Wachstumsmythos und Naturblindheit

Interview mit José Manuel Naredo
aus Debatte Nummer 12 – März 2010
Der Klimagipfel von Kopenhagen ist gescheitert. Das liegt an den kapitalistischen Interessen von Konzernen und Regierungen. Aber auch daran, dass die Experten für Wirtschafts- und Umweltpolitik sich auf Theorien stützen, die den Zusammenhang zwischen Ökonomie und Natur systematisch ignorieren, wie José Manuel Naredo1 in diesem Interview zeigt.

In einem Artikel von 19962 stellst du die Wirtschaftswissenschaften grundsätzlich in Frage…

Die Wirtschaftswissenschaften vertreten eine verengte Sicht des Umgangs mit natürlichen Ressourcen. Es wird alles auf eine einzige Dimension reduziert, auf Geld. Dabei werden nur die Beschaffungskosten von Gütern berücksichtigt, nicht die Kosten zur Wiederherstellung der natürlichen Ressourcen oder der Böden, die verbraucht werden. Schon aus diesem Grund ist das System verurteilt zur destruktiven Vernutzung der Rohstoffe in der Erdoberfläche, der Minerale, der Böden, der Bodenfruchtbarkeit.

Hinzu kommt das Problem, dass in der wirtschaftlichen Rechnung der Wert überproportional zunimmt, je weiter der Produktionsprozess fortgeschritten ist und je näher die Endphasen von Vermarktung und Verkauf kommen. Gegenüber den ersten Produktionsphasen der Extraktion und Verarbeitung von Rohstoffen eignen sich die Endphasen den Löwenanteil der Wertschöpfung an. Sobald die einen für die Lieferung von Rohstoffen und die anderen für die Endphasen der Produktion zuständig sind, entsteht eine starke soziale und territoriale Polarisierung. So profitieren die Länder Europas, die USA sowie Japan vom globalen Produktionsprozess, obwohl ein Grossteil der Produktion im Süden stattfindet.

Ein weiterer skandalöser Umstand ist die Vorherrschaft des Finanzsystems. Die Reichen erhalten dadurch die Möglichkeit, die ganze Erde zu kaufen. Es gibt weitere institutionelle Aspekte, wie die sehr ungleiche Verteilung von Eigentum und die Vorherrschaft des bürgerlichen Eigentums, die eine zentrale Rolle im System spielen.

Wollen wir diese beschränkte, rein wirtschaftliche Sicht verstehen, so müssen wir uns daran erinnern, dass es sich um eine im 18. Jh. entstandene Vorstellung handelt, die also noch nicht weit zurückreicht. Davor waren Wirtschaftswissenschaften keine selbständige Disziplin. Preise, Geld und Geschäfte wurden nur in den Lehrbüchern der Beichtväter behandelt, oder in den Memoranden zuhanden des Königs. Diese Grössen waren also nur im Zusammenhang mit Moral oder Macht relevant. Denn damals war man nicht der Meinung, dass die Menschen überhaupt etwas hervorbringen könnten, im Sinne der Produktion von etwas aus dem Nichts. Nur die Mutter Erde produzierte mit ihren Zyklen. Eine Vorstellung von Kopernikus ist aufschlussreich, die er teils von Aristoteles übernahm: Die Erde empfängt durch die Sonne und gebiert jedes Jahr die Ernte. Man glaubte nicht, dass sich dieser Prozess unendlich steigern könnte. Erst als dieser Gedanke von seiner religiösen Bedeutung entkleidet wurde, nämlich mit der Agronomie, entstand die Idee der Produktion. Man pflanzt ein Korn und erhält eine Ähre mit vielen Körnern. Der Prozess des Erschaffens scheint ganz in der Mutter Erde zu liegen.

