Weg mit dem Spektakel – Her mit den Situationen

Sarah Schilliger
aus Debatte Nummer 2 – August 2007
Die Situationistische Internationale hat mit dem Anspruch auf eine revolutionäre Umwälzung Anti-Kunst betrieben und für eine «grösstmögliche Veränderung der Gesellschaft und des Lebens, in die wir eingeschlossen sind» gekämpft. Eine Ausstellung in Basel gedenkt dieser radikalen Avantgardebewegung.

«Ne travaillez pas, plus jamais» – diese Aufforderung Guy Debords zum Müssiggang, geschrieben mit Sprayerschrift, stach einem auf dem Weg zur Arbeit von den Plakatwänden Basels wochenlang ins Auge. Das Plakat warb für die Ausstellung über die «Situationistische Internationale» (SI) im Museum Tinguely (April bis anfangs August 2007). Im Untertitel: «Ein Kulturengagement von Roche». Der Basler Chemie-Multi sponsert eine Ausstellung über eine radikal gesellschaftskritische, antikapitalistische Antikunstbewegung, die als Vorläuferin der 68er- Bewegung gilt?

Guy Debord (1931-1994), eine wichtige Figur des Situationismus.

Guy Debord (1931-1994), eine wichtige Figur des Situationismus.

Einswerden von Kunst und Leben

Die Ausstellung über eine Bewegung, die sich eigentlich gegen Kunst in Museen gestellt hat, kommt widersprüchlich daher. Es ist schwierig, den Situationisten darin gerecht zu werden. «Dépassement de l’art» – ein Überschreiten, eine Auflösung der Kunst, das war der Anspruch der SI. Denn Kunst ist ein Teil des grossen Spektakels, ein Paktieren mit dem Kapital und mit den bestehenden Verhältnissen. Statt Spektakel sollten Situationen hergestellt werden, in denen das Leben selbst zum Kunstwerk wird: Poesie und künstlerisches Denken und Handeln gehören nicht primär auf Leinwände, sondern sollen in der Gestaltung der alltäglichen Lebenswelt Aller stattfinden. Der Begriff der Kunst wird dadurch überflüssig, denn Kunst findet nicht an einem speziellen Ort, sondern überall statt.

Als im Juli 1957 die SI gegründet wurde, schien eine Revolution ähnlich fern wie in der heutigen Situation. Nach dem Krieg war in Westeuropa eine Periode des Wiederaufbaus und des wirtschaftlichen Aufschwungs angebrochen, die Konsumgesellschaft schien sich zu etablieren. Mit den Situationisten betraten in den muffigen 50iger-Jahren künstlerische Rebellen die Szene, die die Sprengung des Eiffelturms androhten, für ein Menschenrecht auf Poesie im Alltag eintraten und die in der Waren- und Konsumgesellschaft enteignete Lebenswirklichkeit zurückgewinnen wollten. «Alles Leben (im kapitalistischen System, muss man ergänzen) ist zum blossen Spektakel, zur Repräsentation, zum entfremdeten Schein geworden. Diese Art der Verdinglichung muss beendet werden» – so formulierte Guy Debord als Cheftheoretiker der Bewegung den Anspruch des Situationismus.

Die Situationisten arbeiteten an einer «Theorie der Praxis», die versuchte, mit experimentelle Mitteln eine «unumkehrbare Situation» der Geschichte, d.h. eine Revolution im Marx’schen Sinne herbeizuführen, welche den Menschen für immer von seinen Ketten befreien sollte. «Die Revolution ist aufs neue zu erfinden – das ist alles!» rief die SI sowohl den Skeptikern wie auch jenen zu, die sich in ihren Augen auf veraltete revolutionstheoretische Konzepte bezogen. Sie wandten sich gegen jede bisherige Politik, in der eine Avantgarde den «Massen» den richtigen Weg zu weisen versuchte und gingen davon aus, dass eine Revolution, die nicht die Alltagsrealität jedes einzelnen grundlegend verändert, bloss auf eine neue Form der Herrschaft hinauslaufe. Das Alltagsleben soll deshalb durch die Konstruktion von Situationen befreit werden von festgelegten Strukturen und mechanisierten Prozessen. Wichtig waren ihnen Methoden wie das planlose „Umherschweifen“ und Verwirrung stiften, die Nutzung der Stadt als Experimentierraum, die Zweckentfremdung oder die «psychogeographische» Untersuchung der architektonischen Umgebung.

