Suicidal Yodels von Erika Stucky

Karin Vogt
aus Debatte Nummer 9 – Juli 2009
Eine stimmgewaltige Performerin, die mit traditionellen Musikformen experimentiert und Folk-Songs neu interpretiert, einen unaffektierten Stilmix kreiert und unverschämt fröhlich die für Frauen vorgesehenen Bühnenrollen über den Haufen wirft – kann es das in der Schweiz überhaupt geben?

Ja, Erika Stucky, diese Akkordeon- und Jodel-Künstlerin, die schon mal im Cow- Girl-Dress auftritt, ist dieses Unikum. Im mehrfach prämierten Film „Heimatklänge“ von Stefan Schwietert aus dem Jahr 2007 war sie zu sehen, neben Christian Zehnder und Noldi Alder. Ins Auge und Ohr springen sofort ihre amerikanischen Einflüsse, die sie teils auch erzählend und darstellend in ihre Auftritte einbaut. Einen rasanten Abriss ihrer Biographie liefert sie selbst auf ihre Homepage: „Geburt in San Francisco. CH-Eltern. Flower- Power, Picknicks der Grosssippe Stucky im Golden Gate Park. Musikalische Einflüsse: The Monkees, Nancy Sinatra, Donovan, Musical ‘Hair’. – Übersiedlung der Family Stucky ins Oberwallis. Kulturschock. Trachtenverein, Cervelatbraten. Musikalische Einflüsse: D’Bossbuebe, Trio Eugster, Radio Beromünster, Jodelchöre.“

Sie jodelt also. Aber sie rockt auch. Erzählt und spielt mit Stimme und Mimik, gibt Geräusche von sich, haut auf einer Schneeschaufel herum, schafft eine eigene Klangwelt, bricht Hörgewohnheiten übers Knie. Dem Publikum gefällt’s, auch den gesitteten Basler Kulturinteressenten und -innen, die an diesen Sonntag Vormittag mitten in der Euro 2008 auf ihren Stühlen im Foyer des Theaters sitzen bleiben, aber doch begeistert klatschen.

Ihre neuste CD (2007) heisst „Suicidal Yodels“. Darauf finden sich Eigenkompositionen, aber auch Covers von Bob Dylan oder The Young Gods. Sie spinnt die Stücke auf und verdichtet sie oder zieht sie im Gegenteil in die Länge, verpasst ihnen neue Rhythmen. Ein wesentliches Moment ihrer Arbeit ist die Überraschung. Ob sie beim Komponieren und Improvisieren auch selber überrascht ist? Beim Hören fühlt man sich immer leicht auf die Schippe genommen. Es drückt sich eine explosive Freude aus, Grenzen zu verschieben. „Low profile“ wäre auch ein Ausdruck, der auf sie passen könnte, wegen ihrer unprätentiösen Art, auf der Bühne zu stehen. Gleichzeitig fühlt sie sich mit ihren teils schrillen Outfits offensichtlich weder an die schweizerische Anständigkeit noch an die formatierten Vorbilder irgendwelcher Rockgrössen gebunden.

Möglicherweise kommt ihre wache und kraftvolle Präsenz auf den Aufnahmen nicht ganz so gut rüber wie bei Live- Auftritten, von denen sie im Jahr Dutzende in aller Welt absolviert.

Erika Stucky hat wie viele KünstlerInnen, die wirklich Neues schaffen, dennoch eine so genannt klassische Ausbildung erworben, in Gesang an einer Pariser Jazzschule sowie in Schauspiel in Genf und San Fransisco. Was ist es noch, neben Stimme und Klängen, das ihren Auftritten einen eigenen Glanz verleiht? Aufwühlend ist ihre unverfrorene Art, Frauenrollen auf den Kopf zu stellen. Sie spielt ganz natürlich mit Erscheinungen und Kleidungsstilen, aber vor allem mit Bewegungen und Haltungen, die den Konventionen irgendwie eine Faust aufs Auge drücken. Was ist weiblich – diese Frage beantwortet Erika Stucky neu und vielfältig. Erweiterung der Seinsmöglichkeiten, gekoppelt mit einer unbändigen Lust an der Performance, so könnte man ihre kulturelle Wirkung vielleicht umschreiben.

Die Schweiz (nennen wir dieses Gebilde einmal so) hat solch eine Künstlerin, und weiss es nicht! Auf der Internetplattform YouTube sind Ausschnitte aus dem Schaffen dieser aussergewöhnlichen Frau leicht greifbar. „What a beautiful human being! I can only hope she plays in Glasgow some time…“, so lautet etwa ein dort geposteter Kommentar. Ja, ein Auftritt von Erika Stucky ist Erlebnis zum Weiterempfehlen.

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Eine Antwort auf Suicidal Yodels von Erika Stucky

  1. Venus sagt:

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