Wenn Kinder können müssen

Karin Vogt
aus Debatte Nummer 12 – März 2010
Jedes Kind kann schlafen lernen – diese Formel haben die meisten Leute
mit kleinen Kindern wohl schon einmal gehört. Kreuz und quer wird ein
Buch mit diesem Titel herumempfohlen.1 Eine Kritik.

Als Patentlösung und Alltagserleichterung sorgt die Methode „Jedes Kind kann schlafen lernen“ angeblich dafür, dass Säuglinge und Kleinkinder in kurzer Zeit das „Durchschlafen“ erlernen und nachts nicht mehr stören. Worin besteht die Wundermethode? Man lege sein Kind wach in das Kinderbett und entferne sich. Naturgemäss beginnt es dann meist zu brüllen („stark“, warnt uns das Buch). Man lasse das Kind weinen. Dann gehe man im Abstand von einigen Minuten zum ihm rein und versuche es zu beruhigen – aber Achtung: ohne es aus seinem Bettchen hochzunehmen. In der Folge geht man wieder raus und wiederholt die Prozedur mit immer längeren Zeitabständen. So soll das Kind innerhalb von wenigen Tagen lernen, alleine einzuschlafen und dann automatisch auch durchzuschlafen (d.h. alleine wieder einzuschlafen, wenn es nachts aufwacht). Aus dem Bettchen hochnehmen darf man das Kind nur, wenn es so stark weint, dass es sich erbricht – aber auch dann nur um es sauberzumachen, dann geht die Dressur sofort wieder los. Schlägt sich das Kind den Kopf rhythmisch am Bettgitter, so wird empfohlen, selbiges auszupolstern. Erfunden hat diese glorreiche Methode ursprünglich Dr. Richard Ferber in den USA Mitte der 1980er Jahre.

Schlaftraining trainiert Eltern darin, nicht mehr auf ihr Kind zu reagieren.

Durch diese krasse Methode der Konditionierung, „Schlaftraining“ genannt, wird zuweilen erreicht, dass die Kinder sogenannt durchschlafen. Viele Eltern berichten aber auch von schlimmen Erfahrungen, dass das Kind tagsüber verschüchtert wirkt, es nach einiger Zeit „rückfällig“ wird und sich nachts kaum mehr beruhigen lässt und verändert auf Kontaktaufnahme reagiert.2

Nun ist immer mehr anerkannt, dass das Weinen von Säuglingen immer einen Grund hat und dass es wichtig ist, darauf einzugehen. Beim Schlaftraining lernen die Kinder einzig und allein, dass ihren Bedürfnissen zu bestimmten Zeiten nicht nachgekommen wird: Sie resignieren. Die Eltern hingegen lernen, ihr natürliches Mitfühlen mit der verzweifelten Manifestation des Kindes zu unterdrücken. Manche, die das Schlaftraining angewendet haben, berichten dass sich insbesondere die Mütter schalldicht abschirmen müssen oder aber mit ihrem Kind mitweinen. Die langfristigen Auswirkungen von solchen Schlaftrainings auf die Bindung zwischen Eltern und Kind ist nicht untersucht. In einem mehrseitigen Dokument von November 2002 warnt die Australian Association for Infant Mental Health AAIMHI ausdrücklich von der Anwendung von Schlaftrainings.3 Weinen sei Ausdruck einer körperlichen oder emotionalen Not, schreibt die Vereinigung.

Erziehung im Dienste des Kapitals

Woher kommt diese „kaputte“ Logik, die besagt, dass Bedürfnisse verschwinden, sofern man sie nicht befriedigt? In alten Zeiten ging es um die frühe Unterordnung und Disziplinierung der Kinder. Die autoritäre Erziehung führte zu einer systematischen Unterdrückung der Äusserungen der Kinder. In diesem repressiven Menschenbild sollten die kleinsten Kinder schon auf ein angepasstes Leben in einer hierarchischen und patriarchalischen Gesellschaft getrimmt werden, nicht zuletzt mittels körperlicher Strafen. Das Kind auf keinen Fall verwöhnen, sondern abhärten, hiess das Motto. Einüben fürs Leben.

Käthe Kollwitz, Kopf eines Kindes in den Händen der Mutter.