Da entsteht die Wirtschaftswissenschaft mit dieser Idee von Produktion. Das Ziel der im 18. Jahrhundert entstehenden Ökonomie war für François Quesnay, den führenden Kopf der Physiokraten3, den nachwachsenden Reichtum zu erhöhen ohne die zu Grunde liegenden Güter zu beeinträchtigen. Mit dieser Idee von Produktion entsteht der Wachstumsmythos, denn davor dachte man weder in Begriffen der Produktion noch des Wachstums. Doch dieser Mythos blieb zuerst gebunden an die Fruchtbarkeit und die Grenzen von Mutter Erde. Später allerdings, im 19. Jahrhundert mit den Neoklassikern4, erfolgt ein Paradigmenwechsel, der die Wirtschaftswissenschaften von der physischen Welt trennt. Damit war der Glaube an die Möglichkeit des unbegrenzten Wachstums – unabhängig von den natürlichen Gegebenheiten der Erde – geboren. Die klassischen Ökonomen, zum Beispiel Ricardo5, berücksichtigten hingegen die Erde noch als einen begrenzenden Faktor. Was zu Beginn ein von der Landwirtschaft inspirierter Begriff war, das physische Wachstum des Produkts, wird als Metapher verwendet und auf andere wirtschaftliche Tätigkeitsfelder angewendet, womit den Leuten vorgegaukelt wird, hier finde tatsächlich eine „Produktion“ statt. Aber was man «Produktion» von Erdöl nennt, oder von Mineralien, ist nichts weiter als deren Entnahme aus der Erdoberfläche. Der Begriff der Produktion dient als Fassade, damit nicht sichtbar wird, was die industrielle Zivilisation wirklich tut. Es wird unsichtbar gemacht, dass diese Zivilisation sich als erste in der Menschheitsgeschichte von der Photosynthese und den mit ihr verbundenen wiederholbaren Kreisläufen gelöst hat.

Die Metapher der Produktion erlebt ihren Höhenflug, als die industrielle Produktion in grossem Ausmass natürliche Ressourcen der Erdoberfläche zu entnehmen beginnt und alle Stoffkreisläufe durch die Nutzung der fossilen Brennstoffe beschleunigt. Diese Zivilisation beruht auf der Entnahme und Abnutzung von Ressourcen, die sich dann zwangsläufig in Abfälle verwandeln, denn die Stoff- und Energiekreisläufe werden nicht mehr geschlossen. Ganz im Gegensatz dazu funktioniert die Biosphäre so, dass alles später wieder gebraucht wird, indem die Abfälle wieder zu Ressourcen werden, vom Wasserkreislauf bis zu jenem des Kohlenstoffs. Wasser verdampft und kommt durch Niederschläge von neuem ins System hinein, so dass sich der Kreis schliesst.

Deshalb habe ich die Physiokraten kurz erwähnt. Ihre Sichtweise war mit einem Glauben an natürliches Wachstum verbunden, denn sie sahen, dass in der Landwirtschaft ein Produkt heranwächst. Mirabeau6 sagte, die Landwirtschaft sei wie eine göttliche Manufaktur, weil der Mensch hier den Schöpfer aller Dinge als Verbündeten habe, d.h. Gott. Und deshalb entstehen da auch Dinge. Was Quesnay «produzieren» nannte, ist nicht etwas mit Gewinn zu verkaufen. Er sprach von Produktion im Sinne des «nachwachsenden Reichtums». Die spätere Entwicklung hat die Wirtschaftswissenschaften von dieser Vorstellung der Erde völlig getrennt. Ausserdem musste man feststellen, dass die Erde nicht wächst. Als die Wirtschaftswissenschaft im 18. Jahrhundert entstand, war der alchemistische Glaube noch verbreitet, dass die Mineralstoffe in der Erde wachsen und die Erde selbst sich deshalb grenzenlos ausdehnt, dass die Kontinente wachsen. Es ging darum, dieses allgemeine Wachstum zu verwalten. Diese Sicht entsprach der organizistischen Weltvorstellung7, dass alles wachsen könne. Doch bereits am Ende des 18. Jahrhunderts bricht diese Idee zusammen, als die moderne Chemie entsteht: «Nichts entsteht neu, nichts geht verloren», nach der Formel von Lavoisier8. Nun beginnt man die Erde genau entlang der Meridiane zu vermessen, man führt die grossen Forschungsexpeditionen durch und stellt fest, dass die Erde nicht wächst.

