Trotzki als junger Revolutionär

David S.
aus Debatte Nummer 13 – Sommer 2010
Das von Jörg Ulrich* 2010 in neuer Auflage erschienene Buch «Trotzki als junger Revolutionär» bietet einen spannenden Einblick in die Geschichte der russischen Arbeiterbewegung. Im Zentrum stehen nicht nur die politischen Ereignisse jener Zeit, sondern auch der Werdegang Leo Trotzkis und seine Rolle innerhalb der russischen Sozialdemokratie.
Trotzki als junger Revolutionär. VSA Verlag, Hamburg 2010. ISBN 978-3-89965-379-3.

Trotzki als junger Revolutionär. VSA Verlag, Hamburg 2010. ISBN 978-3-89965-379-3.

«Dieses Buch wurde anfangs der 1990er Jahre, also kurz nach dem Zusammenbruch der UdSSR, geschrieben. Ich rechnete damit, dass sich im ehemaligen ‘Ostblock’ wieder eine starke Arbeiterbewegung bilden (…) werde.» Mit diesen Worten leitet Ulrich sein 152 Seiten langes Werk ein, und dementsprechend ist es auch geschrieben: Engagiert, spannend und zugleich leicht verständlich (auch für jüngere LeserInnen), ohne dabei die wichtigsten historischen und politischen Aspekte ausser Acht zu lassen. Neben den wichtigsten Lebensphasen Trotzkis führt das Buch auch in seine theoretischen Überlegungen (Permanente Revolution) ein.

Permanente Revolution

Trotzkis Theorie der permanenten Revolution war eine «selbstständige dialektische Entwicklung der revolutionären marxistischen Theorie, die ihn 1917 befähigen sollte, in der Oktoberrevolution neben Lenin die führende Rolle zu spielen». Sie war das Ergebnis intensiver Auseinandersetzung mit den Klassenverhältnissen des zaristischen Russlands. Während die meisten SozialistInnen zu jener Zeit davon ausgingen, dass Revolutionen sich nach einem festen Schema entwickeln und der Übergang zum Sozialismus somit das Vorhandensein einer bürgerlichen Demokratie voraussetze, hielt Trotzki eine demokratischbürgerliche Entwicklung in Russland weder für möglich noch unumgänglich. Eine im Vergleich zu anderen europäischen Ländern schwache Bourgeoisieklasse (und damit auch eine schwache industrielle Entwicklung), eine zahlenmässig ebenfalls schwaches Proletariat sowie die riesige und breitflächig verteilte Bauernschaft Russlands verhindere, dass das Bürgertum im Kampfe gegen den Zarismus und die adligen Grossgrundbesitzer eine fortschrittliche Rolle spielen könne. Für Trotzki war demnach einzig und alleine eine Bewegung unter Führung des revolutionären Proletariats dazu in der Lage, den reaktionären Kapitalismus in Russland zu überwinden.

Trotzki vs. Lenin

In diesem Zusammenhang sind auch die zahlreichen Differenzen zwischen Lenin und Trotzki zu verstehen, die Ulrich anschaulich schildert. Lenin ging im Gegensatz zu Trotzki davon aus, dass sich die Bauernschaft in Russland selbstständig organisieren und eine eigene demokratische Partei aufbauen könne, die auch die Verteilung des Grossgrundbesitzes in Frage stellen würde. Er sah die Bauern – die in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ausmachten – als selbstständige Verbündete des städtischen Proletariats und strebte eine gemeinsame Herrschaft beider Klassen an. Demgegenüber gingen Trotzki und auch Luxemburg davon aus, dass die Bauernschaft nur unter der Führung des Proletariats eine revolutionäre Rolle spielen könne. Das Proletariat sei fähig, sich zu organisieren, weil es in den Grossbetrieben an die Zusammenarbeit gewöhnt worden sei und durch Streiks und andere nur kollektiv erreichbare Aktionen zu politischem Bewusstsein gelange. Während Lenin in seiner politischen Tätigkeit wenig Kompromissbereitschaft an den Tag legte, versuchte Trotzki zuerst als Menschewik, danach als Mitglied der sogenannten Interrayonisten jahrelang, die verschiedenen Fraktionen der russischen Sozialdemokratie zusammenzubringen. Trotz seines regen Austausches mit den verschiedenen politischen Strömungen jener Zeit, bewahrte Trotzki seine politische Unabhängigkeit.

