Wer definiert, was Emanzipation ist?

Karin Vogt
aus Debatte Nummer 13 – Sommer 2010
Feindbild Frau: Dies zeigt sich derzeit wieder einmal in brutaler Weise in der Kampagne, die unter anderem vom der Zeitschrift Weltwoche ausgeht und muslimische Frauen im Visier hat. Rechte Parteien und Behörden überbieten sich in Sachen Fremdenfeindlichkeit. Dies schwächt die Lage der betroffenen Bevölkerungen ganz real.

Die aktuelle Hetze gegen den Islam geschieht vor dem Hintergrund des «Krieges gegen Terror», der massgeblich gegen muslimische Bevölkerungen ausgetragen wird. Stellvertretend für diese Gruppe zunehmend angegriffener MigrantInnen werden Frauen mit islamischem Kopftuch (Hijab), stärker noch Frauen mit Ganzkörperverschleierung (Burka, obwohl in der Schweiz kaum präsent) als Inbegriff des Rückstands diffamiert.

Neben den Rechten äussern sich auch ein Teil der Feministinnen dahingehend, muslimische Frauen genügten dem Standard der Emanzipation nicht. Öffentlich wird über das Verbot der Burka, teils auch des einfachen Kopftuchs nachgedacht. Die CVP-Frauen scheuen sich nicht, ausgerechnet mit Bundesrätin Eveline Widmer- Schlumpf, von der SVP-Abspaltung BDB, darüber zu diskutieren. Es ist ja traurige Wirklichkeit, dass gerade diese Ministerin verantwortlich ist für die laufend verschärfte Ausländer-gesetzgebung – und insbesondere für die nach wie vor für migrantische Frauen geltende BBewilligung mit Zweck «Verbleib beim Ehemann». Fällt dieser «Aufenthaltszweck» weg, z.B. in Folge von Scheidung oder auch Todesfall des Ehemanns, werden die Frauen ausgeschafft! Bisher sogar samt ihren Kindern mit Schweizer Nationalität.

Hier liegt auch der Kern der Emanzipationsdebatte: Sollen Frauen aus anderen Ländern die Möglichkeit eines gleichberechtigten Leben haben, so gilt es erst einmal und vor allem, ihnen endlich grundlegende Rechte zuzugestehen: Eigenständiges Recht auf Aufenthalt in der Schweiz; Recht auf Anerkennung ihrer Bildungs-abschlüsse; Recht auf Bildung; Recht auf Nicht-Diskriminierung bei Arbeit- und Wohnungssuche…

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Mehrere hundert Mädchen von der Schule entfernt

Und doch erregt das Kopftuch die Gemüter. Nun gibt es aber das französische Beispiel des Gesetzes von 2004 gegen das Kopftuch an der Sekundarschule. Eine Buchpublikation von 2008 holt ein zentrales Moment dieser Auseinandersetzung nach, indem den betroffenen Mädchen und Frauen eine Stimme verliehen wird.1 Junge Frauen mit Kopftuch reden über Beweggründe und Erfahrungen. Es sind oft starke Persönlichkeiten, die sich so äussern. Manche sind politisch engagiert auf der linken Seite. Die meisten wollen die bestmögliche Ausbildung machen, arbeiten – sofern man es ihnen nicht verunmöglicht! – und an der Gesellschaft teilhaben. Sie haben versucht, sich gegen das Antikopftuchgesetz zu wehren: «Es ging nicht mehr um Religion, sondern um Würde und Stolz». Was sie aber berichten über Anfeindungen, in einigen Fälle selbst physischer Art, ist erschütternd: Auf der Strasse, in der Schule, am Arbeitsplatz, bei der Arbeitsuche, in den Läden und im öffentlichen Verkehr. Sie sagen, dass sie das Kopftuch freiwillig tragen. Sie sprechen sich gegen den Zwang zum Tragen des Kopftuches aus. Zwei Mitherausgeberinnen des Buches, beides Kopftuchträgerinnen, erzählen von ihrer Vermittlungstätigkeit zum Schutz von Mädchen gegen ihre Eltern, die ihnen das Kopftuch vorschreiben wollten (ihrem Urteil nach ist das aber in Frankreich nicht die Regel). Auch erzählen sie von der unsäglichen Behandlung, die sie von manchen politischen Frauen-gruppierungen erleiden mussten, als sie sich an feministischen Mobilisierungen beteiligten (insbesondere im Rahmen der Marche mondiale des femmes) mit der von ihr gegründeten Gruppe namens «Collectif des féministes pour l’égalité».