Dennoch vertritt eineMinderheit von «Experten», die Unterstützung im Erdölbusiness geniesst, heute die Idee, rein mineralische Prozesse in tieferen Schichten würden kontinuierlich Erdöl produzieren.

In Wirklichkeit ist Erdöl das Produkt einer Photosynthese aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Es handelt sich um kleinste pflanzliche und tierische Meeresfossile, die mehrere Millionen Jahre alt sind. Man weiss ganz genau, dass die Geschwindigkeit, mit der das Erdöl in etwas mehr als einem Jahrhundert der Erdoberfläche entnommen wird, mit seiner geologischen Entstehungszeit überhaupt nichts zu tun hat. Am Ende des 18. Jahrhunderts hat ein Bruch mit dem Glauben an ein grenzenloses natürliches Wachstum stattgefunden. Aber dieser Glaube ist in der vorherrschenden Wirtschaftstheorie bestehen geblieben, obwohl die Naturwissenschaften längst aufgezeigt haben, dass er jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt.

Die heutigen neoklassischen Ökonomen sind stets optimistisch. Sie werden dir sagen, dass du nostalgisch der Vergangenheit anhängst, dass die Wissenschaft immer neue Wege findet, um die Produktivität zu steigern, und man eines Tages gesteuert über Preismechanismen das Erdöl aufgeben und sich der Sonnen- oder Atomenergie zuwenden wird…

Ja genau, mit der neoklassischen Lehre löst sich der Begriff des Wirtschaftssystems ganz von der physischen Welt. Auf der Basis eines völlig blinden technologischen Optimismus wird behauptet, alle natürlichen Ressourcen könnten endlos und ohne Zusatzkosten ersetzt werden. Man geht immer davon aus, es könnte etwas erfunden werden, aber das ändert nichts an dem, was ich gesagt habe. Mit Antonio Valero und unseren Mitarbeitern9 haben wir die Methoden entwickelt um zu zeigen, dass man jedes Mal mit einer verschlechterten Ressourcengrundlage weiter arbeiten muss. Denn da man immer zuerst die besten Minen oder Felder ausschöpft, muss man später zu schlechteren Vorkommen gehen, bei denen mehr Gestein und Schutt ausgehoben werden muss, um weniger von den gesuchten Mineralien zu kriegen. Nur schon unter diesem Aspekt der Ressourcenvorkommen muss sich die Erdoberfläche deshalb zwangsläufig verschlechtern.

Hinzu kommen alle weiteren Schäden durch die Umweltverschmutzung und die Zerstörung der Ökosysteme. Beim Wasser zum Beispiel werden nicht nur die Quellen teilweise bis zur Erschöpfung übernutzt, sondern wir geben der Natur das Wasser verschmutzt zurück. Mit Valero haben wir die Schätzung aufgestellt, dass die Gesamtmenge des weltweit genutzten Wassers annähernd der Hälfte der gesamten zugänglichen Wasserflüsse entspricht. Man kann erfinden, was man will, aber es ist klar, dass wir auf dem Weg einer kontinuierlichen Abnutzung des Ressourcenvorrats des Planeten bleiben. Man muss schon einen total blinden Glauben haben um zu denken, es sei möglich, immer so weiter zu machen. Denn der Kern des Problems liegt natürlich darin, dass die Erde – von Meteoriten-abstürzen einmal abgesehen – ein stofflich geschlossenes System ist.

Dieser technologische Optimismus ist deshalb mit dem Leben nicht vereinbar. Das zweite Gesetz der Thermodynamik lässt sich nicht umgehen.10 Im Kern sagt dieses Gesetz aus, dass verbrauchte oder zerstreute Energie kein zweites Mal für dieselbe Arbeit zur Verfügung steht, und dass der Verbrauch von Rohstoffen diese dauerhaft zerstreut. Das Leben auf der Erde existiert, weil es jeden Tag von der Sonnenenergie und abgeleiteten Phänomenen wie dem Kreislauf des Wassers, des Kohlenstoffs oder der Atmosphäre profitiert. Wenn wir hier also ein System am leben halten wollen, werden wir dem Modell der Biosphäre folgen müssen und nicht demjenigen der industriellen Zivilisation. Dieses Modell könnte nur funktionieren, wenn die Menschheit ein lächerlich kleines Gewicht auf diesem Planeten hätte. In diesem Fall könnten wir diese Überlegungen bei Seite lassen und so tun, wie wenn die Ressourcen unbegrenzt wären und die Müllhalden ebenso.