1965 nahm der gesellschaftliche Einflussder SI zu, die Auflage ihrer Zeitschrift stieg rasant an. Insbesondere an den Unis gewannen die Situationisten Anhänger, beispielsweise mit der im November 1966 erschienenen Broschüre «Über das Elend im Studentenmilieu», die an sämtliche Universitäten Frankreichs verbreitet wurde. Weite Teile der revoltierenden Studentenjugend wurden in der Folge von den Ideen der Situationisten beeinflusst. Nach diesem unverhofften Höhepunkt lief die SI Gefahr, selber zum «Spektakel» zu werden und von der Kulturindustrie Frankreichs rekuperiert zu werden. Zudem schloss die SI permanent Mitglieder aus, die als abweichlerisch erachtet wurden – aus den ausgestellten Protokollen und Briefen wird ersichtlich, wie die SI selber zunehmend elitär und wie ein Zentralkomitee funktionierte. 1972 löste sie sich schliesslich auf.

Der modernisierte Geist

Die Ausstellung im Basler Tinguely- Museum liefert für politische Aktionen heute einiges an Inspiration: Die SI bietet einen grossen Überfluss an Ideen, Wünschen, Plänen und Phantasien, was ansteckend wirkt und nutzbar gemacht und weiterentwickelt werden könnte – sofern man das Museum nicht als passiver Zuschauer eines Spektakels besucht. Plakate, die zur Revolte aufrufen, Traktate gegen die Ökonomisierung der Bildung, umgestaltete Comics, in denen die Texte ausgetauscht und mit situationistischen Ideen ersetzt wurden, ein Film und viele Tondokumente – alles politische, subversive und oft noch immer aktuelle Darstellungen einer Gesellschaft, die heute wie damals als eine spektakuläre Warengesellschaft charakterisiert werden kann.

Die Sponsoren und Ausstellungsmacher scheinen das weniger so zu sehen. Die SI wird vielmehr dargestellt als die «letzte internationale Avantgarde-Bewegung» vor dem Übertreten ins postmoderne Zeitalter. Nicht eine Dokumentation über kreative und radikale Methoden des Widerstands gegen den modernen Kapitalismus steht im Zentrum, sondern eine chronologisch aufgebaute Darstellung einer vergangenen Subkultur. Die spektakuläre Warengesellschaft hat gelernt, wie sie auf proletarische Kritik zu reagieren hat. Wie dies sehr eindrücklich Boltanski und Chiapello in ihrem Buch «Der neue Geist des Kapitalismus» (2003) aufzeigen, haben die Nach- 68er es geschafft, in zerstückelter Form Momente der Kritik aufzunehmen, zu modernisieren und des revolutionären Stachels zu entledigen. Der Geist des Kapitalismus verdankt sein Anpassungsvermögen der gegen ihn gerichteten Kritik und seiner Fähigkeit, diese Kritik konstruktiv zu verarbeiten. So wird beispielsweise auf die auch von den Situationisten geäusserte Kritik an entfremdeter und monotoner Arbeit laut Boltanski/ Chiapello in der Managerliteratur reagiert mit der neuen Nachfrage nach flexiblen, mobilen, eigenverantwortlichen Selbstunternehmern, die ihre Arbeit als eigene „Projekte“ managen und dabei „Autonomie“ am Arbeitsplatz verwirklichen – im Dienste der kapitalistischen Akkumulation.

Die Zeit der Revolte und der Utopie wird als vergangen betrachtet – der Situationismus kann ins Museum gestellt werden.

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 02, Kultur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *