der sie gewissermassen nur das reflektierte Bewusstsein darstellt. Auch kann die Avantgarde ihre Rolle nur dann spielen, wenn sie sich ihrer privilegierten Situation (und der damit verbundenen Pflichten) bewusst wird. Wenn es ihr also gelingt, aus dieser Situation Erkenntnisse zu gewinnen, die für die Gesamtbewegung gültig sind und mit ihr geteilt werden können. Dies verlangt von jeder Avantgarde, dass sie Prüfungen besteht, d.h. dass sie es schafft, sich als Avantgarde herauszubilden und sich als solche in der Bewegung selbst durchzusetzen: Indem sie jederzeit den Beweis der Richtigkeit ihrer Orientierungen dadurch erlangt, dass diese von der Gesamtbewegung anerkannt werden und die Bewegung damit qualitativ bereichert wird. Die Avantgarde muss demnach durch die Gesamtbewegung anerkannt werden auf der Grundlage der Unterstützung, die sie der Bewegung zukommen lässt. Diese Anerkennung hängt davon ab, was die Avantgarde für die gesamte Bewegung leistet.

These 4. Keine totalen, nur partielle Avantgarden.

Die Emanzipationsbewegung des Proletariats spiegelt als totales soziales Phänomen in jeder besonderen oder auch einzigartigen Situation, in der sie in Erscheinung tritt (Kampf in einem Unternehmen, Berufsgewerkschaft, nationale Tradition, Ausdruck von Klassenbewusstsein usw.), sämtliche Aspekte, Elemente, Ebenen und Dimensionen der sozialen Aktivität. Es ist für eine einzelne Gruppe oder Organisation völlig unmöglich, alle Erfahrungen dieser Bewegung zusammenzufassen, selbst in einem begrenzten räumlichen und zeitlichen Rahmen.

Jegliche Avantgarde kann lediglich einen Teil der Situation oder der gesamten Erfahrungen erfassen, an denen sie teilnimmt und die sie zu verstehen versucht, um sie der ganzen Bewegung zur Verfügung zu stellen. Je nach ihrem Engagement in der Bewegung, ihren Aktivitäten und eigenen Projekten, der Tradition, aus der sie hervorgeht usw., gelingt es der Avantgarde im besten Fall, einen Teil dieser Situation oder dieser soziohistorischen Erfahrung zu erfassen und bewusst zu machen. Andere Avantgarden mit anderen Engagements, Aktivitäten und Anliegen werden notwendigerweise andere Aspekte daraus erfassen, nicht weniger reichhaltige aber auch nicht wertvollere Einsichten.

Daraus folgt natürlich, dass jede Avantgarde partiell ist und somit auch relativ. So kann diese Gruppe oder jene Organisation in Bezug auf eine bestimmte theoretische und praktische Frage die Avantgarde der Emanzipationsbewegung darstellen und die Neuheit oder die potentielle Radikalität einer Kampferfahrung, einer Idee oder eines Konzeptes voll erfassen. In Bezug auf eine andere Frage kann dieselbe Gruppe oder Organisation jedoch sehr wohl die Nachhut darstellen und schon längst überholte und von der Mehrheit der Bewegung verlassene Positionen vertreten. Das ist ein weiterer Grund, den avantgardistischen Enthusiasmus zu dämpfen!

These 5. Nicht eine einzige, sondern eine Pluralität von Avantgarden.

Somit ergibt sich unausweichlich eine Pluralität der Avantgarden. Es gibt grundsätzlich immer mehrere strategische und taktische Optionen: Aufgrund der Entscheidungen, die ein politischer Kampf in jedem Moment erfordert; aufgrund der Komplexität der theoretischen und praktischen Probleme, die sich innerhalb der Emanzipationsbewegung des Proletariats in jeder historischen Situation stellen; aufgrund der Vielzahl der offenen Möglichkeiten und der Vielfalt der politischen und ideologischen Traditionen, die Erbe und Nährboden der Avantgarden bilden. Und es ist in einem gewissen Sinn gut und wünschenswert, dass es so ist: Dass die Emanzipationsbewegung in ihrer Gesamtheit immer die Möglichkeit hat, unter mehreren Avantgarden auszuwählen, die Trägerinnen einer Pluralität von politischen und theoretischen Optionen sind, die verglichen und in Bezug auf Aktivitäten und Aufgaben beurteilt werden können.

Daher sollte eher von einem Pol der Avantgarden gesprochen werden als von einer konstituierten Avantgarde. Von einem Pol, der notwendigerweise vielfältig und beweglich ist und dem man nur ein permanentes Aufkeimen neuer Erscheinungsformen wünschen sollte. Dieser Pol kann allerdings seine Mission gegenüber der Gesamtbewegung nur unter der Bedingung erfüllen, dass sich zwischen den unterschiedlichen Avantgarden Beziehungen gegenseitiger Toleranz bilden dank permanenter Diskussion, Konfrontation der Sichtweisen und Meinungen sowie gegenseitigem Respekt. Die vielfältigen Ergebnisse dieser Diskussionen stellen die beste Garantie dar für die Qualität des Beitrags der Avantgarden zum Fortschritt der Gesamtbewegung.

Auch hier ist die Unterscheidung zwischen Generalstab und Avantgarde entscheidend. Nur wenn Avantgarden auf jeglichen Anspruch verzichten, die Bewegung in ihrer Gesamtheit zu führen, können die Voraussetzungen für eine demokratische Auseinandersetzung zwischen den Avantgarden entstehen. Schliesslich ist ein demokratisches Verhältnis zwischen Avantgarden die Folge eines demokratischen Verhältnisses zwischen Avantgarden und Gesamtbewegung.

