Wenn die Lohnarbeit krank macht

Peter Streckeisen
aus Debatte Nummer 13 – Sommer 2010
Gesundheitszustand und Lebenserwartung sind abhängig von Klassenzugehörigkeit, Beruf und Einkommen. Eine Studie von Jean-François Marquis dokumentiert erstmals für die Schweiz. Sie gibt uns wichtige Argumente an die Hand, um Alternativen in der Gesundheits- und Sozialpolitik einzufordern.

Soziale Ungleichheiten betreffend Gesundheit und Alter sind nichts Neues. Bereits Karl Marx hatte im Kapital festgehalten, die durchschnittliche Lebenserwartung in Manchester liege bei 38 Jahren für die vermögenden Klassen und bei 17 Jahren für die Arbeiterklasse. Natürlich ist die durchschnittliche Lebenserwartung seither stark gestiegen – zumindest in führenden Industrieländern. Aber trotz moderner Medizin, gestiegenem Lebensstandard und öffentlicher Gesundheitsversorgung nehmen die sozialen Ungleichheiten in dieser Hinsicht sogar wieder zu. Dies wurde durch eine Studie der Weltgesundheitsorganisation 2008 auf internationaler Ebene festgehalten.

Ungleichheiten früher und heute

Jean-François Marquis vergleicht die von Marx zitierten Zahlen mit Daten von heute. So ist die durchschnittliche Lebenserwartung einer Frau in Botswana bei 43 Jahren – genau halb so hoch wie in Japan (86 Jahre). Doch zweifellos überrascht uns folgendes Zahlenpaar viel mehr: Im ärmsten Quartier von Glasgow wird ein Mann durchschnittlich 54 Jahre alt, im reichsten 82 Jahre. In Genf hat eine Studie gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, das Rentenalter ohne gravierende gesundheitliche Beeinträchtigungen (Invalidität) zu erreichen, für die Männer in liberalen und wissenschaftlichen Berufen bei 86 Prozent liegt, für Arbeiter aber bei bloss 66 Prozent.

Unter internationalen ExpertInnen ist unbestritten, dass die Erwerbsarbeit ein wichtiger Faktor ist, um solche sozialen Ungleichheiten zu erklären. Die Studie von Jean-François Marquis erforscht die Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen, Erwerbslosigkeit und Gesundheits-zustand erstmals systematisch für die Schweiz. Zu dem Zweck hat der Autor die Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 2007 ausgewertet. Diese Befragung liefert wertvolle Daten, deren Aussagekraft aber auch relativiert werden muss. Zu nennen sind vor allem folgende Einschränkungen: (1) Es handelt sich um eine Momentaufnahme, d.h. die befragten Personen werden nicht über einen längeren Zeitraum hinweg mehrmals befragt (Panelforschung), um zu beobachten, wie sich ihr Gesundheitszustand verändert. (2) Wichtige Risikofaktoren für die Gesundheit (vor allem psycho-sozialer Art) werden nicht erhoben. (3) Wie jeder grosse Datensatz bietet auch dieser nur eine allgemeine Sicht auf statistische Zusammenhänge, eine Art Vogelperspektive, aus der keineswegs abgleitet werden kann, wie in einzelnen oder typischen Fällen Arbeitsbedingungen konkret auf den Gesundheitszustand einwirken.

Stark verbreitete Risiken

Trotz der genannten Einschränkungen kann Jean- François Marquis eindrückliche Ergebnisse präsentieren. Er zeigt, dass Gesundheitsrisiken in der Arbeitswelt weitaus stärker verbreitet sind als meistens angenommen wird. Dies gilt nicht nur für psycho-soziale, sondern auch für körperliche Risiken. So sind über 40 Prozent der Männer sowie über 35 Prozent der Frauen mindestens drei körperlichen Gesundheitsrisiken im Arbeitsalltag ausgesetzt – dazu gehören die ergonomischen Risiken (repetitive Bewegungen, schwere Lasten tragen, schmerzhafte Körperstellungen usw.) ebenso wie der Kontakt mit gefährlichen Stoffen oder die Auswirkungen von starkem Lärm oder aussergewöhnlichen Temperaturen. Bei den psycho-sozialen Risiken geht es vor allem um das (un) ausgewogene Verhältnis zwischen den Anforderungen an einen Arbeitsplatz (wie etwa hohe Konzentration, zu knappe Zeit, etc.), der Kontrolle über die eigenen Arbeitsbedingungen (langweilige Arbeit, keine Möglichkeit Ideen umzusetzen usw.) und der (fehlenden) Unterstützung durch die KollegInnen und Vorgesetzten. Laut Marquis sind 35 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz mindestens drei psycho- sozialen Risiken ausgesetzt. Je höher man in der sozialen Rangordnung der Bildungstitel und Berufe steigt, desto kleiner wird aber die Wahrscheinlichkeit, mehreren Gesundheitsrisiken ausgesetzt zu sein. Das gilt vor allem für körperliche Risiken. Nur ein Gesundheitsrisiko – hohe psychologische Anforderungen an den Arbeitsplatz – ist in höheren Positionen am stärksten verbreitet.

