Web 2.0 Proteste

CS
aus Debatte Nummer 12 – März 2010
Die Protestbewegung an den Universitäten hat die Massenmedien in einem fragwürdigen Licht erscheinen lassen. Sie waren langsam, schlecht informiert und liessen sich zu plumpen Lügen hinreissen. Schon Minuten nach der Besetzung wurde die Uni Basel bei Google Maps als eine der europaweit besetzten Unis gekennzeichnet. Zwei Tage darauf behauptete die „Zeit“1 , es würde in der Schweiz nicht zu Protesten kommen. All dies hat ein Schlagwort in den Fokus der Linken gerückt: Web 2.0.

Die Macht der „alten“ Medien (Radio, Print-Medien, Fernsehen) sollte auf keinen Fall unterschätzt werden. Sie werden noch lange Zeit ein Informationsmonopol besitzen. Doch alle Statistiken zeigen einen immer grösseren Zugriff auf Informationen aus dem Internet. Über 70% der Bevölkerung nutzen das Internet mehrmals pro Woche und mehr als die Hälfte liest dort tagesaktuelle Nachrichten. Aber auch hier sind die alten Medien präsent.

Mittels Anwendungen wie Facebook und YouTube können geplante Aktionen oder auch Berichte über solche weltweit verbreitet werden.

Web 2.0 ist ein Begriff, der in den letzten Jahren im Internet aufgetaucht ist. Er umschreibt die grundlegende Veränderung, die das Internet durchgemacht hat. In der IT-Sprache ist damit die zweite Version des Internets gemeint. Für die Proteste waren drei Veränderungen ausschlaggebend:

  • Vielfältigere Arten von Content (Inhalt) wie: Bilder (ständig neue Impressionen), Livestream, Karten (mit allen besetzten Unis) usw.
  • Die Partizipation im Internet: Blogs haben über den Protest berichtet, auf Seiten wie Facebook konnte man/frau Fan von Unsereuni werden, Freunden weiter empfehlen und über Forderungen diskutieren. Es war möglich, auch aus Entfernung mitzuarbeiten (bspw. bei Übersetzungen)
  • Liveberichte aus den besetzten Unis konnten ohne Zeitverzögerung gesendet werden. Beispielsweise wurde der News-Dienst „Twitter“ zur Verbreitung der neusten Meldungen genutzt (neuste besetzte Uni, Strategie des Rektors, Entscheidungen des Plenums, usw.).

Die Medien unter Druck

Diese neuen Mittel wurden so rege genutzt, dass eine Gegenmacht geschaffen werden konnte, die die „alten“ Medien unter Zugzwang setzte. Die Medien- Berichte der ersten Tage aus Wien waren kläglich. Reisserische Schlagzeilen von wenigen betrunkenen Studenten, die angeblich täglich 10‘000 Euro Schaden anrichten. Dieses Bild der Proteste war nicht lange haltbar. Die Medien konnten nicht von 200 Aktivistinnen sprechen, wenn jede/r im Livestream ein völlig überfülltes, 1500 Leuten Platz bietendes Audimax sehen konnte. Menschen, die sich über das Internet informierten, bekamen ein abweichendes Bild von der Bewegung. In manchen Fällen wurden die alten Medien der plumpen Lüge überführt. Bei einer so entlarvten Berichterstattung steigt das Misstrauen gegenüber den alten Medien. Vertrauen ist nun aber eine Grundvoraussetzung des Journalismus. Hier gilt auch das alte Sprichwort „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er die Wahrheit spricht“. Die alten österreichischen Medien mussten nun – aus rein ökonomischen Gründen – eine andere Taktik gegenüber der Bewegung fahren.

Netz als Massenphänomen

Mit dem Web 2.0 eröffnete sich einem grösseren Teil der Gesellschaft die Möglichkeit der Kommunikation. Erstens ist heute eine Radiosendung aus Brasilien und die Tageszeitung aus Neuseeland auf der ganzen Welt erreichbar. Zweitens hat jeder Mensch mit einem Internet-Zugang theoretisch die Möglichkeit, die gleichen Dienste anzubieten wie Medienkonzerne. Musste früher eine Million investiert werden, um einen lokalen Radio-Sender zu eröffnen, geht man heute mit drei Klicks global auf Sendung. Live Berichterstattung in Bild, Ton und Text ist heute nicht mehr primär den kapitalträchtigen Eliten vorbehalten.