Theorien ihrer Zeit

Ulrich weist zu Recht darauf hin, dass viele strategische und konzeptuelle Vorstellungen, die Trotzki und «die sozialkritische Intelligenz seiner Generation» entwickelt haben, heute veraltet sind. Zugleich wird deutlich, dass aber ihre Betrachtungsweise der Gesellschaft, die in den Klassengegensätzen einen entscheiden Faktor der Menschheitsgeschichte sieht, weiterhin aktuell bleibt.

Die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Exponenten und Fraktionen der russischen und deutschen Sozialdemokratie, etwa über die Frage der internen Demokratie, die Rolle der Bauernschaft oder der richtigen revolutionären Strategie zeigen auf, wie sehr zeitgebunden die Forderungen Trotzkis, Lenins oder Luxemburgs waren. Beispielhaft dafür ist das von Teilen der Bolschewiki vertretene Konzept einer konspirativen und hierarchisch aufgebauten Kaderpartei. Sie entstand in einer Zeit, in der ein Grossteil der führenden russischen Sozialisten aus Angst vor der Verbahnung oder gar dem Tod ins Exil geflohen waren, einer Zeit massivster Repression und Sabotage des russischen Staatsapparates gegenüber sämtlichen Organisationen der Arbeiterbewegung. Während bürgerliche Kreise dieses Konzept (teilweise bis heute) als Beweis für die undemokratische und volksfeindliche Gesinnung der Bolschewiki anführ(t)en, wurde eben diese Organisationsform zum Modell für unzähliger maoistische und stalinistische Gruppierungen (und Staatensysteme). Beide Interpretationen werden den damaligen Bemühungen nicht gerecht. Insofern zeigen Ulrichs Ausführungen auch, dass revolutionäre Politik (heute) nicht auf der Übernahme alter Konzepte und Strategien basiert. Eine revolutionäre Theorie kann sich nur in Auseinandersetzung mit der jeweiligen gesellschaftlichen Praxis entwickeln.

Das Leben, die Erfahrungen und die daraus resultierenden Ideen Trotzkis und anderer Revolutionäre können für diese Aufgabe aber eine wichtige Quelle sein.

*Jürg Ulrich ist emeritierter Professor für Neuropathologie am Universitätsspital Basel.

Denkkollektive und die interne Demokratie
In seinem Nachwort verweist Ulrich auf die Arbeit des polnischen Bakteriologien Ludwik Fleck. Dieser betonte, dass das Denken, auch das wissenschaftliche, immer kollektives Denken ist. Dabei unterschied er zwischen esoterischen und exoterischen Denkkollektiven. Zu den ersten zählen diejenigen, die in eine Disziplin eingeführt sind und sich direkt damit auseinandersetzen, zu den zweiten alle übrigen am Fach interessierten. Auch in der sozialistischen Politik der damaligen Zeit – so Ulrich – könne zwischen solchen Klassen von Denkkollektiven unterschieden werden. Während Parteimitglieder eher dem esoterischen Denkkollektiv zuzuordnen sind, so kann die Arbeiterschaft und die sozialistisch denkenden Sympathisanten den exoterischen Denkkollektiven zugeordnet werden.

Anders als in den Naturwissenschaften ist das exoterische Denkkollektiv im Marxismus jedoch schwieriger zu fassen und einzuschätzen. Viele Probleme der russischen Sozial-demokratie, also des damaligen esoterischen Denkkollektivs, resultierten aus der Tatsache, dass sie die Veränderungen im Denken und Handeln der exoterischen Denkkollektive nur ungenügend zur Kenntnis nahmen. Die Frage, ob das vermeintlich exoterische Kollektiv in Wirklichkeit eine viel wichtigere Rolle spielt als das esoterische, wirft Ulrich nicht auf. Dahingestellt sei auch, wie produktiv diese Differenzierung an sich ist. Hingegen sind Ulrichs Ausführungen bezüglich der internen Demokratie sehr überzeugend: «Wenn Auseinandersetzungen und Streitigkeiten Leben, Gedanken und Ideen des Denkkollektivs bereichern, so wird es wichtig, dass ihr Gehalt in seinen Nuancen diskutiert wird. Wenn gewisse Denkströmungen vom vornherein abgelehnt oder gar verfemt werden, verarmt das Denkkollektiv. Will die revolutionäre Partei ein lebendiges Denkkollektiv bleiben, so muss sie Einwände und neue Gesichtspunkte zur Kenntnis nehmen und dazu Stellung beziehen. Es kann dabei notwendig sein, dass sie ihre Ziele und Verfahren abändert, einen so genannten Paradigmenwechsel vornimmt.»

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