Doch wir haben mit Valero aufgezeigt, dass die Menschheit Jahr für Jahr eine Stoffmenge bewegt, die jeden geologischen Prozess bei weitem übertrifft. Wenn man die Stoffkreisläufe in der Biosphäre in den Blick nimmt, stellt man fest, dass alleine der Welthandel jedes Jahr eine grössere Stoffmenge in Bewegung setzt als das Schwemmland aller Flüsse der Welt zusammengenommen. Es handelt sich um eine Stoffmenge, die in etwa derjenigen des gesamten Kohlenstoffkreislaufs entspricht. Die durch Entnahme von Mineralien aus der Erdoberfläche verursachten Erdbewegungen sind nochmals fünf oder sechs Mal grösser, sie werden auf 100 Milliarden Tonnen geschätzt. Es wird also deutlich, dass die Menschheit auf den Planeten einen entscheidenden Einfluss hat, der in den letzten 60 Jahren sehr stark zugenommen hat. Die Idee eines von den natürlichen Grenzen unabhängigen Wirtschaftswachstums ist völlig aus der Luft gegriffen, wie auch die angebliche „Entmaterialisierung“ der Wirtschaft, von der so oft gesprochen wird.

Einige Klimaspezialisten warnen, die Erderwärmung könnte sich rascher zuspitzen als angenommen. Hat der Kapitalismus am Beginn des 21. Jahrhunderts einen qualitativen Sprung beim Raubzug an der Natur gemacht?

Eindeutig von neuer Qualität ist das Gewicht dieses globalisierten Stoffwechsels. In unserem Buch haben wir Statistiken veröffentlicht, wie viele Tonnen der wichtigsten Mineralstoffe der Erde entnommen wurden. In den meisten Fällen hat sich der Anstieg ab den 1950er Jahren beschleunigt. Dasselbe gilt für die Statistiken des Welthandels. Zur Zeit des Kolonialismus war die durch den Welthandel bewegte Stoffmenge im Vergleich dazu sehr klein. Margalef11 hat festgehalten, dass die Umweltverschmutzung stark mit dem horizontalen Transport verbunden ist, während die Biosphäre eher den vertikalen Transport pflegt. Früher war die Umweltverschmutzung ein lokales Problem. Als der Kapitalismus im industriellen England entstanden ist, blieb die Verschmutzung auf diese Orte beschränkt. Aber inzwischen hat sich der Stoffwechsel mit der Erdoberfläche globalisiert, die Verschmutzung ebenfalls. Sogar in den Pinguinen der Antarktis sind Spuren von DDT12 zu finden. Ich glaube, dass die Sorge um das Klima dazu führt, dass die Alltagsprobleme aus dem Blick geraten. In den traditionellen Handbüchern der Ökologie stellte man das Dreieck Boden, Klima und Vegetation dar und ging davon aus, dass das Klima davon abhängt, wie die Menschheit mit dem Boden und der Vegetation umgeht. Seit den 1980er Jahren wird die ganze Aufmerksamkeit den Auswirkungen der menschlichen Eingriffe auf das Klima gelenkt, die sich nur mit enormem Aufwand genau messen lassen, während man die Augen vor den Auswirkungen auf den Boden und die Vegetation schliesst, die viel einfacher zu messen sind. Stellen wir uns vor, wie stark die Menschheit auf den Boden und die Vegetation eingewirkt haben muss, um sogar das Klima verändert zu haben. Es besteht ein Missverhältnis bei der Sorge um den Klimawandel, bei dem es sich letztlich um die Folge der alltäglichen Eingriffe in den Boden und die Vegetation handelt, die eindeutig die gesamte Fläche und die Biosphäre des Planeten treffen.