Natürlich ist die ökonomische Macht der Medien-Konzerne im Internet nicht wirkungslos. Sie ermöglicht es, eine Fulltime- Redaktion anzustellen und sich durch Werbung den KonsumentInnen aufzudrängen. Bewegungen können diesen Nachteil nur wettmachen, wenn AktivistInnen die Redaktion, Werbung und Technik übernehmen. Bei der Unsereuni- Bewegung hat dies für einen kurzen Moment funktioniert. Es zeigte sich dabei die grosse Kreativität von Basis-Bewegungen. Wenig Erfahrung und mangelndes technisches Equipment konnte durch die Nähe zur Bewegung ausgeglichen werden.

Von Text zu Bild

Mit Web 2.0 hat sich das Internet von reinem Text zu Bildern, Musik, Radio bis zu Video gewandelt. Bilder haben eine andere Wirkung auf die Betrachter als reiner Text. Nichts hatte die Öffentlichkeit im Vietnamkrieg so schwer erschüttert wie das Bild des vietnamesischen Mädchens, welches vor den Napalmbomben flüchtete. Mit sogenannten „Embeded Journalists“ wird heute versucht, entsprechende Bilder zu verhindern. In den Anfangsjahren des Internets waren Bilder rar und Videos sind erst seit kurzem für die User in grossem Massstab zugänglich und publizierbar.

Internationale Zusammenarbeit

Gleichzeitig sehen wir eine Entwicklung von gegenseitiger Solidarität und internationaler Zusammenarbeit. Heute sendet Basel eine Nachricht ab, Marburg leitet sie weiter, in Wien wird sie übersetzt und irgendwo in Zagreb entsteht daraus ein Artikel in einem Blog. Während der Besetzungen konnte man mit anderen Universitäten direkt chaten. Oft wurden Video-Konferenzen organisiert und alle Universitäten waren auf dem Laufenden was an anderen Orten geschieht. So konnte vermittelt werden, dass die lokalen Gruppen an den Universitäten nicht isoliert sind, sondern dass dass man gemeinsam für eine Sache kämpft. Dies ist umso erstaunlicher, da doch die Gegenseite immer versucht hat, die Probleme auf kleine lokale Unstimmigkeiten zu reduzieren.

Online Partizipation

Bisher hatten es alle Medien mit passiven KonsumentInnen zu tun. Das Internet verändert auch dieses Verhältnis. UserInnen können aktiv am Geschehen teilnehmen. Blogs, Videos und Bilder lassen sich kommentieren und diskutieren. Auf Twitter wird die Meinung kundgetan. Auf Wiki können Anmerkungen gemacht werden und Medienberichte zusammengetragen werden. Auf Facebook kann man seine Freunde zum Beitritt zu einer politischen Gruppe einladen. Durch Antworten und Gegendarstellungen entsteht eine rege Diskussion. Hier kann die Bewegung mit der Gesellschaft in Kontakt treten. Bewegungen brauchen die massive Partizipation von unten, um eine Medien- Gegenmacht am Laufen zu halten. Web 2.0 ist kein Selbstläufer, welcher automatisch zu einer demokratischen Informationsverteilung und zu einer demokratischeren Gesellschaft führt. Insbesondere da auch rechte Gruppen mit Erfolg auf diese Techniken zurückgreifen. Aber Web 2.0 gibt Bewegungen gewisse Instrumente in die Hand, um Medienkonzerne herauszufordern und eine andere Öffentlichkeit zu schaffen. Daher werden zukünftige Bewegungen gut daran tun, ihren Kampf auch im Internet zu führen.

1 www.zeit.de/2009/47/CH-Uni-Zuerich

2 www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/ themen/16/03/key/ind16.set.160105.html

 

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