Diese Zeiten scheinen vorbei. Im Moment ist ein autoritärer Erziehungsstil nicht mehr allgemein akzeptiert und es wird viel von Förderung der Kinder gesprochen, von ihrer Entfaltung und Kreativität. Bewirkt hat dies zu einem Teil der antiautoritäre Aufbruch der 1960er und 1970er Jahre. Auch und vor allem hat sich aber die Arbeitswelt verändert. Heute werden weniger unterwürfige Subjekte benötigt. Die heute gefragte Arbeitskraft kann selbständig komplexe Prozesse gestalten, passt sich initiativ an immer neue Abläufe an und bildet sich ständig aus eigener Kraft weiter. Dass diese Entwicklung nicht mit einem wesentlichen Zuwachs an Rechten und Verfügungsmacht über das eigene Leben und die Arbeitsbedingungen einherging, ist offensichtlich. Berufskrankheiten, allgemeiner Verschleiss und zunehmende Angst am Arbeitsplatz sprechen eine eindeutige Sprache.

Was heisst dies nun für die Zurichtung künftiger Generationen von Lohnabhängigen auf diese Arbeitswelt, also für die Erziehung schon ganz kleiner Kinder? Nun: Blinder Gehorsam hat ausgedient, es herrscht die Forderung nach möglichst früher Autonomie. Folgerichtig begründen Dr. Ferber und seine Helfershelfer ihr Schlaftraining sozusagen aus der Sicht des Kindes: Nämlich soll die Methode dem Kind „helfen“, möglichst früh selbständig zu sein, also keine Hilfe von seinen Eltern zu verlangen, zumal nachts. Da wird grossartig berichtet, wie autonom ein Säugling werde und wie gut das für seine Entwicklung sei. Beziehungen aufnehmen zur Umwelt und Vertrauen lernen, das ist offenbar nicht der Rede wert. Ich lasse dich schreien und es ist sogar gut für dich, lautet die Botschaft. Das passt sich alles sehr schön ein in den neoliberalen Diskurs ab Mitte der 1980er Jahre, als „Kreativität“, „flache Hierarchien“ und „Autonomie“ plötzlich zu verlogenen Schlagworte der kapitalistischen Unternehmenswelt wurden…

Das Recht auf Zeit für sein Kind
Ohne Zweifel kann jedes Kind schlafen lernen. Aber jedes Kind ist anders und lernt es nicht genau so und dann, wie es von ihm erwartet wird. In unserer Gesellschaft müssen die meisten Babys “schlafen lernen”, weil die Eltern irgendwann die Abende für sich haben und am nächsten Arbeitstag ausgeruht sein wollen. Mit der “Autonomie” des Kindes hat das nicht viel zu tun.
Die Verantwortung für strenge “Schlaftrainings” liegt bei den Eltern. Aber hinter solchen nicht kindergerechten “Erziehungsmethoden” verbergen sich gesellschaftliche Probleme. Die kapitalistische Gesellschaft erlaubt es den meisten jungen Eltern nicht, sich so viel Zeit für ihre Kleinkinder zu nehmen, wie sie es gerne möchten und / oder es für die Kinder am besten wäre.
In der Schweiz gibt es erst seit 5 Jahren einen Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen. Frisch gebackene Väter dürfen in grösseren Firmen einige Tage frei nehmen – doch das ist für die Betreuung eines Säuglings nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Krippen und Tagesheime sind sinnvoll. Aber nicht alle Kinder können gleich früh in Fremdbetreuung gegeben werden. Bei manchen klappt es mit fünf Monaten gut, bei anderen mit zwei oder drei Jahren.
Um den Druck von den Kindern zu nehmen, rechtzeitig “schlafen zu lernen”, sollten im ersten halben Lebensjahr beide Elternteile das Recht haben, die Erwerbsarbeit ruhen zu lassen, ohne einen Einkommensverlust zu erleiden; und danach mindestens ein weiteres Jahr zumindest ein Elternteil. Denn wer sich am folgenden Tag zwischendurch hinlegen und erholen kann, steht nächtliche Schlafunterbrüche besser durch. Sie oder er hat mehr vom Kind – und umgekehrt natürlich auch. (Red.)