Teilweise aus diesem Grund habe ich 2003 in Lanzarote auf den Kanarischen Inseln eine Konferenz über die «Auswirkungen der Menschheit auf das Gesicht der Erde, 1955-2005» organisiert13, zum 50. Jahrestag des bemerkenswerten Symposiums in Princeton14, dem leider in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nichts Gleichwertiges folgte. Man wird das Klimaproblem nicht lösen können, ohne das allgemeine Problem anzugehen. Mir ist klar, dass die ganze Sorge um das Klima von den reichen Ländern her kommt, weil sie den Verbrauch der gesamten Ressourcen der Welt auf sich ziehen und die Verschmutzung bei ihnen anfällt.

Aber alle Klimaprognosen sagen, dass die armen Länder am meisten unter der Erwärmung leiden werden.

Wer geografisch gesehen unter der Klimaveränderung leidet, das ist nochmals eine Frage für sich. Auf jeder Weltkarte, auf der die Stofftransporte in Tonnen aufgezeichnet sind, sehen wir aber Folgendes: Alle wichtigen Linien kommen in Europa, den USA und Japan zusammen. Eines Tages werden wir für mehr Gerechtigkeit und Respekt bei der Nutzung der natürlichen Ressourcen des Planeten sorgen müssen. Dieser Punkt wird weitgehend verschwiegen. Es ist nicht mehr wie zu Beginn des Kapitalismus mit Kohle und Eisen, zwei Rohstoffen, die auf der Erdoberfläche sehr gut verteilt sind. Im 19. Jahrhundert wurde kein Erdöl aus Tausenden Kilometern Entfernung nach Westeuropa transportiert. Als Kohle und Eisen die wichtigsten Rohstoffe waren, wurden sie vor allem in den Industrieländern selbst abgebaut.

Heute ist es nicht mehr so. Die drei Gruppen von reichen Ländern sind physisch sehr stark vom Resten des Planeten abhängig, weil die Nachfrage nach Rohstoffen enorm angestiegen ist und sich auf Stoffe verlagert hatte, die geografisch sehr ungleich verteilt sind, wie Erdöl und Erdgas, aber auch Bauxit, Kupfer, Nickel, Platin oder tropische Hölzer.

Alle verfügbaren Daten zeigen, dass es funktioniert, weil es nur wenige solche reiche Länder gibt. Wenn man es in Tonnen pro Person berechnet, zeigt sich, dass in den reichen Ländern (16 Prozent der Weltbevölkerung) der Rohstoffverbrauch etwa zehn Mal höher ist als im Rest der Welt. Im Weltmassstab könnte dieses verschwenderische System nicht funktionieren.

Natur als Ware und Kapital
Die Neoklassische Wirtschaftstheorie hat auf die ökologische Kritik reagiert: Sie behandelt nun alle natürlichen Ressourcen als Waren und die Erde als Kapital, das zu erhalten sei. Ein Pionier war der Wirtschaftsnobelpreisträger von 1987, Robert M. Solow, etwa mit seinem Aufsatz über «Nachhaltigkeit aus der Sicht eines Ökonomen» im Sammelband von Dorfman, Economics of the Environment (New York, Norton, 1991). Doch das von José M. Naredo angesprochene Grundsatzproblem der Eindimensionalität der Wirtschaftswissenschaften, die alles auf die Dimension des Geldes reduzieren, wir damit in keiner Weise gelöst. So steigt der Wert eines Grundstücks, wenn in der Nähe eine Autobahn gebaut wird, und derjenige eines Waldes, wenn er wirtschaftlich genutzt wird (Abholzen, Tourismus, oder was auch immer): In beiden Fällen wächst das «Naturkapital», weil es nun mehr Gewinn verspricht, zum Preis einer Verschlechterung der natürlichen Ressourcen und Ökosysteme. Die Vermarktung der Natur schreitet so Hand in Hand voran mit der «grünen» Weiterentwicklung einer Wirtschaftstheorie im Dienste des Kapitals. Genau so ist es eine Illusion zu glauben, durch den Handel mit Emissionsrechten lasse sich das Klimaproblem lösen, hinter dem sich die Zerstörung von Boden und Vegetation versteckt. An den internationalen Klimakonferenzen wird demnach über Massnahmen verhandelt, die den tatsächlichen Problemen überhaupt nicht angemessen sind. (Red.)