These 6. Die Aufgabe der Avantgarde, sich selbst überflüssig zu machen.

Was müssten nun Form, Struktur und Funktionen von Avantgarden im hier vertretenen Sinn sein? Zunächst einmal ist es klar, dass Avantgarden in keiner Weise die Form einer Partei annehmen dürfen, die aus der alten staatsgläubigen Kultur des sozialdemokratischen Modells der Arbeiter_innenbewegung entspringt. Tatsächlich ist die Partei eine Form politischer Organisation, die sich ausschliesslich mit dem Ziel bildet, die Staatsmacht zu erobern und auszuüben. Eine Partei bringt die Interessen, den Willen, das Projekt einer bestimmten sozialen Klasse oder, allgemeiner gesagt, eines sozialen Blocks (im Sinn eines komplexen System von Allianzen zwischen unterschiedlichen Klassen, Klassenfraktionen, Schichten oder sozialen Kategorien) in eine staatliche Form.

In der Folge erscheint die politische Partei in allen Aspekten ihrer Funktionsweise wie ein reines Abbild des Staatsapparates: Bezüglich der Beziehung zu den Massen und zur Gesellschaft, insbesondere gekennzeichnet durch Delegation von Macht; bezüglich bürokratischer Organisation, im Sinn der Aufteilung zwischen Leitung und Ausführung; bezüglich Aneignung der Führung durch Personen, die der demokratischen Kontrolle von unten zunehmend entkommen, selbst wenn es im Prinzip formale Garantien dagegen gibt; bezüglich Unabsetzbarkeit der Führer und fehlender Transparenz ihrer Tätigkeit; bezüglich der Art der Parteidiskurse; bezüglich der mehr oder weniger bedingungslos geforderten Unterordnung der Aktivist_innen, die bis zur Militarisierung der Organisation gehen kann; und schliesslich bezüglich Fetischismus der Partei als solcher. Unter diesen Bedingungen gibt das Individuum, welches in eine Partei eintritt, seine intellektuelle und moralische Autonomie ganz oder teilweise ab. Die wichtigsten Entscheidungen der Organisation geschehen ohne sein zutun, es sei denn, das Individuum hat Zugang zu den führenden Instanzen.

Daher dürfen sich die Avantgarden weder Ziele noch Funktionsweisen der politischen Parteien aneignen, da sie im Dienste der Selbstaktivität der Proletariats stehen und eine Selbstbefreiung zum Ziel haben, welche die Zerstörung und den Abbau des Staatsapparates erfordert. Avantgarden dürfen übrigens auch nicht die Form politischer Sekten annehmen. Denn diese sehen sich als exklusive Besitzer einer unantastbaren Wahrheit an, aus deren Höhe sie über den Kurs der Klassenkämpfe urteilen, anstatt daran teilzunehmen. Demokratie muss an erster Stelle stehen Die Struktur der Avantgarden muss sich vielmehr strikt an die föderalistischen Prinzipien halten. Denn je mehr Avantgarden an die Spitze der gesamten antikapitalistischen Bewegung zu stehen kommen, umso mehr müssen sie, als ihr suchender Kopf, in ihren Strukturen und ihrer Funktionsweisen die kommunistische Gesellschaft als «freie Assoziation der Produzenten» (Marx) vorwegnehmen. Daher die Notwendigkeit der kollektiven Selbstverwaltung der Macht im Innern mit allem, was dazu gehört: Rotation der Aufgaben; Verzicht auf Funktionäre auf Lebenszeit; offene Zirkulation der Information; möglichst weitgehende innere Demokratie, basierend auf Dezentralisierung der Entscheide und Aktionen; Garantien für allfällige Minderheiten, die Mehrheitsentscheide ablehnen usw.

Was die Funktionen der Avantgarden betrifft, so dürfen sie ausschliesslich daraus bestehen, die Selbstaktivität des Proletariats in ihren vielfältigen Dimensionen zu fördern: Die Selbstbestimmung des Proletariats (Fähigkeit, ein politisches Projekt zu entwickeln; programmatische Orientierung; Strategien und Taktiken je nach Kräfteverhältnis in den Klassenkämpfen), die Selbstorganisation des Proletariats (Organisationsformen, die eine Mobilisierung als soziale Klasse und die kollektive Ausübung der Macht als Klasse ermöglichen), die Selbstreflexion des Proletariats (Fähigkeit, Klassenbewusstsein zu entwickeln).* In einem Wort ist es die Funktion der Avantgarden, daran zu arbeiten, die Fähigkeit des Proletariats zur Selbstemanzipation zu fördern.

Insofern steht jede Avantgarde vor einem Widerspruch, den sie bewältigen und soweit möglich überwinden muss. Einerseits muss sie versuchen, die soziale Bewegung in ihrer Gesamtheit zu beeinflussen, ohne ihr etwas aufzwingen zu wollen, indem sie theoretische Analysen, strategische Orientierungen, Organisationsmodalitäten, Kampftaktiken usw. vorschlägt. Andererseits arbeitet die Avantgarde daran, ihre eigene Arbeit überflüssig zu machen, indem sie die Fähigkeit des Proletariats zur Selbstaktivität zu fördern und stärken versucht. Schliesslich arbeitet sie daran, die Bedingungen ihres eigenen Absterbens zu schaffen.

* Näheres hierzu in meinen Artikel «Eléments pour une théorie de l’auto-activité du prolétariat», Carré Rouge
Nr. 34, Oktober 2005.

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