Ein Hauptproblem liegt in der Häufung von körperlichen und psycho-sozialen Risiken, die bei vielen Berufen Hand in Hand gehen. Auf dem Bau sind zum Beispiel die körperlichen Risiken stark, aber die Arbeiter können diese mehr oder weniger auffangen oder kontrollieren, sofern sie sich gegenseitig unterstützen und ihre Arbeitszeit entsprechen organisieren können. Je mehr die Arbeit aber individualisiert und die Arbeitszeit flexibilisiert und intensiviert werden, desto gravierender wirken sich die körperlichen Risiken aus, die nun verstärkt werden durch Zeitdruck, mangelnde Kontrolle über die Arbeit, fehlende Unterstützung durch Kollegen usw.

Angst und Erwerbslosigkeit

Jean-François Marquis zeigt, dass sich die Gesundheitsrisiken auf den Gesundheitszustand der Lohnabhängigen auswirken. Am stärksten wirkt Angst am Arbeitsplatz: Betroffene weisen eine 2.3 (Frauen) bis 2.5 Mal höhere Wahrscheinlichkeit auf, bei schlechter Gesundheit zu sein. Aufhorchen lassen auch die Daten zu den Auswirkungen von Erwerbslosigkeit (siehe Tabelle): 37 Prozent der erwerbslosen Männer sagen, ihr Gesundheitszustand sei nicht gut; 48 Prozent der Frauen ohne Erwerbsarbeit geben an, in psychischer Not zu sein; über 20 Prozent der Erwerbslosen (Männer und Frauen) konsumieren Psychopharmaka. Bereits die Angst vor dem Jobverlust ist ein Gesundheitsrisiko – für Frauen scheinbar mehr als für die Männer. Der tatsächliche Verlust der Erwerbsarbeit wirkt sich vor allem auf die Männer sehr negativ aus.

Für eine andere Gesundheitspolitik

Während die vorherrschende Gesundheitspolitik vor allem die so genannte Kostenexplosion zum Thema macht und die individuelle Verantwortung von PatientInnen (für ihren Lebensstil und ihr Gesundheitskapital) und ÄrztInnen (als Kostentreiber mit Partikularinteressen) ins Visier nimmt, gibt die Studie von Jean-François Marquis sehr gute Argumente, um sich für einen politischen Kurswechsel einzusetzen. Die zwei wichtigsten Schlussfolgerungen können so zusammengefasst werden: Erstens sind die Ursachen von Krankheit und Gesundheit primär gesellschaftlicher Art (nicht nur die Arbeitsbedingungen, auch Konsumgewohnheiten oder Lebensstile sind ja gesellschaftliche Phänomene). Das spricht zweitens nicht nur dafür, die öffentliche Gesundheitsversorgung solidarischer zu gestalten (insbesondere in der Schweiz, wo es sich heute um ein lukratives Geschäftsfeld für private Krankenkassen, Kliniken oder Pharmaunternehmen handelt), sondern eben auch die Arbeitsmarktund Sozialpolitik als Instrumente des Gesundheitsschutzes neu zu definieren. Denn eines ist klar: So lange der Arbeitsmarkt weiter flexibilisiert und die Beschäftigungsverhältnisse prekarisiert werden und die Erwerbslosen und BezügerInnen von Sozialleistungen als SchmarotzerInnen stigmatisiert werden, werden die sozialen Ungleichheiten bei Gesundheit und Lebenserwartung auch in der Schweiz (wieder) zunehmen.

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