Wird die Ferber-Methode auf solche Mädchen angewandt, die eh schon eher ruhig und „pflegeleicht“ sind, so fügt sich noch der Aspekt der Prägung der künftigen Geschlechterrolle hinzu: Es ist allemal besser, wenn eine Frau beizeiten lernt, ihre Bedürfnisse zurückzustellen.

Dass offenbar so viele Eltern auf die Ferber- Methode ansprechen, ist traurig aber sicher teils erklärbar: Durch die Isolation, die allzu oft die Realität ist, wenn ein Kind zur Welt kommt. Ein Umfeld und beruflich stark eingespannte FreundInnen, die wenig präsent sind oder sich gar zurückziehen, gerade wenn Unterstützung oder einfach nur Kontakt vonnöten wären, haben Teil an der gesellschaftlichen Verantwortung dafür, wie kleine Kinder behandelt werden. Ein anderer wesentlicher Punkt sind die verrückten Anforderungen der Erwerbsarbeit, die kaum Platz für anderes lassen.4 Sich um Kinder zu kümmern, erfordert Geduld, Zeit, Interesse, alles Dinge die in der herrschenden Ordnung zu Geld gemacht werden und knapp sind… Damit wird aber das Recht von uns allen auf freundliche Aufnahme in dieser Welt verletzt.

1 Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth, „Jedes Kind kann schlafen lernen“,
Oberstebrink, 7. Auflage 1995. Dieser bisher 700 000 Mal verkaufte Titel wurde 2007 bei einem anderen Verlag in einer überarbeiteten Fassung neu herausgebracht. Eingestreut sind nun verlogene Formeln wie „Bitte hören Sie auf Ihr Herz“ und Ähnliches. Die Grundhaltung ist dieselbe.

2 Elternberichte auf www.ferbern.de

3 Position Paper 1: Controlled Crying, auf www.aaimhi.org/documents/position% 20papers/controlled_crying.pdf

4 Eine sanfte Alternative, wenn die Nächte mit kleinen Kindern schwierig sind, bietet: „Ich will bei euch schlafen! Ruhige Nächte für Eltern und Kinder“, von Sibylle Lüpold, Urania 2009.

Kritik der bürgerlichen Familie
Die heutige Kernfamilie ist geschichtlich nicht sehr alt und besteht in dieser Form erst seit dem Entstehen des Bürgertums. Die bürgerliche Familie ist ein wichtiger Eckpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft. Sie liefert eine Voraussetzung dafür, dass die Reproduktionsarbeit (kochen, putzen, pflegen…) und damit auch die Verantwortung für die Kinder nach wie vor meistens Sache der Frauen ist. Damit einher gehen vielfältige Benachteiligungen der Frauen in Bezug auf finanzielle Autonomie, gesellschaftliche Integration und soziale Rechte (sie sind lebenslang wesentlich schlechter gestellt im Bereich der Sozialversicherungen: Arbeitslosenversicherung, Invalidenversicherung, Altersvorsorge usw.). Die Erwerbsquote der Frauen hat sich in einigen industrialisierten Ländern zwar deutlich gesteigert, es zeigt sich jedoch, dass dies nicht automatisch und nicht immer zu einer Verbesserung ihrer Lebensqualität führt. Auch in diesem Fall fungiert die bürgerliche Familie immer noch oft als Erholungsraum für den Mann, der sich nach einem harten Arbeitstag am Abend bedienen und verwöhnen lassen kann. Durch die ungleiche Aufteilung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit werden die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern konserviert und im häuslichen Rahmen auch gleich den Kindern mit auf den Weg gegeben. Die Forderung nach Überwindung des Modells der bürgerlichen Familie, hin zu einer Vergesellschaftung der Erziehung, in der Kinder mehrere Bezugsgruppen haben und die Erziehungsarbeit im gleichen Masse Aufgabe der Männer wird, ist ein unerlässliches Element jeder ernsthaften Gesellschaftskritik. Dabei kann es nicht darum gehen, das Recht auf Erwerbsarbeit gegen das Recht, Zeit mit einem Kind zu verbringen, auszuspielen: Wir wollen beide Rechte, und zwar für beide Geschlechter. Zentral und in der aktuellen Realität völlig ungelöst ist auch die Frage der Rechte der Kinder, die erst einmal geschaffen, anerkannt und gesellschaftlich durchgesetzt werden müssen… (Red.)
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