1 José Manuel Naredo (geb. 1942) ist Ökonom an der Universität Complutense von Madrid. Dieses Interview, von dem wir hier nur den ersten Teil wiedergeben, wurde veröffentlicht in der Revue La Brèche/ Carré Rouge, Nr. 2, 2008, S. 60-69.
Die Fragen stellte Robert Lochhead. [Zweiter Teil des Interviews seither erschienen in Debatte Nr. 26 von Herbst 2013, unter dem Titel «Jenseits von Markt und Plan», siehe http://debatte.ch/2014/07/jenseits-von-markt-und-plan/)

2 Der Aufsatz über Ursprung, Verwendung und Inhalt des Begriffs «nachhaltig» erschien in der Zeitschrift Documentacion Social Nr. 102, 1996 (auf französisch in LaBrèche/Carré Rouge, 2, 2008).

3 Die Physiokraten gelten als erste Schule der modernen Wirtschaftswissenschaften. Sie entwickelten ihre Ideen im 18. Jh. in kritischer Auseinandersetzung mit der Wirtschaftspolitik des französischen Königshofs (Merkantilismus) und waren von den Denkern der Aufklärung beeinflusst.

4 Die neoklassische Wirtschaftstheorie löste ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. die Klassiker (Smith, Ricardo, Say) als vorherrschende Theorieströmung ab. Auch heute kann von einer Dominanz der neoklassischen Ökonomie gesprochen werden (nachdem einige Jahrzehnte lang Keynes und seine Anhänger sehr einflussreich waren). Die Neoklassik verabschiedet sich von der Idee, der gesellschaftliche Reichtum werde durch Arbeit produziert. Sie interessiert sich mehr für den Markt als für die Produktion. Die klassische Arbeitswertlehre wurde ersetzt durch die Grenznutzentheorie. Ein wichtiger Vertreter war Léon Walras (1834- 1910).

5 David Ricardo (1772-1823), britischer Ökonom, der 1817 das Buch «Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung» veröffentlichte.

6 Victor Riqueti, der Marquis von Mirabeau (1715-1789), Vater von Honoré Gabriel, Mitarbeiter von Quesnay, Autor von «La philosophie rurale».

7 Eine Vorstellung der Welt als lebender Organismus, der wie andere lebende Körper wächst.

8 Antoine Laurent de Lavoisier (1743-1794), Begründer der modernen Chemie.

9 José Manuel Naredo und Antonio Valero: « Desarollo economico y deterioro
ecologico », Visor Distribuciones y Fundacion Argentaria, Madrid 1999.

10 Die Thermodynamik, auch Wärmelehre genannt, ist die Wissenschaft von der Energie. Ihr zweiter Hauptsatz hält fest, dass thermische Energie nicht in beliebigem Masse in andere Energiearten umgewandelt werden kann.

11 Ramon Margalef (1919-2004), Professor für Limnologie und Ökologie an der Universität Barcelona und Verfasser zahlreicher einflussreicher Publikationen zum Thema.

12 Chemisches Pflanzenschutzmittel, das ab dem Zweiten Weltkrieg von der Basler Firma Geigy vertrieben und ab den 1970er Jahren in den meisten Industrieländern verboten wurde (vgl. den Artikel über Clariant in dieser Nummer).

13 José Manuel Naredo, Luis Gutiérrez (Hg.), La incidencia de la especie humana sobre la faz de la tierra (1955-2005), Universidad de Granada, Fundacion César Manrique, 2005.

14 William L. Thomas (Hg.), Man’s role in changing the face of the Earth, University of Chicago Press, 1956.

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