Frauen und Mädchen sind der Meinung, dass der Diskurs über ihre «Unterdrückung» durch das Kopftuch an sich dazu beiträgt, ihnen ihre Rechte vorzuenthalten, insbesondere das Recht auf Bildung (das französische Gesetz gegen «ostentative religiöse Zeichen» von 2004 hatte zur Folge, dass 48 Mädchen von der Sekundarschule ausgeschlossen wurden; ungefähr 60 unterzeichneten ein Schreiben zum «freiwilligen» Schulaustritt, das sind jene, die das Prozedere mit Disziplinarverfahren und Ausschluss nicht auf sich nehmen wollten; auf mehrere hundert wird die Zahl jener Mädchen geschätzt, die sich nach dem im Frühjahr 2004 verabschiedeten Gesetz gar nicht mehr für die nächste Schuljahr anmeldeten). Die Schülerinnen von damals erzählen von der Demütigung, vor dem Schultor das Kopftuch ausziehen zu müssen, unter den Augen der auflauernden Schulleitung. Sie berichten auch von ironischen oder spöttischen Aussagen des Lehrkörpers («Nächstes Jahr weiss ich endlich, ob du braune oder blonde Haare hast!», «Siehst du, so schwer war es doch gar nicht, das Kopftuch abzulegen»), die teils auch offen aggressiv ausfielen («Zum Glück bist du nicht mein Enkelkind!», «Sonst noch was? Du kannst uns ja gleich Ungläubige oder Heiden nennen!»). Die Lehrerin, die die Türe zuhält, um einem Mädchen mit Kopftuch den Eintritt zu verwehren, solche Szenen sind passiert und bleiben im Bewusstsein der heute erwachsenen Frauen eingebrannt. Eine Lehrerin: «Ich bin Feministin und ich bin allergisch auf das Kopftuch. Ich habe muslimische Freundinnen, die sich gegen den Kopftuchzwang wehren, daher verlange ich, dass Sie das Kopftuch ablegen, wenn Sie an der Stunde teilnehmen wollen…» Ist das wirklich eine Botschaft der Emanzipation, die so übermittelt wird?

Das Recht auf freie Wahl

Aus feministischer Sicht ist absolut vertretbar, sich nicht “gegen” oder “für” das Kopftuch auszusprechen, sondern die Freiheit der Frauen zu verteidigen, sich zu kleiden wie sie es wollen. Dieses Recht muss sowohl für jene Frauen, die kein Kopftuch tragen wollen wie auch für die anderen eingefordert werden. Ein wirklich universelles feministisches Prinzip ist in der Tat das Recht auf freie Wahl, mit entsprechenden Mediationen und Massnahmen zum Schutz vor Zwängen, aber ohne gesetzliche Eingriffe. Das bedeutet noch lange nicht, dass wir einverstanden wären mit der Unterdrückung der Frauen in Afghanistan, Iran und anderswo, dass wir kulturellen Relativismus betreiben, dass der feministische Kampf weniger wichtig wäre als der antiimperialistische Widerstand, oder dass wir uns mit fundamentalistischen Bewegungen verbünden würden.

In einem wichtigen Beitrag nehmen die zwei linken Forscherinnen und Aktivistinnen Katrin Rieder und Elisabeth Joris2 Stellung zur anrollenden Diskussion um ein mögliches Burkaverbot. Sie gehen darin konsequent den Weg der Verteidigung der freien Wahl und sprechen sich gegen Verbote aus. Ihre fundierte Kritik zielt auf koloniale Denkweisen ab, die von einer Überlegenheit westlicher Emanzipationsmuster ausgehen. Dieser Beitrag stellt, im Gegensatz zum erwähnten Buch «Les filles voilées parlent», eine Aussensicht auf die Lage der muslimischen Frauen, jedoch bietet er konstruktive und äusserst wichtige Ansätze zu einer Zusammenarbeit mit diesen. Für die Frauenrechte zu kämpfen, aber mit den Frauen und nicht gegen sie – dieser Anspruch gehört eigentlich zum Kern des Kampfs für eine andere Gesellschaft.

1 Ismahane Chouder, Malika Latrèche, Pierre Tevenian: Les filles voilées parlent, Paris:
Editions La Fabrique 2008. Unbedingt lesen!

2 Ein feministisches Nein zum Burkaverbot, NZZ vom 12. Mai 2010, http://www.nzz.ch/
nachrichten/schweiz/ein_feministisches_nein_zum_burkaverbot_1.5698015.html

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